EU begräbt E10 Pläne. Vernunft siegt. Oh Wunder!

Manchmal schreibt man doch nicht nur für die Katz ... Zumindest rede ich mir das jetzt mal ein ...

Die EU hat nach Reuters-Informationen die Planung zur Beimischung von Sprit bzw. Diesel aus nachwachsenden Rohstoffen gekippt. Statt wie bisher geplant bis 2020 verpflichtend auf 10% Beimischung zu gehen (was in Deutschland zu E10 geführt hat), soll die Beimischung auf maximal 5% beschränkt werden. Es wird also nicht nur die Verpflichtung zeitlich gestreckt oder den Ländern freigestellt, ob sie 5 oder 10% Beimischung haben wollen, sondern es soll direkt eine neue Obergrenze eingeführt werden, die bei der Hälfte der ursprünglich geplanten Untergrenze liegt.

Heftiger kann eine Kehrtwende kaum sein ...

Der Auslöser sind wissenschaftliche Studien, die errechnet haben, dass die CO2 Ersparnis durch Biodiesel bzw. Biosprit niedriger ist als erwartet. Unter bestimmten Umständen kann sie sogar negativ sein, sprich man braucht für den Anbau und die Herstellung von Biosprit/-diesel sogar mehr Energie als am Ende dabei rauskommt ...

Neu sind diese Erkenntnisse aber nicht ... Dass Ethanol kaum etwas bringt, ist alt (2007):

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Ethanol vs. Biodiesel
Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Biodiesel doch effizienter als gedacht?

Wenn man überhaupt etwas in der Richtung machen will, dann nicht Bioethanol aus Mais sondern Biodiesel aus Raps, weil dieser weniger Dünger, weniger Pflanzenschutzmittel und nachher auch weniger Energie in der Umwandlung zu Diesel benötigt. Ethanol aus Mais ist (in jeder Hinsicht) wesentlich aufwändiger.

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Biokraftstoff bringt CO2-mäßig nichts, sondern kostet sogar!

Diese letzte Studie ist aus 2006(!), die beiden anderen Artikel sind aus 2007. Das ist uralt und überhaupt keine neue Erkenntnis. (im 2006er Artikel habe ich übrigens schon Solarzellen in Griechenland empfohlen. Ich Seher, ich ;-))

Dass die Stimmung jetzt doch kippt, liegt an einer neuen Berechnungsweise. Man hat begonnen, die Landnutzung in der Dritten Welt zu berücksichtigen. Zwar hat die EU die direkte Verwendung von Ölen von gerodeten Regenwaldflächen verboten, aber angesichts der Nachfrage nach Agrarrohstoffen ist es eine glatte Lüge zu behaupten, das würde etwas nützen. Denn auf dem abgeholzten Regenwald wird dann entweder was anderes angebaut (z.B. Soja), das dann als Tierfutter an uns verkauft wird, oder es wird doch Palmöl angebaut, das dann in die USA/China/Japan/Indien verkauft wird.

Nach Berücksichtigung des zusätzlichen CO2-Ausstoßes durch die Rodung kippten die Rechnungen von oben natürlich komplett. Das berechnete 2010 auch das deutsche Fraunhofer-Institut für die EU, woraufhin diese die entsprechenden Textstellen einfach schwärzte. Das ist eine so unfassbar dreiste Fälschung, dass ich bis heute nicht verstehe, warum das nicht zu einem der Skandale des Jahres 2010 wurde ...

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: EU fälscht Studien zur CO2-Ersparnis durch Biodiesel

Nun ja, jetzt hilft auch alles vertuschen nicht mehr. Man behauptet jetzt einfach mal schnell, man wäre schon immer dagegen gewesen ... (Künast: "Wir waren immer gegen E10" - egghat's not so micro blog).

Die ganze E5 (wieso hat sich darüber eigentlich nie jemand aufgeregt?) und E10 Geschichte gab es eh nur aus zwei Gründen:

a) Eine versteckte Agrarsubvention, die vielen Bauern, denen früher über die Zuckersubvention Geld in den Hintern geblasen wurde, das nächste Subventionsfass öffnete
b) Der deutschen Automobilindustrie die Erreichung des maximalen CO2 Ausstoßes zu erleichtern, denn die 10% beigemischten angeblich "CO2-freien" Biosprits/-diesels senkten den CO2-Ausstoß der Autos ...

Und mit den Labeln Klima und Öko lässt sich halt jeder Schwachsinn verkaufen.

