Der zweite Default für Griechenland, der erste für Irland und Portugal

... wurde gerade beschlossen, wobei genauer gesagt, müsste man wohl von "ermöglicht" sprechen ...

Denn die Regierungschefs in Europa wollen auf dem Krisengipfel in Brüssel wohl beschließen, dass der EFSF (European Financial Stability Fonds) die Zinsen für die ausgegebenen Kredite auf bis zu 3,5% (aktuell 5-6,5%) senken und die Laufzeit auf bis zu 15 Jahre (aktuell 7,5) verlängern kann. Das gilt für alle drei Länder, die auf den EFSF zugegriffen haben, also Griechenland, Irland und Portugal.

Griechenland hat schon einmal eine solche Verbesserung der Konditionen bekommen. Und eine solche Änderung gilt eigentlich als Ausfall. Die Streckung der Rückzahlung und die Zinssenkung würden bereits als Einzelmaßnahme als Default gewertet werden, sofern es sich um offizielle Wertpapiere handeln würde. Ich habe darauf bereits der ersten Verlängerung von 3 auf 7,5 Jahre und der Zinssenkung von 6,x auf 5,x% hingewiesen (GRIECHENLANDS STATISTIKEN TAUGEN IMMER NOCH NICHTS ...). Das ging aber ziemlich unter. Da die neuen Konditionen aber so viel besser sein als die alten, werden wohl alle drei Länder darauf zurückgreifen und damit eigentlich "defaulten".

Es soll wohl auch eine Beteiligung der Banken geben, die aber im Entwurf nicht auftaucht. Das diskutierte Volumen von 17 Milliarden ist auch nicht sonderlich hoch und man muss noch abwarten, inwieweit davon etwas übrig bleibt oder ob das so ein Witzangebot wird wie beim letzten Mal. Selbst wenn es 17 Milliarden sein sollten, sind das nicht einmal 5% der griechischen Schulden ...

Außerdem soll ein Marshallplan für Griechenland aufgelegt werden. Das Volumen ist unklar, genau wie unklar bleibt, was man denn aus Griechenland machen möchte.  Meiner Meinung nach fehlt ein Geschäftsmodell nach wie vor. Noch mehr breite und leere Straßen quer durch die Inseln zu bauen, wird es auch nicht bringen. Griechenland hilft man so nur kurzfristig. Was Griechenland bräuchte, wären Investitionen, die sich auch rentieren. Nur was das sein soll, ist mir unklar ... Solarzellen für alle Griechen?

Irland soll sich im Gegenzug für die Anspruchnahme der Hilfe verpflichten, an einem europaweiten Harmonisierungsverfahren für das Steuersystem teilzunehmen. Die EU möchte der Steueroase Irland also den Garaus machen. Dass das jetzt scheinbar spruchreif wird, überrascht mich wenig, wenngleich ich durchaus staune, wie lange das gedauert hat ... Dass die Iren nicht Steueroase auf Kosten Resteuropas sein können und gleichzeitig von Resteuropa Hilfe beanspruchen können, ist doch irgendwie logisch ...

Der Telegraph hat den Entwurf in voller Länge veröffentlicht: Draft eurozone proposal document

Mal schauen, was davon dann auch nach den Verhandlungen auch wirklich noch im Plan stehen wird ...

Update (17:13):

Bloomberg meldet Diskussionen über 20% Haircut. Alternativ auch eine Umschuldung aller Anleihen mit Laufzeit bis 2019, dann aber nur mit Laufzeitverlängerung auf 30 Jahre (also bis 2041).

Update 2 (17:45):

Die CDS werden auf jeden Fall schonmal dramatisch preiswerter:

Griechenland 2.000bp (-359),  Portugal 950bp (-145), Irland 920bp (-149), Spanien 306bp (-36), Italien 250bp (-36).

Update 3 (21:41):

Gesamtumfang für den Zeitraum 2014 bis 2019 : 109 Milliarden.  Kommt natürlich auf das bisherige Volumen obendrauf.

