Wie der Steuerzahler an der Wall Street beschissen wird... Teil 2

OK, es war zumindest mein Plan, einen zweiten Teil zu schreiben. Aber das Thema entwickelte sich dann ganz anders als ich am Anfang dachte und entfaltete sich ziemlich plötzlich in voller Schönheit (der Verdacht ist immerhin schon mindestens 4 Jahre alt, aber dann gab Barclays plötzlich alles zu).

Es geht um die Manipulation des LIBOR (und anderer Referenzzinssätze wie des EURIBOR). An diesen Zinsen hängt ein großer Teil der Kredite an Verbraucher und Firmen. Das ist aus deutscher Sicht etwas überraschend, da hier (mit Ausnahme des Dispozinses) die meisten anderen Kredite mit einem festen Zins (für eine feste Laufzeit) vereinbart werden. Hypotheken werden in Deutschland überwiegend mit einer Zinsfestschreibung von 10 Jahren oder mehr abgeschlossen. Deutschland ist in dieser Hinsicht aber die Ausnahme, in Spanien und Großbritannien laufen zum Beispiel fast alle Hypotheken mit variabler Verzinsung.

Meine ursprüngliche Überlegung ging so: Bei der Manipulation des LIBOR könne es darum gegangen sein, den Zins (etwas) zu hoch auszuweisen. Damit würde der Verbraucher zu hohe Zinsen zahlen und die Banken zu viel Geld kassieren.

Aber so lief die Nummer nicht. Denn bei der Überlegung habe ich eine Sache vergessen, die man bei allen Diskussionen über die Finanzwelt nie vergessen darf:

DIE REALWELT SPIELT ÜBERHAUPT KEINE ROLLE (MEHR)!

Denn die Menge der Kredite, die an Verbraucher und Firmen weitergegeben wird und am LIBOR hängt, ist zwar unfassbar groß und geht in die Billionen, aber im Vergleich zum Volumen der Zinsderivate, mit denen die Banken so rumhandeln, ein Witz. Denn im Derivatebereich hängt am LIBOR ein geschätztes Volumen von 350 Billionen, im Realwelt-Kreditbereich "nur" 10 Billionen. Das Volumen der Derivate ist also etwa 35mal so hoch wie das der Kredite. Zur Einordnung der Summe: Deutschland hat etwa 2 Billionen Euro Schulden und ein BIP von etwa 2,5 Billionen Euro. 

Der möglicherweise über den Tisch gezogene Kunde aus der Realwelt spielt gar keine Rolle mehr ...

Es geht (fast) ausschließlich um die - scheinbar völlig von der Realwelt abgekoppelte - Finanzwelt.

Und hier lief die Manipulation so:

LIBOR steht für London InterBank Offered Rate. Das ist der Zins, den die führenden Banken am Börsenplatz London nach eigener Aussage bei anderen Banken bezahlen müssen. Der LIBOR basiert an dieser Stelle also NICHT auf einem Preis, der sich irgendwo halbwegs transparent und reglementiert an der Börse bildet, also direkt auf Geld basiert. Aus den Meldungen werden die höchsten und niedrigsten Angebote (die Ausreißer) gestrichen und aus dem Rest (den mittleren Geboten) ein Mittelwert gebildet. Dieser Mittelwert ist dann der offizielle LIBOR, der veröffentlicht wird.

Weil am LIBOR kein direktes Geld hängt (er basiert auf einer Meldung, nicht auf einem Markt), ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet. So richtig groß kann die Manipulation nicht werden, weil man mit unsinnigen Angaben aus der Mitte, die für den LIBOR zählt, herausfällt. Aber bei einem Markt, der 450 Billionen Dollar schwer ist, reichen bereits ein paar Basispunkte aus, um richtig große Summen zu bewegen. Oft sogar ein einziger Basispunkt.

