Arm-stirbt-eher-"Studie" der Linken nur ein Statistik Fail?

Es ging durch alle Medien (z.B hier "Völlig dramatisch": Geringverdiener sterben früher - Leben & Stil - sueddeutsche.de), auch ich habe gestern auf Twitter darüber diskutiert.

Aber wie so oft bei Statistiken ist es fahrlässig über (vermeintliche) Ergebnisse zu diskutieren, wenn man sich die Statistik nicht im Detail angeschaut hat und *genau* weiss, was darin steckt ...

Und die Einordnung "oft" im Satz oben ist eigentlich auch noch durch "immer" zu ersetzen, wenn die Quelle des Ergebnisses im weitesten Sinne im Feld Politik anzuordnen ist. Denn dort wird fast immer versucht, mit Statistiken zu manipulieren ...

Gut, dass es noch Leute gibt, die auf solche Sachen nicht reinfallen ... Wie Björn Schwentker, der seine Einschätzung in einem sehr guten Artikel dargelegt hat (Danke an @Holgi für den Hinweis):

Lebenserwartung von Geringverdienern steigt

Die allerkürzeste Zusammenfassung ist: Nicht Genaues weiss man nicht. Die Aussage der Linken ist aus den Zahlen nicht seriös herzuleiten.

Detaillierter:

a) Wenn man (wie die Linke) die Zahlen der Deutschen Rentenversicherung nimmt, bekommt man zuallererst nur eine Aussage über die rentenversicherten Niedrigverdiener. Damit fehlen
  • die nicht rentenversicherten Niedrigverdiener (nie bzw. zu wenig gearbeitet), 
  • die nicht rentenversicherten Besserverdiener,
  • Frauen fehlen übrigens (bei der Linken, nicht bei der DRV) komplett,
  • und alle bereits vor dem 65. Lebensjahr Verstorbenen.
Schwentker spekuliert nicht darüber, in welche Richtung sich die Lebenserwartung ändern würde, wenn man dieser Personengruppen berücksichtigen würde. Auch ich lasse das, wichtig ist nur, dass in den Zahlen, die die Linke als Basis genommen hat, nicht alle relevanten Personen erfasst werden. Damit sind erste Zweifel angebracht.

b) Selbst wenn man die Zahlen der Deutschen Rentenversicherer nimmt, muss man Vorsicht walten lassen. Denn die Grundgesamtheit der Rentner ändert sich über den Zeitablauf natürlich und das ist in diesem Fall sehr entscheidend.

Wenn viele neue Rentner nachrücken, sinkt das durchschnittliche Alter der Rentner. Und damit sinkt die durchschnittliche Restlebenserwartung. Das hört sich erstmal sehr komisch an, aber nach der Lektüre des Artikels von Schwentker sollte das klarer werden. Wenn nicht, bohre ich das mit einem Beispiel nochmal weiter auf.

Achtung: Die Zahlen sind Wurscht, es geht nur um die Veränderung der Verteilung ...

Angenommen wir haben 200 Rentner, die 65, 100 die 75 und 30 die 85 Jahre alt sind. Die Sterbewahrscheinlichkeit beträgt 1%, 5% und 10% für die jeweiligen Altersgruppen (stimmt sogar grob).

Dann sterben 2 der 65jährigen im laufenden Jahr,  5 der 75jährigen und 3 der 85-jährigen. Damit ist die durchschnittliche Lebenserwartung 12 Jahre (((2*1)+(5*11)+(3*21))/10).

Kommt nun ein Schwall von jungen Rentnern hinzu und wir haben nun 300 65-jährige, 100 75-jährige und 30 85-jährige (die Sterbewahrscheinlichkeit ändert sich keinen Deut), sterben nun 3 der 65-jährigen im laufenden Jahr,  5 der 75-jährigen und 3 der 85-jährigen. Damit ist die durchschnittliche Lebenserwartung 11 Jahre (((3*1)+(5*11)+(3*21))/11), also ein ganzes Jahr niedriger.

