China bubbelt weiter

Eigentlich habe ich zum heute gemeldeten chinesischem Wachstum gar nicht so viel zu sagen. Es liegt mit 9,7% im ersten Quartal 2011 weiterhin zu hoch, höher als es die chinesische Zentralregierung anstrebt. Diese hätte lieber 7 bis 8% Wachstum.

Um das Wachstum zu bremsen, hat die chinesische Notenbank die Leitzinsen schon mehrfach erhöht (zuletzt in der vergangenen Woche, siehe China erhöht erneut die Leitzinsen - egghat's not so micro blog). Auch die Mindestreserve, das Geld, das die (Geschäfts-)Banken bei der Notenbank hinterlegen müssen und damit nicht mehr für Kredite zur Verfügung steht, wurde bereits mehrfach erhöht. Wirkung zeigt das bisher aber nur wenig. Die Geldmenge und die Kreditsumme steigen weiterhin mit 17 bis 18%.

Die Lücke zwischen Wirtschaftswachstum und Geldmenge entlädt sich - nicht ganz überraschend - über steigende Preise. In China kletterte die Inflationsrate im März auf 5,4%. Die Lebensmittelpreise verteuerten sich sogar um fast 12%. Das trifft die arme Bevölkerung, die einen Großteil ihres Einkommens für Nahrung ausgibt, naturgemäß besonders hart. Daher werden die Regierung und die Zentralbank wohl noch stärker auf die Bremse treten ...

Warum wirkt die Bremspolitik nicht? Das ist ziemlich einfach: a) China ist groß und hat b) viel Geld.

Wenn in Bejing irgendwas beschlossen wird, heisst das noch lange nicht, dass das in den Regionen auch umgesetzt wird. Eine große neue moderne Wohnstadt eröffnet jeder Politiker gerne. Genau wie die Hochgeschwindigkeitsstrecke, die Autobahn oder die U-Bahn. Ob dann auch jemand damit fährt, ist zweitrangig.

Dazu kommt noch, dass in China viel Geld vorhanden ist, sehr viel Geld. Die gestern gemeldeten Devisenreserven Chinas, die erstmalig über 3 Billionen Dollar gestiegen sind (China Devisenreserven bei 3.004 Mrd. Dollar), zeigen exemplarisch, wie reich China ist. Wenn man jetzt noch weiss, dass die Sparquote bezogen auf die Einkommen bei ungefähr 40% liegt, kann man sich vorstellen, dass China geradezu in Geld ertrinkt.

Daher gibt es neben dem offiziellen Bankensektor auch ein ziemlich großes Schattenbanksystem. Darunter muss man sich aber nicht unbedingt hochspekulative Hedgefonds wie im Westen vorstellen, sondern eher private Kreditvergabe: Man leiht sich Geld innerhalb der Familie, unter Bekannten und von vermögenden Leuten aus der Stadt. Und in diesem System wirken die Bremsmanöver aus Peking höchstens stark verzögert und deutlich abgeschwächt. Auch ein neues Gesetz, wonach bei Käufen von Immobilien mehr Eigenkapital verlangt wird, greift deshalb nicht. Man leiht sich das Geld halt nicht bei der Bank.

All das führt dazu, dass weiterhin fleissig gebaut und investiert wird und die Preise in immer schwindelerregendere Höhen steigen. Vor allem die Immobilienpreise. Hier bläst sich eine Blase auf, die  womöglich sogar größer wird als die, die vor drei Jahren in den USA geplatzt ist.

Die Ratingagenturen reagieren zunehmend skeptisch und Fitch hat sogar das Rating für die Staatsanleihen Chinas mit einem negativen Ausblick versehen. Fitch glaubt, dass die Anzahl überfälliger Hypotheken bereits heute deutlich höher sei als offiziell gemeldet (1,1%) und auf bis zu 30% steigen könnte. Auch die offiziellen Zahlen zur Staatsverschuldung seien falsch, weil die Schulden der Provinzen nicht berücksichtigt sind (siehe RETTEN DIE CHINESEN DIE SPANISCHEN SPARKASSEN?).

