Gerüchte: Deutsche Banken unterstützen franz. Plan für Griechenschulden

Noch nicht bestätigt, aber vielleicht trotzdem ein Anlass, sich das mal genauer anzuschauen.

Die französischen Banken sollen angeboten haben, 50% der alten Griechenlandanleihen in neue umzutauschen. Diese sollen einen Zins in der Höhe der Zinsen des europäischen Rettungsfonds haben (5,7 bis 5,8%) und 30 Jahre laufen. Weitere 20% des Erlöses gehen in einen Fonds, der zur Absicherung der Griechenlandanleihen dienen soll. Dieser soll mit AAA Anleihen (also kommt nichts aus Griechenland infrage) bestückt werden. Es könnten Anleihen eines der Stabilisierungsfonds sein. Die restlichen 30% möchten die Banken lieber gleich behalten.

Die Banken wollen also nur die Hälfte des Geldes wieder in Griechenlandanleihen stecken. Ob das Angebot auch für andere private Gläubiger gelten soll, ist mir unklar.





Angesichts der Kursverluste, die die Papiere im Moment verzeichnen, ist das nicht mehr allzu viel Verzicht. Verniedlichen sollte man den Beitrag aber auch nicht, es laufen immerhin 108 Mrd. Euro bis 2014 aus, die vom Angebot betroffen wären. Allerdings halten die Banken ja nicht mehr den größten Teil der Griechenbonds.

Eigentlich wollte ich gar nichts dazu schreiben, weil mir der Kommentar hier ganz gut gefiel: Bittsteller Staat | Goowell

Allerdings scheinen mir die 20% darin falsch dargestellt zu sein, außerdem kann man den Kritikpunkt "die Zinsen sind so hoch, dass Griechenland keine Chance hat" (dem ich zustimme) durchaus noch ergänzen:

a) Um die Beteiligung fair zu berechnen, darf man nicht von den Nennwerten ausgehen, sondern sollte die Marktpreise nehmen. Die liegen deutlich unter den Nennwerten, bei Anleihen mit der längsten Laufzeit (2014) deutlich über 40%. Schätzen wir mal über die Laufzeiten (2011-2014) einen durchschnittlichen Abschlag von 20%. Dann "schenkt" die EU den Banken erst diese 20%, damit die Banken nachher wieder die Hälfte des Nennwerts investieren.

b) Die gesamte Summe an Griechenbonds, die bei den französischen und deutschen Banken liegt, dürfte kaum mehr als 50 Mrd. ausmachen (siehe Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Wer hält wie viel der Griechenlandschulden?). Davon fällt aber nur ein Teil in die Laufzeiten bis 2014 (insgesamt laufen 108 Mrd. Euro Griechenbonds bis 2014 aus). Wie soll dieser kleine "Verzicht" Griechenland helfen, wenn man die 350 Mrd. Euro Gesamtschulden Griechenlands damit vergleicht? Es sinken weder die Zinsen für Griechenland, noch die Schulden.

c) Worin genau besteht eigentlich der "Verzicht" der Banken? Sie bekommen immerhin Anleihen, die mit 4,x% verzinsen (und eigentlich Schrott sind), zu 100% zurückgezahlt. Davon tauschen sie dann die Hälfte in neue Anleihen, die fast 6% Zinsen, also mehr als bisher abwerfen.

Gut: Die Banken refinanzieren irgendwie Griechenland (und zwar auch langfristig). Und sie verzichten auch irgendwie auf Geld, wenn man die aktuellen Marktpreise heranzieht. Nur macht der Vergleich mit den Marktpreisen keinen Sinn! Denn die Banken haben die Papiere weder zu Marktpreisen in der Bilanz (sonst würden sie ja nicht vor einem Haircut warnen), noch lösen sie sie zu Marktpreisen ab, sondern bekommen völlig unrealistische 100% zurückgezahlt.

Es würde mich wundern, wenn wir bei diesem Vorschlag überhaupt noch über eine zweistellige Milliardensumme reden. Es laufen bis 2014 108 Mrd. aus, davon liegen allerhöchstens ein Drittel (eher weniger) bei den deutschen und französischen Banken, macht grob 35 Milliarden. Diese notieren an den Märkten bei 20% durchschnittlichem Abschlag mit 28 Mrd. Die Banken investieren die Hälfte der 35 Mrd. (also 17,5 Mrd.) neu in Griechenlandanleihen, bekommen dafür vorher aber die 7 Mrd. zum Nennwert wieder aufgefüllt. Wir geben den Banken also 7 Mrd., damit sie 17,5 Mrd. neu investieren. Ergo liegt der Beitrag der Banken gerade einmal bei 10 Mrd. Und das ist ja auch kein geschenktes Geld, die Banken rechnen ja weiterhin mit einer Rückzahlung, wie hoch auch immer diese sein mag.

Das Angebot wäre vielleicht diskutabel, wenn die Banken zum heutigen (Markt-)Kurs tauschen würden. Denn dann hätten wir eine Kombination aus Verzicht und langfristiger Finanzierung, wenn auch nur für einen Bruchteil der Schulden. Aber das wäre dann ja ein Haircut ... Und der ist böse, auch wenn es das einzige ist, was den Griechen helfen könnte ...

Update (21:36):

Den Vorschlag gibt es in voller Länge und unzensiert ;-) bei FT Alphaville:

FT Alphaville » Presenting … the French proposal in full


Update 2 (29.06):

Ein paar Ergänzungen aus dem Vorschlag:

Es wird vom 85,5 Mrd. auslaufender Bonds ausgegangen. Keine Ahnung woher der Unterschied zu den 108 Mrd. kommt, die von anderer Stelle genannt werden.

Davon sollen 25 Mrd. bei der EZB liegen, ergo 60,5 Mrd. bei den Banken (bzw. bei denen, für die der Vorschlag gelten soll, auch wenn mMn nicht klar wird, wer das genau ist).

Für 80% der 60,5 Mrd. könne mit Zustimmung gerechnet werden. Keine Ahnung, woher die französischen Banken das wissen, sie sprechen ja nur für einen kleinen Teil der Summe. Der größte Teil dürfte bei den griechischen Banken liegen und mir sind keine Aussagen bekannt, dass die griechischen Banken schon irgendwas angeboten haben.

Der Zinssatz soll variabel werden. Allerdings (Trommelwirbel) nach oben ... 5,5% Basiszins + Wirtschaftswachstum. So nach dem Motto: Wachsen die Griechen, können sie auch mehr Zinsen bezahlen. Sollte die griechische Wirtschaft schrumpfen,  gibt es (natürlich) keinen Zinsnachlass. Aus Risikogesichtspunkten ist das kompletter Murks. Denn eigentlich steigt ja das Risiko der Rückzahlung, wenn die griechische Wirtschaft sich nicht fängt ...

Alles in allem ist das Angebot ein mittelschwerer Affront ...

Update 3:

Société Générale diskutiert das Papier und kommt auf kaum mehr als 13 Mrd. Beteiligung der Banken und sagt kurz und knapp:
Q3. Does the plan address Greece’s solvency problem?
Not at all.

FT Alphaville » SocGen’s Q&A on the French proposal

Der durchschnittliche Steuersatz der 400 reichsten Amerikaner ist ...

... niedrig. Wie unglaublich niedrig, sage ich euch gleich ;-)

Ich hatte ja schon ein paar Mal auf die Anekdote von Warren Buffett hingewiesen, der erzählt, dass er einen niedrigeren durchschnittlichen Steuersatz habe als seine Putzfrau (äh, Raumpflegerin), wahlweise auch Sekretär. Ich wollte das am Anfang kaum glauben, aber das ist wirklich wahr.

Das liegt vor allem an einer Besonderheit in der US-Steuergesetzgebung (die so toll ist, dass wir die in 
Deutschland direkt nachgeahmt haben): Einkünfte aus Kapitaleinkommen werden in den USA niedriger besteuert (15%) als "normale" Arbeitseinkommen (sprich Löhne, bis zu 33%). Die Superreichen haben naturgemäß einen besonders hohen Anteil an Kapitaleinkünften, was den durchschnittlichen Steuersatz entsprechend drückt.

