Wie viele Deutsche arbeiten eigentlich auf Mindestlohnniveau?

Die Zahlen habe ich vor einiger Zeit mal gesucht, interessanterweise an den einschlägigen Stellen (Destatis, BA) nichts gefunden. Es ist ja nicht ganz uninteressant, zu wissen, bei welchen Lohnhöhen man über wie viele Betroffene spricht.

Die Zahlen scheint es in der Tat von keiner offiziellen Stelle zu geben, sondern nur aus dem Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der/meiner Universität Duisburg-Essen. Leider auch (wohl weil kein Zugriff auf die Originaldaten möglich war) nur auf Basis der Daten aus dem Jahr 2009. Aber immerhin besser als gar nichts.

Also zu den Zahlen:

1,2 Millionen Arbeiter in Deutschland verdienen weniger als 5 Euro die Stunde.
3,6 Millionen verdienen weniger als 7 Euro die Stunde.
5,8 Millionen verdienen weniger als 8,50 Euro pro Stunde.

Dabei wurden nur normale Arbeitsverhältnisse untersucht. Nebenjobber, Schüler, Studenten, etc.  fielen raus. Wahrscheinlich alles, was nicht sozialversicherungspflichtig ist (das könnte auch einen Hinweis auf die Datenquelle liefern). Was in den Zahlen ebenfalls fehlt, sind die Scheinselbstständigkeiten, wie zum Beispiel die Friseusen, die auf eigene Rechnung in einem Friseursalon arbeiten (ähnlich Putzfrauen, Paketauslieferer, ...)

Ich muss sagen, dass die Zahlen höher sind als ich erwartet hätte, vor allem wenn man berücksichtigt, was in den Zahlen noch alles fehlt. Bei einer Grenze von 7 Euro reden wir immerhin schon über fast 9% der Beschäftigten, ergo jeden Elften. Bei 8,50 wie ihn die Gewerkschaften fordern, schon über etwa 14%, ergo jeden Siebten.

Spricht das jetzt für oder gegen die Einführung eines Mindestlohns, bzw. für oder gegen einen hohen Mindestlohn?

Schwierig, weil niemand genau sagen kann, was bei der Einführung eines Mindestlohns passiert. Die Modelle und Berechnungen, die in diesem Zusammenhang durch die Gegend posaunt werden, sind teilweise an Primitivität nicht zu überbieten.

Teilweise werden selbst simpelste Effekte, wie sinkende Nachfrage durch steigende Preise nicht berücksichtigt. Und diesen Effekt gibt es, die Frage ist nur, wie stark dieser ist. Auch der Effekt, dass bisher offiziell nachgefragte Arbeit in Schwarzarbeit (oder Scheinselbstständigkeit) umgewandelt wird, wird ignoriert. Auch dieser ist sicherlich da, nur weiss niemand, wie stark er sein wird.

Auf der anderen Seite führt ein höherer Mindestlohn zu höheren Einkommen. Bei Menschen, die bisher über Hartz IV ihren Lohn aufstocken mussten, spart der Staat so Geld für die Aufstockung (und könnte Steuern oder Sozialabgaben senken). Auch bei den Menschen, die bisher nicht aufgestockt haben (Partner verdient genug), führt ein höheres Einkommen zu mehr Konsum und damit wieder zu mehr Nachfrage und neuen Arbeitsplätzen. Das sind die (volkswirtschaftlich) positiven Effekte.

Niemand weiss, wie sich die beiden Seiten der Medaille entwickeln, weil niemand die Zahlen kennt, die man in die Modelle stecken muss. Am Ende auch, weil niemand weiss, wie die Menschen reagieren: Driften 2, 5 oder 10% der Frisösen in die Schwarzarbeit ab? Gehen die Leute nach den fälligen Preiserhöhungen im Durchschnitt 2, 3 oder 5 Tage später zum Frisör?

Im Endeffekt kann man hier nur testen. Wer auf einen Schlag 8,50 einführt, geht IMHO ein unkalkulierbares Risiko. Wer sich komplett gegen einen Mindestlohn sperrt, ist ebenfalls dumm. Wer wirklich meint, dass ein Lohn von 5 Euro fair ist, muss irgendwo den Schuss nicht gehört haben.

