Prof. Kotlikoff: USA im Kern zahlungsunfähig

Die FAZ hat Laurence Kotlikoff, Professor an der Boston University, interviewt. Darin äußert Kotlikoff die Einschätzung, dass die USA eigentlich Pleite seien. Wenn man die versteckten demografischen Lasten aus der Altersvorsorge und dem Gesundheitssystem berücksichtige, betrage die Staatsverschuldung der USA nicht wie offiziell angegeben etwa 14 Billionen Dollar (entspricht knapp ein Jahres-BIP), sondern

200.000.000.000.000 (200 Billionen) Dollar.

Die Zahl stammt angeblich vom Budget Ausschuss des amerikanischen Kongress, ich finde beim googlen die Zahl aber nur von Kotlikoff, nicht vom CBO. Es ist übrigens die pessimistischste Schätzung, die ich finden konnte:

13,4 Billionen $ vom Congressional Budget Office
50 Billionen $ oder mehr: David Walker, Ex-US Comp Gen.
60 Billionen $: Andrew Moylan, National Taxpayers Union
200 Billionen $: Laurence Kotlikoff Boston Univ. economist
(Quelle: New York Post)

Hmm, 200 Billionen Dollar sind noch ein ganzes Stückchen mehr als die 75 Billionen, die der Fondsmanager Bill Gross von Pimco vor Kurzem in die Diskussion geworfen hat. Diese habe ich auch schonmal kritisch kommentiert: Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: USA mit 75 Billionen Dollar Schulden ....

Die 200 Billionen, die entstehen, wenn man alle Verpflichtungen der Zukunft berücksichtigt, erscheinen mir deutlich zu hoch. Bei einem aktuellen BIP von etwa 15 Billionen Dollar entspräche das mehr als 1.300% das BIPs.

OK, demographische Lücken werden sehr schnell sehr teuer, aber ohne das jetzt im Details durchzurechnen, sprechen doch zwei große Gründe dafür, dass die USA nicht so viel schlechter sein können als Europa:

a) Das Sozialsystem ist vergleichsweise schwach ausgeprägt: relativ wenig staatliche Rente und vergleichsweise schlechtes Gesundheitssystem (zumindest der staatlich finanzierte Teil)
b) Außerdem müsste die demografische Last bei der relativ jungen und wachsenden Bevölkerung in den USA eher geringer sein als im tendenziell überalternden Europa.

Die letzte mir bekannte Berechnung, die einen Vergleich über mehrere Staaten mit einer konsistenten Methodik gemacht hat, kommt vom (durchaus neoliberalen) CATO Institut: Dort kommen die USA auf eine Gesamtstaatsverschuldung von "nur" etwa 500% des BIPs. Damit liegen die USA nicht wesentlich schlechter als Deutschland, aber weit vor Griechenland (nahezu 900% des BIPs) (siehe Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Zahl des Tages (11.02.10): 884%).

Dass die USA noch einmal mehr als 700 Prozentpunkte im BIP (also 7 Jahres-BIPs) höhere Schulden haben sollen als Griechenland, halte ich für komplett unplausibel. Genau wie die These, dass die USA "pleiterer" sind als Griechenland.

Kommentare :

  1. Hallo,

    oft werden nur die Belastungen, nicht aber die zu erwartenden Einnahmen abgezinst. Vielleicht wars das schon. Ja, ich weiß - kann man sich eigentlich nicht vorstellen, musste ich aber schon oft lesen weil irgendwelche Qualitätsjournalisten die Ausgaben für bspw. die Renten der nächsten 50 Jahre einfach aufaddieren, ohne die gleichzeitig einlaufenden Einzahlungen zu saldieren. Heraus kommen dann solche Riesenzahlen.

    Gruß,

    Hardy

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  2. Ach der wird einfach die nicht verbuchten Ausgaben zusammengerechnet haben, nicht aber die noch nicht verbuchten Einnahmen. Klassische Luftrechnung.

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  3. Seltsam, dass der Text und auch der verlinkte ohne Angabe eines Zeitraums auskommt. Die Zahlen werden noch viel höher, wenn man die Renten der im Jahr 3177 geboren Werdenden mitrechnet.

    Oder sind nur die heute Lebenden gemeint? Was ist konkret mit denen, die morgen, also am 11. Mai auf die Welt kommen? Und wenn ich hier schon spinne: je mehr Menschen morgen auf die Welt kommen, desto höhere Belastungen in 80 Jahren. Also mehr Schulden.