Im Fall der 400 Amerikaner mit dem höchsten Einkommen (also nicht die "reichsten", wie ich in der Überschrift zur Vereinfachung geschrieben habe, aber nach "höchstes Einkommen" sucht kein Mensch) liegt der durchschnittliche Steuersatz bei

18%.

Die Zahl schwankt etwas und je nach Jahr findet man auch 17 oder sogar nur 16%.

Die Zahlen für 2008 kann man hier nachlesen: IRS.gov: The 400 Individual Income Tax Returns Reporting the Highest Adjusted Gross Incomes Each Year, 1992-2008

Auch die Verteilung ist bemerkenswert: 2008 waren immerhin 30 der 400 Spitzenverdiener mit Steuersätzen von weniger als 10 Prozent gesegnet. 101 lagen zwischen 10 und 15% und 112 zwischen 15 und 20%. Beeindruckend! Deutlich mehr als die Hälfte der Topverdiener in den USA zahlen weniger als 20% Steuern.

Und wir reden hier von durchschnittlichen Jahreseinkommen von 271 Millionen Dollar ...

Übrigens waren sowohl die Einkommen vor 20 Jahren niedriger - fast um drei Viertel (ja, die Zahl ist inflationsbereinigt), als auch die Steuersätze höher, wenn auch mit 26% nicht sooo deutlich.
Noch in den 50er Jahren mussten die Reichsten in den USA bei einem Spitzensteuersatz von 91(!!!)% gut die Hälfte ihres Einkommens (51,2%) an den Staat abführen.  Der Trend ist also schon ein seeeeehr langfristiger. Egal ob Demokraten oder Republikaner: Daran ändert sich scheinbar nichts. Auch Obama ist mit einer Abschaffung der "außerordentlichen" Steuergutschriften für Einkommen ab 250.000 Dollar gescheitert. Damit lebt diese Bush-Gedächtnis-Steuergutschrift immer noch. Das Ergebnis: In einem Land, das 1,5 Billionen Dollar Miese im Haushalt einfährt, zahlen die 400 Menschen mit den höchsten Einkommen lächerliche 18,1% Steuern. Unfassbar.

Gefunden habe ich die Zahl in einem Video, das verspricht, die aktuellen Wirtschaftsprobleme der USA in gut zwei Minuten zu erklären. Das sei hiermit empfohlen:

Die US-Wirtschaftsproblematik in 2:15 min. erklärt... - egghat's not so micro blog

Musik zum Wochenende: Aus der Retorte ...

Ich bekomme ja manchmal die Kritik, dass die Musik, die ich hier (in immer unregelmäßigeren Abständen) poste, zu künstlich und zu kopflastig wäre. Aber deeper Blus ist halt nicht so mein Ding.

Heute werde ich die Retortigkeit auf die Spitze treiben und Euch Musik präsentieren, bei der nicht nur der Bubblegum-Pop total künstlich klingt, sondern auch das neueste Mitglied dieser Retortenband komplett aus der Retorte stammt - sprich aus dem Computer. Allerdings haben die Macher dieses Geheimnis erst nach einiger Zeit gelüftet ...




Jetzt werden sich bestimmt ein paar Leute beschweren, wie man sowas denn gut finden können. Ich sag es Euch: Wir können den Bohlen feuern. Soll der doch casten, bis er scheckig wird. Wir basteln uns den nächsten AKB48 Superstar selber! Und zwar hier:

Bastel dir deinen eigenen Popstar

Die Japaner sind schon ganz schön durchgeknallt. Und die Qualität der CGI ist durchaus bemerkenswert ...

gefunden über Handelsblatt: Japanischer Popstar wird als Computermodell geoutet

Jon Stewart zu Griechenland

OK, die Zahlen sind auch alle so falsch wie in der Bild-Propaganda, für die die Journalisten auch seltsamerweise noch einen Preis für Wirtschaftsjournalismus bekommen haben. Journalismus und Bild in einem Satz ist schon komisch. Preiswürdiger Journalismus in der Bild ist noch komischer. Aber preiswürdiger Wirtschaftsjournalismus ist dann irgendwie nicht mehr komisch. Das ist alles ziemlich unglaublich, weil es eben auch kein Preis für eine positive Ausnahme in der sonst schlechten Bild war, sondern der übliche, tendenziöse Journalismus, für den die Bild so berüchtigt ist. Mehr dazu beim Niggemeier: Und die Eulen wollen wir auch zurück!  Und bei Coffee and TV gibt's auch noch einen ziemlich polemisch (aber leider angebrachten) Rückblick auf andere journalistische Großleistungen eines der beiden Preisträger: Coffee & TV: Jugend hetzt

Mir ist schleierhaft, wie ein angesehener Journalist wie Tichy (WiWo) sowas als Preisträger aussuchen kann ... Weder der Journalist, noch die Artikelserie hat es sich irgendwie verdient ...

Aber zurück zu Jon Stewart. Es ist ganz lustig, auch wenn die Zahlen genauso falsch sind wie in der Bild-Berichterstattung.

Leider ist nur ein Ausschnitt einbindbar:

Die ganze Sendung gibt's hier:

http://www.thedailyshow.com/full-episodes/wed-june-22-2011-mitchell-zuckoff

Leider werden auch in der Daily Show wieder die 52 Jahre Rentenalter bei 80% der alten Bezüge im Schlaraffenland Griechenland genannt. Im Schnitt sind die Zahlen in Griechenland ganz anders und zwar ziemlich genau so wie in Deutschland.

Dazu zwei Grafiken, die ich schon immer verlinken wollte.

Der Balken ist das effektive Renteneintrittsalter, das Dreieck gibt den gesetzlichen Wert an (der oft aber keine Bedeutung hat). Gelb Deutschland, Dunkelgrün Griechenland.

Effektives Rentenalter Griechenland Männer im Zeitraum 2004-2009 nach Berechnungen der OECD:



 Effektives Rentenalter Griechenland Frauen im Zeitraum 2004-2009 nach Berechnungen der OECD




Im Fall von Jon Stewart ist die Fehldarstellung wenigstens nicht ganz so schlimm. Denn die USA haben ja nur wenig Einfluss auf die Rettung Griechenlands. In Deutschland hingegen führen die Kampagnen der Bild zur konkreten Einflussnahme auf die Politik.

Traurig.

Ansonsten lacht doch lieber weiter ...

Nicht jede Party wird ein Knaller ...
Bild-Zeitungsleser wollen in Griechenland einmarschieren

Update (24.06.11):

Übrigens ist die Berichterstattung des Spiegels, der den Euro in dieser Woche offiziell beerdigt hat, auch kaum besser ...



OK, das ist nicht so tendenziös wie in der Bild (Herumwedeln mit Drachmen-Scheinen auf einem Platz in Athen), aber mindestens grob vereinfachend. Was dann dazu führt, dass nur eine Seite ausreichend beleuchtet wird. Olaf Storbeck hat eine schöne Kritik dazu:

Handelsblog: Klippschul-Ökonomie aus Hamburg

Aber das scheint keine Stärke des Journalismus (mehr?) zu sein: Der Versuch, die Medaille von beiden Seite auszuleuchten, unterbleibt fast immer. Man besetzt eine Position und lässt dafür schonmal Fakten unter den Tisch fallen. Die einmal eingenommene Position verteidigt man dann auf Teufel komm raus. Bei optimalem Verlauf prügelt man sich anschließend über Bande mit anderen Medien. Man glaubt scheinbar, das sei Meinungsstärke. Mir wäre aber lieber, die Journalisten würden sich mehr um's Erklären kümmern als ums Recht haben und behalten ....

Update 2 (24.06.11):

Die von der Leyens passen auch, allerdings nicht zum Thema Griechenland, sondern zum Thema "leere Party" ...

WDR 2: Die von der Leyens

Wirtschaftsbosse fordern Euro-Hilfe

"Der Euro ist notwendig" schrieben die Chefs von 50 großen deutschen und französischen Unternehmen in einer Anzeige u.a. in der FAZ.

Damit wissen wir immerhin schon einmal, dass die Konzernchefs die Vorteile des Euros durchaus zu schätzen wissen. Immerhin sichert der Euro Absatzmärkte ...

