Was ist der Staatsbesitz Griechenlands wert?

Der IWF meint ja 300 Milliarden Euro (Mal was Positives zu Griechenland …), was andere für völlig utopisch halten.

Nun ist es für mich als einfacher Blogger nicht so einfach mal eben nachzurechnen, was denn die griechischen Assets im Staatsbesitz wert sind. Aber zumindest eine grobe Schätzung kann ich ja mal versuchen abzugeben ...

Dazu vergleiche ich Griechenland mit Deutschland (warum wird später klar ...). Das BIP Deutschland ist etwas mehr als zehnmal so groß wie das Griechenlands. Die Einwohnerzahl Deutschlands ist über sechsmal so hoch. Damit haben wir schonmal eine Idee für einen Multiplikator.

Der griechische Staat soll Assets im Wert von 300 Milliarden Euro besitzen. Gebäude. Infrastruktur wie Flughäfen, Häfen, Straßen, Eisenbahnstrecken, Kanalisation, Wasser- und Stromnetz, etc. pp. Auf deutsche Verhältnisse hochgerechnet wären das also 1,8 bis 3 Billionen Euro.

Viel Geld auf jeden Fall. Nur ist die deutsche Infrastruktur  2 bis 3 Billionen Euro wert? Einen Hinweis gibt die Bundesbilanz, die Deloitte vor einigen Jahren mal erstellt hat. Dabei wurde versucht, auf der einen Seite die gesamten Vermögen und auf der anderen die gesamten Verpflichtungen des Bundes zu erfassen. (Darunter u.a. die Rentenverpflichtungen, was ziemlich umstritten ist, aber das ist ein anderes Thema).

Bei den Aktiva werden zum Ende des Jahres 2004 Vermögensgegenstände von etwa 570 Milliarden Euro genannt. Dabei sind die zwei Posten Liegenschaften und Infrastruktur im Wert von jeweils etwa 160 Mrd. Euro. Dazu kommen noch bewegliche Sachvermögen (57 Mrd.), Finanzanlagen (108 Mrd.), Forderungen (64 Mrd.) und liquide Mittel (22 Mrd.). Die letzten Posten sind aber nicht so interessant.

(Bei den Schulden, damals 824 Mrd., kann man auch schön erkennen, wie stark die Bundesschulden in nur 7 Jahren gestiegen sind, aber das sei nur am Rande erwähnt).

Manager Magazin: Was ist Deutschland wert?

Wir haben also eine Schätzung für den Wert von Liegenschaften und Infrastruktur in Deutschland am Ende 2004 von 320 Mrd. Euro. Dagegen stehen die 1,8 bis 3 Billionen Euro, die das griechische Staatsvermögen wert sein soll.

Hmm, auf den ersten Blick wirkt die Schätzung des IWF etwas arg optimistisch, um nicht zu sagen komplett unrealistisch ...

Nun gibt es aber zwei Punkte, die den Vergleich sehr schwierig machen.

Erstens ist Deutschland ein föderaler Staat. Und es wurde keine Bilanz für Gesamtdeutschland erstellt, sondern "nur" für den Bund. Die Vermögen (und Schulden) von Bundesländern und Städten/Gemeinden sind daher nicht enthalten. Und das kann alles ziemlich viel wert sein. Wasser- und Gaswerke, Entsorgung, Kanalnetze, ... All das ist in Deutschland nicht im Besitz des Bundes, sondern (überwiegend) in den Händen der Städte.

Die zweite Punkt zielt ebenfalls in die gleiche Richtung. Griechenland ist ein Land mit einem außergewöhnlich hohem Staatsanteil. Jeder vierte Beschäftigte arbeitet beim Staat (bzw. bei Unternehmen, die zum Staat gehören). Das führt zu ziemlicher Verkrustung und hohen Staatsausgaben, denn den glücklichen Staats(firmen)angestellten geht es wirklich gut und diese erfüllen jedes Klischee des faulen Griechen (wenig arbeiten, viel verdienen). Was übrigens auch nur für dieses Viertel gilt, die restliche Bevölkerung muss das privilegierte Viertel durchfüttern und diese drei Viertel sind beileibe nicht faul. Auf der anderen Seite führt der hohe Staatsanteil aber auch dazu, dass sehr viele Bereiche, die der deutsche Staat schon lange privatisiert, sprich zu Cash gemacht hat, noch im Staatsbesitz sind.

