Sagt ein Paper des IWF.
Klar, wenn man einen solchen Zusammenhang sieht, muss man immer überlegen, ob Ursache und Wirkung wirklich so zusammen hängen, wie man es bei erstem Blick vermuten könnte. Aber erst beginne ich mal mit dem Zusammenhang.
Es wurden viele westliche Volkswirtschaften anhand von zwei Parametern untersucht:
a) Die Einkommensungleichheit in einem Land wird gemessen durch den Anteil des Einkommens, das die jeweils 5 Prozent der Bestverdienenden haben. Je höher dieser Anteil ist, desto ungleicher ist die Gesellschaft. (Genau gemessen wird die Änderung über den Zeitraum).
b) Der Reichtum eines Landes wird über die Leistungsbilanz gemessen. Ist diese negativ, wird ein Land (relativ gegenüber dem Ausland) ärmer, ist sie positiv, wird das Land reicher. (Auch hier wird die Änderung über den Zeitraum gemessen).
Über diese Wahl der Parameter kann man sicherlich streiten und in der wissenschaftlichen Welt sollte man sicherlich auch genau das machen: Einfach mal schauen, ob man die gleichen Ergebnisse erhält, wenn man z.B. die Einkommensungleichheit über den
Gini-Koeffizienten misst oder den Reichtum des Landes über die NIIP (Net International Investment Position). Ich gehe aber hier mal davon aus, dass die Studie hält, was sie verspricht.
Die Studie hat den Zeitraum von 1979 bis 2000 untersucht. Das ist leider schon etwas alt, aber aktuellere Zahlen liegen vielleicht auch nicht vor. Leider fällt durch die Wahl dieses Zeitraums auch der Vergleich mit durchaus spannenden Ländern wie China oder Indien weg, weil diese damals noch Entwicklungsländer waren und daher auch schlicht die wirtschaftlichen Statistiken fehlen.
Interessent wird es aber jetzt auch (nach soviel Einleitung). Denn der Zusammenhang ist ziemlich eindeutig und wird auch schon bei einem Blick auf die Grafik klar:
Länder, in denen die Einkommensungleichheit stark gestiegen ist (sprich der Anteil des Einkommens der Besserverdiener am Gesamteinkommen stark zugenommen hat), hat sich die Leistungsbilanz deutlich verschlechtert, sprich das Land ist ärmer geworden.
Kurz: Steigende Ungleichheit = ärmere Volkswirtschaften.
Das ist an sich schon eine interessante Erkenntnis, die Politiker auch sofort nutzen würden, um höhere Steuern für Besserverdiener, Mindestlöhne, etc. zu fordern, die sie eh schon immer wollten ... Das überlasse ich aber den Politikern ... Denn ich frage mich eher, ob die naheliegende Kette "Steigende Ungleichheit führt zu ärmeren Volkswirtschaften" denn wirklich so ist. Es könnte auch schließlich anders herum sein, sprich ärmere Volkswirtschaften (wodurch auch immer das ausgelöst wird) hinterlassen ungleichere Gesellschaften.
Sowas ist nie einfach nachzuweisen, es hilft aber, wenn man versucht zu verstehen, wie der Ablauf erfolgt. Und da deutet die einzige These, die plausibel ist, daraufhin, dass die steigende Einkommensungleichheiten tatsächlich die Ursache sind.
Die Erklärung, die die Ökonomen des IWF bringen, läuft über die Verschuldung. Hmmm, Schulden? Was sollen die denn damit zu tun haben?
Ungleichheit wird in einer Gesellschaft immer nur bis einem gewissen Grad akzeptiert; in manchen Ländern ist die Toleranz kleiner (Skandinavien), in anderen größer (USA). Dann sorgt der Druck der Demokratie dafür, dass Mindestlöhne, Steuererhöhungen, etc. dem Trend entgegenwirken.
Jedoch kann diese Ungleichheit auch auf anderem Wege "abgepuffert" werden. Und hier kommen die Schulden ins Spiel.
Wenn die Reichen immer reicher werden, ist das für die Armen unter Umständen akzeptabel, wenn sie ihren wachsenden Einkommensabstand zu den Reichen über Kredite decken können. Das geht natürlich nur für einen bestimmten Zeitraum, denn irgendwann müssen die Schulden ja zurückgezahlt werden. Aber eine Dauer von ein oder zwei Jahrzehnten halte ich bei einer solchen Kreditaufblähung für durchaus möglich.
Zusätzlich gestützt wird die These auch noch, weil bei einem Zuwachs des Einkommensanteils der Besserverdienenden diese Geld "übrig haben". Dieses wird bei Banken angelegt und kann dann als Kredit (an die Armen) weiter verliehen werden. Die Ungleichheit erleichtert also auch die Verschuldung der Armen. Die Vermögen der Reichen wachsen also genau wie die Kredite der Armen.