Die kompletten Unterlagen der Banken findet man hier: IIF

(habe ich noch nicht durch und verstanden)

Update 4 (21:58):

Statement der EU Kommission: STATEMENT BY THE HEADS OF STATE OR GOVERNMENT OF THE EURO AREA AND EU INSTITUTIONS (PDF!)
Die Banken senken den Schuldenberg Griechenlands um 13,5 Milliarden Euro, also um nicht einmal 4%.

Dafür refinanzieren sie ein großen Teil der griechischen Schulden. Die EU beziffert die Gesamtsumme des privaten Sektors bis 2019 auf 106 Mrd. Euro.

Allerdings investieren die Banken in neue Anleihen, die etwas höhere Zinsen abwerfen als die alten und die zum großen Teil über Zero-Bonds abgesichert sind, für die der EFSF (also die EU) garantiert. Wenn die Anleihen bis zum Ende durchgehalten werden, sind diese also risikolos.

So verstehe ich das, aber ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass sich die Banken 106 Mrd. Griechenbonds in die Bücher packen ...

Wie versteht ihr das?

Update 5 (22.7.11):

Da HxG meine Interpretation der beiden offiziellen Papiere teilt, fasse ich das gleich nochmal so zusammen, wie ich das verstanden habe. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, dass das richtig ist, aber ich bin mir relativ sicher, dass meine Version richtiger ist als ein paar andere Darstellungen ...

Update 6 (22.07.11):

Hier das angedrohte Update: EU-RETTUNGSPAKET: DIE DETAILS, SO WIE ICH SIE VERSTANDEN HABE

Kommentare :

  1. Hm, 106 Mrd. Euro Beteiligung privater Gläubiger habe ich nicht aus den Unterlagen gelesen. Einige Berichte sprechen von 37 Mrd. Völlig offen scheint mir aber derzeit, ob überhaupt und in welcher Höhe hier verzichtet wird.

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  2. Ich verstehe das ja auch noch nicht, muss noch weiter lesen ...

    Die Zahl steht im EU-Kommissionspapier auf Seite 2 in der Fußnote:

    " For the period 2011-2019, the total net contribution of the private sector involvement is
    estimated at 106 billion euro"

    Die Summe ergibt sich für mich aber nicht plausibel aus den anderen genannten. Wenn man z.B. den Verlust für die Banken, der sich aus einem Haircut von etwa 20% ergibt hochrechnet (also mal 5 nimmt), kommt man auf deutlich niedrigere Werte, allerdings auch auf höhere als die 37 Mrd.

    Aber das ist sehr wirr, weil die Banken und Politiker wahrscheinlich genauso tricksen wie beim ersten Vorschlag.

    Mich würde auch mal interessieren, wie das "discounted by 9 percent" aus dem Bankenvorschlag interpretiert werden muss. Heisst das, dass die Banken einen Marktzins von 9% annehmen und auf der Basis den 21% Haircut ausrechnen?

    Wenn ja, wäre das ja schon der Haken ... Denn dann würden die Banken den Nominalzins, der ja aktuell eher bei 4% liegt, mal kurz auf 9 verdoppeln und von der Basis aus einen Haircut berechnen. Das wäre eine ähnliche Nummer wie beim ersten Mal ... (immerhin scheint die Summe jetzt deutlich größer zu sein, wobei man auch bedenken muss, dass wir jetzt nicht nur über deutsche Banken, sondern über ganz Europa (Eurozone?) reden ...)

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  3. Etwas über die kulturellen Hintergründe der Unterscheide zwischen Nord und Süd:

    Philip Zimbardo: The Secret Powers of Time (Animated)
    http://www.youtube.com/watch?v=A3oIiH7BLmg

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  4. In der Abschlusserklärung heisst es, die durchschnittliche Laufzeit der vom privaten Sektor gehaltenen Anleihen würde sich von 6 auf 11 Jahre verlängern. Wie kann sich die durchschnittliche Laufzeit auf nur 11 Jahre verlängern, wenn etwa 70% des gesamten privaten Investments in 30 jährige Papiere getauscht wird?