Moody's ist insgesamt gesehen noch nicht ganz so skeptisch, den Immobilienmarkt betrachtet aber auch Moody's schon mit einer gewissen Vorsicht. Moody's wählt (noch?) eher zurückhaltende Formulierungen wie "mild downward" oder "cooling period". Das erinnert irgendwie an die Formulierungen am Anfang der Krise in den USA, als auch kaum jemand das Ausmaß des Preisabschwungs richtig vorausgesehen hat. Zumindest niemand bei den großen Banken oder Analysehäusern.

Fitch hingegen wird, wenn es denn zum großen Knall am chinesischen Immobilienmarkt kommen sollte, auf die frühzeitig an den Tag gelegte Skepsis ziemlich stolz sein.

Marketwatch: Moody’s cuts China’s property outlook 

Und ich schätze, dass Fitch deutlich näher an der Realität liegen dürfte als Moody's. Und damit komme ich zum eigentlichen Anlass für dieses Posting: Ein Bericht im australischen Fernsehen über die gigantomanischen Immobilienprojekte in China. Städte, in den mindestens 70% der Appartments leer stehen. Gigantische Einkaufzentren (inkl. künstlicher Kanäle inkl. Gondoliere und Rialto-Brücken-Imitate), in denen fast alles leer steht und die Besitzer den wenigen Geschäfte froh sind, wenn sie einen Kunden am Tag haben ...



Bilder sind stark und durch die Auswahl der Bilder kann man die Wirklichkeit massiv verfälschen (siehe mein Beispiel zum Detroit Porn: Nochmal zum “wählerischen” Journalismus über Detroit). Aber wenn die Immobilienblase nur annähernd so groß ist, wie es dieser Bericht andeutet, stellt sich die Frage nicht mehr, ob China eine Immobilienblase hat oder nicht, nicht mehr. Die Frage ist nur noch, wann sie platzt und wie tief es danach nach unten geht ...

siehe auch: ZAHL DES TAGES (29.07.10): 1.300.000.000

Update (16.04.11):

Noch ein paar Beobachtungen zum chinesischen Immobilienmarkt als Ergänzung. Dort sind die durchschnittlichen Immobilienpreise im März *massiv* eingebrochen. Allerdings geht ein großer Teil davon auf eine geänderte Zusammensetzung der verkauften Immobilien zurück. Im Hochpreissegment brach die Nachfrage dramatisch ein, während sich die preiswerteren Immobilien vergleichsweise gut gehalten haben. Schade, dass es in China keinen guten Preisindex wie den Case-Shiller-Index in den USA gibt, der solche Effekte herausrechnet.

Vielleicht ist aber auch die Frage, ob die Preise fallen oder nicht, gar nicht entscheidend. Denn wenn die Spekulationsblase so groß ist wie ich es schätze, dann reichen auch schon stagnierende Preise, um die Wende einzuleiten. Das spekulative Element in einer Blase beruht ja auf steigenden Preisen. Man kauft sich eine Immobilie, auch wenn man sie nicht braucht, auch wenn man sie nicht vermieten kann, auch wenn man hohe Zinsen bezahlen muss. Allein der steigende Preis rechtfertigt das Investment. Und sobald die Preise nicht mehr steigen (und das auch alle gemerkt haben), zieht sich die Spekulation zurück und die Preise kommen ins Rutschen.

Schnell geht ein solcher Prozess übrigens nicht. Die Topbildung in den USA zog sich über nahezu zwei Jahre hin ...

Zerohedge: Observations On The Chinese Real Estate Sector Following The Biggest Price Decline In 5 Years (gefunden über einen Tweet von lostgen)

Update (17.04.11):

Till hat mir in den Kommentaren noch einen interessanten Datenpunkt hinterlassen. Wachstum der Investitionen in den Wohnungsbau in China im 1. Quartal im Vergleich zum Vorjahresquartal: +37%.

