US BIP Q02-11: +1,3% (inkl. Details und massiver Abwärtskorrekturen)

Das auf's Jahr hochgerechnete Wachstum im zweiten Quarta von +1,3% ist deutlich besser als die Jahresrate von 0,4%, mit der die US-Wirtschaft im ersten Quartal 2011 gewachsen ist. Ich merke aber sofort an, dass in der vorläufigen Schätzung (und mehr ist das für das zweite Quartal bis jetzt nicht) auch für das erste Quartal 1,8% Plus errechnet wurden (siehe US BIP Q01-11: +1,8%), das in der letzten Meldung auf +1,9% leicht anwuchs, jetzt aber massiv auf +0,4% zusammengestaucht wurde (mehr zu den teilweise deutlichen Korrekturen später).

In der Zusammensetzung ist trotz der Vorläufigkeit der Zahlen schon einiges Interessantes zu erkennen.

Der Konsum, der im ersten Quartal mit 2,1% Plus noch der großer Wachstumstreiber war, wuchs im zweiten Quartal nur noch mit 0,1%. Dafür zogen die Investitionen deutlich an.

Die Details kann ich bei der zweiten Veröffentlichung aber nochmal genauer analysieren.

Spannender sind die Abwärtskorrekturen für die Vergangenheit. Das durchschnittliche Wachstum von Anfang 2007 bis zum 4. Quartal 2010 wurde von +0,1% auf -0,3% gesenkt. Die US-Wirtschaft ist in diesen vier Jahren also insgesamt geschrumpft, nicht gewachsen wie bisher errechnet.

Auf die Jahre verteilen sich die Änderungen wie folgt:

2008 wurde von -0,0% auf -0,3% gesenkt,
2009 sank von -2,6% auf -3,5% und
2010 wurden von +2,9% auf +3,0% leicht erhöht.

Wer diese Korrekturen schon für relativ groß hält, sollte sich die Korrekturen auf Quartalsebene mal anschauen (Tabelle 1A): Das  2. Quartal 2010 wurde zum Beispiel um satte 2,1 Prozentpunkte nach oben korrigiert, das 4. Quartal 2008 ebenso heftig von -6,8% auf -8,9% nach unten. Das Minus von 8,9% dürfte der schlechteste Wert in der Nachkriegsgeschichte der USA sein, wenn nicht sogar aller Zeiten. (Weiss das jemand?)

Da fragt man sich schon, warum die Börse so hektisch auf die Zahlen reagiert. Ein paar Promille besser oder schlechter als erwartet und der Dow springt 100 oder 150 Punkte nach oben oder nach unten. Aber warum? Gerade auf Quartalsebene sind die Zahlen dermaßen unzuverlässig, dass man darauf eigentlich kein Geld setzen sollte.

Was ich bei meiner Rezessionswette (DIE EGGHAT'SCHE REZESSIONSWETTE - WER TRAUT SICH?) ja auch am eigenen Leib gespürt habe: Zwar war meine ziemlich gewagte Wette auf eine US-Rezession (gewagt, weil zu einem Zeitpunkt abgeschlossen, als keiner der vom Wall Street Journal befragten Analysten auch nur ein Quartal im Minus gesehen hat) im Kern völlig richtig, aber offiziell habe ich sie doch verloren. Weil die offiziellen Zahlen keine Rezession anzeigten und die Rezession erst mit den nachträglichen Korrekturen auch in die Zahlen sichtbar wurde. Habe damals auch ziemlich geflucht .... (ICH KENNE EINEN IDIOTEN ...)

Naja egal, die beiden Wetten danach habe ich ja eingesackt ;-)

http://www.bea.gov/newsreleases/national/gdp/2011/pdf/gdp2q11_adv.pdf

Update (15:37):

Zerohedge merkt hämisch an, dass die 1,9% Plus für das erste Quartal am 24.6. veröffentlicht wurden und dieses dritte Release der Zahlen das Wörtchen "final" in sich trägt. Nun, nur einen schlappen Monat später, ist der Wert auf ein Viertel eingedampft worden. Schon heftig.

Ob das Absicht ist, wie Zerohedge natürlich meint, weiss ich nicht. Ich schätze eher, jemand hat in die Statistikbehörde ein paar "Wrongulators" geschmuggelt ;-)



Update 2 (16:48):

Ich muss mich korrigieren. Ist gerade in Mode, macht die US-Statistikbehörde ja auch dauernd ...

Ich hätte meine Rezessionswette nach den letzten (und den vorletzten) Zahlen doch nicht gewonnen. Denn da ist doch tatsächlich nur ein Quartal (aus den vier für die Wette relevanten) im Minus und zwar das erste Quartal 2008. Das habe ich bei meiner Wette übrigens nicht als Treffer für mich gewertet, denn das wurde am Anfang im Plus gemeldet. Das Quartal, das ich als Treffer gezählt habe, war das 4. Quartal 2007. Das ist aber vom zwischenzeitlich gemeldeten Minus (am Anfang war's im Plus) auf plus 2,9(!) % nach oben korrigiert und nun wieder auf plus 1,7% nach unten gesetzt worden.

Meine Güte was für Schwankungen! Wir reden hier immerhin über die mit Abstand wichtigste Zahl, die die Statistiker errechnen. Was treiben die da?!?

Update 3 (17:04):

Ich habe mir jetzt mal die Mühe gemacht, alle Zahlen zum vierten Quartal herauszusuchen.

Vorabschätzung (30.01.2007): +0,6%
Schätzung (28.2.2007): +0,6%
Final Release (27.03.2007): +0,6%
Überarbeitung 2008 (finde ich nicht mehr als PDF, aus dem Sommer 2008): -0,2%
Überarbeitung 2009 (31.7.2009): +2,1%
Überarbeitung 2010 (30.7.2010): +2,9%
Überarbeitung 2011 (29.7.2011): +1,7%

Update 4 (18:11):

"Ihr Text: 4689 Zeichen, 770 Wörter
Bullshit-Index :0.14
Ihr Text zeigt nur geringe Hinweise auf 'Bullshit'-Deutsch."

Groupon Börsenprospekt zum zweiten Mal abgelehnt

Info: Ich habe mit dem letzten Prospekt vor dem Börsengang einen aktualisierten Artikel geschrieben, in dem ich die jetzt bekannten Zahlen des dritten Quartals unter die Lupe nehme: Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Groupon hat den Börsengang geschrumpft ...

Ich hatte die Bilanz des Börsenanwerters Groupon ja schon vor einigen Wochen als "ungesundeste seit Langem" (siehe GROUPON: FINGER WEG!) bezeichnet. Meine Einschätzung hat sich inzwischen mehr als bestätigt. Die SEC (US-Wertpapieraufsicht) wollte die erste Version der Emissionsunterlagen nicht akzeptieren, die Darstellung sei deutlich zu positiv.

Daraufhin legte Groupon eine zweite Version vor (siehe Überarbeiteter Börsenprospekt: Groupon verliert die große Klappe | FTD.de).

Der SEC reicht das aber immer noch nicht. Dieses Mal moniert die SEC den auch von mir schon mit Häme überschütteten Begriff CSOI. Das steht für "Consolidated Segment Operating Income", soll also sowas ähnliches wie ein Ergebnis oder ein Gewinn sein. Dummerweise entpuppt sich das CSOI bei genauerer Betrachtung eher als Gewinn vor Kosten, als EBE - Earnings before Everything. Denn *der* große Kostenfaktor bei Groupon sind die Kosten für die Kundenakquise. Und genau der fehlt.

Es wundert mich daher nicht, dass die SEC das nicht akzeptiert und auf die Nennung von Finanzkennzahlen besteht, die üblich, geläufig und verständlich sind. Dummerweise für Groupon zeigen die nicht die angekündigte "hochprofitable" Firma an, sondern in Bezug auf den Umsatz durchaus kräftige Verluste.

WSJ: Groupon's Accounting Lingo Gets Scrutiny

Ansonsten gilt immer noch das von mir bereits Gesagte: GROUPON: FINGER WEG!.

Was mich allerdings wundert: Dass die SEC die Verbuchung der Umsätze und die 90-Tage Periode bis zur Auszahlung (ergo Weiterleitung) der Provision scheinbar nicht beanstandet hat, bzw. auf genauere Darstellung gedrängt hat. Das erinnerte mich eher an ein Schneeballsystem als an ein seriöses Geschäftsgebaren. Groupon wäre immerhin ohne diesen Kredit auf das Konto der Geschäftspartner am Rande der Illiquidität.
Nicht falsch verstehen, das soll nicht heissen, dass Groupon unmittelbar vor der Pleite steht, aber Groupon müsste ohne diesen Kredit entweder mehr Geld einsammeln (bzw. schon eingesammelt haben) und/oder deutlich langsamer wachsen.

Auch Microsoft zahlt (fast) keine Steuern ...

Das ist doch komplett irre!

Microsoft und Google sind hochprofitabel, aber zahlen kaum Steuern.

Bei Google hat ich es schonmal verbloggt (siehe Googles Steuerquote (ex-USA): 2,4% - egghat's not so micro blog). Der Steuersatz aus den internationalen (sprich Nicht-US-) Aktivitäten liegt bei Google nur bei 2,4%.

Microsoft dürfte einem ähnlichen internationalen Steuersatz entgegenstreben. Über den gesamten Konzern wurden im letzten Quartal 2010/2011 nur Steuern in Höhe von


7%

des Gewinns bezahlt. Grund waren nach offizieller Aussage höhere internationale Umsätze, die über die Länder Irland, Singapur und Puerto Rico abgewickelt wurden. Man könnte statt "Länder" auch "Steueroasen" schreiben ...

Im gesamten Jahr lag der Steuersatz von Microsoft noch bei 17%, im Vorjahr bei 25%. Eine solche kräftige Änderung lässt sich durch "ein wenig mehr Umsatz im Ausland" wohl kaum erklären. So kräftig können sich die Umsätze gar nicht verschoben haben, dazu ist das Geschäft von Microsoft viel zu stabil und langweilig. Das sieht viel mehr nach einer (ziemlich) erfolgreichen Implementierung einer Steuervermeidungsstrategie aus ...

Ich bin gespannt, wie lange Irland diese Nummer noch fahren darf. Immerhin mussten die Iren im Rahmen des zweiten Euro-Rettungspakets als Ausgleich für den niedrigeren Zinssatz Verhandlungen über eine Steuerharmonisierung zustimmen. Denn die mit dem Umweg Irland/Niederlande durchgeführten Geschäfte (für die Details siehe den Artikel über Google) mit einem durchschnittlichen Steuersatz von knapp 3% kann Europa einfach nicht akzeptieren.
Internationale Besteuerung ist sicherlich kein einfaches Thema, aber eine Steueroase mitten in der EU kann die EU unmöglich hinnehmen, erst recht nicht, wenn dieses Land die Steuersätze mit externer Hilfe subventioniert. Dabei sind die Steuersätze für Unternehmen, die in vielen Mitgliedsstaaten gezahlt werden müssen, keinesfalls zu hoch. Vielfach haben Unternehmen bereits Steuersätze, die nur die Hälfte der privaten Steuern (Lohnsteuer) ausmachen, in Skandinavien und einigen anderen Ländern ist der Abstand noch größer.

Microsoft Investor Relations - Press Releases
gefunden über
MSFT FYQ4 Beats: Tax Rate Grumbling On The Street - Tech Trader Daily - Barrons.com

Apple fällt übrigens etwas aus dem Rahmen. Im letzten Bombenquartal (siehe Apple mit Monsterquartal, Aktie sprint über 400$ - egghat's not so micro blog) wurden auf 9,5 Mrd. Dollar Rohgewinn 2,243 Mrd. Dollar Steuern bezahlt. Das macht eine Steuerquote von 23,5%, in den ersten drei Quartalen lag sie bei 24%.
Interessant, dass Apple solche Steuersparmodelle nicht nutzt. Vielleicht kann Apple diese Modelle auch nicht nutzen kann, weil sie für "harte" Ware nicht anwendbar sind, sondern nur für weiche oder virtuelle wie Softwarelizenzen (Microsoft) und Werbeplätze (Google). Weiss das zufällig jemand genauer?

