Schlecker (nicht nur) aus Oberhausener Sicht

In Oberhausen sind nach der stufenweisen Schließung von Schlecker (von 17 auf 7 Filialen in den vergangenen Jahren, jetzt im (vorerst) letzten Schritt runter auf 3) immer noch 157 Arbeitsplätze im Einzelhandel unbesetzt. Damit gibt es selbst hier im strukturschwachen Ruhrgebiet etwa vier bis fünfmal so viele offene Stellen in der gleichen Branche wie jetzt bei Schlecker wegfallen (siehe http://www.radiooberhausen.de/Lokalnachrichten.947 M5258c55f8b8.0.html). In Gesamtdeutschland dürfte das Verhältnis schlechter sein, aber immer noch viel besser als in vielen anderen Branchen.

Generell darf man auch nicht vergessen, dass der Einzelhandel ein Wirtschaftsbereich ist, in dem die Produktivität der Mitarbeiter relativ gleich ist. Niemand hat hier einen wahnsinnigen Wettbewerbsvorteil, es findet mehr oder weniger nur Umverteilung statt. Regale müssen eingeräumt werden, Kassen bedient, Läden beliefert, etc. pp. Wenn jetzt 20.000 Deoroller bei Schlecker weniger verkauft werden, gibt es die 20.000 irgendwo anders. Und auch da muss eingeräumt und kassiert werden. Ein ganzer Teil der Arbeitsplätze, die bei Schlecker wegfallen, entstehen bei der Konkurrenz neu. Ob das die Hälfte oder mehr oder weniger sind, weiss natürlich niemand. Wichtig ist nur: Es sind NICHT alle 11.000 Arbeitsplätze weg.

Warum eigentlich jetzt die ganze Aufregung? Es gab schließlich bereits mehrere Schübe mit Filialschließungen bei Schlecker, die vergleichsweise geräuschlos über die Bühne gingen.

Am Anfang wurde sogar über Staatshilfe für Schlecker gesprochen (zum Glück verworfen), später ging es nur noch um eine Transfergesellschaft für die Mitarbeiter. Immerhin würde damit den Mitarbeitern, und nicht dem Unternehmen geholfen, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick stimmt das aber nicht, weil es kaum einen Unterschied zwischen einem Arbeitslosen in einer Transfergesellschaft und einem Arbeitslosen ohne Transfergesellschaft gibt. OK, es gibt etwas mehr Geld (und manchmal auch länger), aber der Rest besteht in beiden Fällen aus nachgewiesenermaßen ziemlich teuren, aber ziemlich nutzlosen Geschichten wie Umschulungen, Bewerbungstrainings, etc.

Viel wichtiger sind zwei andere Aspekte:
a) Das Unternehmen gewinnt an Rechtssicherheit, weil die Mitarbeiter in einer Transfergesellschaft den Ex-Arbeitgeber nicht verklagen können (z. B. auf eine Abfindung). Das Unternehmen ist also einfacher zu verkaufen. Das ist, wenn es überhaupt ein Argument pro Transfergesellschaft gibt, DAS wichtigste. Dabei geht es aber nicht vorrangig um die entlassenen, sondern um die weiterbeschäftigten Mitarbeiter.
b) Die Zahlungen stammen aus der Insolvenzmasse und damit nicht unbedingt vom Steuerzahler. OK, im Fall von Schlecker ist da nicht viel zu holen ...

Was mich an der Schlecker-Diskussion vor allem nervt: Wieso stellen die 10.000e entlassenen Mitarbeiter in Handwerksbetrieben, Restaurant, Tante-Emma-Länden, etc. kein Problem dar, die jetzt bei Schlecker aber schon? Wieso waren die 2.000 (oder so) gekündigten Mitarbeiter bei Schlecker, die im letzten Jahr ihren Job verloren haben, unwichtig? Wieso interessiert sich niemand für die ganzen Mitarbeiter in den mehr als 30.000 Firmen, die jedes Jahr Pleite gehen?

Es gibt manchmal Gründe für Speziallösungen wie Transfergesellschaften, wenn 5.000 Mitarbeiter bei Opel oder 3.000 bei Nokia auf einen Schlag rausfliegen. Dann droht unter Umständen das Absinken einer ganzen Region. Aber bei 11.000 Mitarbeitern, die über ganz Deutschland verteilt sind, gibt es diese Gefahr nicht.

Und was mich fast noch mehr nervt: Das FDP Bashing. Denn ich finde die Entscheidung contra Transfergesellschaft eher richtig (auch wenn die FDP teilweise aus den falschen Gründen mit Nein gestimmt hat). Was soll das Gelaber von "kühl, arrogant und menschenverachtend"? Entweder waren und  sind die anderen Politiker bei den Entlassungen in Pizzabuden, Tante-Emma-Läden und Handwerksbetrieben auch alle "kühl, arrogant und menschenverachtend" oder sie waren/sind es nicht. Eins von beiden, dann aber bitte in allen Fällen! (Zugegeben, der Begriff "Anschlussverwendung" dürfte der bislang dümmste sein, den ein Politiker dieses Jahr in die politische Diskussion eingebracht hat. Und die FDP hat sich den Tod eh redlich verdient. Aber der aktuelle Fall ist kein Anlass für FDP-Bashing, diese Entscheidung ist durchaus plausibel begründbar).

Die Diskussion, die man führen müsste, wäre eine Diskussion über die Höhe des Arbeitslosengelds. Über die Qualität der Umschulung und Fortbildungen. Über die Förderung bei Eintritt in einen neuen Job.

