Jetzt aber in echt: Griechenland privatisiert

Es überrascht mich nicht sonderlich, dass Griechenland die ursprünglich geplanten Privatisierungserlöse von 50 Milliarden Euro bis 2015 nicht erreichen kann.

Zur Erinnerung: Der IWF schätzte den Wert der Assets im Staatsbesitz auf 300 Milliarden Euro, was mir schon ziemlich viel vorkam (siehe WAS IST DER STAATSBESITZ GRIECHENLANDS WERT?).

Noch unwahrscheinlicher erschien mir, dass in diesem Besitz auch so viel Werthaltiges steckt, dass man daraus ohne größere Probleme 50 Milliarden Euro Erlöse erzielen kann. Das wären immer mehr als 20% des BIPs. Selbst in Osteuropa lagen die Erlöse durch den Verkauf des Staatsbesitzes nach dem Fall der Mauer bei maximal 56% des BIPs und dort war vorher *alles* im Besitz des Staates ...

Naja, solch pessimistische Überlegungen kann man wohl nur anstellen, wenn man nichtswissender Blogger ist. Die 100K-Plus-Jahresgehalt-Experten von Roland Berger hingegen wollten die Erlöse gar auf 125 Milliarden Euro hochdrücken:

KANN GRIECHENLAND 125 MILLIARDEN EURO PRIVATISIERUNGSERLÖSE ERZIELEN?

Gut, genug der Häme. Was haben wir als Zwischenergebnis? Zuerst das Eingeständnis, dass die 50 Milliarden Euro bis 2015 völlig utopisch waren. Der Zeitraum wurde erst auf 2017 verlängert, inzwischen steht 2020 im Raum (völlig zufällig ist das auch das Jahr, bis zu dem der Troika-Schuldenreduzierungsplan reicht, ergo weiter strecken durfte man die Planung nicht ...). Die Erlösplanung bis 2015 hingegen wurde auf 19 Milliarden Euro gesenkt, also um 62%.

Die 2011 erzielten Erlöse blieben - nach den Zahlen von oben logisch - ebenfalls weit unter Plan. Magere 1,6 Milliarden Euro (es wurden auch schonmal 1,8 Mrd. genannt) wurden bislang erreicht. Und selbst davon war etwa die Hälfte kein Verkaufserlös im eigentlichen Sinne, sondern eine Ausweitung der Lizenzvergabe für Glücksspiele an die halbstaatliche Lottogesellschaft OPAP (die im Übrigen auf der Privatisierungsliste steht).

ekathimerini.com | Asset sales stall amid debt squabble

Jetzt soll es aber richtig los gehen. 3 Milliarden Euro sind für 2012 eingeplant, genannt werden die üblichen Verdächtigen: Lottogesellschaft, Flughafen, Wassergesellschaften ... Also genau die Firmen, die man schon 2011 erfolgreich privatisieren wollte ...

Ich habe ehrlich gesagt gar keine Lust mehr nachzuschauen, was diese Firmen aktuell an der Börse wert sind. Aber bei den Firmen in (teilweisen oder vollständigen) Staatsbesitz würde ich nicht allzu viel erwarten. Die nach 4 Jahren Rezession extrem tiefsitzende Verunsicherung des ganzen Landes dürfte kaum für gute Preise sorgen.

Prinzipiell interessanter sind die Immobilien- und Grundstücksassets. Aber hier kommt Griechenland nicht wirklich weiter, weil für ein geschätztes Drittel der Assets keine richtigen Grundbucheinträge existieren (falls es überhaupt sowas wie ein funktionierendes Katasterwesen in Griechenland gibt). Viele Flächen können nicht verkauft werden, weil jemand anderes Besitzansprüche geltend gemacht hat.

Das erinnert irgendwie alles so frappierend an die DDR ...

Mit einem Unterschied: Die auch von deutschen Politikern immer wieder geschürte Angst vor einem Euroaustritt wirkt total kontraproduktiv. Welcher Investor soll heute in Griechenland investieren, wenn ein Investment nach einer Wiedereinführung der Drachme (die massiv abwerten würde) schlagartig 30, 40 oder 50% preiswerter würde? Genau, niemand!

Auch im Fall der DDR war man sich ziemlich unklar über die wahre Leistungsfähigkeit des Landes. Aber immerhin hatte man die Sicherheit, dass die D-Mark, die man dort investiert, auch D-Mark bleiben. Nicht einmal diese Gewissheit hat man zur Zeit bei Investitionen in Griechenland ...