Hilft diese Abschätzung weiter? Schwierig zu sagen. Ausschließen kann man meiner Meinung nach, dass Griechenland Vermögensgegenstände im Wert von 300 Milliarden Euro hat und diese auch wirklich zu Geld machen kann. Ein Teil dürfte schlicht nicht verkaufbar sein (weil lebensnotwendig), ein anderer Teil dürfte nicht das wert sein, was auf dem Papier steht. Denn wie in Ländern mit hohem Staatsanteil üblich (das scheint so eine Art Naturgesetz zu sein) sind viele Betriebe in sehr schlechtem Zustand und verdienen kaum Geld (wenn überhaupt). Die griechische Bahn dürfte so ein Fall sein, bei dem zwar die eigentliche Infrastruktur ein paar Milliarden wert ist, aber die Firma dank komfortabler Tarifverträge nie Geld verdient hat und wohl auch nie wird. Der Privatisierungserlös dürfte ziemlich überschaubar sein.

Kommt man also doch nicht drumherum, alle Assets einzeln zu bewerten?

Dann mal viel Spaß ;-) Hier stehen die Assets für den ersten Schritt:

Tageblatt Online - Was Athen verkaufen kann - Nachrichten

Und einen Bericht über den Hafen in Piraeus habe ich ebenfalls gefunden. Dieser ist ja einer der großen Assets, die verkauft werden sollen.

Grosse Pläne Griechenlands für den Hafen von Piräus (Wirtschaft, Aktuell, NZZ Online)

Wenn das der ganze Hafen ist und die genannten 128 Millionen Euro Umsatz und der Verpachtung eines Piers an die chinesische Cosco für 30 Jahre satte 16,7 Millionen Euro Einnahmen gebracht haben, kann man sich hohe Verkaufserlöse in diesem Fall wohl abschminken. Als Idee hilft auch ein Vergleich mit dem Hamburger Hafen (HHLA): Dieser ist bei Umsätzen von gut 1 Milliarde etwa 2,3 Milliarden wert. Milliardenerlöse durch den Hafenverkauf Piraeus? Ich zweifle ...

Oder die griechische Telefongesellschaft OTE. Hier ist die Deutsche Telekom schon beteiligt, ein Teil ist börsennotiert. Damit kann man eine Marktkapitalisierung ausrechnen. Laut Bloomberg liegt diese bei 3,3 Milliarden Euro (Quelle). 20% davon möchte der griechische Staat verkaufen, macht also gerade einmal 660 Millionen.

Oder das Wasserwerk Thessaloniki: Daran hält der Staat noch 75%, die Marktkapitalisierung liegt aber nur bei 185 Millionen Euro (Quelle)

Oder die Banken. OK forget it. Die sind defakto eh alle Pleite ... (siehe Bankrun in Griechenland (geht weiter und zwar schneller))

So was bleibt? Immobilien. Aber ob da, auch inkl. Hotels und Yachthäfen wirklich 300 Mrd. zusammenkommen können?

Ich weiss nicht, wie der IWF auf die Zahl 300 Milliarden gekommen ist. Sinnvollerweise können  eigentlich nur noch die Immobilien so viel wert sein. Und dann sind wir nach lange Analyse quasi wieder bei der flappsigen Bemerkung angekommen, dass die Griechen doch einfach Kreta verkaufen sollen ...

Zusammengefasst: Ich würde die 300 Milliarden nicht völlig ausschließen (sag niemals nie), gleichwohl halte ich sie für ziemlich unwahrscheinlich ... Selbst die 50 Milliarden, die Griechenland bis 2015 erlösen möchte, sehe ich skeptisch. Denn dafür wäre wohl nicht nur der Verkauf von ein paar Randaktivitäten notwendig, sondern man müsste richtig ans Eingemachte gehen. Und wenn man sich den Widerstand der Gewerkschaften (siehe dazu z.B. den NZZ Artikel) selbst bei Randaktivitäten anschaut, erscheint das kaum durchsetzbar.