Die FAZ stellt auch direkt die richtige Frage: Tja, warum kaufen die Konzerne nicht einfach ein paar griechische Staatsanleihen? Eine solche Aktion hatten wir schonmal: "Wir kaufen griechische Staatsanleihen" (gut, das Timing war so schlecht, dass ich mich ein Jahr später darüber lustig gemacht habe). Genug Geld (138,54 Mrd. Euro) haben die DAX-Konzerne auch (Cash-Polster der DAX Unternehmen bei 138 Milliarden Euro | Pressemitteilungen-online.de). Damit könnte man mehr als ein Drittel der griechischen Staatsschulden kaufen. Dann steigen die Franzosen noch mit ein und die albernen 56% der griechischen Staatsanleihen, die noch nicht beim Staat liegen (siehe Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Wer hält wie viel der Griechenlandschulden?), sind in sichere Hände gewandert. Teuer sind die griechischen Anleihen eh nicht mehr. Wenn man 10jährige bei 50% des Nennwerts kauft, sollte da nicht mehr allzuviel Risiko drinstecken.
 
Also, wo hakt's liebe Bosse?

Ach so, zu viel Geld, zu hohes Risiko. OK, ein Vorschlag in Güte: Ihr kauft nur den Banken in Eurem Land die griechischen Anleihen ab, damit die endlich aufhören zu jammern (mimimimi, sinng.). Dann haben wir 45% der griechischen Staatsschulden beim Steuerzahler (übrigens auch in Griechenland, die sollen ja auch einen Teil beitragen) und den Rest liegt verteilt bei den Kapitalanlegern und den Unternehmern. Und die Banken haben dann wieder so saubere Bilanzen, dass die wieder fleissig Kredite an Euch Unternehmer vergeben können.

Alle leisten ihren Beitrag:

Die Kapitalanleger, die zu viel Geld nach Griechenland verliehen haben,
die Unternehmen, die von diesem zu viel an Geld in Griechenland profitiert haben,
und die Politiker, die die Griechen in den Euro geholt haben und die erlogenen Statistiken akzeptiert haben.

Halt Stop. Die Politiker haften ja gar nicht. Bezahlen müssen die Steuerzahler.

Aber so ist das halt in einer Demokratie: Wir haften für die Idioten, die wir gewählt haben. Beziehungsweise für die Idioten, die die anderen Idioten (=Wähler der anderen Partei) gewählt haben. Demokratie halt. Mitgefangen, mitgehangen. Ist in anderen Regierungsformen wie der von manchem (hüstel) bevorzugten temporären Militärdiktatur auch nicht besser ...

Anzeigenkampagne: Guter Rat - Der Kommentar - Wirtschaft - FAZ.NET

Wer hält wie viel der Griechenlandschulden?

Über die Länderverteilung wurde schon einiges geschrieben und auch eine Menge von mir hier (oder im Zweitblog oder auf Twitter) verlinkt. Heute bringt FT Alphaville eine neue Berechnung, die von einem Barclays-Analysten erstellt wurde. Diese ist interessant, weil versucht wird, die Aufteilung sogar bis auf die Ebene von einzelnen Banken herunterzubrechen.

Der Einfachheit halber unterscheide ich nicht zwischen Staatsanleihen und direkten Krediten (sind eh alles Schulden).

Die Top 20:

1. Eurosystem: 49 Mrd. Euro
2. EU: 38 Mrd. Euro
3. Öffentliche Fonds in Griechenland (Pensionskassen, etc.): 30 Mrd.
4. RoW (muss passen, was ist das? Sovereign Wealth Fonds aus Asien? UPDATE: Rest of World): 25 Mrd.
5. IWF: 15 Mrd. 
6. National Bank of Greece: 13,7 Mrd.
7. Europäische Nationalbanken (Bundesbank, etc.): 13,1 Mrd.
8. Piräus Bank: 9,4 Mrd.
9. EFG: 9,0 Mrd.
10. FMS (das ist die Bad Bank der HypoRealEstate): 6,3 Mrd.
11. Bank of Greece: 6,0 Mrd.
12. BNP: 5,0 Mrd.
13. ATE: 4,6 Mrd.
14. AlphaBank: 3,7 Mrd.
15. Dexia: 3,5 Mrd.
16. Hellenic Postbank: 3,1 Mrd.
17. Generali: 3,0 Mrd.
18. Commerzbank: 2,9 Mrd.
19. Société Générale: 2,9 Mrd.
20. Marfin: 2,3 Mrd.

Man sieht, dass ab hier die Größenordnungen überschaubar werden und sich eine weitere Auflistung nicht lohnt.

Insgesamt sind es 285 Mrd. Staatsanleihen zzgl. 75 Mrd. Kredite an den Staat, ergo 360 Mrd. Euro.

Auffällig sind zwei Sachen, die allerdings keinen regelmäßigen Leser hier überraschen dürften.

a) Wirklich gefährlich sind die Mengen griechischer Staatsanleihen nur in den Bilanzen der griechischen Banken (kursiv markiert). Die erste private nicht griechische Bank ist die BNP auf Platz 10 mit 5 Mrd, danach folgt die Dexia auf Platz 15 mit 3,5 Mrd. (wobei die Dexia nicht einmal mehr voll privat ist, da musste der Staat in der Krise ziemlich groß einsteigen. Den aktuellen Stand kenne ich nicht). Bei den noch folgenden Banken sind die Summen angesichts der Firmengrößen überschaubar. Zu den griechischen Banken und der Frage, ob diese einen Haircut überleben können, siehe auch: Kippt das Land, kippen die Banken.

b) Fast noch interessanter ist es, die von mir schon länger beobachtete Verschiebung der Schulden vom privaten in den öffentlichen Sektor (fett markiert), mal in Zahlen zusammengefasst zu sehen. Das sind in der Rechnung oben satte 158,4 Mrd. Euro, die beim Staat, der EU, den Zentralbanken und staatlichen Fonds liegen, der überwiegende Teil davon außerhalb von Griechenland.

Damit liegen also aktuell bereits

44%

der griechischen Staatsschulden beim Staat. Und das wird mit jedem Tag mehr, denn Griechenland tilgt ja seine Staatsanleihen und nimmt im Gegenzug zur Refinanzierung Kredite bei der EU und dem IWF auf.

Wirklich neu ist das alles nicht, allerdings scheint der Prozess schon etwas weiter fortgeschritten zu sein als ich geschätzt hätte. 45 bis 50% Staatsanteil hätte ich eher am Ende des Jahres erwartet, aber das haben wir jetzt schon fast erreicht. Aus dem Rettungsfonds kann Griechenland bis Ende des Jahres nochmal etwa 50 Mrd. abrufen und wird einen Teil davon zur Tilgung von Altschulden einsetzen. Dadurch wird der Anteil des Staats an den griechischen Staatschulden wohl nah an die 60% Marke herangehen.

Man muss die Zahlen leicht "disclaimen", denn sie stammen aus vielen unterschiedlichen Quellen (BIS, Geschäftsberichte, ...). Ein Teil davon ist nicht aktuell und vor allem sind die Zahlen nicht vergleichbar. Aber immerhin ergeben sie eine Idee, wo die griechischen Schulden stecken.

FT Alphaville » Top of the Greek bond exposure pops [updated]

Update (18.06.11):

a) RoW = Rest of World. Leider ohne genauere Aufschlüsselung in privat oder staatlich. Danke für den Hinweis in den Kommentaren.

b) So hat die FTD die Daten aufbereitet: Euro-Krise: Die größten Griechenland-Gläubiger | FTD.de.
Finde meine Version übersichtlicher ...

Update 2 (29.06.11):

Noch eine andere Berechnung der Verteilung der Schulden habe ich soeben bei FT Alphaville gefunden. Sie stammt von der UBS und weil sie das so schön in zwei Tortengrafiken zusammenfasst, schiebe ich die in diesen Artikel nochmal nach:

Wer hält jetzt die griechischen Staatsanleihen?

Blau: EU (37% jetzt, nach 49%),
Gelb: Griechenland (Banken, Pensionsfonds, ...) (jetzt 30%, nachher 24%)
Grün: restlicher Markt (also die viel diskutierten deutschen und französischen Banken): Jetzt 33%, danach 27%.