3,6 Millionen verdienen unter 7 Euro

Zum Schluss noch eine Sache, die ich leider immer noch nicht mit Zahlen auffüllen kann. Es wird bei der Diskussion immer davon gesprochen, dass man von 7 Euro nicht leben kann. Stimmt. Die andere Frage ist aber, ob man davon leben können *muss*.
Denn die Hartz IV Idee ist am Ende ja eine Art Kombilohn, bei dem der Staat zu niedrige Einkommen auffüllt. Ob ein Einkommen "zu niedrig" ist, hängt aber nicht nur vom Lohn, sondern auch von den Lebensumständen der Betroffenen ab. 7 Euro sind für eine alleinerziehende Mutter mit Kind in München natürlich zu wenig, für einen Single in der Uckermark aber nicht. Genauso sind 5 Euro eigentlich indiskutabel, nur sind 5 Euro die Stunde für den *Zweit*-*Zusatz*-Verdienst u.U. gar nicht so schlecht. Schließlich muss nicht jeder von den 5 Euro überleben, nicht jeder muss/kann den 5-Euro-Stundenlohnjob über Hartz-IV aufstocken.

Das würde mich ja auch brennend interessieren: Wie viele von den oben genannten 1,2 Millionen 5-Euro-Jobbern bekommt auch Hartz IV und wenn ja wie viel. Erst wenn man diese Zahlen noch wüsste, könnte man die Nummer (halbwegs) sauber durchkalkulieren.

Aber so ist die Diskussion lustiger. Man kann wild spekulieren, sich Sachen an den Kopf werfen, die einem in den Kram passenden Studien zitieren, die anderen Studien ignorieren ... Und jetzt kloppt Euch  und mich ...

Kommentare :

  1. hallo egghat,

    das ganze ist doch, wie ich finde, eher ein moralisches denn ein finanzielles 'problem'. ich geb mal ein beispiel, von dem ich mir nicht habe vorstellen können, das es sowas gibt. ein guter freund, eine geschichte aus erster hand:

    studium abgebrochen, ziemlich am ende, (geringe)schulden. wollte struktur für sein leben. hatte schon mal bei dhl gearbeitet, eine firma (sub.) hat ihn angestellt als fahrer für tnt, pakete ausliefern. morgens um sechs im depot, auto laden, abends um acht wieder zu hause. acht stunden bezahlte arbeit, für minimum 12stunden getane arbeit. mittagspause, zwischen pakete ausliefern und pakete einsammeln drei stunden, irgendwo im nirgendwo, unbezahlt. krank? unbezahlt. kein urlaub. letztlich ein stundenlohn von unter drei euro. die firma hat ihm die hälfte des lohns schwarz gezahlt, freitags kam der benz in den hof, fenster runter und die scheine in die hand gezählt.

    seine neue firma macht die gleiche arbeit in ok, der betriebsrat(!) dort hat ihm aber dringend abgeraten, wegen ausstehendem lohn oder der entgangenen sozialabgaben (rente!) etwas gegen den mitbewerber zu unternehmen, er könne vielleicht sich, aber nicht seinen angehörigen schützen. deutschland 2011. oder frag mal die rumänen in den zerlegungsbetrieben... incl. homestay im container vom chef.

    all die schmutzigen geheimnisse unser gesellschaft. leistung muß sich wieder lohnen, das sagst du auch nur, wenn du an der spitze der nahrungspyramide stehst. der arbeiter konkurriert stets mit dem bangladeshi, der manager (der uns das so schön erklärt) muß selber aber usa gehälter bekommen, weil sonst: braindrain.
    also ich schicke meine fenster demnächst zum putzen auf die phillipinen. diese ganze diskussion ist so verlogen, dazu paßt doch schön, das es keine zahlen gibt. aber die menschenwürde ist trotzdem ein starkes argument, grade wenn es diese zahlen nicht gibt. probieren wir es doch aus.

    beste grüße,
    r.sester

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  2. und auch die cdu hat ein einsehen:

    http://www.der-postillon.com/2011/11/cdu-wirtschaftsflugel-signalisiert.html

    "Wir sehen einen Mindestlohn von null Euro als ein Kompromissangebot, das den Arbeitnehmerflügel zufriedenstellen sollte", erklärte CDU-Mittelstandspolitiker Josef Schlarmann gegenüber dem Postillon. "Denn auch wir finden, dass Löhne, die darunter liegen, fast schon als sittenwidrig bezeichnet werden können."