    @Egghat

    >Allerdings investieren die Banken in neue Anleihen, die etwas höhere Zinsen abwerfen als die alten

    Nicht unbedingt. Die Kupons auf ausstehende Anleihen sind fast durchgängig höher, als die Kupons auf neue 30 jährige Anleihen gemäß Optionen 1 und 2. Meines Erachtens besteht in dieser Zinssenkung der 20% Verlust der Banken (Barwert der entgangen Zinsen diskontiert mit 9%). Diese Optionen haben für die Banken jedoch den Vorteil, dass keine unmittlebaren Verluste und Abschreibungen anfallen.

    >dass sich die Banken 106 Mrd. Griechenbonds in die Bücher packen

    Sieht zumindest so aus. Bis Ende 2020 sollen es dann 135 Mrd. (90% von 150 Mrd.) sein. Davon wird die Hälfte mit 20% geschnitten. Das ergibt dann wohl die Reduzierung der Schulden um 13,5 Mrd. Dieser Beitrag wird dann auch zu Abschreibungen führen. Wer schon auf Marktwert abgeschrieben hat, wird sogar Gewinne verbuchen können.

    Insgesamt ist der Bankenbeitrag dürftig. Der private Sektor entlastet Girechenland um 13,5 Mrd. direkt und verzichtet auf einen Barwert von 13,5 Mrd. an zukünftigen Zinsen. Dafür erhalten sie faktisch Garantien der Staatengemeinschaft auf die ausstehende Summe. Ob man da wirklich von einem 'Verzicht' auf Zinsen sprechen kann und ob 9% Diskount bei der Berechnung des Barwerts dadurch gerechtfertigt sind, sei dahingestellt.

    Das Risiko verlagert sich weiter auf die Staatengemeinschaft, die Finanz- und Transferunion wird durch Garantien, Darlehen und Zinssubvention weiter ausgebaut.

    Der Vorteil für Griechenland liegt darin, dass das Land bis 2020 vom Finanzmarkt unabhängig ist. Allerdings finde ich fraglich, ob Griechenland trotz niedriger Zinsen für EFSF-Darlehen seine Schuldenquote wird stabilisieren können.

    @dels

    Die Medien vermischen 'Beitrag zur Finanzierung' und 'Beitrag zur Schuldensenkung'. Die 37 Mrd. (bis 2014) bzw. 106 Mrd. (bis 2019) bzw. 135 Mrd. (bis 2020) sind der Beitrag der Banken zur Finanzierung.

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  5. @HxG:

    Ich habe das ähnlich verstanden wie Du. Das ist das, was sich nach meiner (und deiner) Interpretation aus den beiden Papieren, die ich ja auch verlinkt habe, ergibt.

    Nur wird das quasi überall anders dargestellt.

    Ich glaube ich schiebe das alles jetzt mal auf dich und schreibe die Zusammenfassung unter dem Titel HxG behauptet dass ... ;-)

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  6. @Egghat

    Bin gespannt auf Deine Zusammenfassung. Mehr Klarheit gibt es vielleicht nach dem technischen Briefing. Wer live dabei sein will:

    Livestream der EC Pressekonferenz

    Die PK läuft schon, ab 13:00 Uhr gibt es die Details zum 'Rettungsplan'.

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  7. Sorry, der Link für den Livestream war richtig, aber die Pressekonferenz mit dem technical briefing war wohl nur für akkreditierte Journalisten gedacht...

    Zum 'Rettungsplan':

    FT Alphaville sieht das ziemlich ähnlich. Schuldenreduktion nur durch die diskontierten Bonds + ein eventueller Betrag durch das Schuldenrückkaufprogramm. Das Schuldenrückkaufprogramm wird wohl hauptsächlich von öffentlichen Investoren wahrgenommen werden. Kann mir nicht vorstellen, dass eine private Bank freiwillig einen Haircut zu Marktpreisen akzeptiert.

    Alphaville schätzt ebenfalls, dass die aktuellen Zinsen der Optionen 1 und 2 etwas höher sind, als die durchschnittlichen Zinsen der neuen 30-jährigen:

    "Notably the 4.5 per cent benchmark is just below most estimates of Greece’s average interest rate on its current bonds (around 4.6-5.2 per cent.)"