Die Zahlen der UBS unterscheiden sich um etwa 7 Prozentpunkte von den Zahlen von Barclays, die oben im Artikel stehen. Welche richtiger sind, kann man kaum sagen.






Und so soll das in einem Jahr aussehen: Dann ist die EU auf fast 50% gekommen,



Quelle: FT Alphaville » Restructuring the Greek pie

Thursday, bloody Thursday ...

Private Gläubiger sollen bei Bankensanierung in Irland doch noch bluten. Allerdings nur ganz am Ende des Prozesses und nur ganz bescheiden.

Die erstrangigen Gläubiger und besicherten Anleihen kommen ja bekanntlich ungeschoren davon (bei ersterem sicher, bei zweiterem wahrscheinlich, die schlechten Assets wurden ja massenhaft in der Bad Bank abgelagert). Übrig bleiben nur noch die nachrangigen und unbesicherten Gläubiger, die sich eigentlich auch von Anfang an des Risikos bewusst gewesen sein sollten. Sollte man zumindest meinen ...

Die unbesicherten und nachrangigen Gläubiger sollen jetzt bei der Zusammenlegung der Anglo Irish Bank und Irish Nationwide doch noch einen Sanierungsbeitrag leisten und auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Das hat gestern der irische Finanzminister Noonan angekündigt. Die EZB (die irgendwie gegen jede Art von Haircut zu sein scheint) hat direkt wieder ein Veto eingelegt.

Zwar wäre das schon ein grundsätzlicher Schwenk bei der irischen Bankensanierung (und daher durchaus bemerkenswert), allerdings ein eher bescheidener. Erstens ist es einer der letzten Schritte bei der Sanierung (Abwicklung) des irischen Bankensektors, der überwiegende Großteil der Gläubiger hat seine Schäfchen bereits ins Trockene gebracht. Zweitens ist die Gesamtsumme der ausstehenden unbesicherten Anleihen beider Firmen von 3,8 Milliarden Euro nicht so wahnsinnig groß (obwohl der Daumenregel-Mal-100-Nehmen-Vergleich mit den USA 380 Milliarden Dollar die Dimension für irische Verhältnisse verdeutlicht). Und drittens wird ein Haircut angestrebt, der in der Höhe des Marktwerts liegt. Und dieser Abschlag ist nicht so wahnsinnig hoch.

Eine der Anleihen hört auf die wunderschöne ISIN XS0283695228 und den Namen ANGLO IRISH BANK CORP. LTD. EO-FLR MED.-TERM NTS 200712. Diese kostete vorgestern vor der Nachricht noch 82 Euro (also 18 Prozent Abschlag). Nach dem Kurseinbruch, den die Nachricht auslöste, sackte der Kurs unter 70 und scheint sich heute wieder auf etwa 75 zu erholen (Chart). Bei den etwas länger laufenden Anleihen der Irish Nationwide ist der Abschlag von knapp 30% auf etwa 40% gestiegen.

Rechnet man das mal alles durch, kommt man kaum auf mehr als 1 bis 1,5 Milliarden Euro, die die privaten Gläubiger beisteuern sollen. Zum Vergleich: Die Bankenrettung durch den irischen Staat hat nach den letzten Schätzungen des IWF 30% des irischen BIPs, also etwa 50 Mrd. Euro gekostet. Die private Beteiligung liegt also bei zwei bis drei Prozent der Gesamtsumme. Die Beteiligung der privaten Gläubiger ist kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ähnlich wie die 30 Mrd. Bankenbeteiligung, die Schäuble bei der Restrukturierung der griechischen Anleihen anstrebt. Die gesamte Beteiligung würde bei Gesamtschulden Griechenlands von 350 Milliarden und einem Haircut von 50% 175 Milliarden ausmachen. Die 30 Milliarden wären also 17% Gläubigerbeteiligung. Allerdings wehren sich die Banken ja schon und erhalten Unterstützung von der EZB, die scheinbar nie einen Haircut will.

Die Banken werden fleissig verhandeln, drohen und die große Lobbymaschinerie anwerfen. Und am Ende wird die Beteiligung der Banken an den Kosten zur Sanierung Griechenlands wohl auf einem ähnlich lächerlichen, sprich symbolischen Niveau landen wie in Irland: Irgendwo im niedrigen einstelligen Bereich. Und den Rest bezahlen die europäischen Steuerzahler (und die griechische Bevölkerung über Sparmaßnahmen). Und mal wieder kommen die Kapitalanleger ungeschoren davon, die mit ihrer zügellosen Kreditvergabe zumindest eine Mitschuld tragen ...

(Alles zu Irland unter dem Vorbehalt, dass die irische Regierung den Plan dieses Mal durchsetzen kann. Die Idee ist ja nicht ganz neu, allerdings scheiterte die Durchführung bisher am Veto der EZB und der EU).

Versicherer wollen auch mal EZB sein ...

Träumen also davon, Schrott in der Bilanz haben, diesen aber nicht so bewerten müssen.

Das Problem: Die griechischen Bonds sind nach der erneuten Ratingabstufung aus dem Bereich gefallen, in den die ach so konservativen deutschen Versicherer investieren dürfen. Alles unter B- ist da (eigentlich) tabu.

Die Versicherer müssten die Papiere nun aus dem Deckungsstock nehmen. Damit würden die Papiere defakto vom Vermögen der Versicherten in das Firmenvermögen wandern und unter Umständen für Verluste für die Aktionäre sorgen (kann ich aber nicht sicher sagen, denn das hängt ja vom Kurs bei der Umbuchung ab. Wird erst umgebucht und dann abgeschrieben, ist der Verlust bei den Aktionären, wird erst abgeschrieben und dann umgebucht, fehlt das Geld den Versicherten). Die Versicherer schlagen eine Ausnahme vor und wollen die griechischen Staatsanleihen gerne so bilanzieren wie vorher also auch nicht umbuchen.

Das Argument der Versicherer für eine Ausnahmeregel ist relativ putzig: Man wolle die Papiere gerne bilanzieren wie bisher, es handle sich schließlich nur um weniger als 0,5% der gesamten Kapitalanlagen. Daher könne das ja nicht so schlimm sein. Allerdings kann man dieses Argument leicht umdrehen: Eine Umbuchung kann dann auch nicht so schlimm sein ...

Nett auch die Drohung: Andernfalls müsse man halt verkaufen und die Kurse der griechischen Staatsanleihen würden noch weiter unter Druck kommen. Nur liebe Versicherer: Wen interessiert das eigentlich noch? Kann man mit noch niedrigeren Kursen ernsthaft drohen?

Der Kurs an sich interessiert doch scheinbar sowieso niemanden. Der Griechenramsch steckt in den
Büchern von Banken und Versicherungen. So wie es aussieht, ist nur eine Ratingabstufung unter ein bestimmtes Niveau kritisch. Nicht weil diese an sich kritisch wäre, sondern weil man sich dann - und scheinbar NUR dann - Gedanken über die Bewertung machen muss. Vorher bilanziert man das ganze Zeug einfach zu Mondkursen weiter ...

Sobald diese Mondkurse nicht mehr angewendet werden dürfen (bzw. das droht), wird die Lobbymaschine angeworfen und die Politik weich geklopft bis erpresst. Gute Gegenargumente hat die Politik natürlich auch nicht, weil sie ja selber die Gesetze "offensiv" auslegt bzw. ändert. Man schaue sich nur die Hinterlegungsrichtlinien bei der EZB an: Da ist inzwischen auch jeder erdenkliche Schrott möglich. Früher wurden nur Wertpapiere akzeptiert, die mindestens ein Rating von A- hatten, heute liegen die griechischen Staatsanleihen 11(!) Ratingstufen darunter und werden immer noch akzeptiert ...

Wenn ich heute einen Bilanzierungsprofi, der in den 80er Jahren Konzernbilanzen gemacht hat, aus dem Grab holen und wiederbeleben könnte, würde der beim ersten Blick auf eine aktuelle Bank- oder Versicherungsbilanz direkt wieder tot umfallen. So viel heiße Luft und notdürftig zugekleisterteter Löcher wird der nicht verkraften.

