Info: Ich habe mit dem letzten Prospekt vor dem Börsengang einen aktualisierten Artikel geschrieben, in dem ich die jetzt bekannten Zahlen des dritten Quartals unter die Lupe nehme: Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Groupon hat den Börsengang geschrumpft ...
Ich habe lange keine so ungesunde Bilanz mehr gesehen wie die von Groupon. Lange heisst in den letzten 10 Jahren, davor waren solche Nummern durchaus üblich. Man nennt das heute zusammenfassend Bubble1.0 und meint die Mobilcoms, EM.TVs, Comroads, Letsbuyits oder die Internetfirmen in den USA wie Webvan, die von der Börse scheinbar um so höher bewertet wurden je höher der Verlust war. Hauptsache das Wachstum stimmte.
Genau daran erinnert Groupon. Die Firma hat im ersten Quartal einen Verlust von 117 Millionen Dollar eingefahren. Das bei einem Umsatz von 644 Millionen. Im Gesamtjahr 2010 waren es 420 Millionen bei einem Umsatz von 713 Millionen.
Andere Geschäftszahlen: Working Capital: -229 Millionen, Verlust pro Aktie im 1. Quartal 2011: 95 Cent.
Aber was mich wirklich an die Blase 1999/2000 zurückdenken lässt: Die haben sich bei Groupon eine neue Kennzahl zur Messung des Gewinns einfallen lassen: Adjusted CSOI. Consolidated Segment Operating Income. Das geht noch weiter in die gleiche Richtung wie das
EBIDTA (Earnings before interest, taxes, depreciation und amortization, also Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen).
Weil viele Firmen aber selbst nach dem Ignorieren dieser wesentlichen Kosten noch keinen Gewinn ausweisen konnten, wurde damals schon ernsthaft über ein EBITDAM nachgedacht, bei dem auch die Marketingkosten herausgerechnet wurden. Hämische Beobachter schlugen daraufhin EBE, Earnings before everything, vor ...
Genau dieses EBITDAM setzt Groupon jetzt ein gutes Jahrzehnt nach der Blase 1.0 defakto um: Die rechnen die Kosten für Kundenakquise heraus. Und zusätzlich noch die Kosten für die Aktienbeteiligungen der Mitarbeiter (die musste man in der Blase 1.0 noch nicht rausrechnen, weil die damals nicht als Kosten bilanziert wurden), deshalb "adjusted".
Der adjusted CSOI ist natürlich positiv, weil Groupon seinen größten Kostenfaktor somit unter den Tisch fallen lässt. Im ersten Quartal 2011 waren es 180 Millionen und Bingo ist der adjusted CSOI mit knapp 82 Millionen im Plus.
Nur was sagt diese Kennzahl aus? Nichts! Denn in der Akquise arbeitet der große Teil der Mitarbeiter von Groupon, nämlich die ganzen Leute in Callcentern, die permanent alle Geschäfte zu Werbemaßnahmen überreden müssen. Marketingkosten sind bei direktvertreibenden Firmen wie z.B. Dell generell hoch. Bei einer Firma wie Groupon, die nichts selber verkauft (und damit keine Materialkosten hat), ist der Anteil natürlich noch viel höher. Es gibt überhaupt keinen Grund, genau diesen Kostenfaktor wegzulassen.
Groupon ist wahrscheinlich tot, wenn die nicht weiter vertreiben. Zwar mag ein Teil der Vertriebskosten einsparbar sein, aber eben nur ein Teil. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Kuponmarkt auf ein natürliches Monopol zusteuert wie z.B. ebay, die als der größte Marktplatz immer den Vorteil haben, dass man dort als Verkäufer auf mehr Interessenten trifft und dadurch bessere Preise erzielt. Es macht keinen Sinn, woanders als bei ebay zu versteigern.