Allerdings verschulden sich die Armen nicht nur bei den Reichen, sondern auch noch teilweise im Ausland. Dadurch verschlechtert sich die Leistungsbilanz des Landes, das Land als ganzes wird also ärmer.
Das Ganze haben die Ökonomen in ein Modell gegossen und dieses verhält sich auch wie erwartet. Auch in der Praxis fällt einem natürlich sofort die USA (oder auch Großbritannien) als Beispiel ein: Immer höhere Einkommensanteile für die Besserverdienenden, immer höhere Schulden für die Armen (am Ende auf die Spitze getrieben über Immobilienkredite an die Allerärmsten) und eine immer schlechter werdende Leistungsbilanz.
Allerdings erklärt das Modell (zumindest auf den ersten Blick) nicht, wieso Länder wie China, in denen die Ungleichheit massiv
gestiegen ist, gleichzeitig über sehr hohe Leistungsbilanz
überschüsse verfügen. Als (etwas despektierlich gesagt) "Ausrede" nutzen die Forscher die Ineffizienz des Bankensektors. In China funktioniert die Kreditvergabe an die Armen nicht. Das ist meiner Meinung nach nicht ganz unlogisch, denn bei einem Monatseinkommen der Armen von 100$ gibt die Bank schlicht keinen Kredit, die Armen sind dort nicht kreditwürdig. Also "sammeln" diese Länder ihre Vermögen in den Banken und verleihen diese - mangels Alternativen - ins Ausland. Die Ungleichheit in China führt also dieser These zufolge zu noch mehr Schulden in den USA und so auch zu einer noch schlechteren Leistungsbilanz.
Puh langes Posting, aber sorry, kürzer lässt es sich (meiner Meinung nach) nicht zusammenfassen. Und ich finde die Ergebnisse auch deshalb so spannend, weil die Autoren auch noch konkrete Handlungsempfehlungen mitgeben. Direkte Eingriffe ins Lohngefüge (Mindestlohn) befürworten die Autoren nicht unbedingt, zu groß wäre der Druck auf die Löhne durch den internationalen Wettbewerb. Direkte Lohntransfers an die Niedriglöhner wären hingegen ebenso denkbar wie eine deutliche stärkere Progression im Steuersystem, ergo höhere Steuern auf hohe Einkommen, aber auch Vermögen. (wenn die Studie die Linken in die Finger bekommen ;-) ).
Die Autoren sagen übrigens nicht, dass diese Vorschläge keine Kollateralschäden verursachen würden (eine Tatsache, die die Linke gerne verneint, was aber nur zeigt, dass die auch nichts verstanden haben). Sondern sie weisen darauf hin, dass die Alternative eine immer größere werdende Kreditblase (auch gegenüber dem Ausland) nach sich zieht. Und diese verursacht - spätestens beim Platzen nach 10, 15 oder 20 Jahren - viel größere Probleme ...
Man kann nicht alles haben ... Entweder lässt man Umverteilung so gut wie sein, dann wächst der Abstand der Armen zu den Reichen so weit, dass diese Lücke über Kredite gestopft wird, und am Ende diese Kreditblase mit einem riesigen Knall platzt. Oder man sorgt über Umverteilung dafür, dass der Abstand nicht zu groß wird, nimmt dafür aber gewisse Bremseffekt in Kauf.
IMF: Unequal = Indebted
Update (23.09.11):
Ach so viel geschrieben und doch noch zwei Punkte vergessen. Grr. (war die zweite Version des Artikels, die erste fast fertige hat der neue Editor von Blogger gefressen ...)
a) Bei der Untersuchung des Zusammenhangs habe ich die andere Richtung jetzt komplett unterschlagen ... Also dass die zunehmende Ungleichheit die
Folge der zunehmenden Armut sein könnte. OK, ganz so schlimm ist diese Unterlassung nicht, denn mir ist keine plausible Erklärung für einen Wirkungszusammenhang in diese Richtung eingefallen ... Erwähnen wollte ich es trotzdem.
b) Die Korrelation zwischen zunehmender Armut eines Landes und zunehmender Ungleichheit der Einkommen, könnte auch eine dritte Erklärung haben und zwar die, dass es schlicht keinen Zusammenhang gibt. Denn Korrelation bedeutet ja nicht zwangsweise, dass es auch einen Zusammenhang gibt. Die Zahl der Störche hat auch parallel mit der Zahl der Babies abgenommen ... Im oben beschriebenen Fall glaube ich allerdings, dass es einen Zusammenhang gibt und auch, dass die Herleitung über die Schulden plausibel ist.
Sagt ein Paper des IWF.