Und das ganze Drama hoch bis zur EZB. Ich frag mich, wann die EZB beginnt, immaterielle Güter oder Goodwill als Sicherheit zu akzeptieren. Dann würde die EZB endgültig so bilanzieren, wie die Klitschen in der Internetblase vor 10 Jahren ...

Euro-Krise: Versicherer wollen Ausnahme für ihren Griechenramsch | FTD.de

Nur *eine* Zahl zur irischen Immobilienblase

Die Analysten von HSBC Trinkaus haben eine schöne Zahl ausgegraben, die das Ausmaß der irischen Immobilienblase verdeutlicht.

In einem Covered Bond Warrant (also einem Pfandbrief) der Anglo Irish Bank, der mit 690 Hypotheken (genauer den Immobilien dahinter) besichert war, mussten allein im Jahrt 2010 270 ausgebucht werden, weil diese nicht mehr bedient wurden, spricht es gab keine Zinszahlungen mehr. Das ist eine Ausfallquote von nahezu unglaublichen


39,1%!

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich dauernd den Anteil der überfälligen Hypotheken in den USA verbloggt habe. Deutlich über 10% ging es in den USA aber nie.

Neben den 39,1% der Hypotheken, die ausgebucht wurden, blieben noch 8% der Hypotheken in der Deckungsmasse, obwohl sie als "überfällig" galten und es kamen noch weitere hinzu, die ebenfalls - wenn auch nur kurz - überfällig waren.

Rechnet man das alles zusammen, sind weit über die Hälfte der Hypotheken, die ursprünglich hinter diesem Pfandbrief lagen, kritisch. Bei einer solchen Performance der Kredite ist es kein Wunder, dass sich die irischen Banken alle zerlegen, besser gesagt zerlegt haben ...

Leider gibt es die dritte Seite nur im PDF und nicht auf der Seite (das PDF ist aber oben verlinkt)
HSBC Trinkaus: Der Markt Heute (08.06.11)

Update (15.06.11):

Das Papier ist natürlich ein Covered Bond, nicht ein Covered Warrant (das wäre in Optionsschein). Zum Glück habe ich die deutsche Entsprechung Pfandbrief dahinter geschrieben, damit war der Fehler leicht ersichtlich. Danke an alex13wetterau für den Hinweis.

Groupon: Finger weg!

Info: Ich habe mit dem letzten Prospekt vor dem Börsengang einen aktualisierten Artikel geschrieben, in dem ich die jetzt bekannten Zahlen des dritten Quartals unter die Lupe nehme: Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Groupon hat den Börsengang geschrumpft ...

Ich habe lange keine so ungesunde Bilanz mehr gesehen wie die von Groupon. Lange heisst in den letzten 10 Jahren, davor waren solche Nummern durchaus üblich. Man nennt das heute zusammenfassend Bubble1.0  und meint die Mobilcoms, EM.TVs, Comroads, Letsbuyits oder die Internetfirmen in den USA wie Webvan, die von der Börse scheinbar um so höher bewertet wurden je höher der Verlust war. Hauptsache das Wachstum stimmte.

Genau daran erinnert Groupon. Die Firma hat im ersten Quartal einen Verlust von 117 Millionen Dollar eingefahren. Das bei einem Umsatz von 644 Millionen. Im Gesamtjahr 2010 waren es 420 Millionen bei einem Umsatz von 713 Millionen.

Andere Geschäftszahlen: Working Capital: -229 Millionen, Verlust pro Aktie im 1. Quartal 2011: 95 Cent.

Aber was mich wirklich an die Blase 1999/2000 zurückdenken lässt: Die haben sich bei Groupon eine neue Kennzahl zur Messung des Gewinns einfallen lassen: Adjusted CSOI. Consolidated Segment Operating Income.  Das geht noch weiter in die gleiche Richtung wie das EBIDTA (Earnings before interest, taxes, depreciation und amortization, also Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen).
Weil viele Firmen aber selbst nach dem Ignorieren dieser wesentlichen Kosten noch keinen Gewinn ausweisen konnten, wurde damals schon ernsthaft über ein EBITDAM nachgedacht, bei dem auch die Marketingkosten herausgerechnet wurden. Hämische Beobachter schlugen daraufhin EBE, Earnings before everything, vor ...

Genau dieses EBITDAM setzt Groupon jetzt ein gutes Jahrzehnt nach der Blase 1.0 defakto um: Die rechnen die Kosten für Kundenakquise heraus. Und zusätzlich noch die Kosten für die Aktienbeteiligungen der Mitarbeiter (die musste man in der Blase 1.0 noch nicht  rausrechnen, weil die damals nicht als Kosten bilanziert wurden), deshalb "adjusted".

Der adjusted CSOI ist natürlich positiv, weil Groupon seinen größten Kostenfaktor somit unter den Tisch fallen lässt. Im ersten Quartal 2011 waren es 180 Millionen und Bingo ist der adjusted CSOI mit knapp 82 Millionen im Plus.

Nur was sagt diese Kennzahl aus? Nichts! Denn in der Akquise arbeitet der große Teil der Mitarbeiter von Groupon, nämlich die ganzen Leute in Callcentern, die permanent alle Geschäfte zu Werbemaßnahmen überreden müssen. Marketingkosten sind bei direktvertreibenden Firmen wie z.B. Dell generell hoch. Bei einer Firma wie Groupon, die nichts selber verkauft (und damit keine Materialkosten hat), ist der Anteil natürlich noch viel höher. Es gibt überhaupt keinen Grund, genau diesen Kostenfaktor wegzulassen.

Groupon ist wahrscheinlich tot, wenn die nicht weiter vertreiben. Zwar mag ein Teil der Vertriebskosten einsparbar sein, aber eben nur ein Teil. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Kuponmarkt auf ein natürliches Monopol zusteuert wie z.B. ebay, die als der größte Marktplatz immer den Vorteil haben, dass man dort als Verkäufer auf mehr Interessenten trifft und dadurch bessere Preise erzielt. Es macht keinen Sinn, woanders als bei ebay zu versteigern.

Groupon hingegen ist am Ende durch viele lokale Dienste ersetzbar oder durch Spezialdienste für spezielle Kundenschichten. Das Geschäftsmodell funktioniert auch für viele kleine Groupon-Clones nebeneinander und nicht nur für einen großen. Gerade wenn sich diese kleinen Dienste mit Partnern zusammentun, also z.B. der lokale Dienst mit den Gelben Seiten bzw. der Lokalpresse oder der Spezialrabattdienst für Apple-Jünger mit einer Mac-Zeitschrift. (Achtung: Geschäftsidee!).

Ebay ist in dieser Hinsicht anders: Das eingestellte Angebot läuft maximal 2 Wochen und muss in diesen zwei Wochen möglichst viele Interessenten ansprechen, damit es einen hohen Preis gibt. Ein Restaurantbesitzer, die seine freien Plätze an einem Dienstagabend auffüllen will, muss das aber nicht in 2 Wochen erreichen, sondern er kann das Angebot mit 5 Kupons pro Woche automatisch einstellen und wenn es dann in einer Woche nur 3 Nachfrager gibt, ist es auch relativ egal. Denn er hat nach dem großzügigen Rabatt eh nur eine geringe Marge (und verliert nicht viel). Sobald jemand niedrigere Gewinnbeteiligungen als die 50% von Groupon fordert, kann es sich schnell wieder lohnen. Kurz: Das Geschäftsmodell ist angreifbar und dabei drohen die Margen ins Rutschen zu kommen.

Die Markteintrittsbarrieren sind relativ gering und damit wird es Wettbewerber geben, die solch tolle Margen, wie ihn ein Monopolist wie Ebay absahnen kann, verhindern werden.