Groupon hingegen ist am Ende durch viele lokale Dienste ersetzbar oder durch Spezialdienste für spezielle Kundenschichten. Das Geschäftsmodell funktioniert auch für viele kleine Groupon-Clones nebeneinander und nicht nur für einen großen. Gerade wenn sich diese kleinen Dienste mit Partnern zusammentun, also z.B. der lokale Dienst mit den Gelben Seiten bzw. der Lokalpresse oder der Spezialrabattdienst für Apple-Jünger mit einer Mac-Zeitschrift. (Achtung: Geschäftsidee!).
Ebay ist in dieser Hinsicht anders: Das eingestellte Angebot läuft maximal 2 Wochen und muss in diesen zwei Wochen möglichst viele Interessenten ansprechen, damit es einen hohen Preis gibt. Ein Restaurantbesitzer, die seine freien Plätze an einem Dienstagabend auffüllen will, muss das aber nicht in 2 Wochen erreichen, sondern er kann das Angebot mit 5 Kupons pro Woche automatisch einstellen und wenn es dann in einer Woche nur 3 Nachfrager gibt, ist es auch relativ egal. Denn er hat nach dem großzügigen Rabatt eh nur eine geringe Marge (und verliert nicht viel). Sobald jemand niedrigere Gewinnbeteiligungen als die 50% von Groupon fordert, kann es sich schnell wieder lohnen. Kurz: Das Geschäftsmodell ist angreifbar und dabei drohen die Margen ins Rutschen zu kommen.
Die Markteintrittsbarrieren sind relativ gering und damit wird es Wettbewerber geben, die solch tolle Margen, wie ihn ein Monopolist wie Ebay absahnen kann, verhindern werden.
OK, es mag sein, dass ich mich irre.
a) Es könnte sein, dass die Lokalpresse auf Groupon genau so dämlich reagiert wie auf ebay (Kleinanzeigen), autoscout24 (Autos), Jobscout (Stellenanzeigen) und immoscout (Immobilien) und sich die ganze Butter erneut vom Brot nehmen lassen.
b) Es könnte sein, dass Groupon wirklich die Marketingmaßnahmen massiv zurückfahren kann, weil sowohl die Käufer wie auch die Verkäufer dem Dienst treu bleiben und von alleine immer neue Deals eingestellt werden. Ich glaube aber eher, dass das nicht so ist und gerade die Verkäufer schnell merken, dass man so keine treuen Kunden bekommt und nur seine Waren an Schnäppchenjäger bzw. Lauschepper verschenkt. Die Zahlen unterstützen die These: 2009 verkaufte Groupon auf 100 Subscriber (die haben durchaus beeindruckende insgesamt 83 Millionen) 69 Kupons, 2010 waren es 60 und im ersten Quartal 2011 nur noch 34. Und das internationale Geschäft ist noch mauer ... (
Why Groupon’s IPO is no deal Brett Arends' ROI - MarketWatch).
c) Auf der anderen Seite ist der Markt für lokale Werbemaßnahmen natürlich riesig. Die lokale Presse und die gelben Seiten leben davon und einen Dienst wie Google Maps gibt es auch nur, um lokalisierte Werbung zu verkaufen.
Insgesamt würde ich bei diesem IPO zu extremer Vorsicht raten. Wer da mitmachen will, sollte wirklich gute Argumente gegen das oben Geschriebene vorbringen können.
Deja Vu: Groupon’s Bubble 1.0 Approach To Accounting - Eric Savitz - The Tech Trade - Forbes
Short logic (Groupon IPO: Pass on this deal)
P.S. Das Posting gehört thematisch eigentlich nicht unbedingt hierher, aber ich habe dazu heute zu viel gelesen, um das nicht zu verbloggen (und für mein Zweitblog ist das zu lang).
Außerdem will ich nicht der "Ich-hype-jede-Internet-Klitsche"-egghat sein, was man mir nach
WARUM FACEBOOK AUCH SCHNELL 200 MILLIARDEN DOLLAR WERT SEIN KANN ja vielleicht vorwerfen könnte.