Selbst wenn die 65-jährigen wesentlich seltener sterben als die 85-jährigen, reicht allein der Anstieg der Zahl der jungen Rentner aus, um die durchschnittliche Restlebenserwartung zu senken.

Interessant, gell?

Zusammengefasst kann man die Aussage, die die Linke getroffen hat, aus den Daten, die die DRV (bis dato) zur Verfügung gestellt hat, nicht ableiten. Sowohl die ganzen fehlenden Menschen, die in Punkt a stecken, als auch die statistischen Effekte, die ich (hoffentlich verständlich) in Punkt b erklärt habe, lassen eine solche Ableitung unseriös erscheinen ...

Glaube keiner Statistik, die du nicht selber verstanden hast ...

Schwentker erklärt auch noch schön, dass die von der DRV errechnete Lebenserwartung sich schon deutlich von der Restlebenserwartung (die die Linke verwendet hat) unterscheidet. In einem Zeitraum, in der die Linke schon einen Rückgang errechnet hat, kommt die DRV sehr wohl noch auf eine steigende Lebenserwartung.

Eine wichtige Anmerkung zum Schluss: Die grundsätzliche Kritik, die die Linke äußert, mag durchaus gerechtfertigt sein. Denn wenn man die Zahlen (und zwar alle) nimmt, steigt die Lebenserwartung der Niedrigverdiener zwar, aber wohl langsamer als die der Normal- und Besserverdiener (alles unter Vorbehalt, weil die Zahlen zur Lebenserwartung nur bis 2006 vorliegen). Auch das schon wäre ein Anlass für politisches Handeln, die Aussage, dass die Lebenserwartung der Niedrigverdiener sinkt, stimmt trotzdem nicht.

Wer Lust hat, kann den Effekt ja mal mit den richtigen Werten aus der Sterbetafel und der wirklichen Altersverteilung der Bevölkerung durchrechnen.

destatis.de: Amtliche Sterbetafeln (PDF)

(Wenn mir das jemand bezahlt, mache ich das auch ...)

Bin mal gespannt, wie viele Medien jetzt diesen Disclaimer bringen und wie viele den alten "völlig dramatisch"-Artikel, auch wenn er eigentlich nicht zulässig, womöglich sogar falsch ist, einfach unkommentiert stehen lassen ...

Kommentare :

  1. Kontext - John Maynard Keynes - Der glamouröse Ökonom
    http://pod.drs.ch/mp3/kontext/kontext_201112141002_10204626.mp3

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  2. http://detektor.fm/politik/statistiker-bosbach-geringverdiener-sterben-tatsaechlich-frueher/

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  3. @anonym:

    Meine Überschrift ist irreführend (shame on me).

    Die Aussage, dass arm eher stirbt als reich, ist ja gar nicht die, die hier getroffen wird. (wobei das wahrscheinlich stimmt, allein schon weil die Berufe der niedrigen Einkommensklassen im Schnitt körperlicher und damit gefährlicher sind ...)

    Die Aussage der Linken war: Die Lebenserwartung für Niedrigverdiener sinkt. Und das ist eine andere Aussage.

    Wenn der Statistikprof jetzt darauf so antwortet, führt das in die Irre. Die Aussagen von dem finde ich eh ziemlich schwach ...

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  4. Guter Beitrag. In den Mainstream-Medien gibt es immer weniger Journalisten mit Anspruch. Es gibt dafür immer mehr Abschreiber. Copy & Paste, ein großes Bild dazu und die Seite ist voll. Recherche können die gar nicht mehr.

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  5. Danke!

    Wobei der Flattr Klick beim Schwentker gemacht werden sollte, der hat's gerade gerückt.

