Zahl des Tages (30.09.11): Ähm, Milliarden?

Aus ganz besonderem Anlass mal wieder eine "Zahl" des Tages ...




Tja, da wundert man sich über gar nichts mehr ...


Danke an den Wirtschaftswurm für den Hinweis.

Update (02.10.11):

Vielleicht sollte ich nochmal etwas mehr Fleisch in diesen Artikel stecken. Denn genauso deprimierend wie die Unwissenheit der Politiker war das ganze Drumherum.

Der Vertrag, der ja offiziell nur eine bestimmte Summe enthält (die Aufstockung auf 211 Milliarden), dessen Ausgestaltung aber völlig unklar ist, ist am Ende eine Black Box wie sie schwärzer und intransparenter nicht sein könnte. Im politischen Berlin wurde die Frage nicht wirklich aufgeworfen, aber in EU-Kreisen wird schon intensiv diskutiert, ob der EFSF nicht gehebelt werden soll, also ob man die aufgekauften Papiere verbrieft, wieder verkauft und mit einem Teil der Erlöse weitere Papiere kauft. Angeblich steht ein Hebel von 5 im Raum, mit den 211 Milliarden könnte man also für gut 1 Billionen Euro Staatspapiere kaufen.
Am Ende hätten die Politiker sogar eine Ausrede, warum sie die Zahl nicht kannten, denn die Summe, über die abgestimmt wurde, kennt wirklich noch niemand. Zumindest nicht die effektive Summe, die bewegt wird. Nur eines ist sicher: Niedriger als 211 Mrd. Euro wird der Anteil, für den Deutschland haftet, garantiert nicht.

Aber auch der ganze demokratische Ablauf war deprimierend. Abweichler, die massiv unter Druck gesetzt wurden und übel beleidigt wurden (Pofalla zum Abweichler Bosbach: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen. Ich kann deine Scheisse nicht mehr hören", siehe Euro-Rettung vergiftet Klima in der Union).

Und dazu noch Abweichler, die von ihren Fraktionen kein Rederecht bekommen sollten und nur durch den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert zu ihrem Rederecht kamen.

Und am Ende jubeln Teil der deutschen Presse diese selbstverständliche Aktion von Lammert sogar noch zur Rettung der Demokratie hoch.

Nein, nein, ich könnte heulen. Der deutsche Bundestag hat sich bis auf die Knochen blamiert. Er hat sich nicht nur durch Missachtung der eigenen Funktionsregeln (Rederecht, Ort der Diskussion), sondern auch durch die Abgabe von entscheidenden Rechten (Haushaltsrecht liegt jetzt teilweise in einem Unterausschuss des Parlaments wenn nicht sogar eher in Brüssel statt im deutschen Bundestag) zumindest teilweise selber disqualifiziert, wenn nicht sogar entmachtet ...

Update 2 (22:15):

Die Hebelung ist auch über einen anderen Weg in der Diskussion: Es sollen nur für die ersten 20% Verlust Garantien ausgestellt werden. Eine sanfte Umschuldung wie im Fall von Griechenland mit einem Haircut von 21% würde dem Gläubiger also nur einen Verlust von 1% bringen, dem deutschen Steuerzahler hingegen von 20%. So könnte die fünffache Summe versichert werden, allerdings mit - ich nenne es mal so - einer außergewöhnlich hohen Selbstbeteiligung ...

Kann Griechenland 125 Milliarden Euro Privatisierungserlöse erzielen?


Ich hatte gestern bereits über den Rettungsplan für Griechenland von Roland Berger geschrieben. Heute morgen habe ich noch ein Update hinterhergeschoben, in dem ich einen Parameter (erwarteter Wert der Assets in der Treuhandgesellschaft: 125 Mrd. Euro) noch mal etwas genauer untersucht habe (siehe ROLAND BERGER RETTET GRIECHENLAND). Diese Rechnung habe ich früher schon einmal versucht (WAS IST DER STAATSBESITZ GRIECHENLANDS WERT?) und damit diese Überarbeitung nicht als zweites Update hinter einem Artikel untergeht, mache ich daraus ein einzelnes Posting.

Der Auslöser für dieses Update war ein Hinweis auf die Vermögensbilanz Deutschlands von Andena (Danke!). Darin meldet die deutsche Statistikbehörde destatis 1.913 Mrd. Euro (also 1,91 Billionen) Vermögen des Staatssektors in Deutschlands Ende 2009 (Auch wenn die Veröffentlichung für 2010 ist, lagen die Zahlen für den Staat für 2010 noch nicht vor). Dagegen stehen 1,7 Billionen Schulden, netto bleiben also 192,5 Mrd. übrig. (Übrigens ist die Entwicklung des Nettovermögens nicht unspannend, 2001 waren es noch 410 Mrd, 1992 sogar 809 Mrd. 2006 aber auch schonmal nur 44,5 Mrd.).

Das BIP in Deutschland lag 2009 bei 2,4 Billionen Euro (Quelle).

Das gesamte Vermögen des deutschen Staats beträgt also ziemlich genau

80% des BIPs.

destatis: Sektorale und gesamtwirtschaftliche Vermögensbilanzen 2010

Damit haben wir doch mal einen ganz interessanten Ansatzpunkt, um zu schauen, wie viel die Vermögensgegenstände im Besitz des griechischen Staats denn wohl so wert sind.

Nun will Griechenland in einer Privatisierungswelle nach den bisherigen Planungen bis 2015 50 Mrd. Euro erlösen (auch wenn die aktuellen Erlöse noch bei Null liegen), nach dem neuesten Masterplan von Roland Berger sogar 125 Mrd. Euro. Das BIP Griechenlands liegt dieses Jahr bei etwa 222 Milliarden Euro. Im bisher geplanten Fall lägen die Privatisierungserlöse bei etwa 22% des BIPs, im Roland Berger Masterplan sogar bei etwa 56% des BIPs.

Wie FT Alphaville schreibt, übersteigt dieses Volumen (56% des BIPs) die Privatisierungsprogramme in den osteuropäischen Ländern nach dem Fall der Mauer. Mal so eben mehr als die Hälfte des Staatssektors zu privatisieren, ist wohl kaum möglich. (FT Alphaville: Another Greek SPV plan )

Ich habe bisher bereits die 50 Milliarden für ambitioniert gehalten und bleibe dabei. Die 125 Milliarden halte ich für nahezu unmöglich.

Das galt schon, obwohl ich Griechenland bisher immer einen gewissen Bonus eingeräumt habe: Großer Staatssektor = große Teile der Wirtschaft gehören noch dem Staat = noch viel zu verkaufen = potenziell hohe Erlöse. Nur: Diese Einschätzung ist womöglich ein Irrtum ...

Die Frage, ob der Staat wirklich einen so großen Anteil an der Volkswirtschaft ausmacht, versuche ich über die Staatsquote abzuleiten. Diese gibt an, wie viel Geld durch die Hände des Staats geht, also über Steuern und Gebühren vom Staat einbehalten wird.

Die Staatsquote Deutschlands lag 2008 bei etwa 43%, in Griechenland ebenfalls. In Deutschland schoss die Staatsquote durch die krisenbedingten Mehrausgaben (Kurzarbeitergeld, Konjunkturpaket I & II) nach oben, sollte inzwischen aber wieder deutlich gesunken sei (aktuell gut 46%). Griechenland dürfte sich nach 2008 ähnlich entwickelt haben (ich finde leider keine Zahlen). Wahrscheinlich dürfte der Anstieg noch etwas weiter nach oben geführt haben, spätestens durch die ganzen Sparmaßnahmen dürfte die Staatsquote wieder sinken. Leider kann ich keine aktuellen Zahlen finden, für Hinweise wäre ich dankbar. UPDATE unten!

Ich sehe hier also keinen so wahnsinnigen großen Anlass mehr, von einem überdimensional aufgeblähten Staatssektor auszugehen.

Eine ähnliche Ableitung wie über die Staatsquote kann man auch über die Konsumausgaben des Staats versuchen. Eurostat meldet hier für 2011 18,6% des BIPs in Griechenland, hingegen 19,6% in Deutschland (2009 übrigens 21,2% in Griechenland und 20,0% in Deutschland).

Auch hier kein Anzeichen für einen Staatssektor, der sich großartig von dem in Deutschland unterscheidet.

Das ist zwar aus struktureller Sicht ein Pluspunkt für Griechenland, in der Diskussion um mögliche Privatisierungserlöse aber ein Nachteil. Man kann nicht davon ausgehen, dass die Vermögensgegenstände, über die der griechische Staat verfügt, sich so großartig von den deutschen unterscheiden. Ergo werden die Vermögensgegenstände des griechischen Staats in etwa auf dem Niveau von Deutschland liegen, also bei etwa 80% des BIPs (die Unsicherheit ist natürlich riesig, es könnten auch 100% oder aber auch 60%, weil die maroden Firmen/Infrastuktur/etc. nichts wert ist).