Und drittens weiss ich, das dieses Thema interessiert, dass es kommentiert und verlinkt wird und ich damit an Tag zwei nach dem
Rivva Relaunch dort auftauchen werden ;-)
Update (21:02):
Basierend auf diesem Posting gibt es ein "spontanes Wirtschaftsgespräch" mit @holgi und mir. Und ich kann euch garantieren, dass das zumindest spontan war ;-)
Hat Spaß gemacht, danke an Holgi. Viel Spaß beim Hören wünsche ich natürlich auch Euch:
(Fetter Ruhrpottdialekt ahead ;-) )
WRINT: KL001 Wirtschaftgespräche: Groupon at WRINT
Update 2 (09.06.11):
Einen Punkt könnte man vielleicht noch herausarbeiten, den ich auch im Podcast nicht erwähnt habe, als die Frage kam, was Groupon denn sonst noch so für Kosten hat.
Groupon bilanziert bei den Umsätzen den Rohumsatz der Kuponverkäufe. Also wenn ein Kupon verkauft für 20 Euro verkauft wird (z.B. für ein Abendessen im Wert von 40 an einem Dienstagabend), landen die gesamten 20 Euro im Umsatz von Groupon. Das ist durchaus umstritten, denn ein Teil des Umsatzes muss Groupon ja direkt an den Restaurantbesitzer weiterleiten. In der Praxis hat Groupon in den letzten Quartalen etwa 40% des Umsatzes behalten und den Rest weitergeleitet.
Das ist in etwa vergleichbar mit den Traffic Acquisition Costs, wie sie Google ausweist. Hintergrund für die TACs sind Werbedeals mit Großkunden (u.a. Mozilla oder Apple), bei denen Google zum Teil fixe Zahlungen garantiert, wenn das Suchfenster im Browser standardmäßig auf Google verweist. Nehmen wir mal an, Google verkauft auf diesen Suchergebnisseiten Werbung für 5 Mrd. Dollar im Jahr, hat aber Deals, die Apple und Mozilla 2 Mrd. pro Jahr garantieren. Dann könnte Google diese 5 Milliarden als Umsatz einbuchen. Google bucht aber nur die 3 Mrd., die wirklich bei Google bleiben, als Umsatz ("net revenue excluding TAC") ein. Google bilanziert also konservativ, Groupon hingegen bucht den gesamten Umsatz ein, auch wenn ein großer Teil nie in der Firma bleiben wird.
Zur Einordnung: Man kann sicherlich so bilanzieren und daher ist die Überschrift über dem Minyanville Artikel auch übertrieben und zu negativ. Auf der anderen Seite sollte man sich aber bewusst sein, dass Groupon nicht nur aggressiv wächst, sondern auch aggressiv alle möglichen Bilanzierungsspielräume nutzt. Konservative Bilanzierung sieht definitiv anders aus.
Minyanville: Groupon is Overstating Revenue by 140%, Should Voluntarily Postpone IPO
Was mir in diesem Zusammenhang aber fast noch mehr Sorgen bereitet: Groupon schüttet das Geld erst 90 Tage nach dem Eingang an die Kunden (im Beispiel den Restaurantbesitzer) aus. Die genehmigen sich also einfach 90 Tage zinslosen Kredit auf Kosten der Kunden. Das relativiert den auf den ersten Blick beruhigend hohen Bargeldbestand von mehr als 200 Millionen Dollar natürlich massiv, denn das wird zum großen Teil Geld sein, das noch ausgeschüttet werden muss. Und zweitens erinnert dieses Vorgehen erschreckend an ein Schneeballsystem ... Auch wenn Groupon kein Schneeballsystem ist (das Geld zum Ausschütten ist ja da), ist Groupon zu Wachstum verdammt und muss sich auch schleunigst neue Geldquellen erschließen. Und das soll der Börsengang ja bewirken. Aber ohne mich ...