Kommentare :

  1. Aha, habe mich schon gewundert warum sie um Investoren aus der Türkei werben, da die Europäer zu misstrauisch sind. Eigentlich muss man eine Staatsreform sehen: Katasterwesen, Eigentumsschutz, geringe Bauauflagen und Bürokratie bei Gebäuden mit max. 2 Stockwerken (Entscheidung der Gemeinde), Dezentralisierung und Deregulierung, also offizieller Rückzug des Staates zugunsten des Marktes. Gleichzeitig aber ein funktionierendes Steuersystem und auch eine Steuer für reiche Griechen im Ausland.

    Ach so, nee ein funktionierendes Katasterwesen haben sie nicht, stand zumindest schon öfters in der Zeitung. In dem Land geht echt gar nix.

    Und wie soll man sich, insbesondere als Deutscher, dort z.B. ein Grundstück oder Immobilie kaufen, wenn man nicht weiss ob man morgen nicht aus dem Land gejagt wird?

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    1. Alles richtig!

      ABER an der von mir genannten Unsicherheit, die IMHO viel entscheidender ist, sind auch andere als Griechen Schuld. Nämlich die Angst vor einem Euroaustritt.

      Wir schieben einen Haufen Geld direkt und indirekt nach Griechenland. Gleichzeitig labern die Politiker über einen Euroaustritt und sorgen somit sicher dafür, dass kein Investor mit seinem Geld hilft.

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    2. Diese Kritik gibt es ja seit Anfang der Krise in immer wieder leicht abgewandelter Form. Nur kann man da nix machen, diese Debatten sind unvermeidlich. Allein schon weil die griechischen Eliten in einigen Bereichen reformunwillig sind.
      Ich glaube auch nicht so ganz das diese Debatte das Problem ist. Wenn man dort investiert um Geld zu verdienen und nicht als Privatperson nur billig was kaufen will, dann ist eh klar das es um Export oder Tourismus gehen muss. Da dürfte aber der Austritt aus dem Euro eher kein Problem sein, wohl eher sogar ein Vorteil.

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  2. warum so hämisch über Roland Berger reden. Die haben (fast) die ganze Ex-DDR privatisiert (Stichwort Treuhand). Die müssen es wissen. Mehr "Expertise" kann Griechenland nicht bekommen... Blühende Landschaften für Griechenland! Yippiee

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    1. Ich hoffe ich habe Ihren Sarkasmus übersehen. Die Treuhand war ein Verbrecherclub der seinesgleichen in der Geschichte sucht und leider nie zur Rechenschaft gezogen wurde.

      Als vor einigen Wochen der Vorschlag kam "Machen wir doch eine Treuhand für Griechenland nach deutschem Vorbild", bin ich bald umgebrochen vor Lachen. Da wird die Treuhand auch noch als Erfolgsmodell verkauft. Das Ding hab ich auf 'ner Familienfeier zu besten gegeben und habe irgendwas zwischen leichter Bestürzung und Gelächter geerntet.

      Aber wie gesagt: Wahrscheinlich erkenne ich nur Ihren Sarkasmus nicht.

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    2. Also ich fand jetzt schon, dass die Häme und der Sarkasmus ziemlich klar rüber kommen. Oder hat jmd. die blühenden Landschaften im Osten gesehen?

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    3. na überall da wo keine menschen mehr sind blühts recht kräftig, gerade im frühling...

      denke aber auch mit etwas gutem willen kann man da sowas wie zynismus/sarkasmus hereininterpretieren

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  3. @ Dieter Meyer

    Ja. Komm mal nach Usedom. ;-)

    @ Treuhand

    Nicht alles dort war schlecht. Am Anfang gab es noch viele ostdeutsche Mitarbeiter, die sich richtig Mühe gegeben haben. Die wurden aber nach und nach in die Abstellkammern abgeordnet. Bei aller absolut berechtigten Kritik an der Arbeit der Treuhandanstalt: Wo waren damals die ganzen Schlaumeier mit einem brauchbaren Alternativvorschlag? Hinterher haben wir immer alle die Weisheit mit Löffeln gefressen.

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    1. OK, bezog sich wahrscheinlich auf die blühenden Landschaften aus dem Kommentar und nicht auf den Artikel.

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