Mehr als 60% Haircut für Griechenland?

Endlich ist es raus. Eurogruppen-Chef Juncker spricht aus, was alle schon lange erwarten: Der Haircut von 21%, dem die privaten Gläubiger bisher zugestimmt haben, reicht bei weitem nicht aus. Im Interview beim ORF hat Juncker auf die Frage, ob der Haircut 50 oder 60% betragen solle, nicht wie üblich jede Spekulation ausgeschlossen, sondern mit einem klaren "wir reden über mehr" geantwortet.
(Es könnte aber sein, dass Juncker das "mehr" auf die 21% bezogen hat, nicht auf die 60%, auch wenn alle letztere Interpretation wählen)

ORF: Juncker legt Latte für Athener Schuldenschnitt höher (Das Video finde ich leider nicht einbindbar, einen Link auf die Mediathek des ORF kann ich bieten: http://tvthek.orf.at/programs/1211-ZIB-2/episodes/3019493-ZIB-2, dann rechts das Interview mit Juncker direkt auswählen)

Größter Fehler der Politiker laut Juncker: Die Reaktion war zu langsam. Was soll ich da hinterherschieben außer einem großen ACK?

Nun wird auch (endgültig) klar, warum Merkel und Sarkozy seit Wochen nur noch über neues Geld und Garantien für die Banken diskutieren. Denn ein Haircut in dieser Größenordnung wird natürlich Auswirkungen haben:
a) Der griechische Bankensektor dürfte komplett Pleite sein (naturgemäß stecken die meisten griechischen Staatsanleihen dort). Allein darüber dürften sich Auswirkungen auf die anderen europäischen Banken ergeben.
b) Eine Ansteckung mindestens nach Portugal (das meiner Meinung nach ähnlich Pleite ist wie Griechenland), im schlimmeren Fall aber auch nach Spanien und Italien kann man nicht ausschließen. Daher ist die EU jetzt gefragt und sollte vorsorgen. Und dabei reichen selbst unbegrenzte Hilfen für die Banken meiner Meinung nach nicht aus, dafür bräuchte es einen noch größeren Schritt, der zumindest für einen Übergangszeitraum auch die Refinanzierung der kritischen Länder sicherstellt. Sollte die EU hier nichts machen, ist ein richtiger Haircut eine unverantwortliches Risiko.

Bereits ohne Ansteckung reden wir über 152 Milliarden Euro Bruttoexposure, das Griechenland gegenüber den europäischen Banken hat. Davon stammen zwar nur 43 Mrd. vom Staat und 8 Mrd. von den Banken (der überwiegende Teil liegt bei den Privathaushalten), aber im "potenziellen" Teil mit den Garantien und Derivativen im Umfang von 25 Mrd. wird wohl auch noch ein Teil den Banken und dem Staat zuzurechnen sein (Seite A102).

Im Fall von Portugal sind es übrigens 255 Milliarden Euro (Seite A106).

BIS: BIS Quarterly Review, September 2011 Statistical Annex

Vielleicht ist es Zeit, an dieser Stelle den unter b) geforderten größeren Schritt in den nächsten Tagen zu diskutieren.

(Wer es übrigens schafft, den ZIB Beitrag runterzuladen und bei Youtube hochzuladen, wird mit einem Link von dieser Seite belohnt ;-) Bei mir vergisst der VLC Player immer den Video Teil ...)

Update (20:42);

Avantgarde hat mir im Kommentar geschrieben, dass der Sprecher von Juncker die Äußerung als missverständlich beschrieben hat. Juncker habe "mehr als 21 Prozent" gemeint. Das kann man jetzt für ein blödes Dementi halten, ich habe diese Interpretation ja von Anfang an in die Diskussion geworfen und zum Glück die Überschrift mit Fragezeichen versehen. (Und ich wollte eigentlich auch deshalb das Video einbauen, damit ihr euch selber ein Bild machen könnt. Das hat technisch aber nicht funktioniert ...)


Verwirrung um Äußerungen von Eurogruppen-Chef Juncker - Schuldenschnitt ja, aber wie? - Wirtschaft - sueddeutsche.de

Update 2 (23:29):

So jetzt hier dank der Mühe meines Lesers nixdagibts das Video:



Update 3 (15:55):

Barroso soll heute 30 bis 50% Haircut für die Schulden Griechenlands in die Diskussion geworfen haben. Bisher habe ich das nur als Tweet gelesen, news.google.com zeigt noch nichts Entsprechendes an. Schau'n mer mal.

Update 4 (21:22):

So jetzt ne Quelle (Reuters unter Bezugnahme auf gleich vier (ungenannte) EU-Offizielle):

Exclusive - New Greek PSI haircut around 30-50 percent | Reuters

Damit ist der gesamte 21%-Umschuldungsplan Geschichte ...

Kommentare :

  1. Das Interview konnte ich mit dem VLC nicht nur hören, sondern auch sehen:
    http://tvthek.orf.at/programs/1211-ZIB-2/episodes/3019493-ZIB-2/3019879-Interview-mit-Euro-Gruppe-Chef-Juncker.asx
    habe ich als Stream-Link genutzt.

