Rot-Grün: 7 Jahre Steuerpolitik für die Megareichen

Bis 1998 zahlten die reichsten 50.000 Haushalte (Jahreseinkommen > 1 Mio) durchschnittlich 37% Einkommensteuer, die reichsten 50 (Jahreseinkommen > 100 Mio.) zahlten sogar 48%. Der Durchschnitt zahlte 12%. Unter Kohl.

Dann kam Rot-Grün (Schröder/Eichel) und die 50 Reichsten mussten nur noch 29% abgeben (statt 48%). Interessanterweise zahlen sie nicht nur weniger als vorher, sie zahlen auch weniger als die Einkommensgruppe darunter! Sprich: Das progressive Steuersystem funktioniert nicht.

Das ist nicht ganz neu (siehe Progressive Lohnsteuer- und Sozialabgabenquote in... - egghat's not so micro blog), neu ist aber, dass das selbst bei einer Betrachtung so ist, die die Sozialabgaben nicht berücksichtigt, sondern die Einkommensteuer für sich schon nicht mehr progressiv ist.

Der Auslöser dafür sind die Steuersparmodelle, die man bei großen Einkommen natürlich viel leichter nutzen kann als bei kleinen.

Und wenn ich noch etwas weiter spekulieren darf: Der größte Teil des Rückgangs der Steuerquote geht wahrscheinlich auf die Änderung der Besteuerung von Kapitaleinkünften zurück. Hier wurden - offiziell um die Kapitalflucht in die Schweiz zu bremsen - die Steuersätze massiv gesenkt. Eine Progression gibt es defakto ja nicht mehr. Mit 25% plus Soli ist man raus. Da Megareiche logischerweise über besonders hohe Kapitaleinkünfte verfügen, senkt das die Durchschnittssteuerlast dort am stärksten.

Steuern: Rot-grüne Reformen nutzten vor allem den Reichen - Ökonomie - Politik - Handelsblatt

Ob die Studie valide ist, ist dummerweise nie ganz klar. Denn es wird ja nur der Steuersatz berücksichtigt, nicht die Bemessungsgrundlage. Wenn sich diese vergrößert haben sollte, könnten 29% von viel auch mehr als 48% von wenig sein. Allerdings ist das in diesem Fall nahezu auszuschließen, so stark kann sich die Bemessungsgrundlage eigentlich nicht erhöht haben.

Update (15:03):

Man sollte bei der Diskussion über die Einkommensteuer immer bedenken, dass diese nur etwa ein Viertel zum gesamten Steuereinkommen beiträgt. Der ganze Rest des Steuersystems ist mehr oder weniger eine Flat-Tax: Mehrwertsteuer ist 19% für alle. Mineralölsteuer ist 1,xx€ für jeden Liter Sprit. Ökosteuer ist x Cent pro KWh. Etc. pp. Die Progression der gesamten Steuerbelastung über alle Steuerarten ist also noch viel schwächer.
Und wenn ich das Sozialsystem dazu nehme (das ja sogar irgendwann negativ progressiv ist, weil man nur bis zu einem Jahreseinkommen von x Euro Rente und Krankenkasse zahlen muss), wird das noch extremer. Die viel beschworene extreme Progression in Deutschland steckt zwar immer noch in vielen Politikerköpfen, in der Realität ist davon aber nicht mehr viel zu sehen ...

Lohnsteuer nur 1/4 der Gesamtsteuereinnahmen - egghat's not so micro blog

Kommentare :

  1. Das war halt die Politik für die 'neue Mitte'. Aber die Grünen wollen ja jetzt zurück "zu mutiger gestaltender Politik, die die Verteilungsfrage nicht nur stellt, sondern auch beantwortet". Vermögensabgabe, "den Spitzensteuersatz auf 49% erhöhen, d die Einnahmen aus der Erbschaftssteuer verdoppeln und die Ungleichbehandlung bei der Besteuerung von Arbeit und Kapital abschaffen. So entstehen Spielräume für Investitionen in gesellschaftliche Teilhabe und stabilere wirtschaftliche Verhältnisse."
    http://www.trittin.de/texte/papiere/20120803_blogteilhabe.shtml

    Also nochmal 7 Jahre Rot-Grün und alles wird gut... Oder gibt es diesmal in der Tat eine eigenständige grüne Steuerpolitik jenseits von Oswald Metzger und Ökosteuer?

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  2. Ganz so einfach ist es aber nicht. Zunächst ist generell festzustellen, dass die Einkünfte der reichsten Menschen überwiegend aus Beteiligungen an Kapitalgesellschaften kommen. Die sind aber bereits durch Gewerbe- und Körperschaftsteuer besteuert und damit deutlich gemindert.

    Auch der Vergleich mit den Jahren vor Rot/Grün ist schwierig, da die Besteuerung von Kapitaleinkünften wie die der Kapitalgesellschaften systematisch komplett geändert wurde (z.B. konnte früher die in der Kapitalgesellschaft gezahlte Körperschaftsteuer auf die Einkommensteuer des Gesellschafters angerechnet werden). Daher hinkt der Vergleich, der im Beitrag angegeben wird, doch arg.