Update 3 (13.06.11):
Noch eine Einschätzung eines Skeptikers, genauer eine Skeptikerin. Diese bezieht sich vor allem auf das exorbitante Wachstum, das zwar beeindruckend ist, aber fast ausschließlich über Zukäufe kam. Im Kerngeschäft USA wächst Groupon also wesentlich langsamer als es die Geschäftszahlen andeuten. Das hat natürlich massive Auswirkungen auf das Wachstum der Zukunft. Denn wenn die USA und die großen Märkte über Zukäufe erschlossen sind, wird eine solche Umsatzexplosion wie im letzten Jahr kaum wiederholbar sein.
Only a 'fool' would invest in Groupon, claims analyst | Business | The Guardian
Update 4 (09.02.12):
Das erste Quartalsergebnis nach dem Börsengang ist draußen und es ist ... ernüchternd. Zwar war das Umsatzwachstum stärker als erwartet, der Gewinn fiel aber schwächer aus. Aber was heisst Gewinn, es war sogar ein Verlust:
GROUPON MELDET VERLUST (2 CENT) STATT ERWARTETER 3 CENT GEWINN
Update 5 (05.04.12):
Nicht nur das Quartalsergebnis (siehe Update 2) war schlechter als erwartet, es musste sogar noch nachträglich nach unten korrigiert werden. Die Abläufe und Kontrollen in der Buchführung seien unzureichend gewesen. Das ist für eine börsennotierte Firma natürlich ein ziemliches Desaster. Nicht nur der Imageverlust ist spürbar, es gibt nun auch Klagen von Aktionären gegen Groupon, die unter Umständen teuer werden könnten.
Die Groupon-Aktie sinkt auf jeden Fall auf neue Tiefststände seit dem Börsengang. Der Schlusskurs gestern bei 14,54 $ liegt 27% unter dem IPO-Preis von 20$.
GROUPONS BUCHFÜHRUNG IST ANSCHEINEND EIN DESASTER ...
Update 6 (01.05.12):
Groupon verstärkt sich - besser spät als nie - mit zwei Bilanzierungsfachmännern, die jetzt endgültig diese Sparte auf Vordermann bringen sollen ...
Groupon holt sich Bilanzspezialisten in Aufsichtsrat
Info: Ich habe mit dem letzten Prospekt vor dem Börsengang einen aktualisierten Artikel geschrieben, in dem ich die jetzt bekannten Zahlen des dritten Quartals unter die Lupe nehme: Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Groupon hat den Börsengang geschrumpft ...
Ich habe lange keine so ungesunde Bilanz mehr gesehen wie die von Groupon. Lange heisst in den letzten 10 Jahren, davor waren solche Nummern durchaus üblich. Man nennt das heute zusammenfassend Bubble1.0 und meint die Mobilcoms, EM.TVs, Comroads, Letsbuyits oder die Internetfirmen in den USA wie Webvan, die von der Börse scheinbar um so höher bewertet wurden je höher der Verlust war. Hauptsache das Wachstum stimmte.
Genau daran erinnert Groupon. Die Firma hat im ersten Quartal einen Verlust von 117 Millionen Dollar eingefahren. Das bei einem Umsatz von 644 Millionen. Im Gesamtjahr 2010 waren es 420 Millionen bei einem Umsatz von 713 Millionen.
Andere Geschäftszahlen: Working Capital: -229 Millionen, Verlust pro Aktie im 1. Quartal 2011: 95 Cent.
Aber was mich wirklich an die Blase 1999/2000 zurückdenken lässt: Die haben sich bei Groupon eine neue Kennzahl zur Messung des Gewinns einfallen lassen: Adjusted CSOI. Consolidated Segment Operating Income. Das geht noch weiter in die gleiche Richtung wie das
EBIDTA (Earnings before interest, taxes, depreciation und amortization, also Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen).
Weil viele Firmen aber selbst nach dem Ignorieren dieser wesentlichen Kosten noch keinen Gewinn ausweisen konnten, wurde damals schon ernsthaft über ein EBITDAM nachgedacht, bei dem auch die Marketingkosten herausgerechnet wurden. Hämische Beobachter schlugen daraufhin EBE, Earnings before everything, vor ...