    BÄM!

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  3. @r.sester:

    Du hast völlig recht, aber über 3 Euro müssen wir nicht diskutieren, auch nicht über 5. Das ist inakzeptabel. 10 Euro (IMHO) aber auch, weil das Risiko viel zu hoch und uns u.U. da ne Mio. Arbeitsplätze bei verloren gehen ...

    Außerdem beschreibst du in deinen Beispielen dummerweise die Sachen, die man auch in Zukunft über einen Mindestlohn kaum zu fassen kriegt. Das ist alles asoziale Ausbeutung, aber die Tricks funktionieren unabhängig von der Höhe des Mindestlohns ...

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  4. @anonym: Ich fand die Stelle mit den negativen Löhnen noch besser :-)

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  5. 'an die inflation angepaßt', geiler artikel oder!? der postillion macht wieder wie so oft die besseren nachrichten.

    die tricks sind mit einem mindestlohn nicht zu fassen, da geb ich dir recht. aber das ein geschäftsmodell wie das der pin-gruppe (briefeaustragen für kleines geld und den zu leben nötigen rest vom staat aufstocken lassen) überhaupt disskutierbar ist, spricht doch bände über den zustand der gesellschaft.

    beste grüße,
    r.sester

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  6. Moin,

    ich habe die Frage auch schon an diverse FDPler gestellt:

    "Wenn der Staat aufstockt, wieso soll ich dann mehr bezahlen, selbst wenn ich kann ? "

    Ich bin selbstständiger Gastronom, und zahle was ich kann. Das es Kollegen gibt, die drücken bis der Arzt kommt halte ich schlicht für Wettbewerbsverzerrung.
    Das es überhaupt die Möglichkeit gibt so wenig zu bezahlen bestraft die seriösen Unternehmer.

    gruß, UL

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  7. Was mich mal interessieren würde, was aber von den Mindestlohn-Befürwortern niemals jemand sagt: Wo hat denn ein Mindestlohn wirklich mal ein soziales Problem gelöst? Wo hatte man in den USA, in UK, in Frankreich eine soziale Gruppe mit wirtschaftlichen Problemen, die nach der Einführung des Mindestlohns (oder nach seiner Erhöhung) beseitigt worden sind? Das ist doch eine ganz entscheidende Frage, die empirisch beantwortet werden muß, bevor man die existierenden Probleme durch einen Mindestlohn einfach in andere Bereiche abschiebt.

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  8. Beim Mindestlohn geht es nicht um die Lösung eines/des "soziales Problem(s)" oder?

    Sondern um Lohndumping zu vermeiden, den Leuten mehr Geld für den Konsum effektiv zu lassen und faire(re) Bedingungen im Wettbewerb sicher zu stellen.

    Wie sollte sich damit eine/das "soziale Problem" lösen lassen?

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  9. Die Formulierung im Start-Artikel "weniger als" verwirrt mich.

    Haben wir insgesamt 10,6 Mio Menschen, die weniger als 8,50 EUR/Stunde bekommen?

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  10. hallo tim,

    'Wo hat denn ein Mindestlohn wirklich mal ein soziales Problem gelöst?'

    wo hat den ein obzön hohes gehalt je wirklich mal ein soziales problem gelöst? was nicht davon abgehalten hat diese zu zahlen. da fragt auch keiner nach, ob 'Das [...] eine ganz entscheidende Frage, die empirisch beantwortet werden muß' sei. quasi alternativlos, sonst hauen die alle ab, die leistungsträger. mit vollen hosen kann man gut stinken. auf dem glücksindex jedes jahr ganz oben: bangladesh. empirisch belegt von der london school of economcs:

    http://cep.lse.ac.uk/events/lectures/layard/RL040303.pdf

    da ist noch luft nach unten, UND die leute werden zufriedener. klassisches win-win. oder?

    beste grüße,
    r.sester

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  11. dolle sache, copy'n'paste. falscher link in der pipeline, sorry. hier der angedachte:

    http://www.daijiworld.com/news/news_disp.asp?n_id=57709&n_tit=London:+World+Happiness+Survey+-+Bangladesh+is+Happiest+Nation+in+World!+

    schön sind auch die kommentare.

