OECD Statistik zur Kinderarmut komplett falsch ...

Das DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) hat jetzt die Zahlen zur Kinderarmut überarbeitet. Man ist ja bei Statistiken gewisse Ungenauigkeiten gewohnt, aber diese hier ist schon hart ...

Statt wie bisher (2009) 16,3% Kinder in Armut werden vom DIW jetzt nur noch 8,3% gemeldet. Der Wert ist also fast um den Faktor 2 zu hoch gewesen!

Die Daten werden im Rahmen des sozio-ökonomischen Panels per Umfrage bei 11.000 Haushalte erfasst. Da sich immer mehr Haushalte weigern, die Fragen zu beantworten, werden die Statistiken immer ungenauer, bzw. müssen korrigiert werden. Das hat man bisher scheinbar unterlassen (WTF?), jetzt aber durchgeführt.

Im aktuellen OECD Bericht "Doing Better for the families" liegt Deutschland jetzt auf einmal deutlich besser als der OECD Durchschnitt (jetzt etwa 4 Prozentpunkte unter dem Schnitt von 12%, früher 4 Prozentpunkte drüber).

Aus einem "Meine Güte, gibt Deutschland viel Geld aus und kommt wenig dabei rum" ist auf einmal ein "Das hohe finanzielle Gesamtförderniveau für Familien hilft, die Kinderarmutsrate bei 8.3 Prozent zu halten "

Anders gesagt: Bei der letzten Veröffentlichung der Studie lag Deutschland noch inmitten der PIGS-Staaten, jetzt auf einmal in einer Gruppe mit Österreich, Frankreich, den Niederlanden ...

Fehlerhafte Statistik: Kinderarmut nur halb so hoch wie gedacht | FTD.de

Ausschnitte aus der 2009er Studie gibt's noch hier:
http://www.oecd.org/dataoecd/19/4/43570328.pdf

Das ist natürlich jetzt ein Ergebnis, das vielen nicht schmecken wird. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Zum Teil sicherlich gerechtfertig, denn auch wenn die Zahlen zur Kinderarmut falsch waren, sind die anderen Zahlen (z.B. zur Bildung) damit ja nicht besser geworden. Aber eines wird mMn klarer als je zuvor: An zu wenig Geld liegt es nicht, aber das haben schon bei der Kindergelderhöhung viele gesagt ...

Auch wenn ich natürlich nicht sagen kann, ob die 8,x% richtiger sind als die 16,x%, ist eines aber mMn sicher: Eine so breite öffentliche Diskussion, wie es sie vor 2 Jahren vor der Erhöhung des Kindergelds gab, wird es jetzt nicht geben. Damals war die Studie ein Aufregerthema für die Titelseiten und Talkshows, dieses Mal wird sie wahrscheinlich kaum mehr als eine Randnotiz werden ...
Sollte es doch eine breitere Diskussion geben, kann ich mir gut vorstellen, dass als erstes versucht wird, die 8,3% anzuzweifeln ("manipulierte Statistik"). Jeder, der das macht, sollte sich aber fragen, warum er die 16% sofort für bare Münze genommen hat, an der 8% aber rumdiskutiert.

Allerdings stellt sich natürlich die grundsätzliche Frage, wie man auf Basis solch unzuverlässiger Statistiken Politik machen soll ...

Die andere Frage: Weiss jemand, was im Rahmen des sozio-ökonomischen Panels sonst noch an Zahlen entsteht? Die dürften ja jetzt genauso Murks sein ...

Update (13:27):

Gewisse Zweifel an der Richtigkeit der 8,x% kann man schon bekommen, wenn man sich die Anzahl der Kinder in Hartz-IV Haushalten anschaut: Das sind nämlich 15,3% ... Sollten davon nur gut die Hälfte als arm zählen?!? Das wäre dann doch etwas seltsam ... (Danke an tubl für den Hinweis!)

BA: Grundsicherung auf einen Blick (April 2011) (PDF!)

Update (07.05.11):

Einen Hinweis aus dem Kommentaren würde ich gerne noch hierhinschieben: Danach enthält die eine Statistik die Anzahl der Haushalte, die andere die Anzahl der Kinder! Das könnte natürlich den Unterschied (zumindest zum Teil) erklären.

Kommentare :

  1. Man kann dieser oder jener Studie glauben. Ich glaube vorsichtshalber mal keiner von beiden. Woran ich aber glaube und was leicht zu überprüfen ist, ist der Anteil von Hartz4 Kindern. Jedes 6. Kind lebt in einer Hartz4-Bedarfsgemeinschaft und besonders üppig haben es solche Kinder, vorsichtig ausgedrückt, sicherlich nicht. Aber vielleicht gelten viele davon, nach Definition für Armut nicht als arm, aber praktisch sind sie es.

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  2. Es geht ja auch nicht darum, dass niemand arm ist. Nur das alte Ergebnis fand ich schon einigermaßen überraschend: Deutschland gibt viel Geld aus und es kommt nicht an. Daher finde ich die neue Zahl erstmal plausibler. Denn unser Sozialsystem sollte - bei aller Kritik - doch eher dem von Holland oder Frankreich entsprechen als dem von Portugal ...

    Wo die Grenze zwischen "arm" und "sicherlich nicht üppig" zu ziehen ist, ist noch eine ganz andere Frage. Bei aller Kritik, die man an der Orientierung am Durchschnittseinkommen üben kann, muss man ja irgendwas nehmen, wofür es auch halbwegs vernünftige Zahlen gibt.

