Verlierer des Jahres 2011

Ich beginne wie üblich mit den Leuten, die ich am Ende nicht gewählt habe

Nicht geworden ist es Middelhoff, auch wenn die FTD Wiwo die schlechtesten Managementleistungen des Jahres inzwischen in Middelhoffs misst ;-) 10 von 10 Middelhoffs schafft aber nur den Namensgeber selber ... (siehe Middelhoffs neue Erben: Die schlechtesten Managementleistungen des Jahres - Management - Erfolg - Wirtschaftswoche). Der bekommt von mir irgendwann einen Lifetime-Award für "jedes Jahr wieder auf der Liste sein" ...

Auch nicht gewählt habe ich Leo Apotheker, der es immerhin geschafft hat, den Börsenwert der altehrwürdigen Hightech-Ikone HP in seinen 10 Monaten Amtszeit pro Tag um knapp 5 Millionen Dollar zu verringern und sich für diese Leistung knapp 20 Millionen Dollar Gehalt zu genehmigen (siehe Ich habe versagt! Macht 10 Millionen bitte. - egghat's not so micro blog). Und man muss bei Apotheker bedenken, dass er Wiederholungstäter ist und vorher satte 9 (!) Monate Chef von SAP war ... Das ist eigentlich eine Nominierung wert ...

Ebenfalls nicht wählen wollte ich Karl-Theodor zu Guttenberg, weil dieser mit seinem Comeback kurz vor dem Jahresende bewiesen hat, dass er eben noch nicht am Ende ist.

OK, Westerwelle ist es auch am Ende, aber den hatte ich ja im letzten Jahr schon auf den Thron gehoben (Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Verlierer des Jahres 2010)

Ein anderer heißer Kandidat aus der Finanzwelt war der Hedgefondsmanager John Paulson, der 2007 und 2008 mit Milliarden-Einkommen in den Ranglisten der bestverdienenden Fondmanager weit vorne lag, in diesem Jahr aber in seinen beiden klassischen Hedgefonds etwa 40% Minus eingefahren hat. Beteiligt war er unter anderem an Sino Forest (siehe FTD mit Sino Forest Geschichte - egghat's not so micro blog). Aber fast noch besser: Sein neuer goldbasierter Hedgefonds hat es geschafft, Mitte Dezember, zu einem Zeitpunkt als der Goldpreis noch etwa 13% im Plus lag, ein Minus von gut 10% aufzuweisen.

Aber all diese Hedgefondsheinis, Mismanager und sonstigen Graupen kann ich dieses Jahr nicht küren (aber an Euch: haltet den Kurs, 2012 gibt's eine neue Wahl!), denn das allesbeherrschende Thema war nunmal die Eurokrise. Und aus diesem Bereich muss ich die Wahl treffen.

Und wenn soll man da wählen? Die EZB (Trichet/Stark/...), die einige ihrer Grundsätze über Bord geworfen hat? Schwierig, weil ich die "unkonventionellen Maßnahmen" im Prinzip für richtig halte. Angela Merkel, weil sie mit ihrer sturen Politik maßgeblich zur Verschärfung der Eurokrise beigetragen hat? Fällt mir ebenfalls schwer, weil ich die am Ende erreichte Annäherung in der Fiskalpolitik innerhalb der Eurozone tendenziell für richtig (wenn auch nicht für ausreichend) halte. Oder einen Bankmananger? Ackermann? Blessing?

Nein, ich brauche einen klaren Verlierer. Einen der in richtig großen Dimensionen denkt. Und da fällt mir niemand anderes ein als

Silvio Berlusconi.

Und sei es nur, um ein paar Berlusconi Witze nochmal zu verlinken ;-)

Klarer Verlierer. Er war lange an der Macht, hat viele Skandale produziert, viele Gesetze für die Lösung seiner persönlichen Probleme produziert, aber vor allem hat er ein Land hinterlassen, das von einem der führenden G7-Staaten zu einem potenziellen Pleitekandidaten geworden ist. Und sich klar auf Platz 4 der Pleiteliste in der Eurozone geschoben hat, deutlich vor Spanien.