Klar, wenn man einen solchen Zusammenhang sieht, muss man immer überlegen, ob Ursache und Wirkung wirklich so zusammen hängen, wie man es bei erstem Blick vermuten könnte. Aber erst beginne ich mal mit dem Zusammenhang.
Es wurden viele westliche Volkswirtschaften anhand von zwei Parametern untersucht:
a) Die Einkommensungleichheit in einem Land wird gemessen durch den Anteil des Einkommens, das die jeweils 5 Prozent der Bestverdienenden haben. Je höher dieser Anteil ist, desto ungleicher ist die Gesellschaft. (Genau gemessen wird die Änderung über den Zeitraum).
b) Der Reichtum eines Landes wird über die Leistungsbilanz gemessen. Ist diese negativ, wird ein Land (relativ gegenüber dem Ausland) ärmer, ist sie positiv, wird das Land reicher. (Auch hier wird die Änderung über den Zeitraum gemessen).
Über diese Wahl der Parameter kann man sicherlich streiten und in der wissenschaftlichen Welt sollte man sicherlich auch genau das machen: Einfach mal schauen, ob man die gleichen Ergebnisse erhält, wenn man z.B. die Einkommensungleichheit über den
Gini-Koeffizienten misst oder den Reichtum des Landes über die NIIP (Net International Investment Position). Ich gehe aber hier mal davon aus, dass die Studie hält, was sie verspricht.
Die Studie hat den Zeitraum von 1979 bis 2000 untersucht. Das ist leider schon etwas alt, aber aktuellere Zahlen liegen vielleicht auch nicht vor. Leider fällt durch die Wahl dieses Zeitraums auch der Vergleich mit durchaus spannenden Ländern wie China oder Indien weg, weil diese damals noch Entwicklungsländer waren und daher auch schlicht die wirtschaftlichen Statistiken fehlen.
Interessent wird es aber jetzt auch (nach soviel Einleitung). Denn der Zusammenhang ist ziemlich eindeutig und wird auch schon bei einem Blick auf die Grafik klar:
Länder, in denen die Einkommensungleichheit stark gestiegen ist (sprich der Anteil des Einkommens der Besserverdiener am Gesamteinkommen stark zugenommen hat), hat sich die Leistungsbilanz deutlich verschlechtert, sprich das Land ist ärmer geworden.
Kurz: Steigende Ungleichheit = ärmere Volkswirtschaften.
Das ist an sich schon eine interessante Erkenntnis, die Politiker auch sofort nutzen würden, um höhere Steuern für Besserverdiener, Mindestlöhne, etc. zu fordern, die sie eh schon immer wollten ... Das überlasse ich aber den Politikern ... Denn ich frage mich eher, ob die naheliegende Kette "Steigende Ungleichheit führt zu ärmeren Volkswirtschaften" denn wirklich so ist. Es könnte auch schließlich anders herum sein, sprich ärmere Volkswirtschaften (wodurch auch immer das ausgelöst wird) hinterlassen ungleichere Gesellschaften.
Sowas ist nie einfach nachzuweisen, es hilft aber, wenn man versucht zu verstehen, wie der Ablauf erfolgt. Und da deutet die einzige These, die plausibel ist, daraufhin, dass die steigende Einkommensungleichheiten tatsächlich die Ursache sind.
Die Erklärung, die die Ökonomen des IWF bringen, läuft über die Verschuldung. Hmmm, Schulden? Was sollen die denn damit zu tun haben?
Ungleichheit wird in einer Gesellschaft immer nur bis einem gewissen Grad akzeptiert; in manchen Ländern ist die Toleranz kleiner (Skandinavien), in anderen größer (USA). Dann sorgt der Druck der Demokratie dafür, dass Mindestlöhne, Steuererhöhungen, etc. dem Trend entgegenwirken.
Jedoch kann diese Ungleichheit auch auf anderem Wege "abgepuffert" werden. Und hier kommen die Schulden ins Spiel.
Wenn die Reichen immer reicher werden, ist das für die Armen unter Umständen akzeptabel, wenn sie ihren wachsenden Einkommensabstand zu den Reichen über Kredite decken können. Das geht natürlich nur für einen bestimmten Zeitraum, denn irgendwann müssen die Schulden ja zurückgezahlt werden. Aber eine Dauer von ein oder zwei Jahrzehnten halte ich bei einer solchen Kreditaufblähung für durchaus möglich.
Zusätzlich gestützt wird die These auch noch, weil bei einem Zuwachs des Einkommensanteils der Besserverdienenden diese Geld "übrig haben". Dieses wird bei Banken angelegt und kann dann als Kredit (an die Armen) weiter verliehen werden. Die Ungleichheit erleichtert also auch die Verschuldung der Armen. Die Vermögen der Reichen wachsen also genau wie die Kredite der Armen.