Apple - Press Info - Apple Reports Third Quarter Results

TV Doku Die Biosprit Lüge

In dieser Arte-Dokumentation sollte für meine Stammleser nicht allzuviel Neues stecken, aber für einen derart üblen "Sommertag" (14 Grad Ende Juli und Dauerregen, hallo geht's noch?) bietet sich diese dreiviertel Stunde vielleicht trotzdem an.

Fasst das ganze Desaster nochmal gut verständlich zusammen, wenngleich mir der Aspekt der Lobbyisten hinter der Idee etwas zu kurz kommt. Denn ein großer Teil der Idee geht mit Sicherheit auf die Agrarlobby zurück, die sich mit Biodiesel einen sicheren Absatzmarkt mit quasi garantierten Preisen geschaffen hat. Und die Zuckersubventionen haben die (Zuckerrüben-)Lobbyisten nahtlos durch Ethanolsubventionen ersetzt ...

Teil 1/3

Teil 2/3

Teil 3/3


(bin mir nicht ganz sicher, ob ich das nicht schonmal empfohlen habe, kann es aber auf jeden Fall nicht mehr finden ...)

Update (26.07.11):

Die Sendung wird auf EinsExtra am 1.8. um 20:15 Uhr und am 7.8 um 18:30 Uhr wiederholt. Danke an den anonymen Hinweisgeber im Kommentar.

Update 2 (20.08.12):

Videos oben bei Youtube gelöscht, hier ein neuer Versuch:


EU-Rettungspaket: Die Details, so wie ich sie verstanden habe

Ich beziehe mich nur auf die drei Unterlagen (und die Diskussionen auf Twitter bzw. hinter meinem Posting von gestern). Einmal die zwei Papiere vom internationalen Bankenverband IIF unter Führung von Deutsche Bank Chef Ackermann (hier: IIF) und das Statement der EU Kommission (STATEMENT BY THE HEADS OF STATE OR GOVERNMENT OF THE EURO AREA AND EU INSTITUTIONS (PDF!).

Die wesentlichen Dinge stehen im Bankenpapier, bzw. der Teil, der mich besonders interessiert. Das Geschwafel von Stärkung des Wachstums und ähnliches kann ich nicht mehr hören. Damit haben sich die EU-Politiker auf dem Gipfel in Lissabon 2000 ("Europa soll bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt werden", Wikipedia) so grandios blamiert, dass sich selbst Politiker dafür wohl schämen würden (und die schämen sich berufsbedingt quasi nie). Statt des wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraums bekommen wir eher den mit den meisten Defaultratings ;-)

Ich habe gestern noch daran gezweifelt, dass sich der Bankensektor mit insgesamt 106 Milliarden Euro an der Refinanzierung beteiligen wird. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich die Banken so viele griechische Anleihen in die Bücher nehmen. Schlicht weil das ein zu hohes Risiko ist. Gut, so wie es aussieht, nehmen die Banken wirklich 106 Mrd. Euro in die Hand, übernehmen dafür aber auch nur wenig Risiko. Weniger auf jeden Fall als sie aktuell in den Büchern halten. Aber der Reihe nach ...

Der IIF schlägt vor, die alten griechischen Anleihen abzulösen und in neue zu tauschen.  Dazu gibt es vier Modelle, die jeweils für ein Viertel der Anleihen gelten sollen (verpflichtend ist diese Aufteilung scheinbar nicht, genau wie alles andere auch nicht verpflichtend erscheint, sondern nur für 90% der Anleihen "angestrebt" wird).

Die vier Tranchen im Überblick:

  1. 1 zu 1 Umtausch in neue Anleihen, die 30 Jahre laufen. 
  2. 1 zu 1 Rollover in neue Anleihen, die 30 Jahre laufen.
  3. Umtausch unterhalb des Haircuts in neue Anleihen, die 30 Jahre laufen.
  4. Umtausch unterhalb des Haircuts in neue Anleihen, die 15 Jahre laufen.

Mir ist nicht ganz klar, ob sofort oder erst zum jeweiligen Laufzeitende getauscht wird. Ich schätze, dass Tranche 2, also der Rollover erst zum Laufzeitende zieht, der Rest aber sofort (Frage 1, könnt ihr in die Kommentare schreiben, wenn ihr dazu mehr wisst. Vielleicht verstehen wir das zusammen dann ja vollständig). Tranche 2 sollte dann wohl vor allem für die Anleihen gelten, die dieses Jahr und vielleicht noch 2012 auslaufen.

Alle neuen Anleihen werden im IIF Papier übrigens als Instrument bezeichnet. Dahinter versteckt sich eine besondere Konstruktion der Anleihen, es handelt sich also nicht um ganz normale Anleihen, sondern um Papiere, die abgesichert werden. Auch hier bin ich mir nicht sicher, wie genau das aussieht, aber es scheint mir das Modell zu sein, dass schon damals als ein Teil des Deutsche Bank Plans auftauchte: Eine Hinterlegung des Anleihevolumens mit einem Zerobond, der am Laufzeitende genau der Rückzahlung entspricht. (Ein Zerobond (auf Deutsch Nullkuponanleihe) ist eine Anleihe, die keine Zinsen ausschüttet, sondern zum Beispiel zu 60 emittiert wird und in 10 Jahren zu 100 zurückgezahlt wird. Die Verzinsung kommt also ausschließlich über den Kursanstieg). Dieser Zerobond wird durch die EU (genauer den EFSF) garantiert. Das Risiko, dass die Banken mit dem Umtausch in die Griechenlandanleihen in ihre Bücher nehmen, ist also am Anfang am größten. Es sinkt dann mit der Zeit, bis es am Ende der Laufzeit bei Null liegt.

Der Beitrag der Banken kommt jetzt über einen 20%igen Haircut bei den Anleihen. Da eine Hälfte der Anleihen unterhalb des Nennwerts getauscht werden soll (Tranchen 3 und 4), kommt der Haircut dort sofort. Man erhält also für eine 100 Euro Anleihe nur eine neue 80 Euro Anleihe). Wobei auch hier eine Verrechnung über den Zins denkbar ist wie bei den Tranchen 1 und 2. Dort soll eine Verzinsung angestrebt werden, die, auf den Diskontierungsfaktor von 9% gerechnet, über die gesamte Laufzeit einen Haircut in Höhe von 20% (manchmal wird auch von 21% gesprochen).

Ich verstehe das so, dass gegenüber einem Vergleichszins von 9% gesehen, auf so viel Zinsen verzichtet wird, dass das insgesamt einem Haircut von 20% entspricht.

Der Vorteil für die Banken: Sie müssen keine Abschreibung vornehmen und verzichten "nur" verteilt über die Laufzeit auf Zinsen. Weil die Laufzeiten aber lang sind, ist das nur ein kaum messbarer Betrag pro Jahr.

Ich bin mir nicht sicher, dass ich den Diskontierungsfaktor richtig verstehe ...  Wenn man diesen noch höher angesetzt hätte, hätten sich die Banken einen noch höheren Haircut errechnen können. Wäre der Diskontierungsfaktor niedriger gewesen und läge in etwa der Höhe der Nominalzinsen der aktuellen Anleihen, wäre möglicherweise gar keine Beteiligung der Banken zu errechnen gewesen. Mir scheint es so, als wäre dieser Teil ähem passend gemacht worden ... Denn ein plausible Herleitung der 9% kann ich nicht finden und mir fällt auch keine ein ...

Wenn man das jetzt mal zusammenrechnet, kommen bei einem 20%igen Haircut auf die 106 Milliarden Euro 21,2 Milliarden zusammen. Wenn in den Haircut-Tranchen 3 und 4 50% zusammenkommen, macht das 10,6 Mrd, weitere 10,6 Mrd. entstehen durch den Zinsverzicht und diesen Teil sehe ich ziemlich kritisch. Sollte auch in den "Haircut-Tranchen" nicht nur mit einem Haircut, sondern auch mit einem Zinsverzicht gearbeitet werden, würde auch dieser Teil "wackliger" ...

Da die Details dazu aber noch nicht feststehen, lohnen sich weitere Überlegungen IMHO noch nicht. Ich drohe diese aber schon an ;-)

Jetzt stellen sich natürlich ein paar Fragen:

Ist das ein "Selective Default", also ein teilweiser Zahlungsausfall? Meiner Meinung nach müsste es einer sein (die Hälfte der Anleihen soll ja geschnitten werden) und während des Schreibens bestätigt Fitch auch meine Einschätzung schon ( = ). Fitch will allerdings erst auf Default herunterstufen, wenn der Umtausch beginnt und kündigt auch schon ein höheres Rating für die neuen Anleihen an, wenngleich auch die noch im Junk-Bereich bleiben sollen.

Ebenso spannend die Frage, ob die Umschuldung die Kreditausfallversicherungen auslöst. Hierzu hat die ISDA schon eine Einschätzung abgegeben: Sie glaubt das nicht, weil das Angebot "rein freiwillig" sei. Allerdings ist das nur eine Einschätzung, die nicht verbindlich ist. Denn bei CDS kann jedes Mitglied (oder sogar jeder?) einen Antrag auf Prüfung einreichen. Dann wird geprüft, diskutiert und vor allem am Ende abgestimmt, ob es einen Default gab oder nicht. Kommt dabei eine Mehrheit pro Default zustande, wird auch gezahlt. (Wie viel gezahlt wird, wird übrigens in einer Versteigerung festgelegt. Es werden einfach die Anleihen versteigert und die Lücke bis zum Nennwert muss vom Versicherer aufgefüllt werden. Der Käufer bekommt also auf jeden Fall 100, egal ob die Anleihe zu 20 oder 70 den Besitzer wechselt. Der Verkäufer zahlt auf jeden Fall 100, hat dafür aber nachher die Anleihen. Beide haben also ein Interesse an sinnvollen Preisen).

Neben dem vielfach schon Gesagtem vielleicht noch eine Anmerkung: Die nach BIP aus Platz drei und vier der Eurozone befindlichen Wirtschaftsnationen Italien und Spanien zahlen im Moment höhere Zinsen als die geretteten Länder, die jetzt nur noch 3,5% bezahlen müssen ... Das scheint mir keine gute Idee zu sein ... Das schreit ja nach "Ich will auch den EFSF-Billigzins-Topf" ... (siehe auch Spanien zahlt 5,9% bzw. 6,2% auf neue Staatsanleihen). Das ist ein grundlegender Konstruktionsfehler! Und bei den meisten grundlegenden Konstruktionsfehlern, die sich die EU in den letzten Jahrzehnten erlaubt hat, ging der Schuss so derbe nach hinten los, dass man das nicht unterschätzen sollte. Aus theoretischen Überlegungen wird schneller ein reales Risiko als sich das die meisten vorstellen können ...

Update (20:17):

Ich würde drei Details noch gerne nachtragen.

a) Die Zinssätze von 4,5 bis 6,42% für die neuen Anleihen.
b) Die Zerobonds zur Absicherung soll wie im ursprünglichen Modell Griechenland selber kaufen. Das reduziert also die Summe, die Griechenland zur Verfügung steht, weil das Geld sofort in neue Zerobonds investiert werden muss (mit niedrigerem Zins, tolle Geldvernichtung für Griechenland ...)
c) Ob der IWF sich an dem ganzen irgendwie beteiligt (auch an der Zinssenkung auf 3,5%) ist mir unklar. Weiss das jemand?

Der zweite Default für Griechenland, der erste für Irland und Portugal

... wurde gerade beschlossen, wobei genauer gesagt, müsste man wohl von "ermöglicht" sprechen ...

Denn die Regierungschefs in Europa wollen auf dem Krisengipfel in Brüssel wohl beschließen, dass der EFSF (European Financial Stability Fonds) die Zinsen für die ausgegebenen Kredite auf bis zu 3,5% (aktuell 5-6,5%) senken und die Laufzeit auf bis zu 15 Jahre (aktuell 7,5) verlängern kann. Das gilt für alle drei Länder, die auf den EFSF zugegriffen haben, also Griechenland, Irland und Portugal.

Griechenland hat schon einmal eine solche Verbesserung der Konditionen bekommen. Und eine solche Änderung gilt eigentlich als Ausfall. Die Streckung der Rückzahlung und die Zinssenkung würden bereits als Einzelmaßnahme als Default gewertet werden, sofern es sich um offizielle Wertpapiere handeln würde. Ich habe darauf bereits der ersten Verlängerung von 3 auf 7,5 Jahre und der Zinssenkung von 6,x auf 5,x% hingewiesen (GRIECHENLANDS STATISTIKEN TAUGEN IMMER NOCH NICHTS ...). Das ging aber ziemlich unter. Da die neuen Konditionen aber so viel besser sein als die alten, werden wohl alle drei Länder darauf zurückgreifen und damit eigentlich "defaulten".