Das ist in der Genauigkeit aber auch nicht entscheidend. Wichtig ist nur: Privatisierungserlöse von mehr als der Hälfte des BIPs sind extrem viel und so unrealistisch, dass ich den Masterplan allein schon wegen dieser Annahme in die Rundablage befördern würde. Das ist nicht nur aus finanzieller Sicht wacklig, sondern erscheint mir auch aus politischer Sicht nicht durchsetzbar.

Update (22:16):

Ein Leser hat mich auf die richtige Seite bei der Eurostat geführt ... Die 2008er Staatsquoten (Staatsausgaben auf's BIP) unterscheiden sich dort etwas von den mir genannten Werten. Die deutsche Quote stimmt, die griechische ist höher. Das kann aber auch durch die nachträglichen Korrekturen an BIP und Haushaltsdefizit gekommen sein ...

Die Staatsquoten ab 2008 sind wie folgt:

D: 43,8%, 47,5%, 46,6%
GR: 49,7%, 52,9%, 49,5%

Es ist zwar eine gewisse Tendenz zu einem größeren Staatssektor in Griechenland zu erkennen, allerdings ist der Unterscheid jetzt auch nicht so groß, dass man davon ausgehen kann, dass der griechische Staatssektor wesentlich mehr wert ist als die 80% des BIPs, die als Richtwert für Deutschland zu Buche stehen ... Ergo kann alles oben geschriebene stehen bleiben ...

Roland Berger rettet Griechenland

Ha, die Weltretter von Roland Berger stellen ihren Masterplan vor.

Also der Masterplan geht (kurz skizziert) wie folgt:

Griechenland nimmt so ziemlich alles, was wertvoll ist, und packt das in eine Treuhandgesellschaft. Diese Treuhandgesellschaft verkauft Griechenland an die EU. Dafür bekommt Griechenland einen Haufen Knete (125 Mrd.) und zahlt damit einen ganzen Teil seiner Schulden ab. Die Schuldenlast sinkt auf etwa 90% des BIPs. Griechenlands Schulden wären damit wieder auf einem sinnvollen Niveau und könnten durchaus wieder ein Single-A-Rating erreichen. Die EU nimmt dann noch mehr Geld in die Hand, saniert den ganzen Kram, den Griechenland in die Treuhand gepackt hat und verkauft den ein paar Jahre später für 180 Milliarden Euro weiter. Sollte es noch mehr als die 180 Mrd. Euro geben, bekäme Griechenland den Überschuss.

Alle sind glücklich, alles wird gut.

Treuhand-Modell: Der Masterplan für Griechenland - WirtschaftsWoche

Puh, ohne in Detailkritik zu verfallen ...

Was unterscheidet diesen Vorschlag so großartig von der Idee, Griechenlands Staatsanleihen mit Assets zu besichern? Also eine 3 Milliarden Anleihe herauszugeben und dahinter die Autobahnen zu legen; eine 2 Mrd. Anleihe und dahinter die Kanäle, etc. pp? Die Idee ist schon ganz am Anfang der Krise geäussert worden, etwa arg überspitzt in dem blöden Spruch "hinterlegt doch Kreta".

Beerdigt wurde diese Idee damals, weil man nicht neue Anleihen herausbringen wollte, die mehr Sicherheiten haben als die alten. Denn dadurch werden die alten (also nicht besicherten) Anleihen von Griechenland weniger sicher, logisch, weil dann ja weniger Sicherheiten hinter den alten Anleihen stecken. Und das wäre aus Sicht der Ratingagenturen wie ein Default der alten Anleihen zu werten gewesen. OK, über den Default macht man sich inzwischen weniger Gedanken, die freiwillige Umschuldung kommt ja eh.

Man könnte auch noch fragen, was den Masterplan von Roland Berger so großartig von der Idee unterscheidet,  den Griechen all diese Assets zu lassen. Diese können die Assets dann selber sanieren und die EU finanziert Griechenland einfach weiter. Wenn Sicherheiten von 125 Mrd. Euro da sind und wenn diese Sicherheiten auf 180 Mrd. Euro "hochsaniert" werden können und wenn der "unbesicherte Rest" der Griechenland-Anleihen wirklich Single-A ist, müssen wir uns doch gar keine Gedanken machen! Wir finanzieren Griechenland zu 3 oder 4% Zinsen einfach weiter und aus. Dann können sich die Griechen in Ruhe sanieren, Assets verkaufen, ein Katasterwesen aufbauen, endlich Steuern eintreiben, ...

Ehrlich gesagt: Für einen Masterplan, der mich beeindrucken würde, fehlen mir die wirklich großen Ideen. Ideen, die vorher noch niemand hatte und die irgendwas grundsätzlich verbessert würde. Aber wahrscheinlich ist der Masterplan 160 Seiten dick, hat 1,8 Millionen gekostet und wurde mit 34 Powerpoint Folien toll präsentiert. Und das zählt schließlich ...

Auf die Frage, ob Griechenland überhaupt Assets im Wert von 125 Milliarden Euro hat, die abgegeben werden können, will ich mal gar nicht eingehen (hab ich ja schonmal versucht: Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Was ist der Staatsbesitz Griechenlands wert?). Das müsste ja erstmal bewertet werden. Und ich hätte da einen Verdacht, wer diese Bewertung machen soll ... (obwohl ich mir nicht sicher bin, ob die Bergers das auch machen)

Update (29.09.11):

FT Alphaville hat den Roland Berger Plan tschulligung MASTERplan auch in die Hände bekommen und stöhnt wie ich über den Mangel an Details.

Eine Zahl wird aber genauer unter die Lupe genommen: Die Privatisierungserlöse. Nach Einschätzung von FT Alphaville entsprechen die 125 Milliarden Euro 54% des griechischen BIPs. Damit wäre der Prozentsatz der zu privatisierenden Geschäfte HÖHER als das, was die osteuropäischen Staaten im Durchschnitt nach dem Fall der Mauer privatisiert haben. Und das waren wohl  die größten Privatisierungsprojekte der letzten Zeit. Und zusätzlich gingen diese von (nahezu) vollständig verstaatlichten Volkswirtschaften, also einer ganz anderen Basis als in Griechenland, aus.

Als Griechenland 50 Milliarden Privatisierungserlöse angekündigt hat, war ich schon skeptisch und meinte damals, dass dafür wohl richtig tiefe Schnitte (sprich umfassende Privatisierungen) vorgenommen werden müssen. Woher 125 Mrd. kommen sollen (vor allem schnell und auf einen Schlag) ist mir schleierhaft.
Dass Roland Berger hier völlig schwammig bleibt, ist logisch. Für Studien, unter denen "Ham' wa keine Ahnung von, wissen wir auch nicht" bekommt man kein Geld. Einfach 'ne Zahl hinklatschen ist einfacher ... Griechenland hat bis heute nicht einen Euro Privatisierungserlöse eingefahren. Jetzt auf einmal 125 Milliarden?

FT Alphaville: Another Greek SPV plan

FT Alphaville macht sich auch noch Gedanken über den Anleiherückkauf. Wieso sollen die Anleihen von der EZB gekauft werden und nicht am Markt? Und zu welchem Preis? Aber ich wollte nicht auf die Details eingehen ... Solange solche Fragen, ob man mal schnell die Hälfte eines BIP privatisieren kann, nicht geklärt sind, macht das keinen Sinn.
Und hierbei darf man ja eigentlich auch nicht nur über die technischen Frage reden (was privatisiert man oder ob überhaupt so viel da ist), sondern auch über die politischen Folgen. Ich möchte mal sehen, was das für Streiks gibt, wenn man in einem Land mit einer Staatsquote von etwa 50% etwa 50% des BIPs privatisieren möchte. Dann streikt das halbe Land weiter ...

Den Plan von Roland Berger gibt es übrigens hier:

Rolandberger: EURECA project

OK, ich hoffe, dass das die Präsentation (Powerpoint, wie erwartet) des Plans ist und nicht der Plan selber. Das Dingen ist nämlich satte 7 Seiten lang, davon 1 Seite Titel, 1 Seite Werbung "It's character that creates impact" (wie wahr, wenn die mit guten Ideen geworben hätten, wär's auch ne Lüge gewesen) und 1 Seite Zusammenfassung. Etwas (aber auch wirklich nur etwas) konkreter wird es auf den 4 Seiten dazwischen ...

Dass diese ganze Expertenklicke nur mit Wasser kocht, ist ja jetzt nicht soooo die neue Nachricht, aber dass die nicht einmal Wasser kochen, sondern mehr oder weniger nur heiße Luft erzeugen, wird nur selten so klar wie in diesem Fall. In der Mindmap mit den Rettungsvorschlägen vom Blicklog dürften einige Vorschläge stecken, die detaillierter sind und schon länger auf dem Tisch liegen.