OK, es mag sein, dass ich mich irre.

a) Es könnte sein, dass die Lokalpresse auf Groupon genau so dämlich reagiert wie auf ebay (Kleinanzeigen), autoscout24 (Autos), Jobscout (Stellenanzeigen) und immoscout (Immobilien) und sich die ganze Butter erneut vom Brot nehmen lassen.

b) Es könnte sein, dass Groupon wirklich die Marketingmaßnahmen massiv zurückfahren kann, weil sowohl die Käufer wie auch die Verkäufer dem Dienst treu bleiben und von alleine immer neue Deals eingestellt werden. Ich glaube aber eher, dass das nicht so ist und gerade die Verkäufer schnell merken, dass man so keine treuen Kunden bekommt und nur seine Waren an Schnäppchenjäger bzw. Lauschepper verschenkt. Die Zahlen unterstützen die These: 2009 verkaufte Groupon auf 100 Subscriber (die haben durchaus beeindruckende insgesamt 83 Millionen) 69 Kupons, 2010 waren es 60 und im ersten Quartal 2011 nur noch 34. Und das internationale Geschäft ist noch mauer ... (Why Groupon’s IPO is no deal Brett Arends' ROI - MarketWatch).

c) Auf der anderen Seite ist der Markt für lokale Werbemaßnahmen natürlich riesig. Die lokale Presse und die gelben Seiten leben davon und einen Dienst wie Google Maps gibt es auch nur, um lokalisierte Werbung zu verkaufen.

Insgesamt würde ich bei diesem IPO zu extremer Vorsicht raten. Wer da mitmachen will, sollte wirklich gute Argumente gegen das oben Geschriebene vorbringen können.

Deja Vu: Groupon’s Bubble 1.0 Approach To Accounting - Eric Savitz - The Tech Trade - Forbes

Short logic (Groupon IPO: Pass on this deal)

P.S. Das Posting gehört thematisch eigentlich nicht unbedingt hierher, aber ich habe dazu heute zu viel gelesen, um das nicht zu verbloggen (und für mein Zweitblog ist das zu lang).
Außerdem will ich nicht der "Ich-hype-jede-Internet-Klitsche"-egghat sein, was man mir nach WARUM FACEBOOK AUCH SCHNELL 200 MILLIARDEN DOLLAR WERT SEIN KANN ja vielleicht vorwerfen könnte.
Und drittens weiss ich, das dieses Thema interessiert, dass es kommentiert und verlinkt wird und ich damit an Tag zwei nach dem Rivva Relaunch dort auftauchen werden ;-)

Update (21:02):

Basierend auf diesem Posting gibt es ein "spontanes Wirtschaftsgespräch" mit @holgi und mir. Und ich kann euch garantieren, dass das zumindest spontan war ;-)

Hat Spaß gemacht, danke an Holgi. Viel Spaß beim Hören wünsche ich natürlich auch Euch:

(Fetter Ruhrpottdialekt ahead ;-) )

WRINT: KL001 Wirtschaftgespräche: Groupon at WRINT

Update 2 (09.06.11):

Einen Punkt könnte man vielleicht noch herausarbeiten, den ich auch im Podcast nicht erwähnt habe, als die Frage kam, was Groupon denn sonst noch so für Kosten hat.

Groupon bilanziert bei den Umsätzen den Rohumsatz der Kuponverkäufe. Also wenn ein Kupon verkauft für 20 Euro verkauft wird (z.B. für ein Abendessen im Wert von 40 an einem Dienstagabend), landen die gesamten 20 Euro im Umsatz von Groupon. Das ist durchaus umstritten, denn ein Teil des Umsatzes muss Groupon ja direkt an den Restaurantbesitzer weiterleiten. In der Praxis hat Groupon in den letzten Quartalen etwa 40% des Umsatzes behalten und den Rest weitergeleitet.

Das ist in etwa vergleichbar mit den Traffic Acquisition Costs, wie sie Google ausweist. Hintergrund für die TACs sind Werbedeals mit Großkunden (u.a. Mozilla oder Apple), bei denen Google zum Teil fixe Zahlungen garantiert, wenn das Suchfenster im Browser standardmäßig auf Google verweist. Nehmen wir mal an, Google verkauft auf diesen Suchergebnisseiten Werbung für 5 Mrd. Dollar im Jahr, hat aber Deals, die Apple und Mozilla 2 Mrd. pro Jahr garantieren. Dann könnte Google diese 5 Milliarden als Umsatz einbuchen. Google bucht aber nur die 3 Mrd., die wirklich bei Google bleiben, als Umsatz ("net revenue excluding TAC") ein. Google bilanziert also konservativ, Groupon hingegen bucht den gesamten Umsatz ein, auch wenn ein großer Teil nie in der Firma bleiben wird.
Zur Einordnung: Man kann sicherlich so bilanzieren und daher ist die Überschrift über dem Minyanville Artikel auch übertrieben und zu negativ. Auf der anderen Seite sollte man sich aber bewusst sein, dass Groupon nicht nur aggressiv wächst, sondern auch aggressiv alle möglichen Bilanzierungsspielräume nutzt. Konservative Bilanzierung sieht definitiv anders aus.

Minyanville: Groupon is Overstating Revenue by 140%, Should Voluntarily Postpone IPO

Was mir in diesem Zusammenhang aber fast noch mehr Sorgen bereitet: Groupon schüttet das Geld erst 90 Tage nach dem Eingang an die Kunden (im Beispiel den Restaurantbesitzer) aus. Die genehmigen sich also einfach 90 Tage zinslosen Kredit auf Kosten der Kunden. Das relativiert den auf den ersten Blick beruhigend hohen Bargeldbestand von mehr als 200 Millionen Dollar natürlich massiv, denn das wird zum großen Teil Geld sein, das noch ausgeschüttet werden muss. Und zweitens erinnert dieses Vorgehen erschreckend an ein Schneeballsystem ... Auch wenn Groupon kein Schneeballsystem ist (das Geld zum Ausschütten ist ja da), ist Groupon zu Wachstum verdammt und muss sich auch schleunigst neue Geldquellen erschließen. Und das soll der Börsengang ja bewirken. Aber ohne mich ...

Update 3 (13.06.11):

Noch eine Einschätzung eines Skeptikers, genauer eine Skeptikerin. Diese bezieht sich vor allem auf das exorbitante Wachstum, das zwar beeindruckend ist, aber fast ausschließlich über Zukäufe kam. Im Kerngeschäft USA wächst Groupon also wesentlich langsamer als es die Geschäftszahlen andeuten. Das hat natürlich massive Auswirkungen auf das Wachstum der Zukunft. Denn wenn die USA und die großen Märkte über Zukäufe erschlossen sind, wird eine solche Umsatzexplosion wie im letzten Jahr kaum wiederholbar sein.

Only a 'fool' would invest in Groupon, claims analyst | Business | The Guardian

Update 4 (09.02.12):

Das erste Quartalsergebnis nach dem Börsengang ist draußen und es ist ... ernüchternd. Zwar war das Umsatzwachstum stärker als erwartet, der Gewinn fiel aber schwächer aus. Aber was heisst Gewinn, es war sogar ein Verlust:

GROUPON MELDET VERLUST (2 CENT) STATT ERWARTETER 3 CENT GEWINN

Update 5 (05.04.12):

Nicht nur das Quartalsergebnis (siehe Update 2) war schlechter als erwartet, es musste sogar noch nachträglich nach unten korrigiert werden. Die Abläufe und Kontrollen in der Buchführung seien unzureichend gewesen. Das ist für eine börsennotierte Firma natürlich ein ziemliches Desaster. Nicht nur der Imageverlust ist spürbar, es gibt nun auch Klagen von Aktionären gegen Groupon, die unter Umständen teuer werden könnten.

Die Groupon-Aktie sinkt auf jeden Fall auf neue Tiefststände seit dem Börsengang. Der Schlusskurs gestern bei 14,54 $ liegt 27% unter dem IPO-Preis von 20$.

GROUPONS BUCHFÜHRUNG IST ANSCHEINEND EIN DESASTER ...

Update 6 (01.05.12):

Groupon verstärkt sich - besser spät als nie - mit zwei Bilanzierungsfachmännern, die jetzt endgültig diese Sparte auf Vordermann bringen sollen ...

Groupon holt sich Bilanzspezialisten in Aufsichtsrat

(Jetzt doch) 7 Jahre Zahlungsaufschub für Griechenland?

Och, jetzt ist aus dem am Wochenende noch dementierten (bzw. als "wir kommentieren grundsätzlich keine internen Diskussionspapiere" ignorierten) Papier scheinbar doch mehr geworden, siehe Modell zur Griechenland Umschuldung fertig? - egghat's not so micro blog.

Laut FAZ ging das "interne Diskussionspapier" jetzt an die europäischen Amtskollegen unseres Finanzministers Schäuble. Damit ist es vielleicht noch ein Diskussionspapier, aber "intern" muss man schon interessant definieren ...