Genau dieses EBITDAM setzt Groupon jetzt ein gutes Jahrzehnt nach der Blase 1.0 defakto um: Die rechnen die Kosten für Kundenakquise heraus. Und zusätzlich noch die Kosten für die Aktienbeteiligungen der Mitarbeiter (die musste man in der Blase 1.0 noch nicht rausrechnen, weil die damals nicht als Kosten bilanziert wurden), deshalb "adjusted".
Der adjusted CSOI ist natürlich positiv, weil Groupon seinen größten Kostenfaktor somit unter den Tisch fallen lässt. Im ersten Quartal 2011 waren es 180 Millionen und Bingo ist der adjusted CSOI mit knapp 82 Millionen im Plus.
Nur was sagt diese Kennzahl aus? Nichts! Denn in der Akquise arbeitet der große Teil der Mitarbeiter von Groupon, nämlich die ganzen Leute in Callcentern, die permanent alle Geschäfte zu Werbemaßnahmen überreden müssen. Marketingkosten sind bei direktvertreibenden Firmen wie z.B. Dell generell hoch. Bei einer Firma wie Groupon, die nichts selber verkauft (und damit keine Materialkosten hat), ist der Anteil natürlich noch viel höher. Es gibt überhaupt keinen Grund, genau diesen Kostenfaktor wegzulassen.
Groupon ist wahrscheinlich tot, wenn die nicht weiter vertreiben. Zwar mag ein Teil der Vertriebskosten einsparbar sein, aber eben nur ein Teil. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Kuponmarkt auf ein natürliches Monopol zusteuert wie z.B. ebay, die als der größte Marktplatz immer den Vorteil haben, dass man dort als Verkäufer auf mehr Interessenten trifft und dadurch bessere Preise erzielt. Es macht keinen Sinn, woanders als bei ebay zu versteigern.
Groupon hingegen ist am Ende durch viele lokale Dienste ersetzbar oder durch Spezialdienste für spezielle Kundenschichten. Das Geschäftsmodell funktioniert auch für viele kleine Groupon-Clones nebeneinander und nicht nur für einen großen. Gerade wenn sich diese kleinen Dienste mit Partnern zusammentun, also z.B. der lokale Dienst mit den Gelben Seiten bzw. der Lokalpresse oder der Spezialrabattdienst für Apple-Jünger mit einer Mac-Zeitschrift. (Achtung: Geschäftsidee!).
Ebay ist in dieser Hinsicht anders: Das eingestellte Angebot läuft maximal 2 Wochen und muss in diesen zwei Wochen möglichst viele Interessenten ansprechen, damit es einen hohen Preis gibt. Ein Restaurantbesitzer, die seine freien Plätze an einem Dienstagabend auffüllen will, muss das aber nicht in 2 Wochen erreichen, sondern er kann das Angebot mit 5 Kupons pro Woche automatisch einstellen und wenn es dann in einer Woche nur 3 Nachfrager gibt, ist es auch relativ egal. Denn er hat nach dem großzügigen Rabatt eh nur eine geringe Marge (und verliert nicht viel). Sobald jemand niedrigere Gewinnbeteiligungen als die 50% von Groupon fordert, kann es sich schnell wieder lohnen. Kurz: Das Geschäftsmodell ist angreifbar und dabei drohen die Margen ins Rutschen zu kommen.
Die Markteintrittsbarrieren sind relativ gering und damit wird es Wettbewerber geben, die solch tolle Margen, wie ihn ein Monopolist wie Ebay absahnen kann, verhindern werden.