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  2. Ein Sprecher ruderte jedoch wenig später zurück: "Die Formulierung im ORF war missverständlich." Juncker habe gemeint, dass über mehr als die aktuellen 21 Prozent Schuldenschnitt nachgedacht werde.

    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/eurogruppen-chef-juncker-deutet-schuldenschnitt-fuer-griechenland-an-bei-prozent-ist-noch-lange-nicht-schluss-1.1158887

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  3. @Stefan K.

    Sehen konnte ich es auch, aber nicht runterladen. Da war dann auf einmal nur Ton da ...

    @Avantgarde:

    Das hatte ich ja zum Glück wenigstens als alternative Interpretation direkt dahinter geschrieben. Komisch, dass ich das sonst fast nirgendwo gelesen habe .. Deshalb wollte ich das Video auch einbauen, aber es hat technisch nicht geklappt. Beim Speichern kam immer nur der Ton an.

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  4. Ich halte die Version mit dem "mehr als 21%" für wahrscheinlicher als "mehr als 50 oder 60%)

    Zwei Drittel würde nicht nur die Banken in Bedrängnis bringen sondern auch Begehrlichkeiten bei Portugal wecken, und dann gibt das einen Flächenbrand.

    Ein Drittel Haircut ist derzeit realistischer.

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  5. Ich habs mal für dich hochgeladen
    http://www.youtube.com/watch?v=fSBpohudUug

    Des war schon etwas tricky daran zu kommen, aber: Letzten Endes landet alles im Cache

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  6. Seltsam, aber m.E. könnte das "wir reden über mehr" auch heißen: "Wir reden über mehr als (nur) über den Schuldenschnitt.

    Mehr als 60% wäre so alarmierend, das könnte der Mann nicht so ruhig sagen.

    Wenn das in Planung wäre, würde da heute noch keiner drüber sprechen.

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  7. @nixdagibts:

    Danke habe ich noch eingebaut!

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  8. @Avantgarde:

    Dass er mehr als den Schuldenschnitt meinte, ist natürlich auch eine mögliche Interpretation.

    Und ja ich glaube auch, dass er mehr als 21% meinte. Allerdings auch viel mehr als 21%. Aber nicht unbedingt mehr als 60%.

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  9. Was zur Zeit überhaupt nicht diskutiert wird ist die Ansteckungsgefahr über credit default swaps, die nach einem wie auch immer gestalteten Haircut (Glatz mit 1 Locke übrig) triggern. Sowie die CDS auf Anleihen griechischer Banken...

    Wer vieviele davon wo hat, und wer die alle geschrieben hat - auch Lehman wurde durch diese Dinger erst richtig explosiv.

    Man kann die ja auch ohne den Besitz von Anleihen kaufen, das macht es noch viel unübersichtlicher.

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  10. CDS Brutto Exposure auf Griechenland soll im hohen einstelligen Milliardenbereich liegen. Das Netto Exposure sogar unter 5 Mrd.

    Die CDS auf Griechenland machen ja schon lange keinen Sinn mehr, weil sie viel zu teuer sind.

    Ich glaube, die CDS lösen in diesem Fall nichts aus ...

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  11. Sakarstisch müsste man sagen "cool", dass ich dabei sein darf...

    M. A. würde ohne Einschreiten recht schnell, live und in Farbe ein sog. Meltdown des Finanzsystems ablaufen.

    Da muss man kein Prophet mehr sein.
    Ausgangspunkt: GR ist de facto zahlungsunfähig. Spätestens Mitte November....

    Tritt der Fall ein, fliegen mindestens ein paar europäische Banken auseinander (Dexia hat es defacto ja schon erwischt)

    Dann kommen die französischen, dann die .....

    Dann die Staatshaushalte (ja dieses blöde "Würgen fürs Bürgen" auch ...)

    Dominoeffekt halt. Dumm.
    ____________________

    Die Lage erinnert mich bildlich irgendwie an Monoploy:
    einige Mitspieler sind zwar Pleite, kriegen aber Geld vom Mitspieler geliehen, damit sie weiter am Tisch sitzen können. Das kann gut gehen, blöd wird aber, wenn der Ausleiher (Geber) auf einmal selbst auf ein teueres Fld kommt und keine flüssigen Mittel hat....

    ____________________

    Zum Thema: was bringt den nun ein 60% Haircut ?
    Wenn man das als unmittelbare Folge das Bankensystem stabiliseren muss (Stichwort "Zangskapitalisierung) einen Zeitgewinn, aber wirklich mehr ?

    M. A. löst auch das kein Problem, die Schulden liegen halt dann "beim Staat". Und die kommen ja bekanntlich auch schon unter einer nach dem anderen unter Druck, siehe CDS.

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  12. Gutes Interview

    Wirtschaftsprofessor fordert stärkere Bankenaufsicht - Hans-Peter Burghof zum Umgang mit gefährdeten | Interview | Deutschlandfunk
    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1578761/

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