Es soll wohl auch eine Beteiligung der Banken geben, die aber im Entwurf nicht auftaucht. Das diskutierte Volumen von 17 Milliarden ist auch nicht sonderlich hoch und man muss noch abwarten, inwieweit davon etwas übrig bleibt oder ob das so ein Witzangebot wird wie beim letzten Mal. Selbst wenn es 17 Milliarden sein sollten, sind das nicht einmal 5% der griechischen Schulden ...

Außerdem soll ein Marshallplan für Griechenland aufgelegt werden. Das Volumen ist unklar, genau wie unklar bleibt, was man denn aus Griechenland machen möchte.  Meiner Meinung nach fehlt ein Geschäftsmodell nach wie vor. Noch mehr breite und leere Straßen quer durch die Inseln zu bauen, wird es auch nicht bringen. Griechenland hilft man so nur kurzfristig. Was Griechenland bräuchte, wären Investitionen, die sich auch rentieren. Nur was das sein soll, ist mir unklar ... Solarzellen für alle Griechen?

Irland soll sich im Gegenzug für die Anspruchnahme der Hilfe verpflichten, an einem europaweiten Harmonisierungsverfahren für das Steuersystem teilzunehmen. Die EU möchte der Steueroase Irland also den Garaus machen. Dass das jetzt scheinbar spruchreif wird, überrascht mich wenig, wenngleich ich durchaus staune, wie lange das gedauert hat ... Dass die Iren nicht Steueroase auf Kosten Resteuropas sein können und gleichzeitig von Resteuropa Hilfe beanspruchen können, ist doch irgendwie logisch ...

Der Telegraph hat den Entwurf in voller Länge veröffentlicht: Draft eurozone proposal document

Mal schauen, was davon dann auch nach den Verhandlungen auch wirklich noch im Plan stehen wird ...

Update (17:13):

Bloomberg meldet Diskussionen über 20% Haircut. Alternativ auch eine Umschuldung aller Anleihen mit Laufzeit bis 2019, dann aber nur mit Laufzeitverlängerung auf 30 Jahre (also bis 2041).

Update 2 (17:45):

Die CDS werden auf jeden Fall schonmal dramatisch preiswerter:

Griechenland 2.000bp (-359),  Portugal 950bp (-145), Irland 920bp (-149), Spanien 306bp (-36), Italien 250bp (-36).

Update 3 (21:41):

Gesamtumfang für den Zeitraum 2014 bis 2019 : 109 Milliarden.  Kommt natürlich auf das bisherige Volumen obendrauf.

Die kompletten Unterlagen der Banken findet man hier: IIF

(habe ich noch nicht durch und verstanden)

Update 4 (21:58):

Statement der EU Kommission: STATEMENT BY THE HEADS OF STATE OR GOVERNMENT OF THE EURO AREA AND EU INSTITUTIONS (PDF!)
Die Banken senken den Schuldenberg Griechenlands um 13,5 Milliarden Euro, also um nicht einmal 4%.

Dafür refinanzieren sie ein großen Teil der griechischen Schulden. Die EU beziffert die Gesamtsumme des privaten Sektors bis 2019 auf 106 Mrd. Euro.

Allerdings investieren die Banken in neue Anleihen, die etwas höhere Zinsen abwerfen als die alten und die zum großen Teil über Zero-Bonds abgesichert sind, für die der EFSF (also die EU) garantiert. Wenn die Anleihen bis zum Ende durchgehalten werden, sind diese also risikolos.

So verstehe ich das, aber ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass sich die Banken 106 Mrd. Griechenbonds in die Bücher packen ...

Wie versteht ihr das?

Update 5 (22.7.11):

Da HxG meine Interpretation der beiden offiziellen Papiere teilt, fasse ich das gleich nochmal so zusammen, wie ich das verstanden habe. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, dass das richtig ist, aber ich bin mir relativ sicher, dass meine Version richtiger ist als ein paar andere Darstellungen ...

Update 6 (22.07.11):

Hier das angedrohte Update: EU-RETTUNGSPAKET: DIE DETAILS, SO WIE ICH SIE VERSTANDEN HABE

Musik zum Wochenende: The Joy of Easy Listening

Was soll ich Euch nach dem ganzen Stress um Griechenland und jetzt auch Italien und dem EU-Bankenstresstest noch zumuten? OK, lieber nichts ;-)

Easy Listening! Entspannt Euch, es ist Wochenende ...



gefunden über: "Joy of Easy Listening" documentary from BBC Four - Boing Boing

Update (16.07.11):

Jetzt habe ich doch glatt die falsche Version verlinkt ... Das ist nur der erste Teil  und geht noch weiter ...  Die Alles-in-Einem-Version findet ich aber nicht mehr

Teil 2:



Teil 3:



Teil 4:



Teil 5:



Teil 6:

Die volle Zahlendröhnung aus Griechenland IV - Primärüberschuss

Eine positive Zahl zum Schluss meiner kleinen Serie über Griechenland hatte ich ja bereits angekündigt. Und hier kommt sie. Wobei ich direkt einschränken muss, dass mir die Zahl, die @lostgen gezwitschert hat, nicht wirklich plausibel erscheint ...

Es geht um den Primärüberschuss, bzw. das Primärdefizit (ergo Primärsaldo) Griechenlands. Der Primärsaldo gibt (leicht vereinfacht) an, wie der Staatshaushalt aussähe, wenn es keine Zinszahlungen (UPDATE: und keine Vermögensänderungen, also weder Schuldentilgung, noch Privatisierungserlöse) gäbe. Es ist also eine Betrachtung, die erstens ausschließlich den Staatssektor berücksichtigt und zweitens eine theoretische ist, denn Griechenland muss ja Zinsen zahlen ... Und zwar sogar noch steigende, weil erstens die Schulden noch wachsen und zweitens der Zins für die neuen Anleihen aus dem EU-Rettungsfonds höher ist als der Zins, der bisher auf die ausgelaufenen Anleihen bezahlt werden musste.

Warum ist dies Zahl interessant? Wenn der Primärsaldo negativ ist, wächst die Verschuldung eines Staats immer weiter an. Wenn aber der Primärsaldo positiv ist (also ein Primärüberschuss eingefahren wird), besteht die Chance auf eine Senkung des Schuldenstands.

Nur eine Chance? Ja, nur eine Chance. Denn üblicherweise wird der Schuldenstand ja nicht absolut gemessen, sondern in Relation zur Wirtschaftsleistung eines Landes, also dem BIP, gesehen. Das ergibt dann die Schuldenquote. Und ob sich diese nach oben oder nach unten entwickelt, hängt von drei entscheidenden Parametern ab:
Dem Primärsaldo,
dem BIP-Wachstum und
dem Realzins. (Der Realzins ist der Zins abzüglich der Inflationsrate).

Je höher der Primärsaldo, desto besser. Je höher das BIP-Wachstum, desto besser. Je höher der Realzins, desto schlechter. Wem das noch nicht kompliziert (oder detailliert) genug war, dem empfehle ich einen sehr guten einführenden Artikel im Never Mind the Markets Blog, der auch die genaue Formel enthält und auseinanderdröselt: Die Schuldenfallenformel.

Wem das zu kompliziert war: Es gibt eine einfache Daumenregel:  Wenn ein Staat einen ausgeglichenen Primärsaldo hat und der (Real-)Zins genauso hoch ist wie das Wirtschaftswachstum, bleibt die Schuldenquote (also Verschuldung/BIP) stabil.

Andersherum formuliert: Ist der Primärsaldo ausgeglichen, kann sich ein Land einen maximalen Zins leisten, der genauso hoch ist wie das Wirtschaftswachstum.

Sobald der Primärsaldo negativ wird, wird es für ein Land schwierig, die Schuldenquote zu senken. Es bräuchte schon viel Wachstum, um seine (hoffentlich niedrigen) Zinsen zahlen zu können. Gibt es hingegen einen Primärüberschuss, kann sich ein Land auch bei wenig Wachstum die Zinszahlungen erlauben.

Wenn man das jetzt mal alles durchdenkt, gibt es für ein Land mehrere Möglichkeiten:

a) Sparen
b) Wachstum erzeugen
c) Zinsen senken

a) und b) widersprechen sich dummerweise direkt und deshalb kann man darüber herrlich diskutieren (Konjunkturprogramm vs. Sparprogramm). Auf c) hat ein Land wenig bis keinen Einfluss. Wobei im Fall von Griechenland die Finanzierung zunehmend von der EU kommt, die EU könnte diesen Parameter also schon beeinflussen ... Und das ist unter Umständen ein durchaus möglicher Ansatzpunkt zur Rettung.

Jetzt habe ich doch viel mehr erläutert, als ich eigentlich wollte. Denn es ging ja um die positive Zahl. Der Economist meldet (siehe Economist: My bills or yours?) für 2011/2012 für Griechenland einen Primärüberschuss von

2,2% 2,6%.

Das würde also bedeuten, dass Griechenland durchaus eine Basis für eine Schuldenstabilisierung hätte, sofern sich die Wirtschaft wieder fängt. Aktuell sieht es beim BIP aber übel aus: Die aktuelle Schätzung für 2011 liegt bei -3,9%.

Ok, das ganze wird sich 2012 und 2013 verbessern. Dann werden die großen dämpfenden Effekte des Sparprogramms (hoffentlich) vorbei sein und die Wirtschaft wird wieder (leicht) wachsen. Dann gäbe es eine Chance für eine Senkung der Schuldenquote. Aber nur, wenn die Zinsen nicht zu hoch sind.

Mein Hauptproblem mit der Zahl von oben: Ich weiss nicht, woher der Economist die gezaubert hat. Wenn ich in den Fiscal Monitor vom IWF schaue, wird dort (selbst in der zyklisch angepassten, sprich optimistischen Version, die die aktuelle Rezession herausrechnet) nur ein Primärüberschuss von 0,3% bzw. 2,0% für 2011 bzw. 2012 erwartet. Und darin kann die vor kurzem erfolgte Senkung des BIPs von -3,0% auf -3,9% eigentlich noch nicht drin sein. Nach 2012 geht der Primärsaldo allerdings auf mehr als plus 6% rauf.

IWF: Fiscal Monitor (April 2011) (PDF!)

Warum ich das so breit diskutiere? Das ist ja doch nur eine Zahl, die sich aus vielen anderen ergibt, die hier schon diskutiert wurden. Könnte man meinen. Aber im Primärsaldo steckt eine andere wichtige Aussage: Wenn ein Staat einen Primärüberschuss hat, kann er sich (ohne Berücksichtigung der Zinszahlungen) selber finanzieren. Natürlich kann er nicht einfach aufhören, Zinsen zu zahlen. Kann er nicht? Wer weiss ...

Denn wenn es ganz hart auf hart kommt, könnte ein Staat zumindest damit drohen. Sobald Griechenland keine Altschulden mehr tilgt und keine Zinsen mehr zahlt, braucht Griechenland auch keinerlei neue Finanzierung mehr. Nicht, dass ich mit einer solchen Drohung aus Griechenland rechne ... Aber ein Land mit einem positiven Primärsaldo, das also zumindest seine laufenden Ausgaben decken kann, hat schon eine andere Verhandlungsposition als ein Land, das nicht einmal die laufenden Kosten mit eigenen Einnahmen decken kann ...

Übrigens sind selbst Primärsalden von +0,3% und +2,0% durchaus positive Werte. Das zeigt sich schon beim Vergleich mit Deutschland (+0,0%, +0,5%) oder Irland (-2,8%, -2,3%) oder den USA (-6,4%,-3,9%). Wenn nur die 150%/BIP Schulden nicht wären ...

Update (16.07.11):

Die 2,2% (also die wichtigste Zahl) war einen Tippfehler. Es sind 2,6%. Aber das ist dann eine noch positivere Zahl, die noch etwas unplausibler ist. Danke an HxG für den Hinweis. Dessen Kommentar lohnt sich übrigens auch, weil er gut erklärt, was hinter diesen "optimistischen Version" der IWF Schätzung steckt. Ich wollte das auch erst beschreiben, aber der Artikel war tendenziell eh schon zu lange ....