Sueddeutsche.de: Chinas Wirtschaft mit Wachstumsschub

Das ist also nicht nur eine Blase, sondern eine, die immer noch größer wird. Bei (angeblich) 65 Millionen leerstehender Appartments kann man eigentlich nicht davon ausgehen, dass die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage sich schnell und geräuschlos schließen wird. Im Gegenteil: Bei derart hohen Investitionen müsste die Lücke noch wachsen. Auch wenn es natürlich Nachfrage gibt, auch wenn immer mehr Chinesen vom Land in die Stadt ziehen. Aber ob sich diese dann direkt eine neue, moderne Wohnung leisten können, ist ziemlich zweifelhaft. 

Kommentare :

  1. Zu der Immoblase habe ich dies gefunden:
    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/weltkonjunktur-chinas-wirtschaft-mit-wachstumsschub-1.1085573

    Wachstum der Immobilieninvestitionen in Wohnungen 37% Jahr über Jahr.

    Das haben die USA nicht geschafft - und passt gut zu dem Video.

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  2. Ich bin ja gespannt ob die Grundsteuer, die man inzwischen in Shanghai und Chongqing vor kurzen eingeführt hat, helfen wird die ganze Sache abzukühlen. Wenn das nicht hilft, dann hat die chinesische Regierung wohl ihr Pulver verschossen.

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  3. Na und, wo ist das Problem in einer Planwirtschaft ? Wenn private chinesische Baufirmen pleite gehen sollten, übernimmt die Regierung und kann dann vermieten bzw. Wohnungen zuteilen. Vorbild DDR. Unterschied zu DDR: es gab und gibt Baumaterial, weil es Valuten gibt. Die Regierung als letzter rettender Schuldner: das ist doch normal geworden in diesen bubble-Jahren, in USA, GIPS-EU, Coba-BRD, Island, Irland...
    (allerdings lege ich keinen Wert darauf, Aktien chinesische Banken in meinem Depot zu besitzen).

    Die ganze Immo-Blase kann lange versteckt werden. China hilft Spanien (wegen Immoblase), Spanien hilfft China (wg. Immoblase). Kochst Du mir nen Kaffee, koch ich dir nen Kaffee. Moderne Dienstleistungsgesellschaft mit Vollbeschäftigung. Geht lange gut, wenn man $$ hat, um Kaffeepulver zu kaufen.

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  4. Im gegensatz zu den USA kann China 12 mio Bauern von A nach B deportieren. Dann herrscht reges Treiben dort & die Show geht weiter. Imo bauen die dort Infrastruktur, die man wieder produktiv nutzen kann. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Mehrheit in China auf einem Niveau lebt, das sowieso weiter nicht fallen kann & nicht wirklich in dieser Spekulation gefangen ist (im Gegensatz zu den USA, wo fast jeder ein Haus persönlich besessen hat)

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  5. @KBX and Anonym:

    In den USA hätte es zum Preis von Null auch genügend Käufer für Immobilien gegeben ... Die Banken hätten dann aber trotzdem die Verluste in den Bilanzen und wären daran Pleite gegangen. Das ist in China nicht anders: Lass sich die Preise halbieren und die Appartments sind voll. Nur überleben das weder die Immobilienfirmen noch die Banken ...

    Ob die Blase ähnlich groß ist wie in den USA ist schwierig zu sagen. 65 Millionen leerstehender Appartments sind nicht gerade wenig, allerdings könnte in China auch durchaus die Nachfrage dafür aufkommen. Es ziehen ja Millionen von Menschen jedes Jahr vom Land in die Städte und die brauchen alle eine Wohnung. In den USA hingegen hatten schon fast alle eine eigene.

    Trotzdem: Wenn die Zahl von 65 Millionen stimmt UND noch so weiter gebaut wird wie es aktuell aussieht (da sind noch keine Bremsspuren sichtbar) wird das trotzdem ziemliche Probleme geben und die Lücke nicht einfach durch 3 Jahre Warten geschlossen

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