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  3. Ich weiß nie so richtig, was ich von solchen Artikeln halten soll, insbesondere vor dem Hintergrund, dass sdie zitierte Studie noch gar nicht allgemein zugänglich ist, man also die Exegese des Journalisten für bare Münze nehmen muß, was oftmals nicht der Fall sein sollte.

    Was will uns der Auto zB damit sagen:

    "Die drei Wissenschaftler stützten sich bei ihrer Analyse bewusst nicht nur auf die Steuertabellen des Finanzministeriums - denn daraus lässt sich lediglich der Zusammenhang zwischen zu versteuerndem Einkommen und Steuersatz ablesen, nicht aber das Verhältnis zum wahren Gesamteinkommen. Weil die Bürger in der Steuererklärung einiges abziehen können - etwa Freibeträge, Sonderausgaben oder Werbungskosten - ist der Unterschied oft beträchtlich."

    Was ist das "wahre Gesamteinkommen"? Freibeträge sollten bei den im Raum stehenden Beträgen eher irrelevant sein, Sonderausgaben und Werbungskosten hingegen sind normalerweise echte Belastungen und somit sinnvollerweise eben nicht Teil des "wahren Gesamteinkommens". Wenn ich mir die Bezugsgröße so hin drehe, wie es mir gerade passt, bekommen ich natürlich auch stets die gewünschte Aussage heraus. Mag ja sein, dass ich da unfair bin, aber bei solchen Sätzen wie dem zitierten stinkt die ganze Studie für mich schon gewaltig...

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    1. Also diesen Kritikpunkt kann man nicht dem Journalisten anhängen, finde ich. Datenbasis war das zu versteuernde Einkommen und daraus wurde der Steuersatz errechnet. Das soll wohl hier erklärt werden.

      Aber es stimmt natürlich: Begründung hinter der Senkung der Steuersätze war an vielen Stellen eine gleichzeitige Verbreiterung der Bemessungsgrundlage. Diesen Effekt berücksichtigt die Studie natürlich nicht.

      Klar, ist das mglw. nicht richtig. Das Problem ist nur, dass das die besten Daten sind, die zur Verfügung stehen. Ansonsten bräuchtest du halt wirklich die Steuererklärungen der 50 reichsten und zwar alle.

      Und selbst dann ist das ganze immer noch u.U. total verfälschend. Warum? Weil die 50 reichsten Steuerzahler 1999 ganz andere gewesen sein könnten als 2008. Wenn sich die Grundgesamtheit aber dauernd ändert, kann man mit "50 Reichste" eigentlich so gut wie gar nix nachweisen. Wenn man es richtig richtig machen wollte, müsste man die Top-100.000 (oder so) Steuererklärungen (anonymisiert) haben und diese über *alle* Jahre verfolgen. Also inkl. möglicher Schwankungen beim Steuersatz in einkommensschwachen Jahren zwischen den starken.

      Möglicherweise steckt in den Schwankungen der Zusammensetzung der 50 Reichsten sogar noch mehr Verfälschungspotential als in den Schwankungen der Bemessungsgrundlage.

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  4. Bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob es dieses Buch war:
    http://www.amazon.de/Hurra-wir-d%C3%BCrfen-zahlen-Mittelschicht/dp/3492264859

    Hier die Besprechung bei Fragen an den Autor
    http://pcast.sr-online.de/play/sr2-fragen-klassiker/2011-11-02_herrmann230510.mp3

    Die Problematik ist doch, dass A) die Steuerbehörden gar nicht das wirkliche Vermögen wissen, da sie auf korrekte Angaben durch die Besitzer angewiesen sind, sowie B) sehr viel Geld an den Steuerbehörden ins Ausland geschafft und nicht versteuert wird.

    Wenn überhaupt, können die Daten der BIZ über die wirklichen Vermögenswerte und -verteilung Aufschluss geben - wenn man die Daten überhaupt halbwegs zuordnen kann.

    Insofern geben solche Auswertungen durch nur die Daten über gezahlte Steuern Auskunft und nicht über die wahre Steuerlast?

    Das Buch zB scheint einige Zahlen in die Richtung gesammelt zu haben:
    http://www.amazon.de/Beschissatlas-Zahlen-Ungerechtigkeiten-Wirtschaft-Gesellschaft/dp/3453280377

    Oder auch hier:
    > Leo Müller: Tatort Zürich - Einblicke in die Schattenwelt der internationalen Finanzkriminalität
    http://www.youtube.com/watch?v=82rPTijpcK0
    http://www.amazon.de/Tatort-Z%C3%BCrich-Schattenwelt-internationalen-Finanzkriminalit%C3%A4t/dp/3548369499

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  5. > Zufälliger Erfolg - Daniel Kahneman "Schnelles Denken langsames | Lesart | Deutschlandradio Kultur
    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/lesart/1855244/

    Erfolgreiche Investmentbanker haben nicht etwa die besten Analysen aufgestellt, nach denen sie Aktien kauften - sie haben einfach Glück gehabt. Zu diesem Schluss kommt der israelisch-amerikanische Nobelpreisträger für Wirtschaft, Daniel Kahneman.

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