Update 2:

Habe nochmal ergänzt, dass der Primärsaldo nicht nur Zinszahlungen, sondern auch alle Vermögensänderungen herausrechnet. Das sind auf der Ausgabenseite z.B. Tilgungen (das wurde zwar im weiteren Text erwähnt, aber fehlt ganz am Anfang in der "Definition" des Primärsaldos), wie auch auf der Einnahmenseite einmalige Erlöse z.B. aus dem Verkauf von Staatsbesitz.

Die volle Zahlendröhnung aus Griechenland III - Steuerschulden

Mir wird ja schon vorgeworfen, ich würde hier mit der teutonische Moralkeule auf Griechenland einschlagen, was ich aber nicht gelten lasse, da ich
a) gegen die springersche "Berichterstattung" über die "faulen Griechen" mehr als einmal angeschrieben habe,
b) weil ich im Moment keine teutonische Quellen ziehe, sondern im ersten Teil den IWF (DIE VOLLE ZAHLENDRÖHNUNG AUS GRIECHENLAND I - NEUE SCHULDENSTANDSPROGNOSE)  und im zweiten Teil eine griechische (DIE VOLLE ZAHLENDRÖHNUNG AUS GRIECHENLAND II - PRIVATISIERUNGSERLÖSE) und
c) im vierten Teil auch eine positive Zahl den Abschluss bilden wird. Ich kann Euch sonst ja nicht beruhigt ins Wochenende entlassen, wenn ich vorher für tiefste Depressionen gesorgt habe ;-)

Also bleiben wir bei griechischen Quellen. Und einem ziemlich außergewöhnlichen Vorschlag des griechischen Ministerpräsident Papandreou. Der möchte nämlich die Steuereintreibung outsourcen, weil er es den griechischen Steuerbeamten zu zutraut.  Die FTD zitiert ihn wie folgt:
"Wir werden die Aufgabe wahrscheinlich an Privatfirmen outsourcen. Denn wir haben den Eindruck, dass der Verwaltungsapparat das nicht kann und sich bei dieser Aufgabe nicht sehr wirkungsvoll gezeigt hat."
WTF?

Dass das Steuersystem in Griechenland an sich Probleme hat, ist ja nichts Neues. Zum Beispiel kennt man die Story, dass die Steuerbeamten per Google Earth nach Swimming Pools in Gärten suchen und den Pool mit dem Einkommen vergleichen. Da fallen gewisse Unterschiede zwischen offiziellem Einkommen und Konsum/Lebensstandard dann doch auf ... Aber im besprochenen Fall geht es nicht um die ziemlich aufwändige Suche nach Steuersündern, sondern es geht um Geld, das schon klar dem Staat zusteht. Das muss also nur noch eingetrieben werden ...

Und es geht um ein erkleckliches Sümmchen: Papandreou nennt für die 14.000 größten "Nichtzahler" eine Gesamtsumme von

36.000.000.000 (36 Milliarden) Euro.

Das wären immerhin etwa 10% der gesamten griechischen Staatsschulden. Dazu kommen dann noch weitere 900.000 "Zechpreller", die aber zusammen nur noch eine Summe im einstelligen Milliardenbereich ausmachen sollen.

Aber zumindest die 14.000 schnell zuerst abzuhandeln, sollte doch nicht sooo schwierig sein ...

Einer der Gründe, warum es wohl doch ziemlich schwierig ist, sind die Steuergerichte. Dort legt man einfach Widerspruch ein. Dann dauert es wohl sehr lange, bis verhandelt wird und anschließende bekommt man häufig noch bis zu drei Jahren Zeit eingeräumt, bis man endgültig zahlen muss. Allerdings  hört sich das nicht so an, als könne der Gesetzgeber daran nichts ändern ...

Am Ende kommt das Gespräch der FTD mit Papandreou auf das in die Schweiz verschobene Schwarzgeld, das ja einigen Schätzungen zufolge 280 Milliarden Euro ausmachen soll (HAT GRIECHENLAND 280 MRD. SCHWARZGELD IN DER SCHWEIZ?). Das wären immerhin 80% der gesamten griechischen Schulden. Natürlich steht dem Staat davon nicht alles zu, sondern nur der Steueranteil. Zuzüglich der fälligen Strafen und Zinsnachzahlungen dürfte trotzdem eine nette Summe zusammenkommen, sofern Griechenland es schaffen würde, an dieses Geld heranzukommen.

Papandreou denkt wohl an einen ähnlichen Deal mit der Schweiz, wie ihn Deutschland schon abgeschlossen hat. Es werden Tatbestände definiert, für die die Schweiz Daten an Griechenland übergibt. Und für den Rest, der anonym bleibt, aber griechischen Steuerbürgern zugeordnet werden kann, wird eine Abgeltungssteuer vereinbart, so dass Griechenland wenigstens etwas von der laufenden Verzinsung abbekommt (kennt zufällig jemand die Summe, die Deutschland inzwischen jedes Jahr aus der Schweiz zufließt?).

Eine schnelle Einigung ist zwar nicht zu erwarten, dazu verhandeln die Schweizer zu hart und haben in dieser Kategorie schlicht auch zu viel Erfahrung. Vielleicht wäre auch eine Amnestie, für alle, die jetzt ihr Schwarzgeld nach Griechenland zurückholen, eine gute Idee. Mit richtig guten Konditionen, damit erstens viel Geld zurückkommt und zweitens die Schweiz ausreichend Druck spürt und lösungsorientiert verhandelt ...

Ich halte die 280 Milliarden Schwarzgeld übrigens, wie die Privatisierungserlöse auch, für eine sehr hohe Schätzung. Zwar ist in Griechenland ein Konto in der Schweiz wesentlich üblicher als in Deutschland. Das geht schon allein auf die Zeit mit der Weichwährung Drachme zurück. Auch ist das bestehende, ergo nur ansatzweise funktionierende Steuersystem in Griechenland geradezu eine Einladung zur Steuerhinterziehung. Wenn es in Griechenland ein Urteil vom Verfassungsgericht gäbe, das Steuergerechtigkeit zur Grundlage für die Steuererhebung machen würde (wie es in Deutschland mal mit den Kapitaleinkünften passiert ist (nur der Dumme zahlt diese Steuern)), müsste das Verfassungsgericht ja quasi die gesamte Steuererhebung für ungültig erklären ...

Für Griechenland kann man nur hoffen, dass die Schätzungen für die Steuerrückstände und das Schwarzgeld realistischer sind als die Schätzung für die Privatisierungserlöse (DIE VOLLE ZAHLENDRÖHNUNG AUS GRIECHENLAND II - PRIVATISIERUNGSERLÖSE). Und vor allem, dass die Griechen es schaffen, an dieses Geld auch heranzukommen. Aber selbst wenn das klappt, wird das kurzfristig nicht helfen.

Vielleicht sollte die EU nicht Geld nach Griechenland schicken, sondern Steuereintreiber und Steuerrichter. Das würde unter Umständen helfen, das Loch im Fass zu stopfen und sollte besser sein, als immer nur Wasser nachzuschütten ...

FTD-Gespräch: Papandreou hält eigene Beamte für überfordert | FTD.de



Die volle Zahlendröhnung aus Griechenland II - Privatisierungserlöse

Auch im zweiten Teil (siehe erster Teil: DIE VOLLE ZAHLENDRÖHNUNG AUS GRIECHENLAND I - NEUE SCHULDENSTANDSPROGNOSE) Teil gibt es eine Aktualisierung einer alten Zahl.

Es geht um die 50 Milliarden Euro, die die Griechen bis 2015 an Privatisierungserlösen einfahren wollen. Ich hatte darüber schonmal berichtet. Zuerst über die Schätzung des IWF, dass Griechenland Staatsbesitz im Gesamtwert von 300 Mrd. Euro besitzt (siehe Mal was Positives zu Griechenland …), dann überlegend, ob die Summe denn plausibel sein kann. Nach einem Vergleich mit der Vermögenslage von Deutschland bin ich dann zum Schluss gekommen, dass die 300 Milliarden wohl ziemlich optimistisch sein dürften (WAS IST DER STAATSBESITZ GRIECHENLANDS WERT?; eigentlich ein tolles Posting, das komischerweise niemand geflattert hat ...)

Daher hatte ich auch schon gewisse Zweifel, ob Griechenland schnell und problemlos die angestrebten 50 Milliarden Euro an Privatisierungserlösen einfahren kann.

Die Zweifel teilen andere schon länger, neu sind allerdings skeptische Stimmen aus Griechenland selber ... Der stellvertretende Finanzminister Griechenlands wird jetzt von der FAZ mit der Aussage zitiert, dass "Investoren nicht am Kauf von Unternehmen interessiert seien, sondern eher an Finanzprodukten" und dann "viel weniger als die geplanten 50 Milliarden Euro zusammen kämen".

Viel weniger ...

Grund sind unter anderem die stark gesunken Börsenkurse. Darauf habe ich schon in meinem Artikel (was ist der Staatsbesitz ...) hingewiesen. Für die 10% an der griechischen Telefongesellschaft OTE gab es auch (wie zu erwarten war) nur knapp 400 Millionen Euro. Bei einem gedrittelten Börsenkurs ist halt nicht mehr viel zu erlösen ...

Vielleicht noch erschreckender ist die Bilanz der aktuelle Regierung, die nach immerhin 18 Monaten im Amt noch nicht eine einzige neue Privatisierung geschafft hat. Den OTE-Anteilsverkauf zählt die FAZ nicht, weil der entweder schon länger geplant ist oder die Firma schon als privatisiert gilt.

Wenn wir den OTE-Anteilsverkauf mitzählen, wurden 390 Millionen Euro eingenommen. Es wurden also bisher

0,78%

der angestrebten Privatisierungserlöse eingenommen. Ohne Worte.

Aber vielleicht ist noch erschreckender, dass das einzige, was ich in meinem Artikel als möglicherweise einziges wertvolles Asset neben der Infrastruktur gezählt habe, nämlich Immobilien und Grundstücke, scheinbar auch nicht einfach zu Geld zu machen sind ...
Und wisst ihr warum? Weil es in Griechenland immer noch nicht landesweit über Grundbuchämter verfügt, sprich viele Eigentumsverhältnisse sind noch nicht erfasst und unklar. Unter diesen Umständen investiert dort niemand ...

Griechenland erinnert mich nicht zum ersten Mal an die ehemalige DDR ...

Die 50-Milliarden bis 2015 werden ganz grandios floppen, so wie die Sparbemühungen auch floppen. Es wird wahrscheinlich (komischerweise) viel Lob für die Bemühungen der Griechen geben, die Ergebnisse werden aber unterdurchschnittlich ausfallen.
"Er hat sich stets bemüht" ist ja bekanntermaßen eines der schlechtesten Urteile, das in einem Arbeitszeugnis stehen kann ...

50 Milliarden Euro angestrebt: Griechen zweifeln an ihren Privatisierungserlösen - Europas Schuldenkrise - Wirtschaft - FAZ.NET

Die volle Zahlendröhnung aus Griechenland I - Neue Schuldenstandsprognose

Drei interessante Zahlen zu Griechenland, die wenig gute Laune machen ... In drei Teilen, damit ich die Zahlen auch wiederfinde, wenn ich sie später mal verlinken möchte ...

Die erste Zahl dreht sich um die Schulden Griechenlands. Den Schuldenstand in Prozent des BIPs habe ich schon einige Male verbloggt (zuletzt hier: Griechenlands Schuldenstand jetzt bei 157%/BIP - egghat's not so micro blog), das kann aber quasi dauernd aktualisieren ... Aus den beim letzten Mal geschätzten 166% Schuldenstand als Hoch in 2012 sind jetzt schon

172%

geworden. Das meldete jetzt der IWF. Na gut, die alte Schätzung war auch schon satte 2 Monate alt ... Mich würde es nicht wundern, wenn die Zahl nochmal nach oben korrigiert wird und der Gipfel auch erst 2013 oder 2014 erreicht würde. Im Moment lösen die Griechen noch fleissig alte, niedrig verzinste Anleihen durch vergleichsweise teure aus dem EU-Rettungsfonds ab, wodurch sich die Zinslast immer weiter erhöht und die Sparanstrengungen ins Leere laufen.

Hauptgrund für die Erhöhung der Schuldenstandsprognose war allerdings die neue BIP-Schätzung für 2011, die von -3,0 auf -3,8% gesenkt wurde.