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  3. Nun, ich glaube auch das unser Niveau auch eher auf der Stufe unserer westlichen Nachbarländern liegt. Nur denke ich aber auch nach all den Berichten die ich über diese Statistiken gelesen habe, dass dann die Prozentzahlen all dieser Länder zu niedrig sind. Das Problem ist, dass mit den in FTD beschriebenen statistischen Methoden sich sicherlich keine belastbaren Zahlen produzieren lassen. Befragung von tausend Haushalte? Welche? Sind diese wirklich repräsentativ? Das DIW behauptet richtige "Gewichtungen" gefunden zu haben. Nun vielleicht haben sie das. Aber wie gesagt, ich glaube eher dass wenn ein Kind in einer Hartz4-Bedarfsgemeinschaft lebt, dann ist es arm. Ansonsten gäbe es ja gar keine armen Kinder in Deutschland.

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  4. Irgendwie praktisch, dass das genau jetzt rauskommt. Jetzt startet die Volkszählung, die ja überall eifrig mit dem Argument beworben wird, man brauche für die Politik genaue Zahlen als Planungsgrundlage.

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  5. Jetzt hat man "die Hochrechnung fehlender Daten sowie die Gewichtung verändert" Dafür hat man aber die alten, unsicheren Aussagen der Haushalte genutzt, die schon die Grundlage für die OECD-Berechnung waren.

    Wenn sich das ganze Rumgerechne immer auf dieselben unsicheren Angaben bezieht, kommt man der Wahrheit wahrscheinlich nicht unbedingt näher.

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  6. @tubl:

    11.000 Haushalte. Immerhin.

    Bzgl. Hartz IV stimmte ich dir zu. Wer darin ist, ist wohl arm. Das sind aktuell 15,3%, habe ich im Artikel ergänzt.

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  7. Sorry wegen Doppelpost, zu früh losgeschickt.

    Verlässliche Statistiken braucht man natürlich, da ist die Datengrundlage aber wichtiger als Schön/Schlechtrechnen (das ist ja immer spekulativ)

    Das eigentliche Problem sind für mich aber gar nicht die Statistiken. Das Problem ist, dass die Presse jede noch so verrückte Statistik völlig unreflektiert hypt als gäbe es kein Morgen und die Politik sich durch diesen Hype mitreißen lässt und sofort Aktionismus demonstrieren will, um tatkräftig zu erscheinen.
    Durch diese Kurzschlussreaktionen kommt auch gar keiner mehr auf die Idee zu überlegen, ob eine Kindergelderhöhung klug ist. Die wird den Hartz-Beziehern übrigens angerechnet und kommt dort gar nicht an.

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  8. @Ariane:

    Naja, es haben damals schon einige gesagt, dass Sachleistungen sinnvoller seien als mehr Kindergeld. Auch wegen der Anrechnung. Außerdem könnten die Eltern das Geld dann nicht mehr versaufen und verrauchen. Das lag als Argument schon alles auf dem Tisch ...

    Geblockt hat das damals die CSU, die in ihrem Weltbild "Frau=Mutter=erzieht Kinder und kocht" hängen geblieben ist und deshalb für ihre WählerInnen in mehr Sachleistungen für Kindergärten und/oder Schulen keinen Sinn sah. Und dann blockiert hat. Sie hat das natürlich etwas anders begründet ...

    Überstürzt war die Entscheidung meiner Meinung nach nicht. Die Parteien haben sehr bewusst etwas GENAU für ihre Wähler gemacht.

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  9. Richtig. Ich seh da aber nicht allein die Schuld bei den Politikern, wenn die Presse die Statistik nicht so gehypt hätte, wäre wohl auch kein Aktionismus ausgebrochen.

    Ich hab mir heute nachmittag wegen des Updates übrigens mal die PDFs durchgesehen und die Unterschiede sind sogar noch extremer. Die BA-Quote von 15,3% bezieht sich nur auf die unter 15jährigen, während die OECD bis einschließlich 17 Jahre rechnet.
    Wenn die BA Kinder bis 17 mitzählen würde, wäre man heute vermutlich sogar über den 16,3%.
    Also entweder gab es da einen explosionsmäßigen Anstieg oder da ist ein Großteil unter den Tisch gefallen (Aufstocker vielleicht?)

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  10. Der Hinweis "Gewisse Zweifel an der Richtigkeit der 8,x% kann man schon bekommen, wenn man sich die Anzahl der Kinder in Hartz-IV Haushalten anschaut..." hilft meines Erachtens nicht weiter.

    Die Statistik der BA weist den Anteil der Kinder in Grundsicherung aus (proportion of children), während die Armutsquote den Anteil der Haushalte mit Kindern in Armut ausweist (proportion of households).

    Wenn es vier Haushalte gibt, und in drei der vier Haushalte lebt jeweils ein Kind, das nicht als 'arm' i.S. der OECD gilt, und im vierten Haushalt leben drei Kinder, die Grundsicherung erhalten, so bezieht die Hälfte der Kinder Grundsicherung, aber die Armutsquote beträgt nur 25%.

    Da das Armutsrisiko, bzw. das Risiko, Grundsicherung beziehen zu müssen, mit der Anzahl der Kinder steigt, wäre es nicht verwunderlich, wenn die durchschnittliche Kinderanzahl in H4-Haushalten höher ist, als im Bundesschnitt und demnach die Armutsquote niedriger, als der Anteil der Kinder, die Grundsicherung beziehen.

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