Allerdings verschulden sich die Armen nicht nur bei den Reichen, sondern auch noch teilweise im Ausland. Dadurch verschlechtert sich die Leistungsbilanz des Landes, das Land als ganzes wird also ärmer.
Das Ganze haben die Ökonomen in ein Modell gegossen und dieses verhält sich auch wie erwartet. Auch in der Praxis fällt einem natürlich sofort die USA (oder auch Großbritannien) als Beispiel ein: Immer höhere Einkommensanteile für die Besserverdienenden, immer höhere Schulden für die Armen (am Ende auf die Spitze getrieben über Immobilienkredite an die Allerärmsten) und eine immer schlechter werdende Leistungsbilanz.
Allerdings erklärt das Modell (zumindest auf den ersten Blick) nicht, wieso Länder wie China, in denen die Ungleichheit massiv
gestiegen ist, gleichzeitig über sehr hohe Leistungsbilanz
überschüsse verfügen. Als (etwas despektierlich gesagt) "Ausrede" nutzen die Forscher die Ineffizienz des Bankensektors. In China funktioniert die Kreditvergabe an die Armen nicht. Das ist meiner Meinung nach nicht ganz unlogisch, denn bei einem Monatseinkommen der Armen von 100$ gibt die Bank schlicht keinen Kredit, die Armen sind dort nicht kreditwürdig. Also "sammeln" diese Länder ihre Vermögen in den Banken und verleihen diese - mangels Alternativen - ins Ausland. Die Ungleichheit in China führt also dieser These zufolge zu noch mehr Schulden in den USA und so auch zu einer noch schlechteren Leistungsbilanz.
Puh langes Posting, aber sorry, kürzer lässt es sich (meiner Meinung nach) nicht zusammenfassen. Und ich finde die Ergebnisse auch deshalb so spannend, weil die Autoren auch noch konkrete Handlungsempfehlungen mitgeben. Direkte Eingriffe ins Lohngefüge (Mindestlohn) befürworten die Autoren nicht unbedingt, zu groß wäre der Druck auf die Löhne durch den internationalen Wettbewerb. Direkte Lohntransfers an die Niedriglöhner wären hingegen ebenso denkbar wie eine deutliche stärkere Progression im Steuersystem, ergo höhere Steuern auf hohe Einkommen, aber auch Vermögen. (wenn die Studie die Linken in die Finger bekommen ;-) ).
Die Autoren sagen übrigens nicht, dass diese Vorschläge keine Kollateralschäden verursachen würden (eine Tatsache, die die Linke gerne verneint, was aber nur zeigt, dass die auch nichts verstanden haben). Sondern sie weisen darauf hin, dass die Alternative eine immer größere werdende Kreditblase (auch gegenüber dem Ausland) nach sich zieht. Und diese verursacht - spätestens beim Platzen nach 10, 15 oder 20 Jahren - viel größere Probleme ...
Man kann nicht alles haben ... Entweder lässt man Umverteilung so gut wie sein, dann wächst der Abstand der Armen zu den Reichen so weit, dass diese Lücke über Kredite gestopft wird, und am Ende diese Kreditblase mit einem riesigen Knall platzt. Oder man sorgt über Umverteilung dafür, dass der Abstand nicht zu groß wird, nimmt dafür aber gewisse Bremseffekt in Kauf.
IMF: Unequal = Indebted
Update (23.09.11):
Ach so viel geschrieben und doch noch zwei Punkte vergessen. Grr. (war die zweite Version des Artikels, die erste fast fertige hat der neue Editor von Blogger gefressen ...)
a) Bei der Untersuchung des Zusammenhangs habe ich die andere Richtung jetzt komplett unterschlagen ... Also dass die zunehmende Ungleichheit die
Folge der zunehmenden Armut sein könnte. OK, ganz so schlimm ist diese Unterlassung nicht, denn mir ist keine plausible Erklärung für einen Wirkungszusammenhang in diese Richtung eingefallen ... Erwähnen wollte ich es trotzdem.
b) Die Korrelation zwischen zunehmender Armut eines Landes und zunehmender Ungleichheit der Einkommen, könnte auch eine dritte Erklärung haben und zwar die, dass es schlicht keinen Zusammenhang gibt. Denn Korrelation bedeutet ja nicht zwangsweise, dass es auch einen Zusammenhang gibt. Die Zahl der Störche hat auch parallel mit der Zahl der Babies abgenommen ... Im oben beschriebenen Fall glaube ich allerdings, dass es einen Zusammenhang gibt und auch, dass die Herleitung über die Schulden plausibel ist.
Länder mit großen Einkommensunterschieden werden ... ärmer!