Reding: Eurobond nur für die 6 AAA-Länder

Hmm, laut der EU-Kommissarin Viviane Reding wäre dafür keine neue Verfassung nötig (warum, wird mir aber nicht klar). Auch hätte man so ein entwicklungsfähiges Kerneuropa definiert (Huch, die Idee von Kerneuropa schien mir bisher immer nur aus der "Spalterecke" zu kommen, jetzt auf einmal direkt aus der EU-Kommission?).

Die Idee an sich ist nicht per se doof. Alle Triple-A Länder zusammen, das wären Deutschland, Frankreich, Österreich, die Niederland, Finnland und Luxemburg (haben die überhaupt Schulden?), würden einen großen Anleihemarkt formen, der auch entsprechend liquide wäre. Durch die höhere Liquidität würde die Nachfrage großer Anleger steigen, was im Gegenzug die Zinsen senken würde. Ich will diesen Aspekt nicht wegdiskutieren, ich glaube aber, dass er wahrscheinlich überschätzt wird. Der Bund-Future ist nämlich bereits heute einer der liquidesten Märkte der Welt.
Ebenfalls schön an diesem Modell: Eine Querfinanzierung im großen Stile gibt es nicht, weil alle Länder ähnliche - wenn auch nicht gleiche - Zinsen zahlen müssen.

Was mir aber am meisten Sorgen macht: Was passiert in diesem Modell, wenn ein Land sein AAA-Rating verliert? Fliegt das dann raus? Oder wird dieser Fall einfach ähm wegpostuliert? Ich gebe zu bedenken, dass der keltische Tiger, vor dem alle zitterten, das europäische Wachstumswunder Irland vor drei Jahren mit AAA bewertet war und damals zeitweise niedrigere Zinsen zahlen musste als Deutschland ...

Und: Würde die erhöhte Nachfrage nach der Kerneuropa-AAA-Anleihe nicht womöglich die Nachfrage nach Anleihen in den anderen Eurozonenländern senken und damit dort die Zinsen erhöhen? Also genau da, wo wir steigende Zinsen am wenigsten brauchen können?

Schade, dass der Journalist keine dieser - IMHO auf der Hand liegenden - Fragen gestellt hat. Hätte eine hochinteressante Diskussion werden können ...

HAZ: Die sechs AAA-Staaten als Fels in der Brandung

Länder mit großen Einkommensunterschieden werden ... ärmer!

Sagt ein Paper des IWF.

Klar, wenn man einen solchen Zusammenhang sieht, muss man immer überlegen, ob Ursache und Wirkung wirklich so zusammen hängen, wie man es bei erstem Blick vermuten könnte. Aber erst beginne ich mal mit dem Zusammenhang.

Es wurden viele westliche Volkswirtschaften anhand von zwei Parametern untersucht:

a) Die Einkommensungleichheit in einem Land wird gemessen durch den Anteil des Einkommens, das die jeweils 5 Prozent der Bestverdienenden haben. Je höher dieser Anteil ist, desto ungleicher ist die Gesellschaft. (Genau gemessen wird die Änderung über den Zeitraum).

b) Der Reichtum eines Landes wird über die Leistungsbilanz gemessen. Ist diese negativ, wird ein Land (relativ gegenüber dem Ausland) ärmer, ist sie positiv, wird das Land reicher. (Auch hier wird die Änderung über den Zeitraum gemessen).

Über diese Wahl der Parameter kann man sicherlich streiten und in der wissenschaftlichen Welt sollte man sicherlich auch genau das machen: Einfach mal schauen, ob man die gleichen Ergebnisse erhält, wenn man z.B. die Einkommensungleichheit  über den Gini-Koeffizienten misst oder den Reichtum des Landes über die NIIP (Net International Investment Position). Ich gehe aber hier mal davon aus, dass die Studie hält, was sie verspricht.

Die Studie hat den Zeitraum von 1979 bis 2000 untersucht. Das ist leider schon etwas alt, aber aktuellere Zahlen liegen vielleicht auch nicht vor. Leider fällt durch die Wahl dieses Zeitraums auch der Vergleich mit durchaus spannenden Ländern wie China oder Indien weg, weil diese damals noch Entwicklungsländer waren und daher auch schlicht die wirtschaftlichen Statistiken fehlen.

Interessent wird es aber jetzt auch (nach soviel Einleitung). Denn der Zusammenhang ist ziemlich eindeutig und wird auch schon bei einem Blick auf die Grafik klar:


Länder, in denen die Einkommensungleichheit stark gestiegen ist (sprich der Anteil des Einkommens der Besserverdiener am Gesamteinkommen stark zugenommen hat), hat sich die Leistungsbilanz deutlich verschlechtert, sprich das Land ist ärmer geworden.

Kurz: Steigende Ungleichheit = ärmere Volkswirtschaften.

Das ist an sich schon eine interessante Erkenntnis, die Politiker auch sofort nutzen würden, um höhere Steuern für Besserverdiener, Mindestlöhne, etc. zu fordern, die sie eh schon immer wollten ... Das überlasse ich aber den Politikern ... Denn ich frage mich eher, ob die naheliegende Kette "Steigende Ungleichheit führt zu ärmeren Volkswirtschaften" denn wirklich so ist. Es könnte auch schließlich anders herum sein, sprich ärmere Volkswirtschaften (wodurch auch immer das ausgelöst wird) hinterlassen ungleichere Gesellschaften.

Sowas ist nie einfach nachzuweisen, es hilft aber, wenn man versucht zu verstehen, wie der Ablauf erfolgt. Und da deutet die einzige These, die plausibel ist, daraufhin, dass die steigende Einkommensungleichheiten tatsächlich die Ursache sind.

Die Erklärung, die die Ökonomen des IWF bringen, läuft über die Verschuldung. Hmmm, Schulden? Was sollen die denn damit zu tun haben?

Ungleichheit wird in einer Gesellschaft immer nur bis einem gewissen Grad akzeptiert; in manchen Ländern ist die Toleranz kleiner (Skandinavien), in anderen größer (USA). Dann sorgt der Druck der Demokratie dafür, dass Mindestlöhne, Steuererhöhungen, etc. dem Trend entgegenwirken.

Jedoch kann diese Ungleichheit auch auf anderem Wege "abgepuffert" werden. Und hier kommen die Schulden ins Spiel.

Wenn die Reichen immer reicher werden, ist das für die Armen unter Umständen akzeptabel, wenn sie ihren wachsenden Einkommensabstand zu den Reichen über Kredite decken können. Das geht natürlich nur für einen bestimmten Zeitraum, denn irgendwann müssen die Schulden ja zurückgezahlt werden. Aber eine Dauer von ein oder zwei Jahrzehnten halte ich bei einer solchen Kreditaufblähung für durchaus möglich.

Zusätzlich gestützt wird die These auch noch, weil bei einem Zuwachs des Einkommensanteils der Besserverdienenden diese Geld "übrig haben". Dieses wird bei Banken angelegt und kann dann als Kredit (an die Armen) weiter verliehen werden. Die Ungleichheit erleichtert also auch die Verschuldung der Armen. Die Vermögen der Reichen wachsen also genau wie die Kredite der Armen.

Allerdings verschulden sich die Armen nicht nur bei den Reichen, sondern auch noch teilweise im Ausland. Dadurch verschlechtert sich die Leistungsbilanz des Landes, das Land als ganzes wird also ärmer.

Das Ganze haben die Ökonomen in ein Modell gegossen und dieses verhält sich auch wie erwartet. Auch in der Praxis fällt einem natürlich sofort die USA (oder auch Großbritannien) als Beispiel ein: Immer höhere Einkommensanteile für die Besserverdienenden, immer höhere Schulden für die Armen (am Ende auf die Spitze getrieben über Immobilienkredite an die Allerärmsten) und eine immer schlechter werdende Leistungsbilanz.

Allerdings erklärt das Modell (zumindest auf den ersten Blick) nicht, wieso Länder wie China, in denen die Ungleichheit massiv gestiegen ist, gleichzeitig über sehr hohe Leistungsbilanzüberschüsse verfügen. Als (etwas despektierlich gesagt) "Ausrede" nutzen die Forscher die Ineffizienz des Bankensektors. In China funktioniert die Kreditvergabe an die Armen nicht. Das ist meiner Meinung nach nicht ganz unlogisch, denn bei einem Monatseinkommen der Armen von 100$ gibt die Bank schlicht keinen Kredit, die Armen sind dort nicht kreditwürdig. Also "sammeln" diese Länder ihre Vermögen in den Banken und verleihen diese - mangels Alternativen - ins Ausland. Die Ungleichheit in China führt also dieser These zufolge zu noch mehr Schulden in den USA und so auch zu einer noch schlechteren Leistungsbilanz.