Vielleicht sollte sich Griechenland doch mehr um die angeblichen 160 Milliarden Euro Schwarzgelder kümmern, die allein in den letzten 10 Jahren aus Griechenland in die Schweiz, Luxemburg und Zypern abgeflossen sein sollen (Quelle) ...

Aber davon ist wenig zu sehen. Überall Gerede über ein effizienteres Steuersystem, höhere Steuern, blabla und was hat Griechenland zu vermelden? Steuereinnahmen, die im ersten Quartal um gut 8% unter dem Vorjahresniveau und 11% (oder 1,4 Mrd. Euro) unter dem Haushaltsplan liegen. Bei Ausgaben, die sogar höher (um 200 Millionen) waren als im Vorjahresquartal (siehe Euro-Krise: Griechenland warnt vor Bankenkollaps - International - Politik - Handelsblatt).

 Ernüchternder kann die Realität gar nicht sein: Die Ziele auf beiden Seiten (Einnahmen und Ausgaben) deutlich verfehlt.

Ich befürchte, diese große Ernüchterung wird sich bei den Privatisierungen wiederholen. Oder seht ihr irgendwo Potenzial, das ich übersehen habe?

Kommentare :

  1. danke egghat für deine übergroße Mühe. Eigentlich müsste ich jetzt auf amazon ein Mac Book Air kaufen ;-)

    Das, was bei uns überwiegend in Kommunal- und Länderbesitz ist, wird sich auch in GR nicht so leicht verkaufen lassen ohne größte Widerstände von Seiten der Kommunen und vor allem auch der streik- und demonstrationsfreudigen Griechen.

    Der staatliche Grundbesitz - ich nehme an, flächenmäßig der größte Teil davon öde Gebirgsrücken - wird nicht viel einbringen. 10 Tsd Euro für den Hektar wäre schon sehr großzügig. Macht 1 Mio für den km², 1 Mrd für 1000 km² oder 100 Mrd für ganz Griechenland! (simple Rechnung natürlich, ich weiß).
    Beim Vergleich der Infrastruktur mit Dtl. muss man auch noch berücksichtigen, dass Dtl. pro Nase damit wesentlich besser ausgestattet ist, auf einem qualitativ höheren Niveau, mit erheblich größerer Ertragskraft. Bei einem Verkauf fallen künftige Einnahmen auch weg und das Spiel mit den ausufernden Defiziten geht gleich wieder von vorne los wenn nicht erheblich bei den Ausgaben gespart wird.

    Ich sag mal ins Blaue hinein eine grobe Hausnummer: 10 Mrd Privatisierungserlös und die Kreditgeber der griechischen Sause aus dem Norden dürfen sich glücklich schätzen!

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  2. "Eigentlich müsste ich jetzt auf amazon ein Mac Book Air kaufen ;-)"

    In dem Satz fehlt ein "Dir" ;-)

    Die Berge zu zählen ist natürlich Quark. Die sind nix wert. Mehr als ein paar Ziegen ernährt das nicht ...

    Die Küsten sind spannend wegen des Tourismus. Angeblich soll es auch viele Hotels im Staatsbesitz geben. Und die Häfen. Und und und.

    Mehr als 10 Mrd. gibt das sicher. Mehr als 100 Mrd. aber ziemlich sicher nicht ... Zumindest stimmt der Eindruck nicht, dass Griechenland "mal eben locker" 50 Mrd. loseisen könnte ...

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  3. Tourismus, das ich nicht lache.

    Ich war 2004 in Griechenland, hier hat sich freier privater Kapitalismus sehr ausgetobt. Dagegen ist eine zentralistisch geplante spanische Küste das reinste Paradies.

