Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland bei 50%. Wirklich?

OK, das ist eins der Postings, die seit über einem Monat in der Queue hängen, weil ich Euch nicht nur den Sachverhalt darstellen, sondern auch erklären wollte. Die Antwort weiss ich zwar auch noch nicht, aber weil (fast) alle die Jugendarbeitslosigkeit falsch darstellen, muss der Artikel auch ohne endgültige Schlussfolgerung raus ... Die kommt dann in einen zweiten Teil

Es geht um die erschreckenden Arbeitslosenzahlen, die vor allem aus den Südländern Europas gemeldet werden (siehe z.B. hier: ZDF, Griechenland und Spanien beide bei etwa 50%). Die Zahlen hatte ich ja auch oft genug (inzwischen ist das Thema allgemein als schlagzeilentauglich identifiziert worden, da kann ich mir das Thema klemmen). Allerdings waren mir schon damals die sehr hohen Werte etwas suspekt und ich habe z.B. auf die Tatsache hingewiesen, dass die Zahlen möglicherweise verfälscht sind, weil darin auch Schüler erfasst werden, die einen Ferienjob suchen.

Das ganze ist aber - wie so häufig - nicht ganz so leicht zu erklären, weil man kaum dahinter kommt, woran das denn genau liegt. Dazu müsste man tief in der Erfassungsmethodik einsteigen, die trotz europäischer Integration noch nicht in allen Ländern exakt gleich ist.

Aber gehen wir zurück auf Los und erklären ganz einfach, wie die Arbeitslosenquote berechnet wird.

Es gibt zuerst eine Anzahl von Personen, ich nehme jetzt hier die zwischen 15 und 24, weil es ja um Jugendarbeitslosigkeit geht. Für die Berechnung der Arbeitslosenquote sind jetzt aber nicht alle relevant. Aus meinen US-Arbeitsmarktberichten kennt ihr das als NILFs, Not In Labor Force, auf Deutsch: Sie stehen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Das sind Personen, die nicht mehr arbeiten wollen oder können oder auch aufgegeben haben, einen Job zu suchen (vor allem im Alter üblich). In der Altersgruppe, um die es hier geht, gibt es aber natürlich zwei andere Arten, sich vor der Arbeit zu drücken ;-) : Geh zur Schule oder zur Uni. Dadurch fällt in dieser Altersgruppe ein großer Teil der Personen gleich  aus der Arbeitslosenstatistik raus.

Die Arbeitslosenquote wird nur aus dem "Rest" berechnet, also denjenigen, die nicht zur Schule bzw. Uni gehen. Dies ist dann der Wert, der dramatisch hoch ist. Und suggeriert, dass die Hälfte der jungen Griechen arbeitslos sind. Aber um zu beurteilen, ob wirklich die Hälfte der jungen Griechen und Griechinnen auf der Straße herumlungern, muss man auch schauen, wie sich die Anzahl von Arbeitslosen und die Anzahl aller jungen Griechen darstellt. Und schau an, diese Quote ist viel viel niedriger.

Griechenland hat 164.000 junge Arbeitslose. Bei einer Arbeitslosenquote von 50% gehören also in Griechenland etwa 330.000 junge Griechen zum Arbeitsmarkt. Der Anteil der (jungen) Erwerbstätigen an der (jungen) Gesamtbevölkerung wird in Griechenland mit knapp 15% angegeben. Daraus ergeben sich im Umkehrschluss etwa 1,1 Millionen Griechen, die zwischen 15 und 24 Jahre alt sind.

Zusammengefasst: Es gibt 1,1 Millionen junge Griechen. 165.000 oder

15%

davon suchen einen Job, 165.000 (15%) davon haben einen Job und der große Rest (70%) ist anscheinend noch mit Schule oder Uni beschäftigt. Das wirkt ganz anders als "Die Hälfte der jungen Griechen sind arbeitslos". (Was nicht heissen soll, dass die Lage in Griechenland nicht desaströs wäre, aber 15% ist halt doch was anderes als 50%.)