Heftige Zahlen allesamt, wobei man bedenken muss, dass im Frühling 2010 noch von einem Top der Verschuldung bei gut 130% des BIPs ausgegangen wurde. Aber dann verhagelten sowohl Korrekturen der Zahlen aus der Vergangenheit wie auch die schwächere Entwicklung der Konjunktur plus die nicht nicht anschlagenden Sparprogramme die ursprünglichen Prognosen komplett ...

Und ich möchte gar nicht mehr daran erinnern, dass auch mal aus dem IWF heraussickerte, dass man Schuldenstände von mehr als 150% des BIPs für nicht mehr beherrschbar halte und daher dann lieber zur Umschuldung greife ...

Griechen-Rettung: Papandreou drängt EU und IWF zur Eile | FTD.de

Auch Fitch senkt Rating von Griechenland auf CCC

Standard & Poors hat den Schritt schon vor genau einem Monat vorgenommen (siehe Griechenland: 4 Stufen tiefer geht’s noch …), man muss allerdings bedenken, dass S&P in der Skala noch 4 Stufen Luft bis zum Default hat, bei Fitch hingegen ist CCC die letzte Stufe vor dem Default. Am unteren Ende unterscheiden sich die Ratingskalen deutlich, siehe auch hier: Rating – Wikipedia.

Über die Gründe muss ich wohl nicht mehr viel erzählen, genauso wenig wie über die Reaktion der europäischen und griechischen Politiker ...

Fitch downgrades Greece to CCC - Telegraph

Griechenland soll griechische Schulden kaufen ...

Hä? WTF? Das könnte man denken, aber es ist am Ende etwas gemeint, was ist schon länger vorschlage: Die sanfteste aller sanften Umschuldungen: Es werden einfach im großen Stil am Markt zu Marktpreisen griechische Staatsanleihen aufgekauft.

Ich habe das Modell hier schon häufiger skizziert, zuletzt hier UMSTRUKTURIERUNG GRIECHISCHEN SCHULDEN VOM TISCH (HAHA)

(Es war Mai und Lagarde sagte noch, die vorher nie diskutierte Umschuldung (Griechenland hat nach Politikeraussagen ja gar kein Problem) sei nun vom Tisch ... Was interessiert Lagarde ihr Geschwätz von gestern ...)

Ich habe meine Idee auch in einem Kommentar beim Spiegelfechter versucht, verständlich zusammenzufassen, und bringe das dann hier nochmal, weil der Plan ja jetzt aktuell geworden zu sein scheint ...

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Die griechischen Schulden wandern nach und nach in die Bücher Europas. Die EZB kauft bereits seit Monaten Anleihen der Krisenstaaten auf. Das sind bisher gut 70 Mrd., davon werden 50 aus Griechenland vermutet (es gibt keine Aufschlüsselung nach Ländern, nur eine Gesamtmenge). Dazu kommen aktuell etwa 55 Mrd. Euro, die die Griechen über den Rettungsfonds refinanziert haben (es sind also etwa die Hälfte der bisher gewährten 110 Mrd. ausgeschöpft). Griechenland hat insgesamt ungefähr 350 Mrd. Euro Staatsschulden. angesichts der Refinanzierungsbedarfs Griechenlands wird der Topf wohl bis zum Ende des Jahres leer sein. Dann werden knapp die Hälfte der griechischen Staatsschulden in “Europa” liegen.

Die griechischen Schulden werden heute bereits mit massiven Abschlägen bewertet. 3-jährige Anleihen kosten nur 65%, werden also mit einem Abschlag von 35% gehandelt. Diese Abschläge wachsen bei 30-jährigen Anleihen sogar auf 50%. Rechnet man diese Abschläge mal im Schnitt über alle Schulden durch, die am Ende des Jahres noch auf dem Markt sind, werden da wohl 40% zusammenkommen.

Jetzt bietet man – auf völlig freiwilliger Basis – eine Restrukturierung der griechischen Schulden an. Das Angebot muss zwei Sachen erreichen:
A) Es darf NICHT als Pleite (Default) gewertet werden, erstens aus Gesichtswahrungsgründen und zweitens damit die Kreditausfallversicherungen (CDS) nicht fällig werden.
B) Das Angebot muss für die Privatanleger unspannend sein, wenn auch nicht desaströs. Wenn der Markt etwa 40% Abschlag einpreist, schlägt man was in der Größenordnung 45-50% vor. Also genau so, dass der Kurs der griechischen Anleihen nicht komplett einbricht (man will ja die ach so armen privaten Gläubiger = Banken schützen), aber noch so hoch, dass die Anleger dann einfach mehr oder weniger frustriert ihre Anleihen verkaufen und diese dann auch nach “Europa” wandern. Danach haben wir dann eine Verteilung, bei der etwa zwei Drittel (oder mehr) der griechischen Staatsschulden in “Europa” liegen, der Rest bei Privaten. Die Privaten nehmen den Umschuldungsvorschlag nicht an (ist ja freiwillig), Europa hingegen schon (Solidarität, …). Europa verbucht den Zahlungsausfall sofort, die privaten Anleger müssen das Risiko weitertragen.

Griechenland kann so ohne größere Marktverwerfungen über 40% seiner Schulden loswerden. Der Schuldenstand wäre dann bei 90% des BIPs. Dann noch etwas Privatisierung (ich weiss, das ist hier sehr umstritten, aber GR bleibt wohl nichts anderes übrig), denn da sollten bei Werten von mehr als 300 Milliarden Euro (siehe http://egghat.tumblr.com/post/5452061420/griechenland-immobilienbesitz-wert-schulden) ein paar Sachen dabei sein, die man verkaufen kann (und wenn es sozial ausgewogen sein soll (was Griechenland ganz nebenbei eh nicht ist, denn da machen sich 25% der Bevölkerung (die Staatsangestellten) auf Kosten der restlichen Bevölkerung die Taschen voll), verkauft man z.B. Yachthäfen. Da sitzen eh nur Bonzen). Und dann ist die Staatsverschuldung GR schnell wieder auf dem Niveau von Deutschland.

Ein Geschäftsmodell hat GR damit weiterhin nicht und es ist auch völlig offen, wie das aussehen soll. Griechenland importierte 2010 Waren und Dienstleistungen im Gesamtwert von 67 Mrd. Euro und exportierte nur für 48 Mrd, ergo eine Lücke von 19 Mrd. Bei einem BIP von 230 Mrd. Euro ist das eine kräftige Lücke von mehr als 8% des BIPs. So ein tiefes Loch kann man nicht schnell stopfen … Griechenland ist in vielen Dingen wie Ostdeutschland damals. Und wird wohl ähnlich teuer, nur ist die Frage, ob die Solidarität im Rest Europas so groß ist wie damals zwischen West- und Ostdeutschland …(http://www.diewunderbareweltderwirtschaft.de/2011/05/was-tun-sprach-zeus.html)

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Nun unterscheidet sich der aktuelle Vorschlag, der wohl auf den Bankenverband IIF unter Vorsitz von Josef Ackermann zurück geht, wohl etwas von meinem. Es soll nämlich nicht Europa (EZB, EFSF, whatever) kaufen, sondern Griechenland selber. Indirekt finanziert das Europa natürlich trotzdem, denn Europa ist defakto die einzige verbliebende Finanzierungsquelle für Griechenland.

Rückkauf von Anleihen: Der Ackermann-Plan für Griechenland - International - Politik - Handelsblatt
FTD: Griechen sollen Anleihen zum Dumpingpreis zurückkaufen

Die Banken, die die griechischen Anleihen noch nicht auf Marktwerte abgeschrieben haben (dummerweise ist das scheinbar die klare Mehrzahl), müssten deutliche Abschreibungen vornehmen. Die meisten westlichen Banken könnten das problemlos verkraften, die griechischen bräuchten auf jeden Fall staatliche Unterstützung (aber auch das ist keine Neuigkeit für meine Leser, siehe z.B. hier: Kippt das Land, kippen die Banken. - egghat's not so micro blog).

Ganz ohne Probleme ist der Plan natürlich nicht. Denn die Frage de Defaults ist offen (ich bin für ignorieren ..., da habe ich meine Meinung von Mai geändert), aber entscheidender ist die Frage des Rückkaufkurses. Der Spiegelfechter hat die Frage auch direkt gestellt (ist halt ein kluger Kopf).

Wieso sollten die privaten Gläubiger mit Abschlägen verkaufen, wenn die EU 100% Rückzahlung garantiert und nicht mit einem Haircut droht?

Tja, da gäbe es zwei Möglichkeiten:

a) Man macht das geheim. So wie die EZB die ersten 50 Mrd. Griechenlandanleihen auch gekauft hat. Ausnahmsweise würde ich Geheimniskrämerei in diesem Fall für vertretbar halten, weil es nicht anders geht. Eine richtige Diskussion lohnt aber eigentlich nicht mehr, denn die Chance, das geheim durchzuführen, ist mit der öffentlichen Diskussion nun vertan.

b) Man droht eben doch mit einem Default. Oder lässt den Default im Raum "schweben". Die Gläubiger würden ja bei Nichtverkauf der Anleihen weiterhin im Risiko bleiben und müssten damit auch weiterhin Angst  haben. Sie haben also durchaus ein Interesse daran, die Anleihen heute zu verkaufen und das Risiko loszuwerden. Auch könnte man Banken, die dieses freiwillige Angebot annehmen, besondere Unterstützung z.B. für's Eigenkapital oder auch über steuerliche Behandlung anbieten.

Man sollte sich aber nichts vormachen: Wenn die EU keinen Haircut vornehmen will, werden sich auch immer Spekulanten finden, die genau darauf setzen und dann auch davon profitieren, sprich die Differenz zwischen dem aktuellen Marktpreis und der Rückzahlung von 100% einfahren. Das lässt sich nicht vermeiden.

Nur ist das meiner Meinung nach nur einer von vielen möglichen "Kollateralschäden". Es profitiert immer irgendwo irgendjemand in dieser Krise. Und es leidet auf der anderen Seite auch immer irgendjemand. Es geht halt um einen "fairen Interessensausgleich". Die wesentlichen Teilnehmer sind Gläubiger, (CDS-) Spekulanten, Griechen und EU. Man kann nicht die gesamten Kosten auf den Griechen und der EU abladen und die Gläubiger zu 100% auszahlen. Irgendwie müssen die Gläubiger mit ins Boot, auch wenn ein Teil der CDS-Spekulanten davon profitieren würde. Bei einer Verschuldung von 150% des BIPs wird sonst alles andere nutzlos, weil die Griechen das nie und nimmer zurückzahlen können ...

Moody's entsorgt auch Irland ...

Nun liegt das Rating bei Ba1 (und ist damit Junk) mit einem weiterhin negativen Ausblick. Das vorherige Rating lag eine Stufe höher bei Baa3, der letzten Stufe, die nicht Junk war.

Damit ist Irland nach Griechenland und Portugal das dritte Mitglied der Eurozone, das von Moody's als Schrott bewertet wird.

Moody's ist damit pessimistischer als Fitch und S&P, die Irland noch auf BBB+ haben, also drei Stufen höher.

Das gibt morgen wieder Haue von den Politikern. Aber die Politiker sollten mal besser aus dem Kraut kommen und endlich mal etwas liefern. Immerhin haben sie ja jetzt schonmal verstanden, wogegen man vorgehen muss: Gegen die Ansteckung. Also braucht man ein Anti-Ansteckungsprogramm. Toll! Das Ziel, das mich schon seit 15 Monaten rumtreibt, ist damit endlich definiert.

Jetzt fehlt "nur" noch der Weg ... Bei der üblichen Arbeitsgeschwindigkeit der europäische Politiker schwant mir Böses ...

Ireland Cut to Junk Rating by Moody’s - Bloomberg

Update (00:10):

Ach so , noch eines vergessen: Irland ist auch als Dritter "Junkie" noch eine Premiere. Denn nirgendwo war der Abstieg so krass: Irland war vor zwei Jahren noch AAA ...

Update 2 (17:17):

Den ganzen Text von Moody's gibt es hier:

FT Alphaville: Moody’s downgrades Ireland to Ba1 from Baa3

EU-Studie: Biokraftstoffe bringen CO2-mäßig nichts (ach was)

Oh, surprise. Biokraftstoffe bringen nach einer neuen Studie, die die EU-Kommission in Auftrag gegeben hat, keine CO2-Einsparung.