Italien muss nun 7% Zinsen für die zehnjährigen Staatsanleihen zahlen und trotz einer leichten Entspannung bei den kürzeren Laufzeiten liegt das deutlich über dem Niveau, das sich Italien leisten kann.

Die nun eingeleiteten Sparbemühungen werden das Land sicher in eine Rezession treiben und am Ende bleibt nur die Hoffnung, dass diese nicht zu tief wird und zu lange andauert. Denn wenn man schon im Fall von Spanien Angst haben musste, dass das Land zu groß für eine Rettung ist, ist bei Italien klar, dass das Land zu groß ist.

Dabei ist nicht das vorrangige Problem, dass das laufende Staatsdefizit Italiens so sonderlich groß wäre, sondern mehr die vergebenen Chancen in der Vergangenheit. Die niedrigen Zinsen, die Italien nach dem Eintritt in die Eurozone quasi geschenkt bekam, wurden zum überwiegenden Teil verfrühstückt und leider nur zum geringen Teil zur Schuldenrückführung genutzt.

Die italienische Wirtschaft hat zu wenig Innovationen vorzuweisen und gilt generell als verkrustet. Die Handelsbilanz, die noch Mitte der 90er Jahre deutlich positiv war, rutscht jedes Jahr tiefer in die roten Zahlen. Die Leistungsbilanz ist ebenfalls tiefrot, was auf Dauer den einzigen Pluspunkt, den Italien vorzuweisen hat, nämlich die relativ hohe Unabhängigkeit von ausländischem Kapital, deutlich schwächen wird.

Im PISA-Test ist Italien im Schnitt 4 Plätze zurückgefallen (und liegt auf den letzten Plätzen der industrialisierten Welt), während Deutschland etwa 7 Plätze gutgemacht hat (Wikipedia) und nun im oberen Mittelfeld liegt.

Und zuletzt, das kann angesichts der Wurzeln von Berlusconi nicht verwundern, kann Italien bei der Bekämpfung von Mafia und Korruption auch keine wirklichen Erfolge vorweisen ... Wert 2001 5,5; Wert 2011 3,9.

Da bleibt nur eines zu hoffen: Dass Berlusconi jetzt wirklich weg ist und nicht noch einmal zu einem Middelhoff-Guttenbergschen-Stehaufmännchen wird ... Und wenn 2012 ganz toll werden soll, möge ihn doch jemand erfolgreich vor ein Gericht zerren ...

Der Euro (bzw. der Druck der Märkte) hat auf jeden Fall schonmal Berlusconi zu Fall gebracht, es bleibt nur zu hoffen, dass Berlusconi sich nicht noch posthum rächt und den Euro zu Fall bringt ...

Update (18:37):

Habe die Erfindung der Einheit "Middelhoff" fälschlicherweise der FTD zugeschrieben, war aber die Wirtschaftswoche.

Kommentare :

  1. Ist Silvio Berlusconi wirklich der größte Verlierer des Jahres? Hat er nicht noch viel Macht oder gar eine dritte Amtszeit noch vor sich?

    Viel größere Verlierer scheinen mir Osama bin Laden, Muammar al Gaddafi oder auch Hosni Mubarak zu sein.

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  2. Der Verlierer des Jahres ist @egghat.Wer sich mit solchen idiotischen Fragestellungen beschäftigt hat schon verloren.

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  3. Ist bei dem Mafia-Wert ein höherer oder niedrigerer Wert besser? Wo kommen die Zahlen denn her?

    @Stephan: Danke für den Hinweis. Und jetzt troll Dich auf Seiten mit weniger idiotischen Fragestellungen. Oder werde etwas konstruktiver in Deiner Kritik.

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  4. @Wirtschaftsphilosoph:

    Ich will nicht hoffen, dass er mit 75 nochmal zurückkommt. Ich hätte natürlich auch Italien wählen können.
    Osama, Gaddafi etc hätten auch nicht zum Thema des Jahres gepasst: Dem Euro.

    @Markus:

    Zahlen sind von Transparency International (und nicht ganz unumstritten, weil so was wie Korruption schlecht messbar ist ...). Hoher Wert gut (10 ist max), niedriger schlecht (0 ist min).

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  5. Evtl von Interesse:
    https://fragdenstaat.de/anfrage/target-2-salden/

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