Europa ist doomed

Weil es mehrere Sprachen gibt ... Aber anders als ihr denkt ...

Zumindest wenn man einfach denkt, ist einer der (bekannten) großen Standortnachteile Europas im Vergleich zu den USA die Sprachvielfalt. Diese verursacht nicht nur direkte Kosten (Kommunikation), sondern auch indirekte. Zum Beispiel sinkt die Mobilität der Arbeiter deutlich. Boomt die Wirtschaft in den Niederlanden, ziehe ich diese 200 Kilometer trotzdem kaum um, nach Frankfurt oder Hamburg hingegen schon viel eher. Ähnlich wird es in Freiburg gehen: Der Umzug über den Rhein nach Frankreich wird den meisten deutlich schwerer fallen als ein Umzug nach Karlsruhe. In den USA fällt den Menschen der Umzug viel einfacher und diese ziehen auch tatsächlich viel häufiger und mit größeren Entfernungen um. Dadurch gleichen sich Unterschiede im Arbeitsmarkt deutlich schneller aus. Aus Detroit kann man auch nur deswegen so viel Ruinen-Pron berichten, weil sich dort die Einwohnerzahl halbiert hat.

Ob viele Umzüge für das Wohlbefinden der Bevölkerung gut sind (Stichwort Verlust sozialer Bindungen), ist eine andere Frage, die ich aber in diesem Artikel nicht diskutieren möchte. Denn hier geht es nur um ein Detail der Sprache, nicht um die Verständigung an sich. Und zwar um ein winziges Detail: Die Art und Weise, wie die Zukunft gebildet wird (stark vs. schwach), konkret:

"Es wird morgen regnen" (stark, weil mit "wird" explizit die Zukunft gebildet wird) vs. "Es regnet morgen" (schwach).

Im Deutschen ist beides möglich, der letztere Form ist aber (zumindest gesprochen) üblicher. Im Englischen hingegen gibt es (praktisch) nur die starke Form.

Nun kann man alle Sprachen in diese beiden Klassen einordnen:

Schwach sind Deutsch, Dänisch, Flämisch, Japanisch, Chinesisch (Mandarin und Kantonesisch), Schwedisch, Lettisch, Finnisch, ...
Stark sind Englisch, Französisch, Portugiesich, Italienisch, Irisch, Griechisch und Spanisch.

Und jetzt habe ich mir natürlich schon die Mühe gemacht, die letzten 5 in die richtige Reihenfolge zu bringen: Da sind sie wieder, die PIIGS ...

Aber der Reihe nach ... Der Linguist M. Keith Chen von der Yale University hat versucht herauszufinden, ob die Form der Zukunftsbildung in der Sprache einen Einfluss auf das Verhalten in Bezug auf die Zukunft hat. Dabei hat er zwei Punkte in den Mittelpunkt gestellt: Gesundheit und Finanzen. Und sieh an, es ist gibt eine Menge Zusammenhänge: Die "Schwachen" sind gesünder (rauchen weniger, sind seltener dick, treiben mehr Sport...) und sorgen stärker für die Zukunft vor (höhere Sparrate, höhere Rentenvermögen).

Letzteres dürfte massiven Einfluss auf die Probleme der PIIGS haben. "Wir" sparen zu viel, die "Starken" sparen zu wenig. Wir brauchen für die Ersparnisse Exportüberschüsse, die "Starken" kaufen uns mit ihrem (im Vergleich) zu hohen Konsum die Produkte ab. Und wir können alle nicht anders: Die PIIGS denken nicht an die Zukunft, wir dagegen haben den ganzen Tag Angst vor der Zukunft ("hoffentlich bleiben wir wettbewerbsfähig").

Chen führt diesen Effekt auf einen unbewussten Kanal zurück. Denn die Korrelation (der statistische Zusammenhang) zwischen der Form der Zukunftsbildung und der Sparrate ist stärker als der Zusammenhang zwischen der Einschätzung der Wichtigkeit des Sparens und der Sparrate. Wer also im Interview sagt, dass er Sparen für wichtig hält, spart noch lange nicht. Wer hingegen eine "schwache" Sprache spricht, hingegen schon. Der (vermutete) unbewusste Effekt ist also stärker als der bewusste. Die Form der Zukunftsbildung scheint tatsächlich das Handeln zu beeinflussen.