Ich sage das schon lange und behaupte, dass die ganze Biodiesel und Ethanol-Beimischerei nichts anderes als eine (schlecht) versteckte Subvention an die Agrarbranche in Europa ist. Nachdem erst die Rapsbauern mit Biodiesel gepäppelt wurden, hat man die Auswahl dann über die Beimischung von Ethanol zum Benzin noch verbreitert. Nun wird das auch für Weizen-, Mais- und Gerstenbauern und vor allem die Zuckerrübenbauern interessant. Vor allem im Fall von Gerste ist das sehr sehr schlecht, dadurch wird schließlich das Bier teurer ;-)

Der positive Effekt von Biodiesel und -ethanol auf den CO2-Ausstoß war schon immer umstritten. Zwar fördert die EU generell nur Produkte, die mindestens 30% des CO2-Ausstoßes gegenüber derselben Menge Mineralöl einsparen. Allerdings ist unklar, wie das genau berechnet wird; Studien in diesem Bereich kommen ja zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Ist der Energieaufwand für die Düngung enthalten? Ist der Energieverbrauch für die Veredlung zu Bioethanol drin? Etc. pp.

Auch fehlt mir die Berücksichtigung globaler Effekte. Denn Nahrungsmittel werden angesichts der wachsenden Bevölkerung ja benötigt und man kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass ein spürbarer Teil der Abholzung des Regenwalds daraus zurückgeht, dass dort jemand Sojabohnen, Palmen, etc. anbaut, die dann entweder Nahrungsmittel, die früher aus Europa kamen, ersetzen oder aber direkt in Biosprit umgewandelt werden. Nach Berücksichtigung dieses Faktors dürften die wahnsinnige Ersparnis von 30%, die die EU verlangt, mehr als aufgehoben sein. Der Effekt heisst in Fachkreisen "Indirekt Land-Use Change" (ILUC).

Aber naja, es ist ja nicht neu, dass wir das Thema Klimaerwärmung, das so global ist wie kein anderes, nicht aus globaler Sicht angehen. Ansonsten würden wir uns auch nicht in Deutschland mit einer Sonneneinstrahlung wie in Kanada en masse Fotovoltaikanlagen auf die Dächer schrauben ... Zumindest die Griechen könnte man damit beglücken ...

Leider habe ich keinen Zugriff auf die Studie. Aber das Ergebnis soll sein, dass durch die Umwandlung von bisher ungenutzer (sprich in den meisten Fällen bewaldeter) Fläche mehr CO2 freigesetzt wird als nachher eingespart wird. In der neuen EU-Studie wird das für 80% der neuen Flächen angenommen.

Auch wenn das andere früher gesagt haben, wird die Agrarlobby Amok laufen. Mal schauen, wer sich dieses Mal durchsetzt. Sogar vom Ende der Biospritbranche wird schon geredet.

Meiner Meinung nach führt aber schon lange kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass jede Umwandlung von bisheriger Agrarfläche in Biospritflächen ein großer Fehler ist, da reicht schon die alleinige Betrachtung des CO2-Effekts, den Hunger in großen Teilen der Welt braucht man für dieses negative Urteil gar nicht berücksichtigen. Biosprit aus Pflanzen ist nur dann sinnvoll, wenn dafür Flächen genutzt werden, auf denen bisher keine Nutzung möglich war (Steppe, Stichwort Jatropha) oder wenn man Abfälle dafür verwendet (Holzschnipsel, Stroh, Mist, ...). Daran wird auch fleissig geforscht und es gibt einige viel versprechende Ansätze. Im großen industriellen Maßstab ist das aber noch eine sehr junge Technologie, man sollte da nicht zu optimistisch sein.

Der FTD Artikel, über den ich die Nachricht gefunden habe, ist übrigens ziemlich schlecht übersetzt. Die FTD schreibt "Sie [Gewisse Firmen] arbeiten an einer neuen Generation von Biokraftstoffen, die nicht mehr aus Pflanzen hergestellt werden." und ich denk: WTF, ja woraus denn? Ein bisschen googlen ergibt dann auch schnell die Lösung. Im Originaltext steht nämlich "next-generation biofuels from non-crop sources", also "Nicht-Getreide", nicht "Nicht-Pflanze". Autsch.

FTD: Klimaschutz: EU-Studie stellt Biokraftstoffe in Frage | FTD.de
Exclusive: Climate impact threatens biodiesel future in EU | Reuters

Ich mache mir Sorgen um Italien ...

Tja, Worte, die man wohl als einer der Mächtigen der Welt besser nicht so einfach in die Welt posaunt ... Ich als irrelevanter Blogger hingegen darf das ;-)

Ich hatte am Freitag in meinem Zweitblog schon auf die äußerst negative Entwicklung in Italien am Freitag hingeweisen. Die Aktienkurse der italienischen Banken sackten im Schnitt um mehr als 6% nach unten, die Renditen für die Staatsanleihen stiegen, die Kreditausfallversicherungen wurden sowohl für den Staat wie auch die italienischen Banken und Versicherungen deutlich teurer (siehe: War das die Reaktion auf den Berlusconi Rückzug?).

Nun soll es am Wochenende wieder eines dieser ominösen Geheimtreffen gegeben haben, das allerdings so ungeheim waren, dass daraus wieder einige Details bekannt geworden sind.

So berichtet die Welt, dass die EZB eine erneute Verdopplung des EU-Rettungsfonds diskutiert haben soll. Dann wäre der Rettungsfonds satte

1.500.000.000.000 (1,5 Billionen) Euro

schwer.

Welt: Rettungsschirm muss für Italien aufgestockt werden

Die Überschrift in der Welt finde ich einigermaßen ungelungen. Denn aktuell gibt es ja wohl noch keine konkrete und unmittelbare Gefährdung Italiens. Es müsste also wohl eher "müsste aufgestockt werden" als "muss aufgestockt werden". Denn dass die bisherigen Rettungsprogramme für die drittgrößte Volkswirtschaft nicht ausreichen, ist zwar sehr richtig, aber auch wenig überraschend.

Ich halte das (mMn) gezielte Heraussickern dieses Treffens und der Forderungen aber nicht für einen Zufall. Ich schätze, die EZB will der Politik Dampf machen. Die Rettungspolitik ist bisher Stückwerk. Es gibt keinen großen Plan, es gibt kein Ziel. Wochen nach dem kategorischen Nein zu dem Ob oder dem Wie des nächsten Schritts, wird das dann doch umgesetzt und zwar so, wie man es am Anfang auf keinen Fall umsetzen wollte. Die Kritik ist aus meiner Sicht durchaus gerechtfertigt.

Nun will die EZB aber wohl vor allem verhindern, selber tiefer in den Strudel gezogen zu werden. Keine weiteren Rettungsprogramme auf Kosten der EZB wie zum Beispiel Quantitative Easing in einer europäischen Version, sondern eine politische Initiative. Also eine Lösung über Politik, nicht über Geldpolitik.

Und um das zu ermöglichen, bräuchte Europa wirklich große Änderungen bis hinab auf Verfasssungsebene. Gemeinschaftliche Finanzierung in der EU, gemeinsame Wirtschaftspolitik, etc. pp. Nur tut sich auf dieser Baustelle leider nichts. Es wird nur an Details herumgedoktort und selbst das in einem Tempo, der an einen Stau im deutschen Urlaubsverkehr erinnert ...

Update (00:37):

Die FTD dazu: Italien: Euro-Retter, es wird höchste Zeit | FTD.de

Update 2 (14:41):

Die italienischen Bankaktien fallen weiter, wenn auch im Moment nicht mehr so schnell wie am Freitag. Der Spread zwischen deutschen (2,71%) und italienischen Staatsanleihen (5,53%) steigt weiter. Auch die Kreditausfallversicherungen werden teurer. Italien kostet nun über 280 Basispunkte (+30) (btw. Griechenland 2.300bp (+110), Spanien 338bp (+24), Portugal 1.090bp (+77), Irland 970bp (+68)). Gleichzeitig bricht der Euro ein und verliert fast 2 Cent auf den Dollar (knapp über 1,40 aktuell) und ebenfalls gegenüber dem Schweizer Franken, wie er von 1,19 auf 1,17 einbricht.

Außerdem möchte ich auf ein älteres Posting verweisen, dessen Titel schon für sich spricht :

Felix Zulauf: Der nächste ist Italien, nicht Spanien - egghat's not so micro blog

Nicht schlecht, der Zulauf. Der Bankrun in Zeitlupe war wohl die richtige Zustandsbeschreibung ...

Update 3 (15:15):

PIMCO: Anleger, passt auf die Entwicklung in Italien auf ...

CNBC: El-Erian: Keep a Close Eye on Italy

Update 4 (17:17):

CDS für Italien zum ersten Mal über 300 Basispunkte, also ein Plus von mehr als 50 Punkten gegenüber Freitag. Damit sind jetzt Kolumbien, Kroatien, Indonesien, Kasachstan, Mexiko, Panama, Rumänien und die Türkei kreditwürdiger ...

Twitter / @GavanNolan: Italy's 5-year CDS have wi ...

Containerschifffahrt im Schweinezyklus. Oder ist das mehr?

Schon interessant, wie extrem diese Branche schwankt ...

2008 (und die Jahre davor) verdienten sich die Reeder dumm und dämlich. Einige Schiffsfonds konnten sich bereits zwei oder drei Jahre nach der Auflegung wieder auflösen: Die Gesamtrendite, die ursprünglich über einen Zeitraum von 10, 12 oder 15 Jahre angepeilt wurde, konnte durch die unglaublich hohen Verkaufserlöse für Schiffe schon viel früher und in vollem Umfang eingefahren werden.

Dann brach der Markt in der tiefsten Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte völlig ein. Die Frachtraten, die teilweise über 12.000 Dollar gestiegen waren (das misst den Mietpreis für das Schiff pro Tag), sanken auf weniger als 700. Schiffsfonds legten massenhaft Pleiten hin oder mussten Geld von den Anlegern nachfordern. Auch die HSH Nordbank, die viele Schiffshypotheken vergeben hatte, war in meinen Augen ziemlich gefährdet.

Aber auch vom Tief im Herbst 2008 kam die Wende abrupt: Schon im Frühsommer 2009 lagen die Frachtraten wieder bei über 4.000, im Herbst ging es noch etwas höher. Im Frühling 2010 gab es erneut eine Spitze, aber seitdem bröckeln die Preise wieder. Die in diesem Jahr aufgerufenen Preise zwischen 1.000 und 1.600 (aktuell etwa 1.400) sind für viele Reeder nicht kostendeckend.

Der gesamte Verkehrssektor gilt ja als eines der Frühwarnsysteme für die zukünftige Konjunkturentwicklung. Das Timingmodell eines gewissen Herrn Dow geht darauf zurück: Früher als in den Bilanzen aller Unternehmen lasse sich ein Konjunkturauf- bzw. abschwung an den Ergebnissen der Transportbranche ablesen.

Daher könnte man auf die Idee kommen, die niedrigen Preise des Baltic Dry Index als Frühwarnsignal für die Weltkonjunktur zu sehen.

Die FTD berichtet allerdings heute, dass der Preisrückgang vor allem auf ein deutlich gestiegenes Angebot an neuen Schiffen zurückgeht. Diese müssten sich jetzt mit niedrigen Preisen in den Markt einkaufen. Ware zum Transportieren wäre eigentlich ausreichend vorhanden, sagen Reeder.

Tja, schau'n mehr mal, ob sich der Baltic Dry nicht doch wieder als Frühindikator bewährt. Ich schätze aber, dass an der FTD Erklärung durchaus was dran ist.

Wobei eine gewissen Konjunkturabkühlung in den USA (siehe die Arbeitsmarktzahlen von heute: Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: US-Arbeitslosenquote 06/11: 9,2% ( 0,1 Vm)) nicht zu übersehen ist. Auch in China käme nach den mehrfachen Leitzinserhöhungen und einer langsam nicht mehr unter den Teppich zu kehrenden Kreditblase eine gewisse Abkühlung nicht überraschend.