Aber die Bedingungen haben sich nicht geändert und sehen weiterhin so aus wie am Wochenende beschrieben: 7 Jahre Zahlungsaufschub für Griechenland per freiwilligem Umtausch in Anleihen mit längerer Laufzeit. Diese Freiwilligkeit soll den (technischen) Zahlungsausfall verhindern, aber Fitch und Moody's haben schon betont, dass sie sich Freiwilligkeit anders vorstellen als Schäuble. Die neuen Anleihen mit besseren Garantien auszustatten, die alten nicht mehr als Sicherheit bei der EZB zu akzeptieren oder sogar die alten mit schlechteren Bedingungen (quasi Rangherabstufung) auszustatten, um den Umtausch zu erzwingen, geht nach Fitch oder Moody's nicht. Und ich schätze, die Clearingstelle für Kreditausfallversicherungen, die entscheidet, ob die CDS fällig werden oder nicht, wird ähnlich entscheiden.

Nur: Ganz freiwillig wird niemand die Laufzeit um 7 Jahre verlängern, gerade bei einem Schuldner, der auch dann noch hoch (und wahrscheinlich zu hoch) verschuldet sein wird. Da will ich doch mein Geld eher heute als in 7 Jahren haben. Und genau da sehe ich den Knackpunkt: Wer und warum sollte da mitmachen?

Anleihetausch: Schäuble will Zahlungsaufschub für Griechenland - Europas Schuldenkrise - Wirtschaft - FAZ.NET

(Außerdem werden die anderen Probleme nicht gelöst, denn ein reiner Zahlungsaufschub um 7 Jahre wird Griechenland wohl kaum reichen. Das Land hat dicke Defizite an allen Fronten (Haushalt, Handelsbilanz, Leistungsbilanz, ...) und das auch noch in 7 Jahren. Schäuble will eine Beteiligung der privaten Gläubiger von 30 Mrd. Euro (WSJ: Greece Creditors Must Give €30 billion to Bailout). Das hört sich im ersten Moment viel an, sind am Ende aber nur wenig mehr als 8% des BIPs. Bei einer Schuldenlast, die aktuell bei 150% des BIPs liegen dürfte! Ein Tropfen auf den heißen Stein, mehr nicht).

US-Arbeitslosenquote 05/11: 9,1% (+0,1)

Ich habe leider in den letzten zwei Monaten keine Zeit gefunden, hier die US-Arbeitslosenzahlen in der üblichen Form zu bringen. Die Zahlen für den Mai waren aber der Höhepunkt, bzw. Tiefpunkt in einer Serie von schwachen Wirtschaftszahlen aus den USA. Und wenn dazu noch die Zahlen für die Vormonate nach unten korrigiert haben, muss ich das auch an einem so sonnigen Wochenendtag mal nachholen ...

Zu den offiziellen Zahlen für den Mai 2011:

Household Data, per Umfrage erhoben:

Anzahl der Arbeitslosen: +167.000 auf 13,914 Millionen. Anzahl der Arbeitenden: +105.000 auf 139,779 Millionen ---> Arbeitslosenquote:

9,1% (+0,1).

Vor zwei Monaten lag die US-Arbeitslosenquote noch bei 8,8%.

Positiv, dass die Zahl der Umbuchungen in die Gruppe "Not in Labor Force" ausnahmsweise mal nicht negativ war. Es waren 105.000 weniger als im April. Das ist aber die seltene Ausnahme. Im Vergleich zum Vorjahr liegt die Zahl 2,358 Millionen höher. Diese 2,358 Millionen zählen nicht mehr zum Arbeitskräfteangebote der USA, gehen also auch nicht mehr in die Berechnung der Arbeitslosenquote ein.

Die Erwerbstätigenquote (Anzahl Arbeitskräfte auf die Gesamtbevölkerung gesehen) blieb konstant bei 58,4%, gegenüber dem Vorjahresmonat ist das aber schon wieder ein Plus von 0,3 Prozentpunkten. Die Erholung des Arbeitsmarkts spiegelt sich in der Erwerbstätigenquote immer noch nicht wider. Ein großer Teil der Verbesserung in der Arbeitslosenquote geht halt allein auf die Umbuchungen von mehr als 2 Millionen Amerikaner in die NILF-Schublade zurück.

Establishment Data:

Die Daten aus der Establishment Data, die als genauer gelten, waren die eigentliche Enttäuschung.

Anzahl der Jobs: +54.000 gegenüber April 2011 auf 131,043 Millionen. Gegenüber dem Vorjahr liegt das Plus bei mageren 242.000.

Für die beiden vergangenen Monate gab es relativ kräftige Abwärtskorrekturen: Der März 2011 wurde von +221.000 auf +194.000, der April 2011 von 244.000 auf 232.000 korrigiert, zusammen also um 39.000.

Die Anzahl der gearbeiteten Stunden pro Woche blieb im Februar bei 34,4 die Anzahl der Überstunden blieb unverändert bei 3,2 Stunden.

Fasst man die Zahlen zusammen, war nicht nur der Mai eine Enttäuschung, mit den Abwärtskorrekturen der Vormonate muss man eigentlich auch die beiden Monate als schwach bewerten. Insbesondere zeigt sich, dass eigentlich nur im Winter die Zahl der Arbeitsplätze wirklich stieg und die Arbeitslosenquote aus diesem Grund sank. Mein Optimismus im Winter hat sich nicht bestätigt, wobei ich bei der überlegten Wette (US-Arbeitslosenquote sinkt) ja tendenziell richtig gelegen hätte, auch wenn fast nur wegen den NILFs.

Übrigens ist die am breitesten ausgelegte Arbeitslosenquote U-6 ist um 0,1 Prozentpunkte auf 15,8% gesunken. Das ist immerhin eine deutlich Verbesserung gegenüber dem Vorjahr (16,5%), allerdings ist die einzige logische Erklärung die NILF-Schublade ...

BLS.GOV: THE EMPLOYMENT SITUATION – MAY 2011 (PDF)

Musik zum Wochenende: The Domino State

Lange keine Musik zum Wochenende mehr gemacht ...
Ohne viele Worte, denn ich geh da gleich hin. Das hört sich gut an und ist direkt um die Ecke und kostet 10 Euro.

The Domino State - You Are The Winter - OFFICIAL VIDEO



Update (06.06.11):

Das gefällt mir eigentlich noch besser:



Das Konzert in Oberhausen war übrigens vor lächerlichen 50 Leuten, von denen wahrscheinlich nur 30 alberne 10 Euro Eintritt bezahlt haben und anschließend 15 davon die CD für 10 Euro gekauft haben. Neue Bands haben es heute wirklich schwer. Nicht Youtube ist das Problem von Musikern, sondern ausschließlich bekannt zu werden ...

Und all das gilt auch für die Vorgruppe Between Borders. Aber die gibt's dann am nächsten Wochenende ...

Hat Griechenland 280 Mrd. Schwarzgeld in der Schweiz?

Ich habe heute morgen schon mit Marktzyniker auf Twitter diskutiert, ob 280 Milliarden Euro griechischer Schwarzgelder in der Schweiz realistisch sein können. Es ist zugegeben eine spannende Zahl, denn bei 350 Mrd. griechischer Staatsschulden wären 280 Mrd. Schwarz- bzw. Fluchtgeld der Griechen in der Schweiz eine ziemlich nahe liegende Lösung. Genannt wird die Zahl auch von renommierten Medien immer wieder, z. B. vom Deutschlandradio: Sparkurs trifft die Armen - Griechen demonstrieren gegen Reformpolitik des | Europa heute | Deutschlandfunk

Ich halte die Zahl für ziemlich unrealistisch, wenngleich ich sie nicht komplett ausschließen kann. Warum möchte ich erst kurz, dann lang erklären ...
Zuerst sollte man den Wert auf deutsche Verhältnisse hochrechnen, wie ich es schon bei bei meinen Überlegungen zum Wert des griechischen Staatsbesitzes gemacht habe (siehe Was ist der Staatsbesitz Griechenlands wert?). Also einfach mal hochrechnen ... Man kommt auf einen Faktor 6, wenn man die Bevölkerungszahl als Basis für den Multiplikator nimmt. Ein Multiplikator von mehr als 10 ergibt sich, wenn man das BIP nimmt (was wahrscheinlich auch am sinnvollsten ist). Ich rechne (auch weil es einfacher ist) mit einem Faktor von 10. Dann komme ich bei den angeblichen 280 Milliarden Schwarzgeld auf 2,8 Billionen Euro, die die Griechen in der Schweiz haben würden (wenn Griechenland so groß und reich wäre wie Deutschland).