"Entdeckt" hat das:

ALEAblog: About Greece Youth Unemployment

Jetzt kann es natürlich sehr gut sein, dass die jungen Griechen nur weiter zur Schule oder zur Uni gehen, weil sie sonst eh keinen Job bekommen würden. Dazu aber mehr im zweiten Teil (den ich hoffentlich morgen fertig schreiben werden ...)

Update (09.11.12):

Ich habe aus der oben angerissenen Erklärung noch einmal ein längeres Erklärstück gebaut, das den Zusammenhang zwischen Bevölkerung, Erwerbspersonen, Erwerbslosen und den Quoten wie Arbeitslosenquote, Erwerbsquote und Erwerbslosenquoten (hoffentlich) vernünftig erklärt:

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Arbeitslosenquote - Erwerbsquote - Erwerbslosenquote - Was hilft bei der Beurteilung der Jugendarbeitslosigkeit wirklich?

Kommentare :

  1. Naja, ich verstehe Dein Argument zwar. Aber die Berücksichtigung derjenigen, die zur Schule oder zur Uni gehen, erscheint mir dennoch unsinnig. Schließlich bist Du doch auch nicht der Meinung, dass wir mit 3 Millionen Arbeitslosen in Deutschland kurz vor Vollbeschäftigung stehen (3,7% ALQ gemessen an der Gesamtbevölkerung von 80 Millionen). Kurzum: die Basis des Quotienten können nur die tatsächlich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Personen sein.

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  2. Ja, eine vollkommen willkürliche Zahlendreherei. Jugendarbeitslosigkeit soll messen unter welchen Bedingungen sich der Übergang von der Ausbildung in das Berufsleben vollzieht. V.a. weil es sich um einen Lebensabschnitt handelt, der für den Rest des Lebens entscheidende Bedeutung hat.

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  3. Sorry, dass ich hier in einem alten Artikel rumkommentiere, aber Johannes Tiemer hat halt vorhin nochmal auf ihn hingewiesen.

    Also wenn ich die Formel in auf
    http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitslosenquote#Arbeitslosenquote
    richtig verstehe, dann gibt es bei 50% Arbeitslosenquote und 165.000 Arbeitslosen 330.000 die arbeit haben. Das macht aber 15% die Arbeit suchen und 30% die Arbeit haben und nur 55% die zur Schule oder Uni gehen.

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    1. Nein.

      Wenn Arbeitslosenquote 50% ist, heisst dass, das 165.000 arbeitslos sind und 165.000 Arbeit haben. Also 330.000 dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Dazu können noch beliebig viele kommen, die noch in der Schule/Uni sind.

      Um zu wissen, wie viele das sind, muss man schauen, wie viele es in der Altersgruppe gibt oder man schaut sich die Erwerbsquote an. Diese gibt an, wie viele aus der Gesamtbevölkerung (in diesem Fall der entsprechenden Altersgruppe) einen Job haben.

      Im Beispiel oben: Wenn 330.000 dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, die Arbeitslosenquote 50% ist und 500.000 zur Schule/Uni gehen, wären 165.000 mit Job. Auf die insgesamt 830.000 in der Altersgruppe gerechnet, läge die Erwerbsquote bei 19,9%.

      Das erinnert mich daran, dass ich diesem Artikel immer mal einen zweiten folgen lassen wollte (der dann u.a. zeigt, dass der Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland nicht so schlimm ist wie in Spanien)

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    2. So richtig passen die Zahlen aber immer noch nicht zusammen, denn das "Employment Ratio" liegt in Griechenland bei etwa 30%. Würde also heißen, 30% der Gesamtbevölkerung haben einen Job, (bei 50% Arbeitslosigkeit ebenfalls) 30% haben keinen Job und 40% gehen zur Schule.

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    3. Ach Quark. Ich habs jetzt:

      Employment-Ratio ist nicht die Quote der Beschäftigen, sondern der "potenziell" Beschäftigten.

      Also Employment Ratio von 30% und 50% Arbeitslosenquote heisst: 15% der gesamten Jugendlichen sind arbeitslos, 15% der gesamten Jugendlichen haben Arbeit, 70% gehen zur Schule oder Uni (oder sind sonstwo "geparkt", um den Arbeitsmarkt nicht zu belasten)

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