    Ein Betonbunker von Hotel, daneben ein Abfallhaufen, dann ein Wellblech-Restaurant, daneben eine Wellnessparadies in Marmor, gefolgt von ein paar Mülltonnen mit ner Currywurstbude (im übertragenen Sinn). Und keine einheitliche Strandpromenade die zum Bummeln einlädt, eher eine Schlaglochpiste.

    OK, das war die Westküste am Pelepones wo sich der Bauboom ausgetobt hat. Die Inseln sind vermutlich schöner.

    Das ganze wird erst mit der neuen Drachme wieder attraktiv, wenn die Preise italienische Verhältnisse wieder verlassen.

    Ganz abstrakt gesehen: Große Privatisierungserlöse kann man nur erzielen, wenn es in dem Land für Investoren auch etwas zu verdienen gibt (Wirtschaftsaufschwung??!). Einen Hafen mit fallenden Umsätzen kaufen, eine Stromgesellschaft wo immer mehr Kunden die Rechnung nicht bezahlen können weil die Stütze auch noch gekürzt wurde - nicht gut.

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  4. @Till:

    Generell ist das Problem Griechenlands, dass die kaum etwas besser können als Spanien oder Italien, aber genauso viel Geld haben wollen. Bulgarien, Rumänien oder die Türkei hingegen sind sehr viel billiger und direkt um die Ecke ...

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  5. Was nützt eine Diskussion über Werthaltigkeit, wenn die ganze Welt weiß, dass der Verkäufer verkaufen muss? Werden bei Zwangsverkäufen mittlerweile normale Preise erzielt? Sorry, da muss ich ein paar wichtige Neuigkeiten verpasst haben.

    Müssen wir der Scheindebatte "Verkauf von Staatsbesitz" nachlaufen?

    Es geht doch darum, den Bankrott einer Währung namens "Euro" zu verzögern und zu maskieren.

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  6. @Rob

    richtig, der ganze Krampf - das sind eher Nebelkerzen von IWF, EZB, EU &Co (beim Lügenmaul Juncker schwillt mir der Hals auf Kragenweite 50), bis der ganze Dreck von den privaten Banken/Lebensversicherern/Pensionsfonds (mittelbar sind wir das alles selber; ich sag nur Riester) in die Bücher der öffentlichen Hand umgeschichtet ist

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  7. These:

    Privatisierungen bringen gar nichts. Warum?

    Die Summe der Barwerte der Einnahmen eines Gutes entspricht dem Verkaufserlös.

    Man hat nur einen Zahlungsstrom getauscht.

    Am Ende ist der Staat anders (riskanter) finanziert als vorher, steht aber letztlich nicht anders da als vorher.

    Beispiel: Der griechische Staat verkauft eine Immobilie. Der neue Eigentümer wird einen Preis bieten, der dem Barwert Zahlungsströme der Immobilie entspricht. Die Folge: Der Staat hat sofort einen Veräußerungserlös und es fehlen ihm in Zukunft die Mieteinnahmen der Immobilie im Staatshaushalt.

    Deshalb sinkt (zunächst) die Verschuldung und es steigt die Neuverschuldung an. Im Zeitablauf wird die Verschuldung wieder auf den alten Stand (ohne die Veräußerung der Immobilie) ansteigen.

    Daraus folgt, dass die Griechen damit ihr Neuverschuldungsproblem noch verschärfen werden.

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  8. @anonym:

    Wenn du heute Geld brauchst, nützt die (prinzipiell richtige) Überlegung nichts.

    Man kann nicht jedes beliebige Sparziel in beliebig kurzer Zeit erreichen. Es kann daher sinnvoller sein, jedes Jahr 3% des BIPs "wegzusparen" und zwischendrin mal 20% des Tafelsilbers zu verkaufen, als direkt alles auf einen Schlag zu sparen oder gar nicht zu sparen und hohe Zinsen zu bezahlen.

    Im Endeffekt geht es auf die Frage zurück: Wie hoch sind die Zinsen (für die Schulden) und wie hoch ist die Rendite der verkauften Assets.

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