Und dass der große Teil der Welt immer noch sparen muss, ist auch keine Neuigkeit. Deleveraging (also der Schuldenabbau) war vor zwei Jahren in aller Munde, ist aber etwas aus dem Blickfeld geraten. Meiner Meinung nach zu unrecht: In den USA sparen die Verbraucher schon länger, der Staat hingegen bisher kaum. Wie lange die USA das noch weitermachen können, ist fraglich. Die (bisher gültige) Schuldenobergrenze wurden ja schon erreicht.
In Europa sparen die kritischen Länder bereits alle, teilweise sogar direkt in zwei Sektoren: dem Staatssektor UND dem Privatsektor. Bisher hat vor allem die Nachfrage aus Asien die Weltkonjunktur stabilisiert. Japan und Deutschland haben hiervon profitiert. Sollte diese Nachfrage aus Indien und vor allem China jetzt auch noch schwächer werden, wird das Fundament für weiteres Wirtschaftswachstum schnell brüchig ...

Nein, das R-Wort nehme ich noch nicht in den Mund und Nein, auch noch keine neue Wette. Aber zugegebenermaßen grüble ich schon wieder ...

Sinkende Charterraten: Reeder liefern sich ruinösen Preiskampf | FTD.de

Den Baltic Dry Index gibt's übrigens hier: Bloomberg: Baltic Dry

US-Arbeitslosenquote 06/11: 9,2% (+0,1 Vm)

Am US-Arbeitsmarkt setzt sich die Schwächephase der letzten Monate fort. Und unter der Oberfläche sind die Zahlen leider noch schlechter als das kleine Plus in der Überschrift es andeutet.

Zu den offiziellen Zahlen für den Juni 2011:

Household Data, per Umfrage erhoben:

Anzahl der Arbeitslosen: +173.000 auf 14,087 Millionen.
Anzahl der Arbeitenden: -445.000 auf 139,334 Millionen

---> Arbeitslosenquote: 9,2% (+0,1).

Und erneut zur Erinnerung: Im März lag die US-Arbeitslosenquote noch bei 8,8%.

Die positive Überraschung im schwachen Mai-Bericht war die sinkende Zahl (-105.000) der NILFs (not in labor force). Aber das war wohl die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt. Denn im Juni wurden 449.000 Amerikaner neu in diese Kategorie eingefügt und zählen damit zum nicht mehr zum Arbeitskräfteangebot der USA. Im Vergleich zum Vorjahr ist das Plus nun auf satte 2,63 Millionen angeschwollen.

Die Erwerbstätigenquote (Anzahl Arbeitskräfte auf die Gesamtbevölkerung) sackte um 0,2 Prozentpunkte auf 58,2%. Das sind 0,3 Prozentpunkte weniger als im Juni 2010. Von einer wirklichen Erholung am US-Arbeitsmarkt zu sprechen, wagen sich wohl nur noch Daueroptimisten. Dass die Arbeitslosenquote gegenüber dem Vorjahr gesunken ist, liegt ausschließlich an den Umbuchungen von mehr als 2 Millionen Amerikaner in die NILF-Kategorie.

Establishment Data:

Die Daten aus der Establishment Data, die als genauer gelten, waren ebenfalls eine dicke Enttäuschung.

Anzahl der Jobs: +18.000 gegenüber Mai 2011 auf 131,017 Millionen. Gegenüber dem Vorjahr liegt das Plus bei ebenfalls mageren 136. Das reicht nicht ansatzweise aus, um bei der wachsenden Bevölkerung der USA für eine stabile Arbeitslosenquote zu sorgen.

Für die beiden vergangenen Monate gab es relativ kräftige Abwärtskorrekturen: Das Aprilplus wurde um 15.000 auf +217.000 nach unten korrigiert, das Maiplus sogar um 29.000 auf nur noch 25.000, zusammen also um 34.000.

Der einzige positive Aspekt der Zahlen war die Verteilung auf Staat und freie Wirtschaft. Die Anzahl der Arbeitsplätze in der privaten Wirtschaft stieg nämlich kräftiger um 57.000, der Staat drückte durch den Abbau von 39.000 Arbeitsplätzen das Plus auf 18.000. Allerdings wäre auch das Plus von 57.000 schon eine schwache Zahl gewesen und (wenn Zerohedge nicht lügt) schwächer als die niedrigste genannte Schätzung eines Wall Street Analysten gewesen.

Die Anzahl der gearbeiteten Stunden pro Woche unterstreicht das schwache Bild des Junis und ging um 0,1 auf 34,3 zurück, auch die Anzahl der Überstunden sank um 0,1 auf 3,1 Stunden.

Ein guter Punkt, an dem man die Gesamtverfassung des Arbeitsmarkts ablesen kann, ist auch immer die am breitesten ausgelegte Arbeitslosenquote U-6 ist. Diese ist kräftig um 0,4 Prozentpunkte auf 16,2% gestiegen. Das ist zwar noch immer eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr (16,5%), allerdings war der Unterschied zum Vorjahresmonat schonmal größer. Und die versteckten Arbeitslosen in der NILF-Schublade sollte man auch nicht vergessen ...


Fasst man die Zahlen zusammen, war der Juni eine noch größere Enttäuschung als der Mai. Nach den positiven Signalen aus dem Winterhalbjahr ist nun außer Ernüchterung nichts mehr zu sehen. Wer weiss, vielleicht war die Zahl von heute der Auslöser für QE3 ...


BLS.GOV: THE EMPLOYMENT SITUATION – JUNE 2011

Zahl des Tages (07.07.11): 49,2%

Schöner Fund bei FT Alphaville, weil er mich daran erinnert, dass ich diese Zahl eigentlich immer verbloggen wollte ...

Sie stammt aus dem Reinhart/Rogoff Buch über die Geschichte der Staatspleiten, das ich ja schon einige Mal empfohlen haben (Carmen Reinhart/ Kenneth Rogoff: Dieses Mal ist alles anders: Acht Jahrhunderte Finanzkrisen).

Und es geht um Griechenland ... Das Land, das sich seit der Unabhängigkeit 1829 satte 90 Jahre in der Zahlungsunfähigkeit, sprich dem Default befand.

Das ist fast Hälfte der Zeit, genau

49,2%

der Jahre. Griechenland ist also fast so häufig pleite wie zahlungsfähig.

Hmmm. Man könnte jetzt ketzerisch anmerken, dass die Griechen somit fast wieder überfällig sind ;-)

Einen höheren Prozentsatz haben nur Equador (57%) und Honduras (63%). Deutschland liegt bei 13%, Österreich bei 17% und Italien (schau an!) nur bei 3%. Mit Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark ist ganz Skandinavien pleitenfrei. Auch Belgien und Großbritannien sind in Europa staatspleitenfrei. Dazu kommen noch die USA, Kanada, Australien und Neuseeland. Die Schweiz fehlt in der Liste, müsste aber auch noch dazukommen oder waren die jemals zahlungsunfähig?

FT Alphaville: Default as a state of normalcy

Griechenland Pleite? Ey, ist doch voll normaaal ...

Scribd: This Time is Different:A Panoramic View of Eight Centuries of Financial Crises*

Moody's: Portugal jetzt auch Junk (uuuuund Ansteckung)

OK, die Nachricht ist schon von gestern, aber wenn ich die ganze Downgradegeschichte verbloggt habe, dann doch bitte auch den Schritt in die unterste Kategorie. Nach Ansicht der Ratingagentur Moody's ist Portugal jetzt nach Griechenland das zweite Land in der EU bzw. Eurozone, das nicht mehr als Qualitätsschuldner, sondern als Schrottschuldner gilt. Moody's ist die erste der drei großen westlichen Ratingagenturen, die diesen Schritt vollzieht.

Die Herabstufung um 4 Stufen von Baa1 auf Ba2 kommt nicht ganz überraschend, auch wenn 4 Stufen auf einmal schon viel sind. Der Ausblick bleibt übrigens auf negativ. Die Begründung sind (bis auf eine) die üblichen: Moody's zweifelt am politischen Willen für weitere Sparbemühungen, hält die aktuellen Defizite für zu hoch, kann sich schwerere Probleme im portugiesischen Bankensektor vorstellen, fürchtet niedrigeres Wachstum und rechnet nicht mit einer Rückkehr an den Kapitalmarkt.

Die neue (und spannende) Begründung ist der Verweis auf die Diskussion um die Beteiligung privater Gläubiger bei den griechischen Schulden. Moody's beurteilt die ganze Umschuldungsdiskussion sehr skeptisch (wie auch die Konkurrenz von S&P) und tendiert eher zu einer negativen Beurteilung des freiwilligen Umtauschs, also einem Rating von D (Default) oder SD (selective Default). Moody's befürchtet nun, dass bei jeder neuen Finanzierungsrunde der EU an eines der unterstützten Länder eine solche Diskussion geführt wird und damit auch jedes Mal ein Ratingherabstufung auf Default droht.

Das ist schon interessant: Moody's macht die Ansteckungsgefahr jetzt zum Ratingargument.

FT Alphaville: Moody’s downgrades Portugal on… Greece fears

Dabei gäbe es genügend Gründe, um Portugal auch so herabzustufen ... Portugal hatte  im Schnitt der letzten 10 Jahre ein Leistungsbilanzdefizit von 9% des BIPs. Das ist enorm viel und nicht so viel weniger als in Griechenland. Die Staatsverschuldung in Portugal liegt zwar unter dem Niveau von Griechenland, dafür ist die Verschuldung des privaten Sektors wesentlich höher (übrigens auch deutlich höher als die angeblich so hoch verschuldeten US-Verbraucher). Insgesamt gesehen ist Portugal (als Ganzes) ähnlich abhängig von Auslandskapital wie Griechenland.

Gleichzeitig ist die Wettbewerbsfähigkeit auf einem ähnlich niedrigen Niveau wie in Griechenland. Nur ein Indikator dazu: Trotz eines dicken Schuldenanstiegs ist die portugiesische Volkswirtschaft im letzten Jahrzehnt nur mit 0,5%(!) pro Jahr gewachsen. Nicht einmal auf Pump kam also die Wirtschaft ins Laufen, woher soll dann erstmal Wachstum kommen, wenn der Staat spart (und der Verbraucher muss ja auch noch sparen ...).

Und dann droht auch immer noch die Gefahr von weiteren Zinserhöhungen, also nicht für den Staat, sondern für die Immobilienbesitzer in Portugal. Denn 90% der Hypothekenzinsen sind (wie in Spanien) variabel verzinst und steigen mit den steigenden Leitzinsen mit. Tödlich für die eh schon zu hoch verschuldeten Verbraucher in Portugal (und in Spanien)!

Der Autor der Analyse erwartet übrigens am Ende der ganzen Geschichte ein Anwerfen der Notenpresse, also eine europäische Version der Geldschwemme Quantitative Easing. Dies wurde in Europa bisher ja nur in einem bescheidenen Umfang von 70 Milliarden Euro durchgeführt. Schau'n mer mal. Sein Fazit: Euroschwäche voraus.

FT Alphaville » Does Portugal’s downgrade matter?

Naja, die Märkte kollabieren heute geradezu. Die Prämien für Kreditausfallversicherungen (CDS) auf Portugal gehen durch die Decke: über 100 Punkte rauf auf 870 (10.000 Euro für 5 Jahre abzusichern kostet also 870 Euro pro Jahr). Spanien steigt um 21 auf 297 und Italien um 24 auf 220.
Auch anhand der Zinsen kann man den Effekt ablesen: Die Zinsen für zweijährige portugiesische Staatsanleihen explodieren von knapp 13 auf ein neues Rekordhoch von 15,7%. In Irland das gleiche Spiel: von knapp 13 auf 15,4% (ebenfalls Rekordhoch). Selbst in Griechenland sind die zweijährigen schon wieder über 28%. Aber noch kann sich die EU ein wenig entspannen, denn Spanien bleibt mit 3,6% noch im halbwegs soliden Bereich und ist auch noch kein neuer Rekord.

Man kommt um das wenig schmeichelhafte Urteil nicht herum: Die Politik hat bisher den Ansteckungseffekt Griechenlands auf andere Länder nicht einmal ansatzweise verhindern können. Die Ansteckungsgefahr wird oft als Argument gegen einen Haircut genannt. Ich glaube aber, dass die Politiker nicht verstehen, dass die Märkte dieses Risiko sowieso einpreisen. Ob Politiker das wollen oder nicht. Anders gesagt: Ich glaube, die Märkt wären heute ruhiger, wenn Griechenland einen Haircut bekommen hätte. Und nicht, wenn man den immer weiter in die Zukunft schiebt ...