Puh langes Posting, aber sorry, kürzer lässt es sich (meiner Meinung nach) nicht zusammenfassen. Und ich finde die Ergebnisse auch deshalb so spannend, weil die Autoren auch noch konkrete Handlungsempfehlungen mitgeben. Direkte Eingriffe ins Lohngefüge (Mindestlohn) befürworten die Autoren nicht unbedingt, zu groß wäre der Druck auf die Löhne durch den internationalen Wettbewerb. Direkte Lohntransfers an die Niedriglöhner wären hingegen ebenso denkbar wie eine deutliche stärkere Progression im Steuersystem, ergo höhere Steuern auf hohe Einkommen, aber auch Vermögen. (wenn die Studie die Linken in die Finger bekommen ;-) ).

Die Autoren sagen übrigens nicht, dass diese Vorschläge keine Kollateralschäden verursachen würden (eine Tatsache, die die Linke gerne verneint, was aber nur zeigt, dass die auch nichts verstanden haben). Sondern sie weisen darauf hin, dass die Alternative eine immer größere werdende Kreditblase (auch gegenüber dem Ausland) nach sich zieht. Und diese verursacht - spätestens beim Platzen nach 10, 15 oder 20 Jahren - viel größere Probleme ...

Man kann nicht alles haben ... Entweder lässt man Umverteilung so gut wie sein, dann wächst der Abstand der Armen zu den Reichen so weit, dass diese Lücke über Kredite gestopft wird, und am Ende diese Kreditblase mit einem riesigen Knall platzt. Oder man sorgt über Umverteilung dafür, dass der Abstand nicht zu groß wird, nimmt dafür aber gewisse Bremseffekt in Kauf.

IMF: Unequal = Indebted

Update (23.09.11):

Ach so viel geschrieben und doch noch zwei Punkte vergessen. Grr. (war die zweite Version des Artikels, die erste fast fertige hat der neue Editor von Blogger gefressen ...)

a) Bei der Untersuchung des Zusammenhangs habe ich die andere Richtung jetzt komplett unterschlagen ... Also dass die zunehmende Ungleichheit die Folge der zunehmenden Armut sein könnte. OK, ganz so schlimm ist diese Unterlassung nicht, denn mir ist keine plausible Erklärung für einen Wirkungszusammenhang in diese Richtung eingefallen ... Erwähnen wollte ich es trotzdem.

b) Die Korrelation zwischen zunehmender Armut eines Landes und zunehmender Ungleichheit der Einkommen, könnte auch eine dritte Erklärung haben und zwar die, dass es schlicht keinen Zusammenhang gibt. Denn Korrelation bedeutet ja nicht zwangsweise, dass es auch einen Zusammenhang gibt. Die Zahl der Störche hat auch parallel mit der Zahl der Babies abgenommen ... Im oben beschriebenen Fall glaube ich allerdings, dass es einen Zusammenhang gibt und auch, dass die Herleitung über die Schulden plausibel ist.

Fed: Let's twist again ...

at least until next summer ... Wop wop.



Es geht nur um 400 Milliarden Dollar bis zum nächsten Sommer ...

OK, das "again" in der Überschrift stimmt schon nicht, denn bisher hat die Fed bei QE1 und QE2 einfach Anleihen gekauft, dieses Mal kauft sie für 400 Milliarden Dollar langlaufende Anleihen (6-30 Jahre), verkauft aber gleichzeitig kurzlaufende Anleihen (bis 3 Jahre) im gleichen Volumen. Damit sollten die Republikaner beruhigt sein, denn das Gesamtvolumen der Gelddruckmaßnahmen erhöht sich so nicht.

Mit diesem An-Ver-Kauf möchte die Fed die Zinsen am langen Ende stärker drücken. Am kurzen Ende sind sie eh schon niedrig, weil der Leitzins bei nahezu Null liegt,  und an beidem wird sich wohl nichts ändern. Bei langen Laufzeiten könnte der Zinssenkungseffekt hingegen stärker sein.

Zumindest für heute ist die Überlegung aufgegangen. Die Rendite der 30-jährigen US-Anleihen fiel um 18 Basispunkte auf 3,02%. Und das obwohl "Operation Twist" eigentlich erwartet wurde.

Dass der Dow fast zwei Prozent einbrach, lag wohl weniger an der Ankündigung von "Operation Twist", sondern eher an der Fed-Einschätzung der Wirtschaftslage, die sich noch etwas verschlechtert hat (sagen die Beobachter, die die Statements immer unter die Lupe nehmen).

Fed Statement - 21.09.2011

Update (22:39):

Noch zwei Ergänzungen:

a) Es gab 1961 schon einmal eine ähnliche Aktion. Operation Twist ist also keine neue Erfindung.
b) Die Fed hat auch gesagt, dass laufende Einnahmen im (Hypotheken-)Anleihenbereich wieder reinvestiert werden sollen. Jeder Dollar Zinseinnahmen und Tilgung wird also gleich wieder neu in Anleihen gesteckt. Wie die Fed so jemals wieder aus QE1 und QE2 aussteigen will, weiss ich auch nicht ...

Fed-Entscheid: Bernanke drückt Zinsen für US-Staatsanleihen auf Allzeittief | FTD.de

QEEE2 jetzt bei 152,5 Mrd. Euro (+9,5 Mrd. Vw)

Ich tracke in meinem Zweitblog das Volumen der Anleihenkaufprogramms der EZB relativ regelmäßig. Heute hieve ich das aber mal wieder hierhin und schreibe auch ein wenig mehr, weil wir in der letzten Woche einen kleinen neuen Meilenstein erreicht haben.

So zum aktuellen Pegelstand für das Ankaufprogramm für Staatsanleihen in Europa (Quantitative Easing European Edition 2, QEEE2), das seit einigen Wochen wieder läuft (und das Auslöser für den Rücktritt des EZB-Chefökonomen Stark gewesen sein dürfte).

Die EZB hält jetzt Anleihen im Gesamtwert von

152.500.000.000 (152,5 Milliarden) Euro,

das sind 9,5 Milliarden Euro mehr als in der Vorwoche. Das Tempo hat sich also gegenüber den Vorwochen (etwa 15 Mrd. im Schnitt) deutlich verlangsamt. Seit Anfang August (vor QEEE2) hat sich das Volumen von 74 Milliarden mehr als verdoppelt.

Ob das ein Trend wird oder eine Ausnahme, bleibt abzuwarten. Angesichts der Herabstufung Italiens rechne ich in dieser Woche allerdings eher mit einem deutlichen Anstieg der Aufkäufe. Da dürfte einiges an Material auf den Markt kommen ...

Und so richtig wirksam ist das Ganze auch nicht mehr. Nach der Ankündigung von QEEE2 Ende Juli sank die Rendite von zehnjährigen italienischen Staatsanleihen ziemlich abrupt von 6,4% auf knapp unter 5%. Von diesem Rückgang ist inzwischen aber ziemlich genau die Hälfte wieder verdampft. Aktuelle Rendite heute morgen: 5,72%.

Die EZB dürfte den Großteil der Papiere also zu höheren Kursen gekauft haben, als an der Börse aktuell dafür bezahlt werden, ergo auf ein paar Milliarden Buchverlusten sitzen. Dramatisch ist das sicherlich nicht, denn in den ganzen bei der EZB als Sicherheit hinterlegten Staatsanleihen von (unter anderem) Griechenland dürften deutlich höhere Risiken stecken. Ganz vernachlässigen sollte man die neu dazukommenden Risiken aber auch nicht, vor allem weil völlig unklar ist, wie lange das Ankaufprogramm weitergehen soll. Wenn man sich die Renditeentwicklung Italiens (und etwas abgeschwächter auch in Spanien anschaut) und berücksichtigt, dass vor allem Italien derart hohe Zinsen unmöglich auf die gesamte Staatsschulden leisten kann, wird die EZB wohl noch eine ganze Zeit mit Aufkäufen beschäftigt sein. Und wo danach das Volumen dann steht, möchte ich lieber gar nicht wissen ...

S&P stuft Italien herab

Das ist natürlich eine dicke Überraschung. Nicht.

Auch wenn ich zuerst mit einer neuen Note beim Konkurrenten Moody's gerechnet hätte, aber da verzögert sich die Note wohl noch etwas. Die größte Überraschung (sofern überhaupt eine in der Abstufung steckt, FT Alphaville textet ironisch "Una sgradita sorpresa") ist wohl, dass der Ausblick auf negativ bleibt.

Egal, die neue Note ist jetzt A, also ein Stufe niedriger als zuvor.