Vor allem, wenn der Kollege aus der Derivateabteilung gerade ein paar Millionen (Milliarden?) auf eine Änderung in welche Richtung auch immer gesetzt hat. Und dann kurz anruft und darum bittet, doch mal einen oder zwei Basispunkte mehr (oder weniger) zu melden, als die Bank in Wirklichkeit gezahlt hat. Für den Derivatehändler kann das schnell den Unterschied zwischen ein paar Millionen Gewinn oder Verlust ausmachen. Und natürlich einen dicken Bonus bringen bzw. kosten ...

Wer mal Ausschnitte aus den Gesprächen bzw. den Mails lesen will, nehme sich den Untersuchungsbericht und blättere bis Seite 10. Ein Beispiel: Die Fragen der Derivateabteilung klangen so: "Hi Guys, We got a big position in 3m libor for the next 3 days. Can we please keep the lib or fixing at 5.39 for the next few days. It would really help. We do not want it to fix any higher than that.  Tks a lot." Die Antworten so: "Done ... for you big boy ... ". Man kennt sich, man hilft sich ...

Legal ist das Ganze natürlich nicht. Die so genannten chinesischen Mauern innerhalb der Banken, die die entsprechenden Abteilungen von einander trennen, sollten sowas eigentlich verhindern. Aber die Absprache war total üblich. Allein bei der britischen Großbank Barclays konnte die britische Börsenaufsicht so viele Fälle von Manipulation finden, dass sie das Auftreten als "zeitweise täglich" beschreibt.

Aufgefallen ist die Manipulation übrigens in der Finanzkrise, als die Banken anfingen, den LIBOR niedriger zu melden als er in der Realität war. Die LIBOR-Meldung ist nämlich öffentlich, man kann den Wert also sehen. Da in der Krise hohe Zinsen als Risikoindikator gesehen wurde, meldete man den Wert einfach niedriger ... Das fiel irgendwann trotzdem auf. Die Kosten für CDS (Kreditausfallversicherungen) explodierten und schrieen förmlich "Alarm! Krise!", während der LIBOR vergleichsweise cool blieb. SNAFU halt: 'Systems Normal' meldete der LIBOR, All F*cked Up die CDS.

Die total üblichen jahrelangen Manipulationen fielen also (wie so vieles ...) nur durch den Zufall "Finanzkrise" auf ... Die Börsenaufsicht in London konnte über den gesamten untersuchten Zeitraum bis zurück ins Jahr 2005 die Manipulation nachweisen. Und wenn sie weiter gesucht hätten, hätten die Ermittlungen in den Jahren zuvor wohl auch Treffer geliefert.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie viel Schaden durch die Manipulation entstanden ist. Das ist aber quasi unmöglich zu klären. Man kann hier nur supergrob schätzen. Der große Vorteil des Derivategeschäfts (aus Sicht der Volkswirtschaft) ist ja, dass sich die Geschäfte gegeneinander nahezu vollständig aufheben. Wenn als die Derivate-Abteilung von Barclays die von Goldman Sachs über den Tisch zieht, hat Barclays einen Gewinn und Goldman Sachs einen Verlust. Ärgerlich für Goldman Sachs, ärgerlich für den Mitarbeiter bei Goldman Sachs, der durch Betrug möglicherweise seinen Bonus versemmelt hat, aber für uns "da draußen" entlockt das kaum mehr als ein "Who cares?".

An einer anderen Stelle wird das aber spannend und zwar so richtig: In den Rechtsabteilungen. Diese werden nämlich versuchen, die Verluste geltend zu machen, auf der anderen Seite über die unrechtmäßig kassierten Gewinne den Mantel des Schweigens decken. Da springt dann aber wieder die Gegenseite ein, die ihrerseits klagen wird. Die Erfahrungen aus den Gerichtsverfahren bei den Verbriefungen (ABS, CDO, ...) in den USA zeigen, dass sich hier wohl mal wieder alle gegenseitig verklagen werden. Und es werden auch saftige Summen fließen, die Banken haben teilweise *jede für sich* Volumina von 20, 30 oder 40 Billionen Dollar in LIBOR oder EURIBOR Swaps stecken. Da wird eine Manipulation um ein paar Basispunkte schnell sehr teuer.

