Der Banken-Marsch in Europa geht weiter

Altes Thema hier, aber ab und an immer eine Erwähnung wert, weil es den Politikern scheinbar nicht in Köpfe will: Die Banken trocknen immer mehr aus, wir sehen seit einigen Quartalen einen sich immer weiter beschleunigenden Bankrun.

Die Banken werden dabei direkt von mehreren Seiten unter Beschuss genommen. Das mag man mit einer gewissen Genugtuung zu Kenntnis nehmen, es wird dadurch aber eine deutliche Kürzung der Kreditvergabe folgen. Und dann wird die kommende Rezession nicht mild und kurz (wie es der Konsens aktuell noch sieht), sondern womöglich tief und lang (das ich zunehmend befürchte).

Der aktuelle Bankrun ist aber kein klassischer Bankrun, bei dem die Menschen in langen Schlangen vor dem Bankschalter stehen (auch wenn es das gerade wieder in Lettland gibt). Er läuft schleichend ab. Die Kunden ziehen einfach nach und nach ihr Geld ab. Das gilt sowohl für Private wie auch für Unternehmen und Banken.

Zusammenfassend ablesen lässt sich das am besten an den Notkrediten, die die EZB den klammen Banken gibt. Diese sind sowohl in der Summe, die die Banken abrufen (247 Mrd. Euro), als auch bei der Anzahl der Banken (178) weiter gestiegen.

Euro-Krise: Banken leihen sich untereinander kaum noch Geld | Wirtschaft | ZEIT ONLINE

Diese aggregierte Zahl kann man relativ leicht in die einzelnen Bestandteile zerlegen.

Häufig wird der Interbankenhandel als wichtigster Einflussfaktor genannt. Es gab in letzter Zeit einige Meldungen von Banken, die ihre Geschäfte mit Banken in den Südländern deutlich reduziert haben. Mir fällt spontan die Citigroup ein.

IMHO wird der Liquiditätsabfluss bei den Banken aber oft zu stark auf den austrocknenden Interbankenhandel zurückgeführt. Diesen Teil gibt es sicherlich, den Banken fließen jedoch auch an anderen Stellen Gelder ab. Und zwar bei den Einlagen. Und hier in zwei Bereichen: Bei den Unternehmen und den Privaten.

a) Unternehmen: An die Meldung, dass Siemens begonne habe, Geld von französischen Banken abzuziehen und es direkt (über die eigene Banktochter) bei der EZB anzulegen, erinnern sich einige wohl noch (auch wenn die Nachricht IIRC nie wirklich bestätigt wurde).

Das war aber keine Einzelmeldung. Die Citigroup hat die Einlagen von "Nicht-Retail-Kunden" im Bankensektor aggregiert und festgestellt, dass in Italien im 3. Quartal

12 %

der Bankeinlagen abgezogen wurden, in Spanien 10%. Wohlgemerkt nicht auf Jahressicht, sondern innerhalb eines Quartals.

WSJ: Europe's Smart Money Votes With Its Feet (nur für Abonnenten, die anderen müssen die Überschrift in Google werden und sich dann durchklicken ..).

b) Privatkunden machen das gleiche, wenngleich in etwas eingeschränkterem Umfang. Sie sind halt relativ weitgehend bei einer Pleite der Bank versichert (auch wenn es natürlich leichtsinnig ist, sich auf Staatsgarantien zu verlassen). Bei Privaten kommt noch ein anderer Aspekt hinzu: Die Euros zu Hause werden bei einem Euroaustritt nicht zwangsweise in Drachmen (Escudos, Peseten oder Lira) umgewandelt.

Zusammen gibt das folgende beeindruckende Grafik, die mit aktuelleren Werte wohl noch beeindruckender wäre. Sie zeigt aber auch sehr schön, dass wir hier über kein neues Phänomen sprechen, das ganze läuft schon seit drei Jahren so ...


Creditwritedowns: Deposit Flight from euro zone periphery to Germany

Aber es ziehen nicht nur Unternehmen+Banken+Private ihr Geld ab, es wird für die Banken in den Südländern auch zunehmend schwieriger Geld einzusammeln.

Der möglicherweise größte Nachfrager für die kurzfristige Finanzierung, der aktuell schlapp macht, sind US-Geldmarktfonds. Diese haben den Anteil ihrer Investments, die  bei europäischen Banken liegen, auf 35% reduziert. So wenig wie noch nie, seit Fitch diese Zahlen erhebt. Der Anteil der in Europa investierten Gelder ist seit Mai um 42%(!) gesunken. Zur Einordnung: Das aktuelle Volumen der Geldmarktfonds beträgt 642 Mrd. Dollar, wir reden also über relevante Summen, sprich dreistellige Milliardensummen. Dass das relevant ist, sieht man schon am Stresstest der europäischen Bankenaufsicht, die für die europäischen Banken (in der ersten Version) 106 Milliarden Euro neuen Eigenkapitalbedarf errechnet hat.