    Interessant ist übrigens, dass ich bisher nirgendwo einen Disclaimer-Artikel gelesen habe. Die erste Studie hatten alle, die Nachfragen erfolgen nur sehr sehr sporadisch und oft nur lasch ...

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  6. Das stimmt zwar alles was Du sagst und vorrechnest. Wenn 200 anstatt 100 neue "junge" Rentner in die Gruppe kommen (wie du berechnet hast), kommst Du wahrscheinlich auch auf diese 2 Jahre Rueckgang in "Lebenserwartung" fuer diese Gruppe der Niedrigverdienenden.

    Aber, das wirft natuerlich andere Fragen auf.

    (1) Warum ist es gerade diese Gruppe der Rentner (die mit wenig Rente), die so extrem ansteigt?

    (2) Und wenn ich zu der Gruppe gehoere, stimmt immer noch, dass ich (statistisch gesehen als Rentner der zu der Gruppe der niedrig verdienenden gehoert) 2 Jahre weniger Rente beziehen werde, ab meinem 65. Lebensjahr, als noch vor etwa 10 Jahren. Im Durchschnitt. (Weil sich die Gruppe jetzt anders zusammensetzt.)

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  7. zu 1) weiss nicht genau, worauf du hinaus willst ...

    zu 2) Fehlschluss (wenn ich dich richtig verstehe). Die durchschnittliche Lebenserwartung ist doch nicht relevant für die Diskussion, weil ich mit dem Beispiel zeigen wollte, dass sich die Lebenserwartung der 65jährigen eben NICHT geändert hat. Der 65jährige lebt genau so lange wie vorher, genau wie der 75jährige und der 85jährige. Die Durchschnittsangabe ist (IMHO) komplett sinnfrei. Für die individuelle Lebenserwartung soweiso, aber IMHO selbst für irgendwelchen Rentenprognosen (auch da wird man die Jahrgänge einzeln betrachten müssen).

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  8. .....wobei das wahrscheinlich stimmt, allein schon weil die Berufe der niedrigen Einkommensklassen im Schnitt körperlicher und damit gefährlicher sind ...

    Mit Wahrscheinlichkeiten kommen wir leider nicht weiter, daher lohnt es sich einmal hier zu blättern:

    http://www.sueddeutsche.de/leben/lebenserwartung-von-geringverdienern-nordic-walking-ersetzt-sozialpolitik-1.1236074


    Und was das Sinken der Lebenserwartung für Niedrigverdiener betrifft, hier ein Beispiel aus den US:
    http://www.plosmedicine.org/article/info:doi/10.1371/journal.pmed.0050066

    http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=32125

    und zum generellen Thema der Überschrift:

    http://www.guardian.co.uk/society/2010/jul/02/poor-in-uk-dying-10-years-earlier-than-rich

    Fragen über Fragen:

    Aber akribische Antworten habe ich leider noch nicht gefunden :-)

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  9. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/lebenserwartung-sieben-gruende-warum-arme-frueher-sterben-11567429.html

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  10. Also egghat Du baust ganz schön ab, so schön dieser Statistikfail auch sein sollte, die Headerline "Arm stirbt eher - Nur ein Fail" ist Quark weil schlicht ein Fakt, das ist auch schon seit Jahrhunderten bekannt, genauso wie die Wahrheit das Gutverdiener seit Anbeginn der Rentenkassen von den Niedriglöhnern subventioniert werden, weil die viel mehr und viel länger Rente beziehen.

    Die Lebenserwartung wird auch sinken, ob und wie man das statistisch nachweisen will oder kann ist irrelevant, da logisch zwingend.

    Grüße,

    KP

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  11. Ach ja, wenn Du mal etwas Innovatives machen willst, frag mal nach wie die Rente genau berechnet wird, immerhin ist die kürzere Bezugsdauer des Bodensatzes ja schon länger bekannt, da sollte ja eine etwas höhere Rente drin sein oder was?

