UWTS #5: Arbeitslosenzahlen vs. Lohnsteuereinnahmen

Ich versuche ja sofern es inhaltlich und zeitlich geht, die wichtigen Zahlen hier querzuchecken. Also nicht in dem Sinne, dass ich die Zahl an sich überprüfen kann, denn das können nur die Statistiker, sondern indem ich Zahlen suche, die mit der ursprünglichen Zahl in einem Zusammenhang stehen. Wenn sich die eine Zahl ändert, sollte sich dann normalerweise auch die andere ändern. Bei der Arbeitslosigkeit in den USA schaue ich zum Beispiel auch immer auf weitere Werte wie z.B. die NILFs (die Personen, die dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen) oder die Wochenarbeitszeit oder die Erwerbstätigenquote. Oft lassen sich daran Unstimmigkeiten in der Statistik oder Trendwenden früher erkennen.

In Deutschland habe ich noch keine so guten Quellen, weil die Statistiken nicht so detailliert sind wie in den USA (zumindest gilt das für die zeitnahen). Aber ein paar Sachen kann man schon quer checken.

Ich habe einen Hinweis von einem Leser bekommen (weiss leider nicht mehr genau von wem, war es K.P.?), der mich auf eine auffällige Abweichung in zwei Statistiken hingewiesen hat.

Die offizielle Arbeitsmarktstatistik für Deutschland sieht ja gut aus. Die Arbeitslosenquote ist bereits wieder auf dem Stand von vor der Krise gesunken und der riesige Berg an Kurzarbeitern hat sich auch schon wieder reduziert.

Was dann aber überhaupt nicht dazu passt, sind sinkende Lohnsteuereinnahmen. Diese sind im dritten Quartal 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 5,3% (!) gesunken, also ziemlich kräftig (Bundesbank Bericht, Seite 69).

Das ist doch sehr überraschend. Bei weniger Kurzarbeit und steigender Anzahl von Beschäftigten in Deutschland sinken die Lohnsteuereinnahmen. Auf eine größere Änderung der Steuern kann das auch nicht zurückgehen, denn eine Steuersenkung im größeren Stil kann das kaum gewesen sein.

Eine mögliche Erklärung wäre ein irgendwie gearteter zeitlicher Aspekt, der dazu führt, dass die Steuern dieses Jahr sinken. Unternehmen haben ja oft aus schlechten Jahr Verlustvorträge (oder zu hohe im Voraus bezahlte Steuern), die dann am Anfang eines Aufschwungs steigende Steuereinnahmen eine Zeitlang verhindern. Aber bei Privatleuten gibt es sowas doch nicht ...

http://www.bundesbank.de/download/volkswirtschaft/monatsberichte/2010/201011mb_bbk.pdf

Man kann die Arbeitslosenzahlen natürlich anzweifeln, allerdings ist selbst bei einer breiteren shadowstats-artigen Betrachtung eine Verbesserung nicht zu leugnen:

http://www.theonussbaum.de/seiten/arbeitslos/arbeitslosenzahlen.htm

oder artverwandt:
Spiegel: Fast jeder Zehnte bekommt staatliche Stütze

Aber ist der Niedriglohnsektor sooo stark explodiert, dass die gesamte Verbesserung am Arbeitsmarkt darauf zurückgeht? Aber selbst das würde sinkende Steuereinnahmen wohl noch nicht erklären ...

Hat jemand von Euch eine Idee?

Kommentare :

  1. Ja ich...
    http://www.mdr.de/mdr1-radio-thueringen/7744172.html

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  2. Laut der Bundesbank hängt dies v.a. mit den Steuerentlastungen zusammen (Dein verlinkter Bericht, S.68, Fussnote 6):
    "Vor allem der erweiterte Einkommensteuerabzug von
    Versicherungsbeiträgen, die zweite Stufe der Einkom-
    mensteuertarifsenkung, [...] sowie das höhere Kinder-
    geld. Anders als in den VGR werden Kindergeldzahlun-
    gen in der Finanzstatistik nicht ausgabenseitig erfasst,
    sondern von den Lohnsteuereinnahmen abgesetzt."

    Wenn man dann noch miteinrechnet, dass die Zahl gar nicht mal so überragend gesunken sind bzw. wohin die ganzen Arbeitslosen verschwunden sind (Selbstständigkeit, Niedriglohnsektor, Einfach abgemeldet, etc), dann dürfte das hinkommen.

    Interessant ist auch noch, dass die tatsächlichen Arbeitslosenzahlen erst ab ca. August 2010 wirklich massiv zu sinken scheinen (http://www.theonussbaum.de/seiten/arbeitslos/arbeitslosenzahlen.htm).

