Griechenland soll gefälligst beim Militär sparen!

Aber stimmt das?

Die Aussage, dass Griechenland zu viel für das Militär ausgibt, wird oft getätigt. Und auch hier. Da ist es doch mal angesagt, die Aussage zu überprüfen, gerade wenn sie so oft wiederholt wird (unter anderem auch hier, siehe Griechenland spart und kauft 400 Panzer - egghat's not so micro blog oder Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Griechenland spart, spart und spart. Nur in einem Bereich nicht.)

Die neuen Zahlen stammen vom Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), das als ziemlich renommiert gilt.

Die Finanzkrise hat dazu geführt, dass in Europa relativ deutlich gespart wird (Deutschland -1,4%, Frankreich -4,0%), in Asien und Afrika hingegen weiterhin in Militär investiert wird. Eine allgemeine Berichterstattung darüber gibt es z.B. hier: Sinkende Militärausgaben: Staatsschuldenkrise trifft Rüstungsindustrie - Unternehmen - FAZ. Ich will mich aber nur um den Teilaspekt Griechenland kümmern.

Ob die griechischen Militärausgaben gefallen oder gestiegen sind, ist gar nicht so leicht festzustellen.

Die rohe Datenreihe in lokaler Währung (also Euro) in den lokalen Preisen, die das SIPRI errechnet hat,  lautet wie folgt:

2002: 5.030,
2003: 4.462,
2004: 5.048,
2005: 5.652,
2006: 6.064,
2007: 6.235,
2008: 7.219,
2009: 7.612,
2010: 5.407,
2011: 5.855.

(in Mio.  Euro)

Gegenüber den beiden Rekordjahren 2009 und 2010 gibt es also einen deutlichen Rückgang der Ausgaben. Wenn man mit den Jahren vor dem Höhepunkt vergleicht, wird der Rückgang aber ziemlich klein.

Nun muss aber auch bedenken, dass bei dem Versuch solche Zahlen zu interpretieren, die Zahl allein oft wenig sagt. Interessant wird es meistens erst, wenn man die Zahlen in Bezug zu anderen Zahlen setzt. Da bietet sich als erstes immer das BIP als Indikator für die Wirtschaftsleistung eines Landes an:

Wie sieht das ganze dann aus, wenn man es in Bezug auf die Wirtschaftskraft des Landes setzt?

Erstmal die Zahlen zum griechischen BIP (Quelle)

2002: 156.615,
2003: 172.431,
2004: 185.266,
2005: 193.050,
2006: 208.893,
2007: 222.771,
2008: 232.920,
2009: 231.642,
2010: 227.318,
2011: 215.088.

(in Mio.  Euro)

Daraus ergeben sich folgende Prozentzahlen:

2002: 3,2%,
2003: 2,6%,
2004: 2,7%,
2005: 2,9%,
2006: 2,9%,
2007: 2,7%,
2008: 3,0%,
2009: 3,2%,
2010: 2,4%,
2011: 2,7% (SIPRI hat 2011 noch nicht berechnet, daher habe ich das selber gemacht)

2010 waren die Militärausgaben Griechenlands also (selbst auf's fallende BIP bezogen) so niedrig wie noch nie in den letzten 10 Jahren. Wenn man noch ein Jahrzehnt  weiter in die Vergangenheit schaut,  findet man Militärausgaben, die sogar häufig über 4% des BIPs lagen.

Im Vergleich mit dem langfristigen Durchschnitt der 10 Jahre zuvor (oder dem Jahrzehnt davor) kann man Griechenland sicher nicht vorwerfen, zu viel Geld für's Militär auszugeben. Die Kürzungen liegen sogar etwas höher als das eh schon fallende BIP.

Was bringt der Vergleich innerhalb Europas? Deutschland gibt knapp 1,5% des BIPs für Militär aus (SIPRI). Allerdings ist ein großes Land (relativ zur Landesfläche wenig Grenze), das dazu noch mitten in Europa liegt (keine direkten Feinde), auch schwierig mit einem kleinen Land an der Grenze Europas vergleichbar. Portugal verwendet etwa 2% seines BIPs fürs Militär. Allerdings liegt Portugal auch "allein" am Rand Europas und hat den (vermeintlichen?) Erzfeind nicht direkt vor der Türe.

Was kann man daraus jetzt als Fazit ziehen? Betrachtet man die Größe Griechenlands, die Länge der Küste, die Lage am Rand Europas und die Situation mit der Türkei, erscheinen die Militärausgaben Griechenlands nicht so unglaublich wahnsinnig hoch. Es mag zwar durchaus ein gewisses Sparpotenzial vorhanden sein (wo gibt es das nicht?), aber allein darüber wird sich Griechenland nicht sanieren können.

Auf der anderen Seite sind die Berichte über die große Bedeutung Griechenlands als Käufer für deutsche und französische Waffen mit einer gewissen Skepsis zu sehen. So unglaublich wichtig kann dieses kleine Land mit seinem gar nicht so hohen Militärausgaben gar nicht sein.

Das ist alles in allem eine verdammt langweilige Aussage und deshalb wird man sie auch nicht oft lesen. Schlagzeilen wie Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Griechenland spart, spart und spart. Nur in einem Bereich nicht. bringen Abrufe und Tweets, relativierende Artikel wie dieser hier erfahrungsgemäß nicht ... (jetzt, wo ich gebettelt habe, vielleicht doch ;-) ). Den relativierenden Artikel habt ihr jetzt, die sensationsheischenden überlasse ich jetzt den Profis. Zumindest zum Thema "Militärausgaben in Griechenland" ;-)

17 April 2012: World military spending levels out after 13 years of increases, says SIPRI — www.sipri.org

Update (19.04.12):

Wer sich für die Militärausgaben allgemein interessiert und sich die Änderungen in den letzten 10 Jahren mal in einer Infografik anschauen will, dem sei diese Grafik aus dem Economist empfohlen:


Kommentare :

  1. hallo egghat,

    interessante idee. ein oder zwei unterschiede sollte man aber schon herausstellen, nämlich ob man die technik im eigenen land kauft oder importieren muß, und ob es sich überhaupt um technik handelt, oder um personal- oder infrastrkosten, die wiederum auch 'rest'griechenland zu gute kommen. da kann die bedeutung der eingesetzten summe variieren. wobei, einen natopartner gegen einen anderen aufzurüsten entspricht gegerell nicht meiner auffassung eines bündnisses.

    beste grüße, r.sester

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  2. You know, I think the issue with Greece is that so much of the Government's perspective there is driven by its great tensions with Turkey. Therefore, I would not trust its regular published figures on defense. I greatly suspect there are some "off the budget" military expenses as well. Considering Greece's lack of budgetary transparency in the past, isn't this something that could be quite likely?

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  3. Schön zu sehen, dass sich jemand die Mühe macht und solche zahlen mal von einer anderen Seite beleuchtet, statt einfach den üblichen Pauschalisierungen hinterherzurennen.

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  4. Interessante Analyse. Es ist momentan schwer, die sinnvollen Informationen aus dem ganzen Geschrei herauszuhören.
    Was man vielleicht nachforschen sollte: Wie hoch ist der Anteil der Verwaltung an den Militärausgaben - relativ zu anderen Ländern. Man könnte nämlich auch den Verdacht haben, dass das gemalte Bedrohungsszenario zu einem Gutteil zur "Beschäftigungspolitik" gehört.

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