ORF: US-Fonds ziehen Geld aus Europa ab

Die Banken sind daher ziemlich verzweifelt auf der Suche nach neuen Finanzierungsquellen.

Eine Sache, die wohl sehr gängig ist, ist die Verbriefung von Krediten. Leider finde ich die Story nicht wieder (sie stand im täglichen Marktbericht von HSBC Trinkaus), die das Phänomen in Spanien unter die Lupe genommen hat. Dort sind massenweise neue Hypothekenbonds aufgelegt worden (vergleichbar mit einem deutschen Pfandbrief, sprich eine Anleihe, die mit Hypotheken (und damit am Ende den Immobilien) besichert ist). Warum nehmen die Banken die Hypotheken aus den eigenen Büchern? Weil sie sich verbrieft als Hypothekenanleihe bei der EZB als Sicherheit hinterlegen lassen und die Banken sich darüber Bares beschaffen können. Wenn ich es richtig im Kopf habe, ist das Volumen der Hypothekenanleihen in Spanien gegenüber dem Vorjahr sogar gestiegen, es ist aber keine einzige Anleihe an die Börse gebracht worden. Es wird also ausschließlich für die Hinterlegung bei der EZB verbrieft. (Eigentlich wäre das genug Stoff für einen eigenen Artikel). Das läuft ziemlich komplett unterhalb des Wahrnehmungsradars der Medien, auch wenn das eindeutig bestätigt, dass den Banken in den Südländern bis auf die EZB alle anderen Refinanzierungsquellen fast vollständig weggebrochen sind.

Die zweite Geschichte, die sich abzeichnet: Die Banken der Südländer treten als Geldmarktkonto-Banken in den Nordländern an. Natürlich mit Kampfzinsen wie damals bei den isländischen Banken Kaupthing und Konsorten. Wenn man in der Heimat zu 4 oder 5% kein Geld mehr bekommt, versucht man es halt mal im Norden, wo 3% schon ein Angebot sind, mit dem man sich an die Spitze der Vergleichslisten setzen kann.

Das probiert jetzt die IW-Bank, die Direktbanktochter der fünftgrößten italienischen Bank UBI Banca. Diese bietet deutschen Kunden jetzt 3% auf täglich verfügbares Geld an. Gegen eine Pleite versichert sind aber nur Einlagen bis maximal 100.000 Euro pro Konto. Und dabei wäre dann auch noch die Frage, wer die Summe im Fall der Fälle bezahlt. Der italienische Staat? Dieser zahlt inzwischen selber mehr als 7 Prozent Zinsen (siehe Italien mit inverser Renditekurve - egghat's not so micro blog), wird von den Märkten also auch nicht mehr als sonderlich solvent angesehen ...


FTD: Kampf ums Tagesgeld

Den Südbanken schwinden also die Einlagen und gleichzeitig versiegen die Refinanzierungsquellen.

Und wenn Euch das alles noch nicht negativ genug war ... Die Bilanzen kommen noch von einer ganz anderen Seite unter Druck:

Die italienischen Banken sitzen scheinbar auf immer mehr schlechteren Krediten. 100 Milliarden statt 70 Milliarden wie vor einem Jahr.

Der Standard.at: Italiens Banken sitzen auf einem Vulkan

Ich würde ja jetzt noch irgendwie Hoffnung machen wollen, weiss aber echt nicht wie. Wir sehen in den Südländern einen seit mehreren Quartalen anhaltenden Bankrun, wie man ihn schon vorher (und sehr zeitnah) in Irland beobachten konnte. Irland hat das am Ende unter den Rettungsschirm gezwungen. In Griechenland ist der gesamte Bankensektor schon vor dem 50%-Haircut für die Griechenbonds pleite, danach aber erst Recht. Auch hier hat die staatliche Unterstützung für den Bankensektor die Pleite des Landes zumindest maßgeblich beeinflusst, wenn nicht sogar ausgelöst Und jetzt sehen wir die gleiche Nummer in Italien (bereits ziemlich deutlich) und in Frankreich (noch ziemlich verhalten) und unsere Politiker streiten sich nur und zocken um eine Lösung. Diese wird aber nur jeden Tag teurer und teurer ...

Kommentare :

  1. 1000 mal langsamer und noch unaufhaltbarer.

    Ich hoffe, du kommentierst bis zum Ende (so wie die Musiker im Film)!

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  2. Upps, die Überschrift sollte sein: Wie der Untergang der Titanik.

    Vielleicht geht sich das neue Ende sogar mit dem 100 JahrJubiläum aus. ;-)

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