Entwurf - EU will Nutzung von Biokraftstoffen begrenzen

Eine Lösung kann nur Biodiesel aus Gräsern oder Jatropha sein, das auf Flächen angebaut wird, auf denen sonst nichts wächst. Oder Biodiesel aus Abfällen. Aber das wird nie im Leben ausreichen, um 10% des Spritbedarfs Deutschlands zu decken.

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: EU-Studie: Biokraftstoffe bringen CO2-mäßig nichts (ach was)

Übrigens bin ich auch weiterhin davon überzeugt, dass der Effekt von Biosprit auf die Nahrungsmittelpreise deutlich größer ist als der Effekt der Spekulanten ... Spekulanten nehmen nämlich kaum Angebot von Markt (der größte Teil ist ein Nullsummenspiel), in Automotoren verbranntes Getreide ist aber für immer weg ... In den USA betrifft das immerhin 50% der Maisproduktion ... Aber nun ja: Öko ist gut, Spekulant ist böse. Da kann man sich schnell einigen, auf wen man schimpfen kann ... (Dazu schreibe ich vielleicht auch noch mal was ...)

Update (21:54):

Inzwischen sind ein paar weitere Details rausgesickert:

Die neue 5%-Obergrenze gilt nur für die "alten" Biokraftstoffe (siehe oben). Über die 5% darf man aber gehen, wenn man den Biosprit aus Planzenabfällen, Klärschlamm, etc. herstellt.

Tank-oder-Teller-Debatte : EU senkt das Ziel für Biokraftstoffe - Wirtschaft - FAZ

Update 2 (12.09.12):

Übrigens ganz interessant, dass lt. WAZ die EU den Diesel aus Rapsöl als wenig effizient und Ethanol aus Mais als relativ effizient einschätzt. Genau andersherum als ich es bisher gelesen hatte. Was die Basis für die neue Einschätzung der EU ist, weiss ich aber auch nicht.

Kommentare :

  1. Gott sei Dank!!
    Ich muss ja sagen, mir hat schon immer die Vorstellung gereicht, dass man sich (vereinfacht ausgedrückt) ein Brot in den Tank stopft, wenn irgendwo auf der Welt gerade jemand verhungert, um dieses System abgrundtief zu hassen.
    Ich hoffe nur, dass die USA auch noch zu dieser Erkenntnis gelangen, gerade da es dort ja viel mehr Probleme damit gibt (Monokulturen, die Dürre jetzt, etc).

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    1. Das ist alles total irre. Egal aus welcher Sicht man drauf schaut: Hungeraspekt. Wissenschaftliche Haltbarkeit der CO2 Ersparnis. Effizienz der Maßnahmen (welche Kosten für welche CO2 Ersparnis). Alles ein totales Desaster ...

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    2. Habt ihr schon mal was davon mitbekommen das die Landwirte in der Dritten Welt darunter leiden das die Industriestaaten billiges Essen exportieren?
      Wenn die Preise steigen lohnt es sich für die Bauern dort mehr anzubauen, dann gibt es Nahrung und Einkommen vor Ort.
      Gegen Verhungern gibt es die Hungerhilfe, ich glauben wenn wer unter hohen Preisen leidet dann diejenigen die noch genug haben um nicht in die Kategorie Hungernde zu fallen und darum nicht versorgt werden.

      Soll es eigentlich ewig so weiter gehen, dass die Bevölkerung in den armen Staaten wächst? Mehr Druck auf die Nahrungspreise erzeugt vielleicht auch mehr Druck in Richtung Familienplanung.

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  2. Evtl was für dich:
    http://www.guardian.co.uk/business/2012/sep/14/ubs-trader-adoboli-7bn-court

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  3. Ich versteh nicht (und bin zu faul, selbst zu recherchieren), wie die CO2 Freisetzung durch Abholzung einberechnet wird. Man kann ja auf einer einmal gewonnen Fläche öfters "Biosprit"-pflanzen anbauen. Werden da sozusagen Fixkosten und Stückkosten irgendwie miteinander vermengt?

    Unter dem Gesichtspunkt des Hungeraspekts ist die Fleischproduktion trotz allem wichtiger.

    p.s.: Ich träume von einer Welt, in der Nahrungsmittel und Treibstoffe aus Solarenergie und anorganischer Materie synthetisiert werden. Bei ersterem haben mich Freunde leider nur auf Enterprise verweisen können, zumindest an letzterem wird aber schon gearbeitet:
    http://www.nachrichten.at/nachrichten/wirtschaft/wirtschaftsraumooe/art467,969448

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    1. Ich verstehe, worauf du hinaus willst. Wie die Berechnung genau gemacht wird, weiss ich allerdings nicht, nicht einmal im Ansatz. Wahrscheinlich ist die Menge gebundenes CO2 pro Fläche Regenwald schlicht so hoch, dass das in 100 Jahren nicht nachwächst ... Möglicherweise ist die Fläche auch einfach nach ein paar Jahren nicht mehr nutzbar ...