    Wie kommt eine Diskussion über Schulden ohne den Begriff "Fälligkeit" aus?

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  4. Gratuliere. Gleich zwei Verlinkungen bei Credit Writedowns von Ed Harrison. Kotlikoff ist ein Idiot. Viel ideologisches Blabla. Er denkt scheinbar wir sind alle unsterblich und hat daher einen unendlichen Zeithorizont. Ausserdem werden unsere Nachfahren im Jahre 3011 sicher genauso leben wie wir im Jahr 2011. Und den bedauerlichen Trend des fortschreitenden Sozialismus linear über die nächsten 1000 Jahre fortsetzen.

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  5. @Rob, Stephan, Hardy:

    Ich habe keine Ahnung, wie Kotlikoff die Zahl errechnet hat. Und ich gehe davon aus, dass er die errechnet hat und nicht der/das CBO. Selbst das kann ich nicht nachvollziehen.

    Die Berechnungen des CATO Instituts hingegen sind durchaus nachvollziehbar, die Studie ist ziemlich lang und detailliert. Klar, sind in einer solchen Studie ziemlich viele Annahmen drin und man kann sowas quasi in jede beliebige Richtung ziehen. Aber es ist auch nicht besser, das ganze überhaupt nicht zu berechnen ...

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  6. Pardon, egghat, wenn ich widerspreche. Es ist besser, für das Jahr 2061 gar nichts zu berechnen. Weil nichts sinnvolles dabei herauskommt. Wir können als Gedankenspiel gerne versuchen, vom Jahr 1961 aus einen Blick auf heute zu werfen (heute passiert sowieso nichts Nennenswertes in Fußball oder Hockey).

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  7. Du darfst ruhig widersprechen ;-)

    Aber in Hinblick auf die Rentenkasse oder das Gesundheitssystem u. Ä. kommt man nicht umhin, Prognosen für die nächsten 30 oder 50 Jahre zu machen ... Und kommt dann schon eine Zahl raus: Wie viele Rentner, wie viele Einzahler, wie hoch sind die Renten, wie hoch die Beiträge. Und wenn man dann Renteneintrittsalter, Rentenhöhe und Rentenbeitrag konstant lässt, kann man daraus eine Summe errechnen, die fehlt. Reagieren kann man darauf mit Beitragserhöhung und/oder Rentensenkung und/oder Erhöhung des Renteneintrittsalters. Wie willst du Politik machen, ohne auf solche Prognosen zurückzugreifen? Im Endeffekt macht das jede doofe Lebensversicherung oder PKV ...

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  8. egghat was sagst zu:
    Die Produktivitätssteigerungen können den höheren Renten- und Gesundheitskostenanteil ausgleichen.

    Anders gesagt: Muss sich eine Gesellschaft nicht "nur" entscheiden in was sie die Produktivitätssteigerungen investieren will?

    Wenn natürlich diese komplett abgeschöpft werden und den Topvermögen zufließen, sollte man nicht da eher ansetzen?

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  9. Im Prinzip hast du recht ... Wenn es keine Grenzen und keinen internationalen Wettbewerb gäbe ...

    Wenn niemand ins Ausland ziehen würde, weil von seinen 60.000 Euro, die er dem Arbeitgeber kostet, nur 30.000 bei ihm ankommen. Oder die Firma abwandert, weil die Lohnkosten in Deutschland zu hoch sind, mit denen sich ein deutsche Arbeiter zufrieden gibt (Grund siehe oben).

    Es gibt natürlich einen Verteilungsspielraum für die Produktivität. Und dieser ging auch in den letzten zwei Jahrzehnten eindeutig zu stark an die Unternehmer. Im letzten Jahrzehnt noch mehr als in dem zuvor. Deshalb ist Deutschland jetzt wieder sehr wettbewerbsfähig. Und daher muss wieder mehr in Richtung Lohneinkommen umverteilt werden. Das führt ja dann schon automatisch zu höheren Sozialabgaben ....

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  10. Ich neige zwar eher zu Rob's Ansicht, dass in Bezug auf das Budget der USA eine 75 Jahre Prognose müssig ist aber wenn man schon die USA als gigantische Versicherungsanstalt mit Privatarmee betrachten will dann wenigstens richtig. Wobei man nicht mal weiss welchen ob Kotlikoff über die nächsten 75 Jahre oder 1000 Jahre spekuliert.