OK, es mag sein, dass ich mich irre.
a) Es könnte sein, dass die Lokalpresse auf Groupon genau so dämlich reagiert wie auf ebay (Kleinanzeigen), autoscout24 (Autos), Jobscout (Stellenanzeigen) und immoscout (Immobilien) und sich die ganze Butter erneut vom Brot nehmen lassen.
b) Es könnte sein, dass Groupon wirklich die Marketingmaßnahmen massiv zurückfahren kann, weil sowohl die Käufer wie auch die Verkäufer dem Dienst treu bleiben und von alleine immer neue Deals eingestellt werden. Ich glaube aber eher, dass das nicht so ist und gerade die Verkäufer schnell merken, dass man so keine treuen Kunden bekommt und nur seine Waren an Schnäppchenjäger bzw. Lauschepper verschenkt. Die Zahlen unterstützen die These: 2009 verkaufte Groupon auf 100 Subscriber (die haben durchaus beeindruckende insgesamt 83 Millionen) 69 Kupons, 2010 waren es 60 und im ersten Quartal 2011 nur noch 34. Und das internationale Geschäft ist noch mauer ... (
Why Groupon’s IPO is no deal Brett Arends' ROI - MarketWatch).
c) Auf der anderen Seite ist der Markt für lokale Werbemaßnahmen natürlich riesig. Die lokale Presse und die gelben Seiten leben davon und einen Dienst wie Google Maps gibt es auch nur, um lokalisierte Werbung zu verkaufen.
Insgesamt würde ich bei diesem IPO zu extremer Vorsicht raten. Wer da mitmachen will, sollte wirklich gute Argumente gegen das oben Geschriebene vorbringen können.
Deja Vu: Groupon’s Bubble 1.0 Approach To Accounting - Eric Savitz - The Tech Trade - Forbes
Short logic (Groupon IPO: Pass on this deal)
P.S. Das Posting gehört thematisch eigentlich nicht unbedingt hierher, aber ich habe dazu heute zu viel gelesen, um das nicht zu verbloggen (und für mein Zweitblog ist das zu lang).
Außerdem will ich nicht der "Ich-hype-jede-Internet-Klitsche"-egghat sein, was man mir nach
WARUM FACEBOOK AUCH SCHNELL 200 MILLIARDEN DOLLAR WERT SEIN KANN ja vielleicht vorwerfen könnte.
Und drittens weiss ich, das dieses Thema interessiert, dass es kommentiert und verlinkt wird und ich damit an Tag zwei nach dem
Rivva Relaunch dort auftauchen werden ;-)
Update (21:02):
Basierend auf diesem Posting gibt es ein "spontanes Wirtschaftsgespräch" mit @holgi und mir. Und ich kann euch garantieren, dass das zumindest spontan war ;-)
Hat Spaß gemacht, danke an Holgi. Viel Spaß beim Hören wünsche ich natürlich auch Euch:
(Fetter Ruhrpottdialekt ahead ;-) )
WRINT: KL001 Wirtschaftgespräche: Groupon at WRINT
Update 2 (09.06.11):
Einen Punkt könnte man vielleicht noch herausarbeiten, den ich auch im Podcast nicht erwähnt habe, als die Frage kam, was Groupon denn sonst noch so für Kosten hat.
Groupon bilanziert bei den Umsätzen den Rohumsatz der Kuponverkäufe. Also wenn ein Kupon verkauft für 20 Euro verkauft wird (z.B. für ein Abendessen im Wert von 40 an einem Dienstagabend), landen die gesamten 20 Euro im Umsatz von Groupon. Das ist durchaus umstritten, denn ein Teil des Umsatzes muss Groupon ja direkt an den Restaurantbesitzer weiterleiten. In der Praxis hat Groupon in den letzten Quartalen etwa 40% des Umsatzes behalten und den Rest weitergeleitet.
Das ist in etwa vergleichbar mit den Traffic Acquisition Costs, wie sie Google ausweist. Hintergrund für die TACs sind Werbedeals mit Großkunden (u.a. Mozilla oder Apple), bei denen Google zum Teil fixe Zahlungen garantiert, wenn das Suchfenster im Browser standardmäßig auf Google verweist. Nehmen wir mal an, Google verkauft auf diesen Suchergebnisseiten Werbung für 5 Mrd. Dollar im Jahr, hat aber Deals, die Apple und Mozilla 2 Mrd. pro Jahr garantieren. Dann könnte Google diese 5 Milliarden als Umsatz einbuchen. Google bucht aber nur die 3 Mrd., die wirklich bei Google bleiben, als Umsatz ("net revenue excluding TAC") ein. Google bilanziert also konservativ, Groupon hingegen bucht den gesamten Umsatz ein, auch wenn ein großer Teil nie in der Firma bleiben wird.