    Leider ist es schon spät und ich hab keine Lust mehr nachzuschauen, aber ich hatte heute bei der Durchsicht des Monatsberichts der BA stark den Verdacht, dass v.a. die Jugendarbeitslosigkeit massiv gesunken ist, während es für Ältere gar nicht mal so gut läuft. Könnte auch noch ein Grund sein, dass die Lohnsteuereinnahmen so mau aussiehen.

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  3. Erwerbstätige x durchschnittliche Arbeitsstunden

    1997:37,4 Mio x 1500 = 56,1 Mrd
    2009:40,2 Mio x 1350 = 54,27 Mrd

    (http://www.heise.de/extras/foren/S-Das-gibt-Aerger-beim-Staatsfernsehen/forum-178451/msg-19650402/read/
    9

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  4. Zitat Hias: "Laut der Bundesbank hängt dies v.a. mit den Steuerentlastungen zusammen"

    Ähm, darf ich darauf hinweisen das wenn man von 2008 aus schaut gar 10% weniger Lohnsteuern bezahlt wurden, in absoluten Zahlen. Die Inflation gibt es noch kostenlos oben drauf.

    10% Steuerentlastung gab es ganz sicher nicht, wenn man schon einen Faktor sehen will dann das wesentlich mehr Arbeitnehmer in die Rente verschwinden als nachkommen und die Neuen wesentlich weniger verdienen.

    Selbst die minimalen Schwankungen bei der Arbeitslosigkeit, soweit die Statistik nicht gefälscht ist, geben bei weitem keine 10% her.

    Ebenso wenig wie Netto ca. 2% Wirtschaftskraftverlust 2009/2010.

    Da läuft irgendwas gründlich schief!

    Grüße, KP

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  5. @Hias:

    Hmm, eine Kombination der Absetzbarkeit der Altersvorsorge und der komischen Verrechnung des Kindergelds könnten 5% Rückgang erklären.

    Allerdings nur, wenn wir nicht auf der anderen Seite massiv steigende Arbeitsplatzzahlen hätten.

    Aber mit deinen restlichen Argumenten mag das trotzdem hinkommen.

    übrgens ist die Alterarbeitslosigkeit in der Tat gestiegen. Dazu muss man gar nicht zum Nussbaum gehen. Das stand schon in der FAZ (auch bei den Dezemberzahlen wieder).

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  6. @KP:

    ich finde, die Punkte von Hias erklären einiges.

    Trotzdem ist der Rückgang von 10% gegenüber 2008 schon auffällig stark.

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  7. In der NYT war seltsamerweise ein Artikel, wo sich jemand intensiv für den hiesigen Nachbarlandkreis interessiert hat. Weltkonzerne, Boom, Arbeitslosigkeit unter 4%, warum jubeln die Leute nicht?

    Wie kann das sein, wollte der amerikanische Journalist wissen.

    Eigentlich ganz einfach: die Leute haben für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes Zugeständnisse gemacht. Die Kurzarbeit stärkt die Liquidität der Firmen, nicht die der Mitarbeiter. Endet ein Zeitvertrag steigen die Leute für wesentlich weniger Geld woanders ein. Vor 15 Jahren war das völlig undenkbar.

    Wenn ein Mensch nach 20 Jahren rausfliegt, flöht man erstmal seine Reserven. Die wird er ja wohl haben, nach so vielen guten Jahren. Hat ein Konzern nach 20 goldenen Jahren eine Delle, erfindet der Staat sofort Abwrackprämien und ähnliches.

    Und dann wundert man sich, wenn die Lohnsteuer weniger wird? Dass der Einzelhandel nicht in Tritt kommt? Dass die Leute so wenig Immobilien kaufen?

    Von dem mit dem Euro verbundenen Kaufkraftverlust haben die Leute dem Journalisten übrigens auch etwas erzählt.

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  8. Zitat egghat:

    "ich finde, die Punkte von Hias erklären einiges."

    Na dann mal schön so weiter, warten wir mal 2011 ab. Wo man sich sicher wieder was Neues ausdenkt.

    Trotzdem sieht ein Boom der ankommt anders aus, selbst wenns "nur" die Substanz des Gemeinwesens trifft.

    Ist ja auch noch massig von da... *Ironie*

    Grüße,

    KP

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  9. Nicht so zynisch ...

    Selbst wenn die Punkte mMn einen großen Teil des Rückgangs der Lohnsteuereinnahmen erklären, haben wir bei stagnierenden Einnahmen noch eine ausreichend große Lücke zum angeblichen Jobwunder!

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