S&P verweist als Begründung auf die gesenkten Wachstumserwartungen Italiens, die die ambitionierten Ziele der Regierung Berlusconi (ausgeglichener Haushalt 2013) sehr unwahrscheinlich machen. Auch rechnet S&P mit höheren Zinskosten (was bei 120% Staatsverschuldung/BIP schnell viel Geld kostet) und glaubt nicht an die Steuererhöhungen, die 2/3 des Konsolidierungsplans ausmachen, da diese in einem Hochsteuerland weiter auf's Wachstum drücken dürften. Außerdem hätte die (mangelnde) politische Stabilität für einen negativen Einfluss gesorgt.

Die europäischen Börsen leiden unter der Entscheidung, allerdings nicht dramatisch (Früh-DAX etwas über 1% im Minus). Der Euro gibt zwar nach, aber nur wenn man die Kurse von knapp 1,37 aus der Nacht als Vergleichsbasis nimmt; gegenüber dem Vortag hat sich wenig getan.

Bin gespannt, ob Berlusconi jetzt noch ein weiteres Sparprogramm auflegt. Wir hatten ja schon zwei größere in den letzten Monaten. Wie im Fall von Griechenland glaube ich aber nicht, dass das der richtige Weg ist (nicht dass Sparen grundsätzlich falsch wäre, aber irgendwann geht der Schuss nach hinten los). Italien braucht mehr Wachstum und dafür benötigt Italien Strukturreformen. Immerhin ist Italien ein Land, das noch vor 10 Jahren eine ausgeglichene Handelsbilanz hatte, was sich aber leider ein ganzes Jahrzehnt lang permanent verschlechtert hat. Dahin muss Italien zurück, dann konsolidiert sich der Haushalt von ganz allein.

FT Alphaville hat wie üblich die ganze Pressemitteilung:
FT Alphaville » S&P downgrades Italy

Schuldenkrise: Euro rutscht nach Italien-Abstufung deutlich ab | FTD.de

Standard & Poor's: Ratingagentur stuft Italien herab - Europas Schuldenkrise - Wirtschaft - FAZ.NET

Update (09:28):

Aus aktuellem Anlass noch einmal empfohlen:



Negativer Ausblick für Italien - Lach dich kaputt

Plant Griechenland Volksabstimmung über Euroverbleib?

Völlig unbestätigte Nachricht, aber es wäre sicherlich eine mit gewissem Sprengpotenzial ... Wobei Neuwahlen ja auch schon mal in der Diskussion waren ...

Einzige Quelle ist im Moment die griechische Zeitung Ekathimerini. Der Zeitung zufolge denkt der griechische Ministerpräsident Papandreau über eine Volksabstimmung nach. Er hofft auf Zustimmung und damit auf ein neues Mandat, um die Reformen auch durchsetzen zu können.

Hmmm, warten wir mal ab ...

Ekathimerini: Greeks to vote on future in eurozone?

Update (20.09.11):

Papandreou dementiert Volksabstimmung über den Euroverbleib.


Schuldenkrise: Papandreou dementiert Euro-Referendum | FTD.de

Musik zum Wochenende: (mal wieder) Sigur Rós

Lange keine Musik hier mehr gebracht, aber Sigur Rós kann ich mich nicht zurückhalten ... Auch wenn das sicherlich nicht der beste und vor allem nicht der eingängigste Song ist ...

Gestern ist ein weiterer Song aus dem im November erscheinenden Film Inni ins Netz geschwappt und ich finde den toll:


Sigur Rós: Festival from Sigur Rós on Vimeo. (via rivva)

Sollte der Film irgendwo in der Rhein-Ruhr-Region laufen, wäre ich für einen Hinweis sehr dankbar!

Unsere Politiker: 211 Mrd. ifo: 465 Mrd. Euro

Und gestern kam die Deutsche Bank noch auf maximale Kosten für den deutschen Steuerzahler aus den Sicherheiten für den EFSF von 400 Mrd. Euro.

Die einzige Antwort, die das Bundesfinanzministerium hat, ist "Die Berechnungen sind spekulativ und deshalb unrealistisch".

Hmmm, offenbar muss man in Planungen einfach nur eine unbekannte Variable einbauen und schon kann man mit diesem Totschlagsargument alle Überlegungen beiseite wischen. Das könnte man allerdings bei jeder Investitionsentscheidung der Politiker (ich nenne nur mal Stuttgart 21) oder überhaupt jeder Budgetplanung (der zum Beispiel ein völlig unbekanntes Wirtschaftswachstum zugrunde liegt) auch machen. Dann können wir uns jede Diskussion sparen ...

Naja, aber vielleicht zurück zu den Details: das ifo Institut hat (wie auch nicht anders zu erwarten war), bei eigentlich jedem Parameter Maximalwerte angenommen.


  • Es geht nicht nur um Griechenland, sondern auch um Portugal, Spanien und Italien.
  • Bei der Summe wird das erste Griechenlandpaket, der EFSF, der EFSM, die Ankäufe von Staatsanleihen durch die EZB (143 Mrd.) UND die Target 2 Forderungen (327 Mrd.).
    Inklusive der Erhöhung käme eine Gesamtsumme von 1,67 Billionen Euro zusammen. Da Teile des Geldes nur zu einem bestimmten Prozentsatz vergeben werden dürfen, ergibt sich nicht ganz die Summe von 551 Mrd, die dem Drittel von Deutschland entsprechen würde, sondern "nur" 465 Milliarden ...
  • Die Recovery Quote (Gläubigerquote) wird mit 0% angenommen.

Eines hat der Sinn vom ifo noch vergessen: Den Zinsaufschlag für deutsche Staatsanleihen, den er auf 100 Basispunkte schätzt (wie Großbritannien), für die gesamte Schuldenlast von Deutschland noch als Kosten anzusetzen. Das sind ja auch schnell 20 Milliarden Millionen Euro im Jahr ..

Der größte Kritikpunkt für mich: Ein Komplettausfall aller vier Länder erscheint extrem unwahrscheinlich. OK, es ist nicht unrealistisch, dass diese mglw. ausfallen oder auch aus der Eurozone austreten, aber dass alle vier Länder allesamt zu 100% ausfallen und es für die Gläubiger GAR KEIN Geld gibt, ist unvorstellbar.

Ich habe im Zusammenhang mit den Ausfallrate von Griechenland schon einmal geschrieben, dass es solche Haircuts nicht gibt (CDS für Griechenland über 8.300 (?!?) - egghat's not so micro blog): Schon Haircuts von 75% sind selten, üblich sind eher 50% oder weniger. Und man muss bedenken, dass selbst das komplett zerbombte Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg seine Auslandsschulden (zumindst teilweise) bedienen konnte.

Klar, hat Griechenland mit fast 160% Verschuldung des BIPs zu hohe Schulden. Aber 100% Streichung? Nach einer Halbierung hätte Griechenland schon eine niedrigere Staatsverschuldung (in Prozent des BIPs) als Deutschland. Dass noch härter gestrichen wird, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Jeder Schuldenerlass für irgendein Land wird politisch extrem schwierig durchzusetzen sein, eine Streichung, die auf ein besseres Niveau führt als es die zahlende Nation hat, wird es daher (meiner Meinung nach) nicht geben.

Ganz nebenbei muss man über die Kalkulation eines Ausfalls von Italien eh nicht nachdenken. Italien wird nicht über die bisher vorgestellten Mechanismen gerettet werden können und auch nicht werden. Spätestens bei Italien ist Schicht, dann muss man über was anderes nachdenken ...

Pressemitteilung der CESifo Gruppe
ifo: ifo Schnelldienst 2011-17: Die Rettungssummen steigen (PDF)
Neue Prognose zur Euro-Rettung: Deutschland haftet mit bis zu 465 Milliarden | FTD.de

Update (18:17)

Die 20 Millionen Zinskosten durch 20 Milliarden ersetzt ... Danke an @TeraEuro für den Hinweis!

Bankenbeteiligung bei Umschuldung von Griechenland noch geringer?

Geringer soll heissen, noch geringer als bisher erwartet. Die bisherigen Rechnungen gingen von einem Haircut von etwa 21% aus.

Wobei man immer bedenken muss, dass das eine Berechnung vom Nennwert aus ist. Da die aktuellen Börsenkurse deutlich unter dem Nennwert liegen (ich habe die teilweise abstrus hohen Renditen der Griechenland-Anleihen (ergo niedrigen Kurse) ja ein paar Mal erwähnt), bleibt bei der Betrachtung vom Börsenkurs aus, von einer Beteiligung nicht mehr viel übrig. Schon Anfang Juli bestätigten direkt mehrere Analysten meine über den Daumen gepeilte Einschätzung, dass die Beteiligung gegen Null geht. Und das hat sich nicht gebessert ...