    Wenn es nach Kotlikoff geht wird jedes Neugeborene in den USA vom Gerichtsvollzieher begrüsst: Herzlich willkommen. Sie haben derzeit 500.000 US$ Schulden. Denn sie werden im Laufe ihres Lebens einen Kredit für eine Ausbildung aufnehmen und einen Hypothekenkredit für ein Haus und ... Kein Mensch der einigermassen bei Trost ist würde so argumentieren. Deshalb bleib ich bei meiner Meinung: Kotlikoff ist ein Idiot.

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  11. Der Vergleich mit 1961 hat mich in Nachhinein mehr erstaunt als ich dachte.

    Wäre ich damals so alt gewesen, wie ich huete bin, also schlicht 50 Jahre älter. Mann oh Mann, ich wäre im besten Alter gewesen, den kompletten zweiten Weltkrieg in Uniform zuzubringen. Nicht ganz so klar ist, in welcher. Dieser Gedanke hat mich ein wenig erschreckt.

    Ich hätte den Krieg zufällig überlebt (sonst könnte ich 1961 nichts planen), mit 30 ins Zivilleben zurückfinden müssen. Selbst mit regelmäßigem ordentlichen Einkommen wäre ich ziemlich eingeschränkt, gerade würde eine Mauer gebaut, eine ständige diffuse Kriegsgefahr hinge über allem. Wie das nach den vorherigen Erfahrungen auf mich wirken würde, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Mein Großvater war ca. 50 Jahre älter als, der zum Beispiel hat alle Probleme in Alkohol aufgelöst.

    Ganz wichtig dabei: weder ich als Einzelner noch meine Gesellschaft kann sich die Entwicklung der nächsten 15 Jahre auch nur halbwegs vorstellen. Um es positiv zu sehen: zweistellige Lohnsteigerungen? Undenkbar. Fast jeder kauft sich ein Auto? Wovon denn? Urlaubsreisen mit dem Flugzeug? Totaler Blödsinn. Ich rede nur von 15, nicht von 50 Jahren.

    Nebenbei hätten wir jedes Jahr eine höhere Geburtenrate. Im Leben nicht hätte irgendjemand irgendetwas sinnvoll "hochrechnen" können.

    Weil wir uns immer ein wenig "am Ende der Geschichte" fühlen. Wir sagen zwar immer das Gegenteil, halten unsere Vorstellungswelt aber dennoch irgendwie für letztgültig.

    Und daraus ließe sich doch eine nützliche Erkenntnis gewinnen: wir erkennen, das wir und unsere Umgebung einer stetigen Entwicklung unterliegen, die wir nur sehr eingeschränkt prognostizieren und schon gar nicht steuern können. Vielleicht gelingt es dann, bestehende Regelungen zu überdenken und zu ändern, statt immer nur fortzuschreiben und draufzupacken...

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  12. Wo liegt der Sinn im Fortschreiben aktueller Verhältnisse, welche in den Legislaturperioden bis dahin immer und immer wieder verändert werden können.

    Heisst: Wenn es weiter so läuft wie bisher, sind die USA pleite. Soweit der Warnschuss. Aber wer nimmt schon an, dass die pragmatischen Amis Titanic-mäßig bis 1 Sekunde nach dem Untergang der Bordkapelle lauschen?

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  13. "Ich glaube – und hoffe – auch, dass Politik und Wirtschaft in der Zukunft nicht mehr so wichtig sein werden wie in der Vergangenheit. Die Zeit wird kommen, wo die Mehrzahl unserer gegenwärtigen Kontroversen auf diesen Gebieten uns ebenso trivial oder bedeutungslos vorkommen werden wie die theologischen Debatten, an welche die besten Köpfe des Mittelalters ihre Kräfte verschwendeten. Politik und Wirtschaft befassen sich mit Macht und Wohlstand, und weder dem einen noch dem anderen sollte das Hauptinteresse oder gar das ausschließliche Interesse erwachsener, reifer Menschen gelten."

    Arthur C. Clarke

    Ob Politiker oder Theologen die dümmsten Menschen der Welt sind, ist eine müßige Frage. Sicher ist, dass für beide Berufsgruppen nur solange eine Nachfrage besteht, wie das arbeitende Volk daran glaubt, die Vertreibung aus dem Paradies müsse ein einmaliges Ereignis vor langer Zeit gewesen sein. Herzlich Willkommen im 21. Jahrhundert:

    http://www.deweles.de/willkommen.html

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