Update (07.07.11):

Wer sich für den gesamten Text von Moody's interessiert:

Text of Moody's downgrade of Portugal to junk | Credit Writedowns

Update 2 (08.07.11):

Die CDS Preise heute:

Griechenland 2.150 (+31),
Portugal 990 (+23),
Irland 865 (+1),
Spanien 306 (+4), 
Italien 224 (+5).

Die Kosten der Griechenlandbeteiligung für deutsche Banken liegen bei Null. Niente. Zero.

Die FAS dröselt Griechenrettung durch Banken auseinander ... und kommt zum selben Ergebnis wie ich, nur noch etwas genauer. Schade, dass diese Analyse erst jetzt kommt und die Anzahl der Leser dieses Artikels deutlich geringer sein dürfte als am Tag der Bekanntgabe der deutschen Bankenbeteiligung, als alle noch fälschlicherweise von 3,2 Milliarden Hilfe gesprochen haben.

Nett, dass die FAZ (gute Vernetzung ist halt was wert) auch Analysten zitieren kann, die den Plan genau durchgerechnet haben, vor allem den Teil, den ich nur über den Daumen peilen konnte. Wo ich bisher 20% (oder in einem FR Kommentar 25-30%) durchschnittlichen Abschlag der bis 2014 auslaufenden griechischen Papiere angenommen habe, nennt die FAZ 74,7%. Die Differenz von 74,7% zu den 100% Nennwert ist der Teil, den die Banken überhaupt erst bekommen, weil der europäische Steuerzahler für die Refinanzierung Griechenlands gerade steht.

Nun kommt aber der eigentliche Hammer: Der Barwert der neuen Anleihen (30 Jahre Laufzeit, 5,5% Zinsen) liegt bei

74,6%.

Die Banken tauschen also Papiere, die an der Börse mit durchschnittlich 74,7% gehandelt werden, in Papiere um, die einen Barwert von 74,6% haben.

Wow! Was für eine Riesenbeteiligung der deutschen Banken!

Jetzt muss man noch berücksichtigen, dass auf die 5,5% Festzinsen noch weitere Zinsen in Höhe des BIP-Wachstums kommen. Maximal 2,5 Prozentpunkte höhere Zinsen kann es bei einem guten Wachstum geben, also bis zu 8% (5,5+2,5). Bei Wirtschaftsschrumpfung wird übrigens nichts abgezogen. Durch diesen variablen Teil kann der Barwert bis auf 85% steigen.

Damit wisst ihr jetzt auch, was das Hilfsangebot an Griechenland die deutschen Banken kostet.

Nichts. Niente. Zero. 

(OK, 0,1% der Summe könnten es werden, wenn die Griechen kein einziges Jahr Wirtschaftswachstum hinbekommen. Was aber ziemlich unwahrscheinlich ist, 30 Jahre Rezession in Folge gab es noch nie ... Außer natürlich Griechenland macht Pleite ...)

Ich lach mich scheckig über meine eigene Naivität. Da hatte ich doch glatt gewettet, dass sich die deutschen Banken nie im Leben mit mehr als 10 Milliarden an der Rettung Griechenlands beteiligen. Eine Wette, die natürlich niemand angenommen hat. Aber dass die Banken bei der Nummer mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar noch mit Gewinn herauskommen ... Da bin ich echt sprachlos.

Wenn nur der Staat auch meine Investments so einschätzen würde, also als Hilfe ... Ich werde demnächst auch mal meine alten Bundesanleihen in neue umtauschen und versuchen, dass dann als Hilfe, sprich Spende, von der Steuer abzusetzen ...

Das dümmste an der ganzen Geschichte ist, dass die Medien in die Köpfe der Leute eine 3,2 Milliarden Euro schwere Hilfe der deutschen Banken gepflanzt haben und weder meine Analyse (die übrigens scheinbar einige nicht verstanden haben) noch der Artikel in der FAZ genügend Leser finden wird, um dieses falsche Bild noch zu korrigieren :-( Das hat der Wirtschaftswurm schon richtig vorhergesagt ... Die Einflüsterer, die Spindoktoren haben wieder einmal volle Arbeit geleistet :-(

Die gute und detaillierte Beschreibung in der FAS:
Europas Schuldenkrise: Die Mogelpackung der deutschen Banken - Europas Schuldenkrise - Wirtschaft - FAZ.NET

Meine ersten Überlegungen zum Thema am 28.6:
GERÜCHTE: DEUTSCHE BANKEN UNTERSTÜTZEN FRANZ. PLAN FÜR GRIECHENSCHULDEN

Weitere Überlegungen (ziemlich "rantig") am 30.6.:
Zahl des Tages (30.06.2011): 3.200.000.000 - egghat's not so micro blog

Update (04.07.11):

Das Thema macht die Runde und es gibt inzwischen mindestens zwei weitere aufschlussreiche Rechnungen:

Eine im Wirtschaftswunderblog bei der FTD von André Kühnlenz, der das Modell mal mit einem Haircut von 60% (also mehr als einer Halbierung der griechischen Schulden) und das schon im Jahr 2014 (also relativ zügig) durchgerechnet hat: Selbst bei solch harten Annahmen ist der Barwert über die nächsten 30 Jahre höher (etwa 85 Euro) als der Barwert der abgelösten Anleihen (etwa 75 Euro, siehe oben).

FTD - Wirtschaftswunder: Was die Banken an der Griechenrettung verdienen?

Die zweite Rechnung gibt's im Blicklog. Auch dort gibt es bei genauer Berechnung der zukünftigen Zahlungsströme ein Plus für die Banken:

Nach Notkrediten für Griechenland: Warum die Banken von der Beteiligung gem. des französischen Modells profitieren

Update 2:

Ein Detail muss ich noch nachtragen. Ich bin nach der Lektüre des französischen Vorschlags davon ausgegangen, dass die Banken 30% behalten, 20% in ESM-Fonds investieren und 50% in Griechenlandanleihen stecken. Der Deal sieht in der Praxis aber anders aus: Die Banken behalten die 30%, es fließen aber 70% nach Griechenland, das davon dann 30% in ESM Anleihen investieren und als Sicherheit bereithalten muss. Das läuft dann auf 21% in ESM und 49% an Griechenland hinaus, an meinen grundsätzlichen Überlegungen ändert sich also nichts.

Im Detail aber schon: Denn die Griechen müssen für 70% der Summe Zinsen bezahlen (und bekommen für 30% der Summe selber deutlich niedrigere Zinsen, Geldvernichtung par excellence also). Auch kann es jetzt gut sein, dass die Ratingagenturen diese neue Spezialanleihe für die Banken als (teil-)besicherte Anleihe bewerten; es liegt ja immerhin ein Teil der Summe als ESM-Anleihen vor. Damit wäre diese Anleihe sicherer als die abgelösten Anleihen und auch sicherer als alle anderen Anleihen. Es wären also alle anderen Gläubiger herabgestuft. Das sehen die Ratingagenturen nicht gerne. Für sie zählt nur ein freiwilliger Umtausch in Anleihen mit gleichen Bedingungen nicht als Zahlungsausfall. Am gleichen Problem sind übrigens auch Vorschläge gescheitert, Griechenland solle andere besicherte Anleihen (z.B. mit Grund und Boden oder Infrastruktur) emittieren.

Zerohedge: Wolfgang Munchau On How The Greek Rollover "Deal" Is A Toxic CDO
FAZ: Ratingagentur zweifelt an Lösung für Griechenland

Update 3:

Die FTD zitiert eine Analyse der Commerzbank zum Thema:
"Der Stein der Weisen - eine signifikante Einbeziehung privater Investoren ohne das Risiko von Ausfallratings - scheint nicht gefunden zu sein. Wir vermuten: es gibt ihn nicht."
Tja, so schaut's aus.

Schuldenkrise: Was S&P am Pariser Modell für Griechenland stört | FTD.de

Die einzige Möglichkeit, die Probleme eines Defaults zu vermeiden, ist es, diesen einfach zu ignorieren. Das oft genannte Problem, dass die EZB keine Griechenland Anleihen mehr akzeptieren kann, wenn das "D" (Default) drauf steht, ist ein Scheinproblem. Denn die EZB kann akzeptieren was sie will. Im Notfall auch Murmeln ...

Auch die CDS (Kreditausfallversicherungen) sind  mglw. gar kein Problem. Es kreisen zwar auch Summen von 80 Milliarden durch die Medien, die Danske Bank hingegen sieht nur ein maximales *Netto*risiko von 5,5 Milliarden. Und das wäre mehr als verkraftbar.

FT Alphaville » Greek credit event? Default? Who cares? Danske Bank doesn’t

Wenn da nicht das Ansteckungsrisiko wäre ... Aber wohin eigentlich noch? Wenn die Spanier ihr Sparprogamm umsetzen und Erfolge vorzeigen können, werden die keine Probleme bekommen. Wenn sie die nicht vorzeigen können, werden sie Probleme bekommen. Egal ob Griechenland umschuldet oder nicht ...

Update 5 (05.07.11)

Weil dieser Artikel bei rivva verlinkt ist, bringe ich nochmal eine Kurzversion der Rechnung, wie ich sie schon vor ein paar Tagen gemacht habe. Ich verwende dabei jeweils Marktpreise, sowohl für den Zustand jetzt, wie den Zustand nach dem möglichen Umtausch.

Den durchschnittlichen Preis der aktuellen Papiere hat der Analyst der Deutschen Banken mit 74,7% berechnet (siehe oben). Dieser Kurs wird vom Steuerzahler auf 100 aufgestockt, weil die griechischen Anleihen ja zu 100% getilgt werden sollen, es also keinen Haircut geben soll. Das effektive Volumen der Anleihen für die Geschäftsbanken (die nicht im Staatsbesitz sind) liegt bei 2 Milliarden (Nennwert). Der Steuerzahler stockt also den Marktwert von 1,5 Mrd. (75% von 2 Mrd.) auf 2 Milliarden auf, ergo fliessen 500 Millionen von der EU an die Banken. Man kann das durchaus einen Bail-Out nennen.

Von diesen 2 Milliarden stecken die Banken jetzt effektiv wieder 1 Milliarde in griechische Staatsanleihen. Der aktuelle Marktzins für 30jährige Papiere liegt bei gut 11%. Beim angestrebten Nominalzins von 5,5% würde sich damit ein Kurs von etwa 50% errechnen. Bei einem Zins von 6,5% (was realistischer wäre, denn 1% BIP-Wachstum erzielt ja irgendwie jedes Land) würde sich der Kurs der neuen Anleihe bei etwa 60% einpendeln.

Genau in diesem Abschlag steckt jetzt die Beteiligung der Banken. Bei einem Zins von 5,5% sind es 50% von 1 Milliarde, also 500 Millionen, bei einem Zins von 6,5% wären es nur 40%, ergo 400 Millionen.

Nun stecken die Banken aber natürlich weiter im Risiko. Denn auch die restlichen 500 Millionen könnten ja noch bei einem Haircut geschnitten werden. Nun will ich mir hierüber aber keine weiteren Gedanken machen, denn bei einem Kurs von 50% preist der Markt schon verdammt viel Ausfall ein, und zwar nicht nur einen hohen Haircut, sondern auch einen relativ schnellen. Das mag falsch sein, ist aber relativ egal, denn in der Rechnung oben beeinflusst eine Änderung der Risikoeinschätzung beide Seiten der Rechnung. Sollte sich die Markteinschätzung bessern, sinkt sowohl der Abschlag der alten Papiere als auch der Abschlag für die neuen Papiere. Das Ergebnis bleibt aber gleich! Die beiden Summen heben sich in etwa auf.

Diese Rechnung ist nur einen "Daumenpeil"-Rechnung. Da müsste man finanzmathematisch einiges viel viel detaillierter machen. Wenn man das Ganze dann noch mit Haircuts in unterschiedlicher Höhe und zu unterschiedlichen Zeitpunkten modelliert, gibt's dafür einen Doktortitel ;-) Der Nachteil ist dann aber, dass das niemand mehr versteht (außer den Experten). Und genau das erhoffe ich mir von meiner Simpel-Rechnung auf der simplen Basis der aktuellen Marktpreise: Dass man sieht, wo den Banken Geld zufließt und wo die Banken zuzahlen. Und dass man sieht, das dabei eigentlich keine Beteiligung entsteht.

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