Im Gegenteil! Die Kurse der Griechenlandanleihen sind weiter gefallen; bei 5 Jahren Restlaufzeit zum Beispiel von 55 auf etwa 43, also gut 20%. Hingegen sind die als Sicherheit hinterlegten und mit drei As bewerteten EFSF-Anleihen dank des allgemeinen Zinsrückgangs massiv gestiegen. Anfang Juli lag der Kurs (einer ähnlichen Bundesanleihe) bei etwa 120, heute bei 137, die Sicherheiten sind also etwa 15% im Wert gestiegen. Wenn ich vom Marktpreis aus auf den Umtausch schaue, ist das überhaupt keine Beteiligung, sondern im Gegenteil ein Bailout. So weit dürfte das klar sein.

Aber selbst vom Nennwert aus betrachtet, reduziert sich die Bankenbeteiligung durch den Kursanstieg der EFSF-Anleihen weiter, nach einer Berechnung der Grünen (die die Sueddeutsche zitiert) auf nur noch

8%.

Leider kann man die Zahl nicht ganz so einfach auf Stimmigkeit überprüfen, da die Sueddeutsche die Details und Annahmen der Berechnung nicht nennt (vielleicht, weil schon die Grünen diese nicht weitergegeben haben). Die Jungs von FTD Wirtschaftswunder-Blog versuchen gerade, an mehr Details zu kommen. Wenn sich das was tut, reiche ich das nach.

Unabhängig von den Details der Berechnung, frage ich mich allerdings noch, ob die Grundannahme überhaupt stimmt und der "Umtauschkurs" am Anfang des Angebots fixiert wurde. Und nicht erst am Ende, sprich bei Erreichen der 90%-Annahmequote. Profitieren die Banken überhaupt vom Kursanstieg der EFSF-Anleihen? Ich gehe davon aus, ansonsten hätte ich keine Erklärung für die Verringerung des Haircuts.

Sueddeutsche.de: Banken drücken sich vor Hilfen für Griechenland

Zum Angebot von Anfang Juli und den Barwertberechnungen siehe auch:

DIE KOSTEN DER GRIECHENLANDBETEILIGUNG FÜR DEUTSCHE BANKEN LIEGEN BEI NULL. NIENTE. ZERO.

Danke an TeraEuro für den Hinweis.

Update (10:18);

FTD_Wunder erinnert mich gerade daran, dass der Internationale Bankenverband IIF den Haircut Anfang Juli nicht aus Basis der Nennwerts berechnet hat, sondern auf Basis eines angenommenen Zinses von 9%. Das war aber damals schon zu optimistisch (sprich ergab einen zu hohen Wert für die Beteiligung), weil die Rendite damals bereits bei 11% lag. Inzwischen sind es sogar 15% geworden.

Wenn ich das berücksichtige, wird in der Berechnung der Grünen wohl doch beides drinstecken:

a) Der Anstieg der Rendite (bzw. der Kursrückgang) gegenüber dem "Szenariozins" von 9% auf der Seite der Griechenbonds und
b) Der Anstieg der Kurse beim EFSF Bond, der die neuen Kredite (teilweise) absichert, auf der anderen Seite.

Update 2 (18:23):

Der Bundesverband Deutscher Banken (BDB) hat inzwischen klar gestellt, dass die Konditionen erst bei Erreichen der Schwelle festgelegt werden. Die genauen Umtauschkonditionen wurden also nicht im Juli festgelegt und die Banken profitieren schon jetzt vom Kursanstieg, sondern sie werden erst am Ende der Frist für das Umtauschangebot festgelegt und zwar so, dass die 21% Abschlag auf den Barwert erreicht werden.

Gut, dass ich mich auf solche Politikerberechnungen (Politiker rechnen notorisch unzuverlässig) nicht blind verlassen habe und den passenden Disclaimer ("Unabhängig von den Details der Berechnung, frage ich mich allerdings noch, ob die Grundannahme überhaupt stimmt und der "Umtauschkurs" am Anfang des Angebots fixiert wurde. Und nicht erst am Ende, sprich bei Erreichen der 90%-Annahmequote. Profitieren die Banken überhaupt vom Kursanstieg der EFSF-Anleihen?") schon eingebaut habe.

Naja, warten wir mal ab, wie die Konditionen am Ende der Frist aussehen. Dabei wird nicht nur die Seite mit dem EFSF-Bond spannend, sondern auch die andere Seite der Gleichung. Rechnen die Banken beim "fairen" Zins für die Griechenlandanleihen weiterhin mit völlig unrealistischen 9% oder gehen sie von (nach Markteinschätzung) wesentlich realistischeren 15% aus?

Regierung und Verband erwarten Bankenbeteiligung in voller Höhe | Boulevard Baden

Ein kleines Newsfragment noch zum Abschluss: Der EFSF soll gesagt haben, dass er die eventuell fehlende Zustimmung zum Umtauschangebot vom EFSF übernehmen wird. Die Frist wurde ja schon verlängert, weil die Zustimmung die Schwelle von 90% noch nicht erreicht hat. Sie soll aktuell bei etwa 75% liegen, die vom EFSF zu schließende Lücke wäre also nicht sehr groß.
Allerdings hat wohl auch nie jemand ernsthaft daran geglaubt, dass das Umtauschangebot daran scheitern könnte. Die Bedingungen sind einfach zu gut, als dass eine Bank das Risiko, das in den Griechenlandanleihen steckt, nicht zu diesem Kurs loswerden wollte ... Nur Banken, die entweder auf eine 100% Rückzahlung zocken oder die die Miniabschreibungen nicht verkraften können, dürften was dagegen haben.

Update (17.09.11)

Die Erklärung des Bundesverbands deutscher Banken ist inzwischen auch online: BDB: Zur Beteiligung des Privatsektors beim Tausch von griechischen Staatsanleihen

Gefunden über @FTD_Wunder

Hoffnungsartikel für den Wochenanfang: Irland kann's schaffen.

Ich wehre mich ja schon einige Zeit dagegen, Portugal, Griechenland und Irland in eine Schublade zu stecken. Auch Spanien und Italien muss man differenziert betrachten, was aber nicht Thema dieses Artikels sein soll.

Portugal und Griechenland sind Länder, die unter hohen Staatsdefiziten und gleichzeitig hohen Handelsbilanzdefiziten leiden und so leider eine verdammt schlechte Ausgangslage haben. Beide Länder müssen massive Sparprogramme durchsetzen, die sowohl das Staatsdefizit als auch das Handelsbilanzdefizit deutlich reduzieren. Dieses Doppeldefizit bedeutet in der Praxis, dass nicht nur der Staat auf Pump gelebt hat, sondern die Volkswirtschaft als Ganzes gesehen.

Dieses "Doppelsparen" führt dummerweise zu massiven Einbrüchen in der Wirtschaft. Dadurch sinkt die Anzahl der Arbeitsplätze, die Steuereinnahmen, etc. pp. Genau dort befindet sich die griechische Wirtschaft jetzt. Es scheint so, als würde das Wegsparen von 13% Haushaltsminus/BIP zu einem Einbruch des BIPs in ähnlicher Größenordnung führen (Das könnte zur Daumenregel werden, warten wir mal ab). Portugal unterscheidet sich von Griechenland nicht so sonderlich stark, allerdings sind die Löcher nicht so unglaublich tief wie in Griechenland.

Irland ist aber eine andere Nummer. Das Pro-Kopf-BIP in Irland ist höher als das in Gesamtdeutschland und somit deutlich höher als in Griechenland oder Portugal. Außerdem hat Irland einen deutlichen Handelsbilanzüberschuss, der prozentual auf's BIP gesehen sogar höher ist als beim (ehemaligen) Exportweltmeister Deutschland. Die Volkswirtschaft Irlands hat also ganz andere Vorraussetzungen, um eine Konsolidierung erfolgreich zu meistern. Dort muss nämlich "nur" der Staat sparen und nicht das ganze Land. Außerdem sind Sparmaßnahmen leichter zu verkraften, weil sie die Bevölkerung in Irland anders als in Griechenland nicht direkt ans Existenzminimum führen.

Natürlich löst ein sparender Staat auch in Irland einen Nachfragerückgang aus. Aber dieser kann unter Umständen aufgefangen werden, weil durch den Handelsbilanzüberschuss permanent Geld nach Irland fließt.

Dass Irland noch lange nicht über den Berg ist, sieht man allein schon daran, dass das laufende Staatsdefizit sogar höher ist als in Griechenland. Auch die enorme Verschuldung der Privathaushalte, die auf extrem hohen Schulden aus der Immobilienblase sitzen, bereitet weiterhin große Sorgen. Ich fürchte, dass daraus auch in Zukunft noch eine Menge schlechter Hypotheken entspringen werden. Und ob die irischen Banken da schon ausreichend abgeschrieben haben, ist unklar. Wenngleich man nicht leugnen sollte, dass niemand die faulen Kredite so beherzt, sprich in einem so großem Umfang und mit so hohen Abschreibungen in Bad Banks ausgelagert hat wie Irland. Im Gegensatz zum Beispiel zu Spanien, wo ich weiterhin glaube, dass man dort erst die Spitze des Eisberg sieht. In Irland gehen immerhin etwa 40 Prozentpunkte der Staatsverschuldung auf die Bad Banks zurück, die "eigentliche" Staatsverschuldung liegt also eher bei 60 bis 70% und nicht bei über 100. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass die Abschreibungen auf die Kredite in den Bad Banks ausreichend hoch waren, was aber bei Abschreibungen von mehr als 50 Prozent nicht total unrealistisch erscheint,

Aber grundsätzlich bleibe ich weiterhin bei meiner Einschätzung, dass Irland eine Basis für eine Konsolidierung hat, während ich diese in Griechenland nicht sehe und auch in Portugal die "Rosa-Brille-Super-Power" (TM) aufsetzen muss, um Anzeichen für eine erfolgreiche Wende zu sehen.