Und da kann man sich mal gerne anschauen, was Dänemark macht: Dort gibt es nämlich bei Arbeitslosigkeit 90% des letzten Lohns, dafür wurde im Gegenzug der gesetzliche Kündigungsschutz deutlich aufgeweicht (dieser gilt allerdings für viele nicht, weil der oft in Tarifverträgen für viele Arbeitnehmer vorteilhafter geregelt ist).

Nur mal so als Diskussionsgrundlage für die richtige, für die wichtige Diskussion ... Denn wenn das sauber geregelt wäre, könnte man das Modell Transfergesellschaft für einige wenige Privilegierte endlich entsorgen.

Noch ein paar Links:

Ziemlich ähnlich wie ich beurteilt der Wirtschaftsphilosoph die Schlecker-Situation:

Schlecker-Pleite ohne Transfergesellschaft | Wirtschaftsphilosoph

Auch nicht so ganz anderer Meinung als ich ist der werte Herr Hüther vom IW im Interview mit dem Deutschlandfunk:

Hüther: Es muss das Prinzip der Haftung gelten - Wirtschaftsexperte hat Zweifel an | Interview | Deutschlandfunk

Die Wirtschaftswoche weist auf die Profiteure von Transfergesellschaften hin (und das sind bei weitem nicht nur die Ex-Mitarbeiter, auch das Unternehmen gewinnt Rechtssicherheit, weil Ex-Mitarbeiter in der Transfergesellschaft keine Abfindung kosten):

Drogerie-Pleite: Bundesagentur bei Schlecker in der Pflicht - Handel - Unternehmen - Wirtschaftswoche

Etwas überraschend ist die Frankfurter Rundschau nicht der Meinung, man müsse unbedingt die Transfergesellschaft gründen, sondern argumentiert mit einem kühlen: Wer hat denn die Tante-Emma-Läden (bzw. deren Mitarbeiter) vor den Discountern gerettet?

Kommentar zur Schlecker-Krise: Nur keine Transfergesellschaft | Schlecker-Insolvenz - Frankfurter Rundschau

Jens Berger auf den Nachdenkseiten zu Thema. Lesenswert, auch wenn an einigen Stellen unsauber argumentiert wird (einmal ist was in der Insolvenzmasse (durch den Verkauf der Auslandstöchter), einmal nicht (deswegen braucht Transfergesellschaft auch einen staatlichen Kredit). Auch sind die offenen Stellen natürlich viel in Teilzeit, die Stellen bei Schlecker scheinbar nicht):

Die FDP und die Schlecker-Pleite – Polittaliban außer Kontrolle | NachDenkSeiten – Die kritische Website

Und dann noch Frank Lübberding, der eine Diskussion über die wichtigen grundsätzlichen Themen einfordert, nicht über diesen Einzelfall:

Schlecker und die FDP

Leider hört man solche denkanregenden Kommentare nur selten, gängig sind die Kommentaren der Form "Wie-Kann-Man-Die-Menschen-Bloss-So-Alleine-Lassen" wie in der SZ oder mehrfach beim Spiegel (verlinke ich wenns geht nicht, daher muss die SZ als Negativbeispiel herhalten:

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fdp-verhindert-schlecker-rettung-unfaehig-kalt-liberal-1.1322006

Dann doch lieber was ähnlich unreflektiertes, aber wenigstens ist das lustig:

Der Postillon: Spekulanten erleichtert: Ablehnung von Hilfe für "die Märkte" betrifft nur Schlecker

Update (31.03.12):

Sachlich, Herr Ernst, sachlich ...

Reaktionen auf Nein zur Schlecker-Bürgschaft - Linken-Chef geißelt FDP als "asoziale Trümmertruppe" - Politik - sueddeutsche.

Update 2 (03.04.12):

Michael Lauer (Piraten) reflektiert in der FAZ seine Auftritte in TV-Talkshows. Er geht daber auch auf Schlecker ein, v.a. auf Kurt Beck ein, der in der Sendung bei Illner den Stereotyp des mitfühlenden Sozialdemokraten spielte und natürlich helfen wollte. Natürlich ohne einen einzigen Hinweis darauf, dass er selber in ein verdammt sinnloses Projekt am Nürburgring Hunderte von Millionen Steuergelder versenkt hat und am Ende 137 Mitarbeiter trotzdem auf die Straße gesetzt hat. Nein, im TV wieder ganz Maulheld: Wir müssen retten, egal ob es 3 oder 11.000 Arbeitsplätze sind.

Noch spannender die Zahlen zum Arbeitsmarkt, die Michael Lauer nennt:

"Aber man kann sich die Zahlen anschauen. Im März meldeten sich in Deutschland 627.000 Menschen arbeitslos, im Tagesdurchschnitt sind das 20.225. Also jeden Tag zweimal Schlecker. Wenn man Schlecker dazurechnet, kommt man auf 20.580 Menschen täglich. Im selben Zeitraum gab es 708.000 Abgänge, das heißt, täglich wurden 22.838 Arbeitsplätze vermittelt. Mir ist klar, dass diese Rechnung zynisch ist. Mir geht es nur darum, die Größenordnung zu illustrieren."

Aber nun ja, um solche Fakten geht es in Talkshows nicht. Oder um die Frage, was eine Transfergesellschaft besser machen könnte als die Bundesagentur für Arbeit. Solche Fragen werden nicht einmal mehr gestellt ...

Der Artikel lohnt sich nicht nur wegen der Schlecker Diskussion, sondern auch für die Betrachtung der Talkshows im Allgemeinen:


0 Kommentare :

Kommentar veröffentlichen

Vielen Dank für Deinen Kommentar.

Related Posts with Thumbnails

egghats Amazonstore