Zur Einordnung: Man kann sicherlich so bilanzieren und daher ist die Überschrift über dem Minyanville Artikel auch übertrieben und zu negativ. Auf der anderen Seite sollte man sich aber bewusst sein, dass Groupon nicht nur aggressiv wächst, sondern auch aggressiv alle möglichen Bilanzierungsspielräume nutzt. Konservative Bilanzierung sieht definitiv anders aus.
Minyanville: Groupon is Overstating Revenue by 140%, Should Voluntarily Postpone IPO
Was mir in diesem Zusammenhang aber fast noch mehr Sorgen bereitet: Groupon schüttet das Geld erst 90 Tage nach dem Eingang an die Kunden (im Beispiel den Restaurantbesitzer) aus. Die genehmigen sich also einfach 90 Tage zinslosen Kredit auf Kosten der Kunden. Das relativiert den auf den ersten Blick beruhigend hohen Bargeldbestand von mehr als 200 Millionen Dollar natürlich massiv, denn das wird zum großen Teil Geld sein, das noch ausgeschüttet werden muss. Und zweitens erinnert dieses Vorgehen erschreckend an ein Schneeballsystem ... Auch wenn Groupon kein Schneeballsystem ist (das Geld zum Ausschütten ist ja da), ist Groupon zu Wachstum verdammt und muss sich auch schleunigst neue Geldquellen erschließen. Und das soll der Börsengang ja bewirken. Aber ohne mich ...
Update 3 (13.06.11):
Noch eine Einschätzung eines Skeptikers, genauer eine Skeptikerin. Diese bezieht sich vor allem auf das exorbitante Wachstum, das zwar beeindruckend ist, aber fast ausschließlich über Zukäufe kam. Im Kerngeschäft USA wächst Groupon also wesentlich langsamer als es die Geschäftszahlen andeuten. Das hat natürlich massive Auswirkungen auf das Wachstum der Zukunft. Denn wenn die USA und die großen Märkte über Zukäufe erschlossen sind, wird eine solche Umsatzexplosion wie im letzten Jahr kaum wiederholbar sein.
Only a 'fool' would invest in Groupon, claims analyst | Business | The Guardian
Update 4 (09.02.12):
Das erste Quartalsergebnis nach dem Börsengang ist draußen und es ist ... ernüchternd. Zwar war das Umsatzwachstum stärker als erwartet, der Gewinn fiel aber schwächer aus. Aber was heisst Gewinn, es war sogar ein Verlust:
GROUPON MELDET VERLUST (2 CENT) STATT ERWARTETER 3 CENT GEWINN
Update 5 (05.04.12):
Nicht nur das Quartalsergebnis (siehe Update 2) war schlechter als erwartet, es musste sogar noch nachträglich nach unten korrigiert werden. Die Abläufe und Kontrollen in der Buchführung seien unzureichend gewesen. Das ist für eine börsennotierte Firma natürlich ein ziemliches Desaster. Nicht nur der Imageverlust ist spürbar, es gibt nun auch Klagen von Aktionären gegen Groupon, die unter Umständen teuer werden könnten.
Die Groupon-Aktie sinkt auf jeden Fall auf neue Tiefststände seit dem Börsengang. Der Schlusskurs gestern bei 14,54 $ liegt 27% unter dem IPO-Preis von 20$.
GROUPONS BUCHFÜHRUNG IST ANSCHEINEND EIN DESASTER ...
Update 6 (01.05.12):
Groupon verstärkt sich - besser spät als nie - mit zwei Bilanzierungsfachmännern, die jetzt endgültig diese Sparte auf Vordermann bringen sollen ...
Groupon holt sich Bilanzspezialisten in Aufsichtsrat
Groupon: Finger weg!