FAZ: Die Auferstehung der irischen Wirtschaft

P.S. In Spanien hängt eine erfolgreiche Wende vor allem an den Immobilienkrediten. Wenn wir dort wirklich erst die Spitze des Eisbergs gesehen haben, wird auch Spanien massive Probleme bei der Wende bekommen.
In Italien hingegen hängt der Erfolg vor allem von der Wiedererstarkung der Wirtschaft ab, weniger am Staatssektor. Denn die Konsolidierung des Staatshaushalts ist in Italien durchaus machbar, so groß ist das Loch nicht. Ob aber die Wirtschaft, die noch vor 10 Jahren so wettbewerbsfähig war, dass die Handelsbilanz in etwa ausgeglichen war, wieder auf diesen Kurs zurückfinden kann,  ist sehr schwierig zu beurteilen. Fest steht nur, dass die Jahre unter Berlusconi in dieser Hinsicht ein klarer Rückschritt waren, auch wenn er allgemein aus wirtschaftsfreundlich gilt.

KfW: Eurorettung lohnt sich

In der Frankfurter Rundschau ist heute ein Interview mit KfW Ökonom Irsch, der versucht hat, die Vorteile für Deutschland durch den Euro abzuschätzen. Er kommt auf

50.000.000.000 - 60.000.000.000 (50 bis 60 Milliarden) Euro

in den letzten zwei Jahren. (leider steht doch nicht genau, ob pro Jahr oder zusammen)

Jetzt ist die Berechnung natürlich genauso unklar wie die Schätzungen der UBS für die Verbleibs- bzw. Austrittsszenarien (siehe Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Was würde ein Ausstiegs Deutschlands aus dem Euro kosten?). Unstrittig dürfte aber wohl sein, dass Deutschland mit der D-Mark und der Bundesbank einen höheren Wechselkurs und höhere Zinsen hätten. Am Ende bezweifelt das doch niemand, oder? Denn selbst die Leute, die den Austritt Deutschlands aus dem Euro fordern, bringen dafür doch ein Hauptargument: Die Ungleichgewichte im Handel zwischen dem schwachen Griechenland und dem starken Deutschland sollen ausgeglichen werden. Und das käme am schnellsten über eine stärkere Währung, also weniger (weil teurere) Exporte und mehr (weil billigere) Importe. Aber dass weniger Export auch weniger Arbeitsplätze in Deutschland zur Folge hätte, ist doch logisch, oder?

Man kann sicherlich über das Ausmaß der Höherbewertung einer (Neu oder Alt) D-Mark und die Höhe der Arbeitsplatzverluste diskutieren, aber wohl kaum über diesen grundsätzlichen Zusammenhang. Finde ich.

Berliner Zeitung: "Die Euro-Rettung lohnt sich für jedes einzelne Land"

(komischerweise in der Berliner Zeitung. Die Wege innerhalb vernetzter Medienkonzerne sind unergründlich. Wieso macht die FR das Interview, veröffentlicht es nicht online, sondern schenkt die PIs einer Schwesterpublikation (oder anderen "Abschreibern", die Story findet sich nämlich überall, nur nicht beim Original. Dumm).

Update (10:22):

Andena bringt in den Kommentaren den sehr richtigen Einwand vor, dass Irsch (und ich) mit der Behauptung, dass die D-Mark stärker wäre und die Zinsen höher, eine mögliche Doppelbetrachtung gemacht hat. Denn starke Währungen gehen normalerweise mit einem niedrigen Zinsniveau einher (siehe Schweiz). Wieso die DMark gleichzeitig höher bewertet sein sollte UND höhere Zinsen, ist nicht unbedingt plausibel.

OK, im Konjunkturzyklus kann es Stellen geben, an denen sowohl die D-Mark hoch bewertet ist UND hohe Zinsen hätte. Allerdings wäre das im Durchschnitt über den Konjunkturzyklus wohl nicht so.

Was würde ein Ausstiegs Deutschlands aus dem Euro kosten?

Viel ...

Die UBS hat's versucht zu berechnen und kommt auf

9.500 bis 12.500 Euro

pro Kopf für jeden Deutschen in den ersten zwei Jahren.

Wow.

Ein Bailout für Griechenland, Irland und Portugal würde hingegen nur etwa 1.000 Euro pro Kopf betragen, ergo einen Bruchteil der Kosten eines Austritts.

Der Austritt der schwachen Länder würde für die Einwohner dieser Länder übrigens noch teurer. Die UBS kommt auf 12.500 bis 14.500 Euro pro Kopf ...

Sollten die Zahlen nur halbwegs stimmen, ist das ein klarer Fall von No-Brainer. Bailout, alles andere wäre ja viel teurer. Nur: Können die 1.000 Euro pro Kopf stimmen?

Multipliziert mit 82 Millionen Deutschen wären wir bei 82 Milliarden Euro Kosten für den gesamten Bailout. Damit können wir aber kaum die gesamten Schulden kaufen. Allein Griechenland hat 350 Milliarden Staatsschulden ... Auch bei einem 50%igen Haircut, den die UBS annimmt, wäre man schon bei mehr als 82 Milliarden. Habt ihr eine Idee, wie die UBS auf die Zahl kommt?

Einen Ansatz habe ich: Die Kosten des 50% Haircuts auf alle Schulden von Irland, Griechenland und Portugal werden auf alle Europäer verteilt, nicht nur auf die Deutschen. Dann könnte es hinkommen ...


UBS: Euro break-up - the consequences | Credit Writedowns (inkl. der Studie im Original)

P.S. Man könnte jetzt auch einfach annehmen, dass die UBS noch einen Haufen PIGS-Papiere in der Bilanz hat und deshalb (nicht ganz uneigennützig) den Bailout empfiehlt ...

Ist Deutschland eigentlich noch AAA?

Ich wollte eigentlich schon länger mal was zu dieser Frage schreiben ...
Diese ist ja nicht nur interessant, weil die Triple-A-Ratings der europäischen Sicherungsfonds ESM und EFSF am Triple-A-Rating Deutschlands hängen, sondern auch für Deutschland direkt, weil die Zinsen mit fallenden Ratings steigen und somit einen unmittelbaren Einfluss auf die Zinskosten Deutschlands haben.

In der Diskussion um die Hilfen für die schwächeren Länder Europas wird meiner Meinung nach zu häufig so getan, als wäre das AAA-Rating Deutschland quasi in Stein gemeisselt. Allerdings liegt der Schuldenstand Deutschlands in Prozent des BIPs mit etwa 80% nicht so weit weg von den Werten, an denen erstens Irland unter den Rettungsschirm fliehen musste  und zweitens die USA ihr Triple-A (zumindest bei einer Ratingagentur) verloren haben, beides jeweils bei etwa 100% des BIPs.

Womit ich bei der (meiner Meinung nach) interessanten Zahl bin:

Die Kreditausfallversicherungen (CDS) auf die USA kosten im Moment etwa 55 Basispunkte.
Die Kreditausfallversicherungen auf Deutschland kosten im Moment etwa

85

Basispunkte, 7 Basispunkte mehr als am Freitag.

Der CDS-Markt bewertet das Ausfallrisiko deutscher Staatsanleihen also inzwischen deutlich höher als das Ausfallrisiko der amerikanischen Staatsanleihen. Und letztere sind bekanntlich nicht mehr (einheitlich) AAA, ergo dürften deutsche Staatsanleihen auch nicht mehr Triple-A sein, zumindest wenn man die Kosten für die Kreditausfallversicherungen als Vergleichsbasis nimmt.

Das kann man so einfach natürlich nicht machen, aber eine hilfreiche Indikation ist es allemal. Was das für das Rating von Frankreich bedeutet, will ich besser gar nicht wissen. Die Kreditausfallversicherungen für Frankreich kostet nämlich heute 185(!) Basispunkte ...