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  12. @anonym (12:25):

    (wieso schreibt ihr immer anonym? Die Chance, dass der Kommentar im Spamfilter hängen bleibt, ist zigfach höher und beim Antworten hat man auch keinen @ den man sinnvoll füllen kann)

    Aber zur Frage:

    Ich verstehe das nicht addierend, sondern inkludierend. Also sind in den 5,8 Millionen auch die drin, die in den 1,2 Millionen (und 3,6 Millionen) auch schon drin sind. Also nicht 1,2+3,6+5,8 Mio.

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  13. Und zu Tim und den Anonymen dahinter:

    Der Mindestlohn wird schon als Lösung von sozialen Problemen verkauft. Als Lösung des Armutsproblems.

    Der Einwand ist daher durchaus gerechtfertigt.

    Es ist in Frankreich nach der Einführung von Mindestlöhnen zu einem messbaren Rückgang der Beschäftigung gekommen. Da darf man sich schon fragen, ob der Schuss dann nicht nach hinten losgeht und eine Aufstockung über den Staat nicht sinnvoller ist. Lieber 5 Euro vom Arbeitgeber und 3 darauf vom Staat als 7 Euro für's Nichtstun. (Wobei selbst das nicht so einfach gilt. Denn 200.000 Arbeitslose mehr könnten den Staat am Ende weniger kosten als 1 Millionen Aufstocker ... Aber das ist noch ne andere Diskussion).

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  14. Hallo,

    ich mach' auch mal mit:

    @#1:

    "...eine firma (sub.) hat ihn angestellt als fahrer für tnt, pakete ausliefern."

    Diese armen Hunde, das sehe ich auch fast jeden Tag, teilweise gehen die auf die 70 zu und müssen 'ran, weils sonst nicht reicht. Manche Arbeitgeber benehmen sich wie der allerletzte Rotz. Ich warte auf den Tag, an dem es die Quittung dafür gibt.

    @egghat, #3:

    "10 Euro (IMHO) aber auch, weil das Risiko viel zu hoch und uns u.U. da ne Mio. Arbeitsplätze bei verloren gehen "

    Vor ziemlich genau 20 Jahren habe ich als Ferienarbeiter 10 DM/h verdient und ich brauche keine Inflationstabellen um zu wissen, dass 10 DM damals mehr wert waren als heute 10 €. Die ganzen Millionen Arbeitsplätze möchte ich mal sehen, die dann verloren gehen. Mit Verlaub: Das ist Unsinn. Deutschland muss sich auf keinen Kostenwettlauf konzentrieren, den können wir nur verlieren.

    @UL: "aufstocken" ist schlicht: Meinen Angestellten vom Staat bezahlen zu lassen. Sowas nennt man üblicherweise: Schmarotzer.
    Andererseits: Ich gebe stets Trinkgeld; würden alle soviel geben wie ich, hätten alle Bedienungen alleine durch Trinkgeld mehr als 10€/h.

    @egghat (unten):

    "Es ist in Frankreich nach der Einführung von Mindestlöhnen zu einem messbaren Rückgang der Beschäftigung gekommen."

    Ich hatte in meinen Jahren in FRA immer so zwischen 40-45 Tagen Urlaub im Jahr, die haben dort ganz andere Probleme als den Mindestlohn.

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  15. @hardy:

    Die Mindestlöhne haben mit internationalem Wettbewerb wenig zu tun. Audi stellt keine (kaum) Mindestlöhner ein.

    Die Nachfrage danach kommt von woanders: Von uns allen. Beim Discounter, beim Frisör, beim Paketdienst. Und wenn die Löhne da steigen, wird das alles teurer. und das zahlen dann alle.

    Wie jetzt auch, nur über aufstockung, die durch steuern finanziert wird. Und mit etwas Glück ist letzteres progressiv und die Familie mit 2 Kindern und 2.000 netto zahlt in den Pott nix ein. Wenn das jedoch über die Preise beim Discounter bezahlt wird, zahlt die Familie mit 2.000 Euro netto das auch.

    ich weiss nicht, was fairer ist.

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  16. Die plötzlich wieder aktuelle Debatte um den Mindestlohn hat nur einen einzigen Zweck, denn auch die Deutschen sollen ihren Beitrag leisten, wenn es darum geht einheitliche europäische Regeln für die Wirtschaft festzulegen. Da es in den meisten europäischen Ländern schon einen Mindestlohn gibt, ist die Einführung nötig um gleiche Wettbewerbsbedingungen innerhalb Europas zu schaffen

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  17. Hallo egghat,

    "Beim Discounter, beim Frisör, beim Paketdienst."