Da ich aber davon ausgehen, dass diese Manipulation "marktüblich" war (siehe den lesenwerten Artikel im Telegraph "everyone was doing it" Libor scandal: How I manipulated the bank borrowing rate - Telegraph) und die anderen Banken auch mitgemacht haben (es wird bereits wegen Kartellverdachts ermittelt), wird Barclays nicht nur zahlen müssen (also Klagen verlieren), sondern auch kassieren (Klagen gewinnen). Wie üblich wird die Bruttosumme um einiges höher ausfallen als die Nettosumme.

Das gilt allerdings nur für die kommenden Klagen der Banken untereinander. Es gibt aber noch Strafen, die von der Börsenaufsicht festgesetzt werden. Die britische Großbank Barclays wurde zu 290 Millionen Pfund Strafe verurteilt. Den anderen unter Verdacht stehenden insgesamt rund 20 Banken könnten ähnlich Strafen drohen.

Libor-Manipulation: Zinsskandal kostet Barclays Milliarden | FTD.de

Heute morgen hat der Barclays Vorstandschef Bob Diamond seinen Rücktritt eingereicht.

FT Alphaville » No flowers

Das Ganze ist einigermaßen erschreckend (also nicht der Rücktritt), denn wir reden hier über die Manipulation der Basis des größten aller Finanzmärkte. Von den etwa 700 Billionen Derivaten, die Warren Buffet mal als Massenvernichtungswaffen der Finanzmärkte bezeichnet hat, betrifft das mit LIBOR, EURIBOR und einigen anderen kleineren Zinsindizes mindestens zwei Drittel. Dagegen sind Aktienpushereien ein Witz.

Ganz interessant übrigens die Beobachtung, dass die Manipulation der Zinssätze durch Transparenz nicht verhindert wurde. Obwohl die Gebote sichtbar waren und zwar für jedermann, wurde manipuliert und zwar täglich. Die totale Transparenz hat hier also nicht geholfen, hilfreicher wäre es wohl gewesen, nicht einfach der Meldung zu vertrauen, sondern diese zu überprüfen (zeig mir deine Geldgeschäfte mit anderen Banken, dann berechne ich daraus den LIBOR).

Noch ein paar Lesehinweise zum Thema:

Interessanter Artikel bei FT Alphaville über die Psychologie des "Group Think" in der Finanzwelt. Wenn es alle machen, macht man mit. Und man merkt gar nicht, dass man manipuliert oder betrügt. Vorschlag von FT Alphaville: Wenn man sich unsicher ist, einfach mal jemanden aus der Realwelt fragen.

FT Alphaville » Libor manipulation and the invisible whistle

Der ganz grobe Versuch von FT Alphaville, die Strafen für die Banken abzuschätzen. IMHO ist das aber nicht möglich, weil vieles miteinander verrechnet werden wird. Es wurde nach oben und nach unten und zwar von (nahezu) allen Beteiligten manipuliert.

FT Alphaville » Counting the costs of (potential) Libor litigation

WIE DER STEUERZAHLER AN DER WALL STREET BESCHISSEN WIRD ...

Update 1 (15:11):

Eigentlich hätte ich hieraus auch Teil 3 machen können ...

Ex-Banker packt aus: „Dann ging es ins nächste Luxusbordell“ - Börse Märkte - Finanzen - Handelsblatt - egghat's not so micro blog

Kommentare :

  1. Ich verstehe nach wie vor nicht, warum niemand auf der Welt ein Interesse hat, endlich geeignete Maßnahmen zur Regulierung zu ergreifen. Sind die Regierungen weltweit nur noch Marionetten?

