Ein Traumjob für Ökonomen

Zumindest für Janis Varoufakis. Er betreibt eins der spannendsten Blogs zum Thema Griechenland, EU, Sparprogrammen und den Auswirkungen auf die Wirtschaft. Dieses sei an dieser Stelle gerne empfohlen.

Aber auch Varoufakis hat das übliche Problem vieler Ökonomen. Es gibt zwar viele Theorien und zunehmend den Versuch, diese mit Daten zu unterfüttern, am Ende haben die Ökonomen aber immer zu wenig Daten. Viel zu wenig Daten.

Man nehme zum Beispiel Griechenland. Um auf Basis von Zahlen beurteilen zu können, ob und wie viel Griechenland sparen sollte, oder ob und wie viel Hilfe Griechenland von der EU benötigt, bräuchte man Zahlen von Ländern in vergleichbaren Situationen. Also


  • hochverschuldetes Land 
  • in einer Währungsunion 
  • mit deutlichem Leistungsbilanzdefizit, 
  • wenig Export aber viel Tourismus, 
  • das dazu noch mit einem suboptimal funktionierendem Staatsapparat "gesegnet" ist und nicht einmal seine Steuern vernünftig eintreiben kann.


OK, man findet Länder, die mit Sparprogrammen - teil kräftigen, teil harmlosen - überzogen wurden. Aber teilweise reichen die Beispiele bis 80 Jahre zurück. Ob sich Volkswirtschaften heute noch genau so verhalten, ist unklar. Bei Rückblicken, die so weit in die Geschichte reichen, ist auch unklar, ob die Zahlen überhaupt was taugen. Man bedenke, dass es vor der Arbeit von Kenneth Rogoff nicht einmal verlässliche Zahlen zu den Schuldenständen und dem Wachstum von Volkswirtschaften gab, aus denen man ableiten konnte, wie viel Schulden denn nun "zu viel" sein könnten.

Selbst wenn man annimmt, dass diese Daten stimmen, muss ein großer Teil davon gleich wieder unter den Tisch fallen, weil sie nicht von Ländern stammen, die in einer Währungsunion steckten. Oder weil die Volkswirtschaft total anders strukturiert ist als Griechenland.

Kurz: in der halbwegs aktuellen Wirtschaftsgeschichte finden sich keine, bzw. nicht ausreichend viele Zahlen, um daraus für Griechenland etwas sinnvolles abzuleiten. Raus aus dem Euro? Sparen? Oder Marshallplan? Wenn ja, wie groß muss der Marshallplan ausfallen?

Was versuchen Ökonomen daher? Sie versuchen verzweifelt Zahlen zu sammeln. Gerade in der Mikroökonomie (der Teil der Ökonomie, der sich mit den Fragen im kleineren Stil beschäftigt wie z.B. "was passiert bei mangelndem Wettbewerb zwischen Firmen" oder "wann kauft ein Verbraucher welches Produkt"), wird zunehmend mit Versuchen und Simulationen gearbeitet. In einem größeren Maßstab, der Makroökonomie, die zum Beispiel im Fall Griechenland die Antworten liefern müsste, kann man aber nicht so einfach Versuche bauen. Wir haben ja nur ein Griechenland, das in der aktuellen Lage steckt, und diesem müssen wir jetzt helfen ...

Varoufakis wird Griechenland jetzt auch nicht retten. Aber er hat jetzt eine spannende Aufgabe gefunden. Er wird quasi Chefvolkswirt von gleich mehreren Volkswirtschaften, in denen ALLE Daten verfügbar sind: den virtuellen Welten von Valve Software. Zwar ist Valve eher für Ballerspiele à la Half Life bekannt, aber Valve produziert zunehmend komplexere Simulationen. Und sobald in diesen virtuellen Welten virtuelle Güter gehandelt werden können, wird es spannend. Denn jede Transaktion hinterlässt Spuren auf den Rechnern von Valve. Valve weiss daher, wer wann was mit wem handelt. Daten, die eine Genauigkeit und Vollständigkeit aufweisen, von der Volkswirte nur träumen können.