    Dann kosten Discounter, Frisör, Paketdienst eben einen Scheffel mehr. Und man kann davon ausgehen, dass das Mehr an Geld komplett verkonsumiert wird, was uns allen zugutekommt; sei es durch Beschäftigungseffekte, sei es durch Sozialabgaben und MWSt.

    Darüberhinaus: Unser REWE zahlt auskömmliche Löhne und wird dadurch gegenüber den Discountern systematisch benachteiligt. Das kanns auch nicht sein! Machen wir es doch transparent: Der AG muss den Tarif angeben, dann ändert sich das ganz (!) schnell. Wie bei Lebensmitteln: Drauf, was drin ist! (Wenn Du jetzt sagst: "Das geht doch nicht!" erinnere Dich an Schiller - der hat eingeführt, dass Tankstellen den Preis weit sichtbar aushängen müssen - in Australien z.B. heute noch nicht üblich...)

    "Die Mindestlöhne haben mit internationalem Wettbewerb wenig zu tun."

    Das, die internationale Wettbewerbsfähigkeit, ist aber ein Hauptargument der AG für niedrige Löhne.

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  18. @Hardy:

    Ich habe auch nichts dagegen. Ich sage nur ganz wertfrei, dass die Familie mit 2 Kinder und 2000 Euro netto (die damit keine Einkommenssteuer zahlt) diese erhöhten Preise bei Frisör, etc. auch bezahlt. Denen tut der "Scheffel" richtig weh. Für die ist die 10 Euro Frisur was anderes als die 15 Euro Frisur. Und wenn sie 2000 Euro netto hat, wird sie vom Mindestlohn (auf der Einkommensseite) nicht profitieren.

    Die Mindestlohndebatte ist verlogen. Viele tun so, als hätte das keine negativen Auswirkungen. Andere tun so, als hätte das nur negative Auswirkungen.

    Verlogen ist es auch, mit internationaler Wettbewerbsfähigkeit zu argumentieren. Daher kommt die Nachfrage nach Billigjobs nicht. Der größte Teil kommt über die Binnennachfrage. Die gleichen Leute, die mit dem Billiglohn argumentieren, lamentieren an der anderen Stelle über Löhne für Industriearbeiter von 35 Euro die Stunde und mehr. Passt nicht so ganz zusammen ...

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  19. Genau, total verlogen.
    Wo bleibt die Gerechtigeit, keiner meckert weil zahntechnische Labore horrende Rechnungen für ihre Leistungen ausstellen. Zahnärzte und Radiologen sich goldene Nasen verdienen. Aber Frisösen müssen wenig verdienen, damit sich jeder Geringverdiener auch noch einen Haarschnitt leisten kann. Frisösen die von ihrem Geld gut leben können gehen nicht schwarzarbeiten.
    Es ist wie Volker Pispers es gesagt hat - die Unterschicht wird man ab jetzt an ihren Zähnen erkennen, aber Hauptsache die Haare liegen.
    Wovor hat man Angst? Dass die Geringverdiener höhere Löhne fordern, weil sie sich keinen Haarschnitt mehr leisten können. Sie meckern noch nicht einmal bei ihren Zähnen, also warum sollten sie es bei den Haaren tun. Es wird nur zu einer erhöhten Nachfrage bei den Langhaarschneider für die Heimfrisur kommen. Die ganze Debatte ist absurd, denn wenn etwas teuer wird, finden die Menschen immer Wege auszuweichen.

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  20. Hallo Alle,

    ich zitiere WGN aus dem Gedächtnis: "Ein Unternehmer will eigentlich, dass alle Wettbewerber hohe Löhne zahlen (Nachfrage für ihn) aber er selbst will geringe zahlen (Vorteile für ihn)." Und auch wenn das sich nach Gleichmacherei anhört: Eben dafür muss die Ordnungspolitik sorgen, dass im Lohnsektor kein Dumping möglich ist. Dass, im Gegenteil, jemand genau dann einen Vorteil im Wettbewerb hat, wenn er besser kocht/managt/einkauft/verkauft/produziert/forscht/bedient/ was-weiß-ich, aber eben NICHT, indem er seine Kosten drückt durch Lohndumping. (Das ist übrigens etwas furchtbar unintelligentes - wenig zahlen kann wirklich jeder Idiot.)Dann macht das irgendwann nämlich jeder, die aggregierte Nachfrage sinkt. Das bemerken wir seit zwei Jahrzehnten.