Die Studie scheint methodisch sauber zu sein. Der Effekt auf die Sparrate lässt sich sogar in Ländern nachweisen (und zwar auch in ähnlicher Stärke), in denen mehr als eine Sprache gesprochen wird (wobei logischerweise eine starke und eine schwache dabei sein muss). Und das ist ein ziemlich guter Überprüfungsansatz, weil damit andere Ursachen wie zum Beispiel unterschiedliche Steuer- und Bildungssysteme oder geographische Ursachen ausgeschlossen werden können.

Am Ende ist natürlich noch unklar, ob die Sprache hier eine Vorliebe (für's Sparen) ausdrückt oder ob die Sprache diese Vorliebe auslöst, also was Ursache und was Wirkung ist. Ebenso muss man bedenken, dass Korrelation nicht zwangsläufig einen Wirkungszusammenhang darstellen muss (Anzahl der Störche und der Geburten ...).

Spannend ist die Studie aber allemal. Auch wenn  ich mich frage, ob man durch Aufteilung in Katholisch und Protestantisch nicht auch eine ähnlich hohe Korrelation hinbekommen würde ...

http://faculty.som.yale.edu/keithchen/papers/LanguageWorkingPaper.pdf

gefunden über FT Alphaville » In Holland, the future is now über TeraEuro.

Und wie retten wir jetzt Griechenland? Wir bringen denen Deutsch bei ;-)

Kommentare :

  1. In der Diskussion zu diesem Artikel im Sprachlog ( http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachmythen/2012-03-02/no-shit ) wird auf eine Grenze der Fäkal- und Genitalschimpfworte hingewiesen, die ich auch wahrnehme.

    Und sagt man, daß in E, Pt, F (cojones, putain), sowie in IRL, und UK (fuck…) die Genitalschimpfwöter überwiegen so springt der Zusammenhang sofort ins Auge.

    Die Sprachwissenschaften mögen also bitte erklären ob die Futurbildung von dem Schimpfwortgebrauch abhängt, und die Ökonomen ob die Sparrate jetzt mittelbar oder direkt von ihm bestimmt wird.

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  2. Ok, ich hab mir die Studie nicht durchgelesen, aber ich bleibe erstmal extrem skeptisch.
    Erstmal die Frage, wie er das Ländersample auswählt, und zweitens, ob er da nicht einige ganz andere Effekte drin hat für die man irgendwie kontrollieren müsste.

    Ganz abgesehen davon, dass bei diesen ganzen komparativen Politikstudien "echte" Repräsentativität & Signifikanztests auch praktisch unmöglich sind. Es kann also auch einfach Zufall sein.

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  3. Die Frage, ob Sprache Sparsamkeit bewirkt oder Sparsamkeit die Sprache beeinflusst, ist mit Sicherheit schwer zu beantworten und kann wie der Autor auch in der Zusammenfassung anmerkt, nicht abschließend beantwortet werden. Als weitere These müssten auch die Wechselwirkung berücksichtigt werden. Sprache beeinflusst Sparsamkeit und Sparsamkeit beeinflusst wiederum die Sprache. Mögliche Gleichgewichte könnten sich hier einstellen. Wichtig aber ist anzumerken, dass auch auf der Individualebene verglichen worden ist. Die Zeit (sie fehlt auch mir) sollte ich eigentlich genauer investieren, aber offensichtlich handelt es sich nicht nur um ein Ländersample. Danke jedenfalls für die interessante Studie (kommt auf meine Leseliste).

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  4. Im Deutschen gibt es ja mit Schuld und Schulden auch einen ziemlichen "Gleichklang", bei dem u.U. Schuld auf den Begriff Schulden auch ziemlich negativ abfärbt. Das könnte man auch mal weiter untersuchen, wenn es diese Ähnlichkeit in anderen Sprachen auch noch geben würde ...

    Oder wenn gerade dabei ist: Das Wort Credit im Englischen ist auch hochinteressant, weil das ja sowohl Kredit wie auch Guthaben bedeuten kann ...

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