OK, ich schaue es doch noch nach. Ich will nicht das komplette Bewertungsmodell von Markit nachbauen und erklären, aber auch durch eine einfache Ableitung aus den Tabellen, auf die ich Zugriff habe, lassen sich schon ein paar interessante Schlüsse ziehen:

Irgendwo bei CDS-Preisen von 32 Basispunkten liegt die Schwelle zwischen AAA und AA+.
Bei etwa 70 kommt die Schwelle zu AA, bei etwa 100 zu AA-, bei etwa 130 gibt es nur noch ein A+, dann kommt nur noch ... ... ... Der höchste CDS-Wert, für den Markit ein implizites (also abgeleitetes) BBB+ angibt, liegt bei 176. Danach wäre Frankreich mit den 185 Basispunkten von heute also höchstens noch BBB ...

Italien liegt heute übrigens bei knapp 450 Basispunkten, das wäre in etwa ein einfaches B, also tief im Junk. Auch Spanien würde mit etwa 420 Basispunkten das zweite B nicht mehr schaffen.

Heijeijei .... Die CDS Kurse sagen wirklich gar nichts Gutes für die Solvenz Europas ...

Man muss aber mindestens drei Sachen anmerken:

a) Das Modell der Ableitung von CDS-Preisen auf implizite/abgeleitete Ratings ist noch nicht sehr alt und wie alle solche Verfahren nicht unumstritten.
b) Die Preise für CDS schwanken stark und der Markt ist auch nicht so groß, dass die Preise super zuverlässig wären.
c) Ganz nebenbei irrt der Markt bekanntlich auch häufig. Die deutschen CDS kosteten vor drei Jahren auch schon mal über 90 Basispunkte, ohne dass das Triple A Rating verloren gegangen wäre.

Nichtsdestotrotz finde ich sowohl die extrem hohen Preise für Frankreich/Italien/Spanien als auch den inzwischen deutlich Abstand zwischen den USA und Deutschland bemerkenswert.

US-Arbeitslosenquote 08/11: 9,1% (unv.) (lange Version)

Nach der Überraschung im Vormonat (leichter Rückgang der Arbeitslosenquote) folgte im August die Enttäuschung auf dem Fuße. Und zwar in einem ziemlich zerrissenen Bericht, der in einem Teil (Household Data, aus denen die Arbeitslosenquote stammt) gut aussieht, im anderen Teil (Establishment Data, aus der die Nonfarm Payrolls stammen), aber ziemlich schwach ist.

Zu den offiziellen Zahlen für den August 2011:

Household Data, per Umfrage erhoben:

Anzahl der Arbeitslosen: +36.000 auf 13,967 Millionen.
Anzahl der Arbeitenden: +331.000 auf 139,627 Millionen

---> Arbeitslosenquote: 9,1% (unverändert zum Vormonat, 0,5 Prozentpunkte unter dem Vorjahresaugust).

Die Zahl der NILFs ging im August ausnahmsweise mal zurück. Trotz des Rückgangs um 165.000 liegt die Zahl noch immer etwa 2,3 Millionen über dem August des Vorjahres.

Die Erwerbstätigenquote (Anzahl Arbeitskräfte auf die Gesamtbevölkerung) erholte sich leicht um 0,1 Prozentpunkte auf 58,2%. Das sind aber weiterhin 0,3 Prozentpunkte weniger als im August 2010.

Es bleibt beim Statement aus dem Vormonat: Von einer wirklichen Erholung am US-Arbeitsmarkt zu sprechen, wagen sich wohl nur noch Daueroptimisten. Dass die Arbeitslosenquote gegenüber dem Vorjahr gesunken ist, liegt ausschließlich an den Umbuchungen von mehr als 2 Millionen Amerikaner in die NILF-Kategorie.

Establishment Data:

Die Daten aus der Establishment Data, die als genauer gelten, waren der schwache Teil des Berichts.

Anzahl der Jobs: +/- 0 (zero, niente) gegenüber Juli 2011 auf 131,132 Millionen. 17.000 neuen Jobs im privaten Sektor (die berühmten Non-Farm-Payrolls) stand ein Verlust von 17.000 Jobs im öffentlichen Sektor gegenüber.

Das wiegt umso schwerer, weil die beiden Vormonate kräftig nach unten korrigiert wurden. Das Juniplus wurde um 26.000 auf +20.000 reduziert (nach einer Aufwärtskorrektur um 28.000 im Vormonat übrigens), der Juli ebenfalls um 32.000 auf plus 85.000, zusammen also um 58.000.

Die Anzahl der gearbeiteten Stunden pro Woche unterstützt das schwache Bild, das der Teil der Establishment Data zeichnet: Ein Rückgang um 0,1 Stunde auf 34,2 Stunden, der allerdings eine Zunahme der Überstunden um 0,1 auf 3,3 Stunden gegenüber steht. Daraus lässt sich nicht so viel ablesen.

Ein guter Punkt, an dem man die Gesamtverfassung des Arbeitsmarkts ablesen kann, ist die am breitesten ausgelegte Arbeitslosenquote U-6. Diese stieg leicht um 0,1 Prozentpunkte auf 16,2%. Das ist aber immer noch besser als im Vorjahr (16,7%).

Fasst man die Zahlen zusammen, ist das Bild ziemlich gemischt. Der erste Teil (Household Data) zeigt eine Stabilisierung, wenn auch keine Verbesserung an (und zwar ausnahmsweise ohne statistische Tricks), der zweite Teil (Establishment Data) hingegen eine ziemlich breite Schwäche, vor allem wenn man die Abwärtskorrekturen für Juni und Juli mit berücksichtigt.

BLS.GOV: THE EMPLOYMENT SITUATION – AUGUST 2011

Griechenland: Schuldenloch noch tiefer ...

Das ist irgendwie ein Teil einer unendlichen Serie ...

Ich habe mir bei meiner vierteiligen Serie zwar Mühe gegeben, am Ende eine positive Zahl zu bringen, aber ich glaubte schon damals nicht daran (Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Die volle Zahlendröhnung aus Griechenland IV - Primärüberschuss). Zur Erinnerung: Es ging darum, dass Griechenland schon 2011/2012 ohne Berücksichtigung der Zinsen einen positiven Haushalt hätte. Die Rettung Griechenlands wäre also ganz einfach: Europa kauft alle griechischen Staatsschulden auf, senkt den Zins auf nahezu Null und Griechenland hat dann wieder genügend Luft zur Tilgung der Schulden. Das ist natürlich immer noch eine Rettungsaktion, aber man muss eben auch berücksichtigen, dass man damit immerhin kein Geld mehr in ein Fass ohne Boden wirft, sondern erstmal das Fass stopft und dann vorsichtig mit der Ernte beginnt.

Nur war ich schon damals skeptisch, ob die Zahlen mit dem Primärüberschuss denn so stimmen. Die plus 2,6%, die ich zur Zahl des Tages gemacht habe, erschienen mir unplausibel. Allerdings gab es noch andere Quellen, die ebenfalls von einem Primärüberschuss ausgehen (steht alles im alten Artikel und den sehr lesenswerten Kommentaren).

Es deutet sich schon länger an, dass die Prognosen, die hinter den oben genannten Zahlen stecken, auf ziemlich dünnem Eis stehen. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass diese Prognosen gesenkt werden müssen (bzw. der Prognose für das Defizit erhöht werden muss) und/oder das Jahr für den Breakeven nach hinten verschoben werden muss. Mein letztes Posting zum Thema ist nicht einmal einen Monat alt. Damals hatte Griechenland das Wunder vollbracht, bereits im ersten Halbjahr 86% des Defizits einzufahren, das für das Gesamtjahr geplant war (Griechischer Staat schuldet Firmen 2,8%/BIP (und weitere Desaster) - egghat's not so micro blog).

Nun gibt es  die nächste Anpassung der Prognosen, wobei diese nach den 86 Prozent nicht wirklich überraschend kommt. Aus dem ursprünglich erwarteten Staatsdefizit von 7,5% des BIPs werden jetzt wohl knapp 9%. Das befürchtet das griechische Parlament und nennt als Grund einen Konjunktureinbruch, der mindestens bei 4,5% liegen soll. Inoffiziell werden auch schon 5,5% genannt (da droht wohl schon die nächste Anpassung ...).
Durch diese Wirtschaftskrise sinken die Steuereinnahmen des griechischen Staats, gleichzeitig steigen die Ausgaben für die Sozialsysteme. Kein Wunder, dass der Staat kein Land mehr sieht ...

Durch das fallende BIP steigt dummerweise auch die Staatsverschuldung in Prozent des BIPs. Mal angenommen, das BIP sinkt um 5%, würde der Schuldenstand in Prozent des BIPs von 150% auf knapp 158% des BIPs steigen. Ohne dass der griechische Staat einen Euro neue Schulden aufnimmt.

Tagesschau: Griechische Staatsschulden "außer Kontrolle"

Update (22:32):

Die FAZ dazu:

Euro-Krise: Griechenlands Staatsschulden „außer Kontrolle“ - Europas Schuldenkrise - Wirtschaft - FAZ.NET

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