Valve legt ganz nebenbei die Regeln für die virtuellen Welten fest. Wie viele neue Güter kommen in die virtuelle Welt? Wie schnell werden Güter nutzlos (sprich gehen kaputt)? Wie viel Geld/Land/Waffen bekommen neue Spieler? Diese Regeln können unter Umständen leicht variiert werden und stellen damit quasi Versuche dar. Manchmal müssen die Regeln sogar geändert werden, weil sonst der gesamte Spielmechanismus aus den Angeln gehoben würde.

Kurz: Ökonomen, die diese virtuellen Welten nicht gleich für Kokolores halten, dürften dort eine tolle Spielweise für Datenanalyse und Experimente finden. Zwar sind die Funktionszusammenhänge in virtuellen Welten sicherlich andere und auch einfachere als die in der Realwelt, andererseits dürften sie deutlich komplexer sein als die Zusammenhänge, die viele Makroökonomen noch heute in Formeln gießen (und darauf basierend den Politikern Handlungsempfehlungen geben).

Höchst spannendes Projekt!

IT ALL BEGAN WITH A STRANGE EMAIL | Valve

Kommentare :

  1. Arghh als Politikwissenschaftler treibt mich das doch immer halb in den Wahnsinn wenn hier gemacht wird als gäbe es diese Probleme/Entwicklungen nur in der VWL. (Na ok IST ja ein Wirtschaftblog :-) )

    Eigentlicher Kommentar: Experimente schön und gut, aber das Problem der externen Validität ist imho noch nichtmal ANNÄHERND im Griff. Ich nenne nur mal das z.Zt. interessanteste Problem als Beispiel, die Pseudo-Placebo-Effekte, wo die Erwartung eines bestimmten Ergebnis genau das Ergebnis herbeiführt (RCT-Versuche/Beobachtungen sind NICHT doppel-blind!).
    Ok, das ist immer auch eine Frage der Alternative, aber völlig unproblematisch sind Experimente eben auch nicht.

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    1. Dass Experimente und die Auswertung der Ergebnisse nicht gerade einfach sind, ist schon klar. Aber gar keine Experimente machen und nur in der Theorie Modelle zu entwickeln, ist halt noch weiter an der Realität vorbei.

      In einem Wort könnte man vielleicht auch sagen: Luxusprobleme.

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    2. Wobei ich mir (nach der Beschreibung oben) jetzt garnicht sicher bin, ob es sich überhaupt um ein Experiment handelt, oder nur eine Beobachtung.

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  2. virtuelle Welten und Wirtschaftsdatenanalyse? höre ich da eveonline? http://community.eveonline.com/devblog.asp?a=blog&nbid=28612 oder http://cdn1.eveonline.com/community/QEN/QEN_Q4-2010.pdf

    aber die haben schon nen Doktor (http://community.eveonline.com/devblog.asp?a=author&p=CCP%20Dr.EyjoG&pid=331054017)... :P

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  3. Auch die Verwendung von Online Statistiken (wie z.B. Google Insights for Search) steckt in der VWL noch in den Kinderschuhen. Auf jeden Fall ein interessantes Feld.

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  4. Bei Ingame-Wirtschaften gibt es (je nach Spiel) den Effekt, dass Moral von dem Spiel abhängt. So ist es bei Eveonline möglich (und eine legitime Taktik) gegnerische Handelsruten und Frachter anzugreifen. Im Gegensatz dazu ist es in der Realität äußerst ungewöhnlich einem Konkurrenten nach dem Leben zu trachten.
    Die Frage bei solchen künstlichen Volkswirtschaften ist deshalb, ob man überhaupt irgendetwas (über reale Volkswirtschaften) lernen kann. (Oder ob man sogar Spiele konstruieren kann, die eine bestimmte Theorie unterfüttern.)

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    1. Das ist eine gute Anmerkung, aber ich würde das gar nicht so negativ sehen, wenn die Moralstandards je nach Spiel so unterschiedlich sind. Verhaltensökonomen beschäftigen sich u.a. mit den Themen Moral, Vertrauen, etc. und welchen Einfluss das auf die Wirtschaftsakteure hat.

      Ich stimme aber zu, dass man die Ökonomie-Forschung in Spielen am Anfang ziemlich skeptisch aufnehmen sollte. Man wird Daten analysieren, Theorien aufstellen, überprüfen, aber erst wenn die Überprüfung in der Realwelt stattgefunden hat, kann man beginnen, die Theorien ernst zu nehmen.

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