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  21. Hardy:

    Alles richtig: ABER es ist nicht nur der Unternehmer, der *will*, dass der Lohn sinkt (bzw. niedrig bleibt). Das sind ja nicht alles Är****, die ihre Mitarbeiter ausbeuten wollen. Die müssen (teilweise) auch, weil der Kunde beim billigsten kauft. *WIR* als Verbraucher sind auch Schuld ...

    Der Staat ist z.B. so ein besonders fieser Nachfrager, der grundsätzlich alles zum billigsten Preis nachfragt. Ausschreibung - niedrigster Preis bekommt den Zuschlag. Ende.

    Mir ging es vor allem um eines: Ein Mindestlohn ist gesellschaftlich gewollt. Niemand will eigentlich, dass jmd. für 4 Euro die Stunde arbeiten muss. Nur sollten wir uns nicht vormachen, dass das keinerlei Kollateralschäden verursacht.

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  22. Hallo,

    "Die müssen (teilweise) auch, weil der Kunde beim billigsten kauft. *WIR* als Verbraucher sind auch Schuld ..."

    Genau die Verbraucher, die zu "Geiz ist geil" erzogen wurden? Ich kaufe nicht billig, ich kaufe preiswert: Ein Produkt kann extrem teuer sein wenn ich weiß, dass ich daran Jahre oder gar Jahrzehnte Freude habe (1). Auch dazu kann man Menschen "erziehen". Man kann Menschen übrigens auch dazu erziehen, lokale Produkte zu erstehen, weil das z.B. Arbeitsplätze in der Gegend sichert, weniger Laster auf der Autobahn bedeutet oder auch weniger Energieverschwendung oder CO2-Emission. All dies wurde allerdings sträflich vernachlässigt.

    "Niemand will eigentlich, dass jmd. für 4 Euro die Stunde arbeiten muss. Nur sollten wir uns nicht vormachen, dass das keinerlei Kollateralschäden verursacht."

    Wir sollten uns aber auch nicht vormachen, dass diese Niedriglöhne ebenfalls keine Kollateralschäden verursachen; und seien es auch nur die Kinder die ansehen müssen, wie sich ihre Eltern verrückt machen um alles irgendwie im Lot zu halten. Und deren "Ausschweifungen" wir alle zu tragen haben. (Und, nein - ich bin kein Sozi. Aber durch die (ehrenamtliche) Arbeit mit "speziellen" Jugendlichen erhält man einen etwas anderen Blickwinkel auf bestimmte Zustände; Zustände, die von speziell Konservativen schlichtweg geleugnet werden.)

    (1): Meine Trigema-Unterwäsche z.B. ist eher eine Jahrzehnt- statt Jahres-Sache. Da relativiert sich ein Preis von 20€ pro Unterhose schnell.

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  23. Kleines Würstchen21 November, 2011 00:50

    Wenn es einen Mindestlohn gibt, sollte es auch einen Höchstlohn geben. Begrenzung oben und unten, dann dauert es länger bis die Reichen reicher und die Armen ärmer werden.

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  24. socialism for the rich, free markets for the poor.

    steuergelder bezahlen bailouts und die verstaatlichung von banken, aber bitte harter wettbewerb auf dem arbeitsmarkt.

    nur weil geld wirkt wie ein naturgesetz, ist es trotzdem keins. neben der tauschfunktion bleibt es vor allem ein 1a machtmittel. deshalb vielleicht doch ein bedingungsloses grundeinkommen?

    die diskussion ist deshalb so verlogen, weil sie sich so hartnäckig an der kernfrage vorbeiwieselt: ist es legitim, das einige wenige über die lebenschancen vieler bestimmen? natürlich nein, das denkt auch jeder zivlisierte mensch, allerdings kommen dann besitzstandswahrung und kognitive dissonanz ins spiel, dann wird rumgewieselt - und auf 'die märkte' verwiesen.

    beste grüße,
    r.sester

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