    Das wäre mal eine interessante Frage nicht so ein: Die LINKEN können wie alle anderen nicht rechnen - Scheissdreck!

    Wir wissen doch alle schon lange das nur Not gegen Elend kämpft.

    Grüße,
    KP

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  12. @KP:

    Die Überschrift ist arg verkürzend, aber ich kann das Thema nicht mit einer korrekten Überschrift einleiten, weil die a) woanders auch nur falsch kam und dann niemand versteht, worum es geht und b) die Überschrift nur eine bestimmte Länge haben kann.

    Es geht mir nur um eine Tatsache:

    Der Typ von der Linken sagte: Lebenserwartung der Niedrigverdiener sinkt. Diese Aussage kann man aus den Daten aber nicht ziehen. Es geht nicht darum, dass die Aussage falsch ist (und womöglich sogar richtig sein könnte), es geht darum, dass man sie nicht treffen kann. Das heisst u.a. eben auch, dass es mglw. sogar noch viel schlimmer sein könnte, weil viele Niedrigverdiener schon vor Erreichen der Rente wegsterben (die fehlen in der Statistik!).

    Davon unabhängig ist aber die Aussage, dass Niedrigverdiener früher sterben als Besserverdiener. Das ist ja Fakt, auch wenn man hier über die Ursachen lange diskutieren kann (siehe den in den Kommentaren schon verlinkten FAZ Artikel, den ich im Übrigen nur teilweise teile).

    Jetzt kannst du natürlich sagen, ich diskutiere hier über einen unwichtigen Randaspekt (nach dem Motto: reicht es nicht, wenn die Niedrigverdiener früher sterben als die Besserverdiener). Aber a) ich habe das Thema nicht auf den Tisch gebracht, b) ich habe das nicht dramatisiert (wie die Typ von der Linken) und c) ich bin auch nicht für die breite Pressereaktion darauf verantwortlich.

    Übrigens: Wer hat denn den Disclaimer gebracht, dass man auf Basis der Statistik die Aussage "Niedrigverdiener sterben jetzt früher als vor einigen Jahren" nicht treffen kann? Kaum jemand. Deshalb schreibe ich dann solche Artikel. Dabei geht es mir nicht um die politische Interpretation, sondern um die Darstellung von richtiger oder falscher Statistik.

    Zum Schluss:

    Die Berücksichtigung der Rendite der Rentenkasse unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebenserwartungen ist eine interessante! Hast du Infos dazu?

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  13. "Die Berücksichtigung der Rendite der Rentenkasse unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebenserwartungen ist eine interessante! Hast du Infos dazu?"

    Ja eben nicht... gibt es wohl auch nicht.

    Übrigens ob die Lebenserwartung aktuell und im Schnitt überhaupt noch steigt ist unklar, denn besser wird die medizinische Versorgung nur noch sehr dezent und wenn dann wohl eher für Privatpatienten. Zusammen mit der Absenkung des Renteniveaus und dem Ausbau des Billiglohnsektors ist es nur eine Frage der Zeit wann die wieder sinkt und das ist politisch auch so beabsichtigt, meine Meinung.

    Grüße,

    KP

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  14. Man muss dafür direkt die Sterbedichten vergleichen (Input für Markov Modell um die Sterbewahrscheinlichkeiten zu berechnen). Man musste also erstmal mind 2 Gruppen aus der allg. Statistik diskriminieren (da helfen die ohnehin verzerrten Sterbetafeln des Bundes nix). Man bräuchte quasi alle historische Daten der Finanzämter (und Arbeitsämter) um das Einkommen da reinzubasteln. Ist rechtlich heikel.

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  15. @nigecus:

    Warum so detailliert?

    Wenn in politischen Diskussionen übe die niedrige Rendite der Rente für Besserverdiener lamentiert wird, müsste man mindestens die höhere Lebenserwartung mal dagegen rechnen. Das müsste man mit Quintilen auch hinbekommen ...

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