2,8 Billionen Euro sind aber eine Menge Holz. So ergab der neue Vermögensreport von Boston Consulting eine gesamtes Vermögen der Deutschen von 5,2 Billionen Euro (siehe
Wohlstands-Report: Privatvermögen wächst über Vorkrisenniveau - Börse + Märkte - Finanzen - Handelsblatt). Davon sind aber nie und nimmer mehr als die Hälfte als Schwarzgeld in der Schweiz.

Eine Hochrechnung auf deutsche Verhältnisse lässt die 280 Milliarden aus Griechenland in der Schweiz also ziemlich unrealistisch erscheinen. Allerdings darf man den Punkt "Schweiz" auch nicht überbewerten. Mit Luxemburg und vor allem Zypern haben die Griechen noch zwei andere Schwarzgeld-Steueroasen innerhalb der Eurozone zur Auswahl. Dort mögen durchaus auch noch einige Milliarden schlummern ...

Allerdings relativiert sich die Summe an sich so nicht. Knapp 3 Billionen, egal ob in Luxemburg und/oder der Schweiz und/oder auf Zypern, sind und bleiben viel.

Vielleicht sucht man mal lieber nach Zahlen zum deutschen Schwarzgeld in der Schweiz. Selbst wenn es natürlich keine wirklich zuverlässigen Zahlen gibt. In der Diskussion um Eichels Steueramnestie vor etwa 8 Jahren waberten Schätzungen von 150 Milliarden Euro deutschen Schwarzgelds durch die Medien (Steueramnestie: Bis zu 550 Milliarden Euro Schwarzgeld auf fernen Konten - manager-magazin.de - Finanzen).

Auch eine aktuellere Untersuchung aus der Schweiz bleibt in einem ähnlichen Rahmen: Zu 193 Milliarden Schweizer Franken "echtem" Schwarzgeld kommen noch 87 Milliarden deklariertes Geld aus deutschen Quellen. Das entspricht in Euro etwa 230 Milliarden. Ergo nur ein Bruchteil des Geldes, das (hochgerechnet) die Griechen auf schweizerischen Konten haben sollen.

Diese aktuellere Untersuchung aus dem Jahr 2010 liefert sogar einen noch konkreteren Hinweis: Sie schätzt die Summe der Schwarzgelder aus Griechenland auf 24 Milliarden Euro. Das wäre weniger als ein Zehntel der Summe, über die spekuliert wird. Aber just auch der Wert, der ziemlich gut zur Wirtschaftsleistung passen würde, die halt auch nur ein Zehntel der deutschen beträgt. Die Zahl passt geradezu perfekt! Daher kann ich mir auch bei der bekannt laxen griechischen Steuermoral nicht vorstellen, dass die Griechen - in Bezug auf ihre Wirtschaftskraft - die zehnfache Menge Schwarzgeld in die Schweiz geschafft haben.

Woher das Schwarzgeld auf Schweizer Banken kommt - Schweiz: Standard - bazonline.ch

Aber ist es vielleicht normales Geld und kein Schwarzgeld? Also richtig offizielles Geld. Hmm, dann müsste das Geld aber auch in den normalen Statistiken auftauchen. Um das zu überprüfen gibt es zwei Ansatzpunkte: a) Die Zahlen der BIZ (Bank für internationalen Zahlungsverkehr) und b) die NIIP z. B. der Weltbank.

Zur BIZ: Die BIZ-Zahlen lassen keine sonderlich großen Vermögen der Griechen im Ausland erkennen. Zwar gab es in den Zahlen mal eine "komische" Änderung, als eine griechische Bank ihren Sitz aus der Schweiz nach Luxemburg verlegte (auf einen Schlag sanken die griechischen Vermögen in der Schweiz deutlich), was durchaus auf signifikante griechische Vermögen in der Schweiz hindeutet. Auf der anderen Seite sind die BIZ Zahlen aber auch nicht sonderlich zuverlässig, weil die BIZ nur Banken kontrolliert und z.B. Vermögen über Firmenbeteiligungen (Grieche gründet Firma in der Schweiz, die dann in der Schweiz Geld anlegt) und auch Vermögen in Lebensversicherungen nicht bzw. nicht richtig erfasst werden.

Das allerdings sollte die NIIP machen. Die Net International Investment Position soll die Schulden und Vermögen aller Sektoren einer Volkswirtschaft erfassen. Also von Staat und Unternehmen und Banken und Privathaushalten. Die NIIP ist in Griechenland aber sehr tief in den roten Zahlen. Der Wert liegt irgendwo bei minus 90% des BIPs, was etwa 200 Milliarden Euro entspricht. Nun hat Griechenland etwa 350 Mrd. Staatsschulden, von denen etwa 3/4 im Ausland liegen. Macht etwa 260 Milliarden Euro Schulden im Ausland, was interessanterweise mehr ist, als die NIIP im Minus liegt.

Damit das einen Sinn ergibt, müssen die restlichen Sektoren (Banken+Unternehmen+Private) der griechischen Volkswirtschaft im Plus liegen, sprich mehr Vermögen im Ausland haben als Schulden. Oder der griechische Staat hat Vermögen im Ausland. Ich schließe letzteres jetzt einfach mal aus, zumindest in größerem Umfang. Genauso wie die griechischen Banken, die ich für defakto Pleite halte, größere Nettovermögen im Ausland halten dürften. Dann bleiben Unternehmen und Private übrig, die die 60 Mrd. Differenz ausgleichen können. Die 60 Milliarden passen aber auch nicht zu den gemunkelten 280 Milliarden.

Allerdings wohl gemerkt netto. Denn es könnte durchaus sein, dass die Griechen im Inland (z.B. für den Immobilienkauf) verschuldet sind, aber die (Geld-)Vermögen überwiegend im Ausland liegen. Wenn der griechische Privatsektor angenommen mit 60 % des BIPs im Inland verschuldet ist, könnte er durchaus 80% des BIPs an Vermögen im Ausland halten. Damit wären dann durchaus Auslandsvermögen bis an die 200 Milliarden Euro darstellbar.

Nehmen wir jetzt noch die 24 Mrd. Schweizer Franken griechischen Schwarzgelds und gehen davon aus, dass ähnlich wie in Deutschland nochmal gut das Zweifache obendrauf kommt (in Luxemburg und anderen Steueroasen, im Fall von Griechenland vor allem Zypern), kommt man durchaus in die Nähe der 280 Milliarden Euro.

Allerdings nicht im Leben an *Schwarz*geld und auch nicht allein in der Schweiz. Um auf 280 Milliarden zu kommen, müsste man schon erstens alle Steueroasen zusammenzählen und zweitens (und am wichtigsten) die offiziellen Auslandsvermögen mitberücksichtigen.

Kann man nun behaupten, dass die Griechen einfach ihr Geld in die Heimat zurückholen sollten und ihre Problem so selber lösen sollen? Nein, denn das greift zu kurz. Erstens werden die Griechen keine 100% Besteuerung auf ihr Vermögen akzeptieren (sondern lieber ihren Auslandsvermögen hinterherziehen) und zweitens greift diese Nettobetrachtung zu kurz. Denn selbst wenn die Griechen Vermögen in Höhe von 80% des BIPs im Ausland haben, darf man die (für diese Schätzung angenommenen) 60% des BIPs an Schulden der Griechen im Inland nicht vergessen.

Kurz: In die Nähe von 280 Milliarden Euro griechischer Auslandsvermögen kann man durchaus kommen. Aber a) nicht allein als Schwarzgeld, b) nicht allein in der Schweiz, und c) auch nur netto, sprich bevor man die Schulden abzieht. Und gerade Punkt c macht diese Betrachtung einigermaßen unrealistisch.



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