    Dafür bekommen die Banken dann noch faktisch Rückzahlungsgarantie durch den EFSF.

    Zu den diskontierten 30-jährigen schreibt Alphaville:

    "Principal gets written down from face value (by 20 per cent), and is mitigated for investors by a higher coupon"

    Der Haircut wird also nicht nur mit Garantien, sondern auch mit höheren Zinsen versüßt. Kann man sich sicher fragen, ob die 30-jährige Laufzeit unter diesen Bedingungen wirklich eine Bürde darstellt. Immerhin wird den Banken für längere Zeit ein risikoloses Einkommen auf gutem Niveau ermöglicht.

    That Greek financing offer — annotated

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  8. Noch was zur 'Freiwilligkeit':

    Die Banken werden das Angebot annehmen. Freiwillig, gerne und dankend. Wenn ich mal so auf dem Küchentisch rechne, dann erhalten die Banken die Möglichkeit, an Griechenland Darlehen zu durchschnittlich 5-5,5% Zinsen auszugeben, die lächerliche Abschreibung bereits inklusive. Die Rückzahlung dieser Darlehen ist voll durch die Staatengemeinschaft garantiert. Die Gläubigerbeteiligung ist ein Märchen. Es gibt sie nicht.

    Was hier als Gläubigerbetieligung verkauft wird, wird durch die hohen Zinsen überkompensiert. Das Schuldenrückkaufprogramm wird von privaten Gläubigern nicht wahrgenommen werden. Die Staatengemeinschaft bezahlt dafür, dass sie das Risiko übernehmen darf. Griechenland wird der Deal nicht helfen. Wenn die Hälfte der griechischen Staatsschulden mit 5,5 verzinst ist und die andere Hälfte über den EFSF mit 3,5% dann macht das im Schnitt 4,5%. Mit wieviel Wirtschaftswachstum wird denn in Griechenland gerechnet, dass diese Bedingungen zu einer sinkenden Schuldenquoten führen? Sind diese Wachstumsraten angesichts europaweiter Austeritätspolitik realistisch?

    Was für ein Betrug.

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  9. zu den 106 Mrd "privaten" Gläubigern oder in welcher Höhe auch immer, eine anekdotenhafte Anmerkung:

    echte Private halten und hielten von den rund 300 Mrd Griechenbonds ohnehin nur einen verschwindend geringen Anteil. Vor dem Euro haben die Institutionellen (LV, Banken, Pensionsfonds, Riester&Rürup etc.) Drachme-Anleihen nur als hochriskante exotische Beimischung in die Bücher genommen. Mit dem Euro war plötzlich kein Risiko mehr vorhanden. Auf der Jagd nach wenigen Zehntel mehr Prozent Verzinsung, um die Benchmark zu schlagen, um die immer weiter absinkende Garantieverzinsung nicht gar so traurig aussehen lassen zu müssen, wurde der Dreck massenhaft in die Bücher genommen. Natürlich ordentlich gehebelt, war ja kein Risiko mehr vorhanden.
    Ich kenne es aus eigener Anschauung in einem Pensionsfonds. Liegt schon mehr als 10 Jahre zurück. Der Anleihenportfoliomanager hat ständig, auf der Jagd nach 5 Hundertstel mehr Prozent Verzinsung hin- und hergeswitched. Damals hörte ich erstmals den Begriff asset backed securities. Das waren 'tolle Anleihen', begeben von irgendwelchen US-Gesellschaften, top gerated und warfen eben 1/10 % mehr Rendite ab als Bundesanleihen.
    So ähnlich lief und läuft es in der ganzen billionenschweren Anleihebranche. Bankster, die durch Extrem-Leveraging ihre Boni in Millionenhöhe trieben, Lebensversicherer und Pensionsfonds, die getrieben vom massiv auf private Vorsorge drängenden Staat gute Renditen anbieten mussten ...
    verständlich, dass EU-weit kein Politiker die Institutionellen im Regen stehen lassen will, weil sie die Scheisse selber angerichtet haben und nicht auf die Guillotine wollen ...

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