    Wenn ich an das Geschrei bei den Benzinpreisen denke und hier? Hat schon irgendein Politiker sich zum Thema geäußert? Nein. Man beschäftigt sich mit dem Absingen der Hymne vor Länderspielen. Ist ja wichtiger.

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    1. Tja, verstehe ich alles auch nicht.

      Das sowas entscheidendes wie der LIBOR überhaupt von einer Privatfirma berechnet wird (und zwar nach deren Gusto) ist schon unfassbar.

      Um jeden Dreck kümmern sich die Politiker, bei 450 Billionen Dollar Märkten zucken sie nur mit den Schultern ...

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    2. Nun ja,

      1. haben Politiker nur sehr wenig Einfluß darauf, was Private in zivilrechtlichen Verträgen außerhalb bestimmer Randbereiche miteinander vereinbaren,

      2. ist das meines Wissens keine Privatfirma, sondern die British Bankers Association, also der Britische Bankenverband, quasi halbstaatlich (was mich tatsächlich schon vor Jahren irritiert hat, war, das an der Indexerstellung angeblich nur 13 Parteien beteiligt waren),

      3. war die Politik, wie wir ja nun der Presse entnehmen durften, sehr daran interessiert, daß niedrige Werte ausgewiesen wurden, weil so die Stärke (ähem) die Britischen Bankwesens illustriert werden sollte.

      Ansonsten wäre ich hier aber tatsächlich für strafrechtliche Ermittlungen.

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  2. "Um jeden Dreck kümmern sich die Politiker, bei 450 Billionen Dollar Märkten zucken sie nur mit den Schultern ..."

    Ja; zu groß, um sich damit zu beschäftigen.

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  3. Politiker wollen wiedergewählt werden, wofür sie eine gewisse Popularität in der Bevölkerung benötigen. Wenn man mal 1.000 Leute fragt was denn der "LIBOR" ist, versteht man schnell, dass mit diesem Thema keine Wiederwahl gestemmt werden kann.

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    1. Das fände ich an dieser Stelle ausnahmsweise gar nicht so schwierig: Der Dispo hängt im Endeffekt daran ...

      Aber generell ist die Nummer in Deutschland relativ unwichtig, in Spanien hingegen beeinflusst der EURIBOR etwa 95% der Hypothekenzinsen. Das ist also für die eh schon geplagten Immobilienbesitzer in Spanien ein *ziemlich* konkretes Thema

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  4. Für mich ist eher die Frage, wie überhaupt jemand auf die Idee gekommen ist, das so aufzuziehen. Die Banken melden einfach irgendwelche Zahlen und eine Privatfirma schustert das dann zusammen. Selbst wenn man keine Ahnung von der Materie hat, müssten doch die Alarmglocken läuten, wenn einem so ein Vorschlag vorgelegt wird. Aber naja, vermutlich hat man einfach ein paar Politiker ins Luxusbordell geschleppt und ihnen mittendrin diese grandiose Idee zur Unterschrift vorgelegt. Unfassbar ist es aber dennoch.

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  5. Ulrich Fielitz05 Juli, 2012 16:09

    "Wenn als die Derivate-Abteilung von Barclays die von Goldman Sachs über den Tisch zieht, hat Barclays einen Gewinn und Goldman Sachs einen Verlust. Ärgerlich für Goldman Sachs, ärgerlich für den Mitarbeiter bei Goldman Sachs, der durch Betrug möglicherweise seinen Bonus versemmelt hat, aber für uns "da draußen" entlockt das kaum mehr als ein "Who cares?"."
    Kann mir da nicht vorstellen, dass da nicht doch mehr dahinter steckt, an Gewinn oder nichtmonetären Dingen.

    In dem ganzen Zusammenhang drängt sich gleich die Frage auf, wie zuverlässig die EZB als mögliche oberste Aufpasserin über die neue Bankenunion, reale, nicht frisierte Daten von den einzelnen nationalen Banken erhalten wird.

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