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    2. Wenn der Regenwald nach dem Abholzen aber zu teuren Möbeln oder Yachtdecks umgewandelt wird, dann bleibt das CO2 eh gebunden. ;-)

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    3. Mal davon abgesehen das beim Abholzen des Regenwaldes nicht der CO2-Ausstoss das Problem ist, sondern

      - der Verlust von Arten, was an sich schon bedauerlich ist,
      - die aber ausserdem noch nicht mal erforscht und auf Nutzung geprüpft wurden. Ausserdem wird ein Ökosystem zerstört das laufend neue Pflanzen, Tiere und biologische Wirkstoffe hervorbringt die auf ganz verschiedene Art nützlich sein könnten, gerade für uns in den Industriestaaten.
      - Vertreibung von Eingeborenen (ein Argument für den dem andere Menschen wichtiger sind als die eigenen), die dann oft auch noch verarmen und eventuell weitere Probleme verursachen die auch den Rest der Menschheit betreffen - Umwelt, Migration, Gewalt, Krieg, höheres Bevölkerungswachstum, ...

      Zur Frage: Je nach Regenwald gibt es grosse Ablagerungen von Torf, ich meine in Indonesien ist das auf jeden Fall so, das dort gebundene CO2 wird auch noch freigesetzt. Ausserdem gehen die Bäume auf Plantagen ja in einen Nutzungskreislauf ein, das CO2 wird immer wieder freigesetzt. Beim Wald wird wohl mehr dauerhaft gespeichert, die Bäume wachsen langsam, fallen mal um, liegen dann offenbar auch lange herum, es verfault auch nicht alles sondern lagert sich im Boden ab, sonst gäbe es das Torf nicht. Müsste aber auch googlen um mehr dazu zu erfahren.

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    4. Habe nun doch kurz gegoogelt:
      http://www.wald.de/torffeuer-heizen-dem-klima-ein-brennende-regenwaelder-setzen-massiv-treibhausgase-frei/

      Irgendwas von Sümpfen hatte ich noch im Hinterkopf. Das Zeug verfault nicht weil es im Sumpf verschwindet, und diese Torfschichten sind irre dick, z.B. 20m und speichern wirklich sehr viel CO2. Wenn man die Wälder abholzt brennt das alles weg.

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  4. Nee, da stimmt so einiges nicht.
    Vor allem ist es Quatsch zu behaupten man könne nicht 10% des Spritverbrauchs aus extra angebauten Pflanzen decken. Ich bin sicher das könnte man, es gibt durchaus noch viele Gebiete ohne extrem hohe Artenvielfalt die man, eventuell mit Hilfe von Bewässerung nutzen könnte. Habe mich damit beschäftigt als es um Peak Oil geht. Irgendwann werden wir unseren Sprit eh ersetzen müssen, und es gibt keinen Beleg das man das nicht mit 100% Biomasse könnte. Wichtig wäre einfach Biomasse-Importe nur danach zu zulassen aus welchem Land sie kommen, und Länder in denen Regenwald abgeholzt wird eben generell von der Lieferliste zu nehmen.
    Allerdings wäre es sinnvoller Biomasse so zu nutzen wie es am wirtschaftlichsten ist und CO2 einzusparen wo es am wirtschaftlichsten ist. Da sich Holzpellets schon jetzt lohnen liegt die Annahme sehr nahe das es wohl mehr Sinn macht Heizöl als Sprit durch Biomasse zu ersetzen.
    Noch besser wäre es endlich zur Vernunft zu kommen und ALLE Klimaschutzmassnahmen zurück zu nehmen und diese entweder durch eine nationale CO2-Abgabe zu ersetzen die Verkehr, Heizung, etc, gleich behandelt und den konkreten Umbau dem Markt zu überlassen, oder noch besser, genau so eine Abgabe weltweit zu fordern und mit Klimaschutz zu warten bis man dies mit Hilfe einer Allianz der stärksten Staaten durchsetzen kann.

    Mal ganz davon abgesehen das man auch noch weitere Einrichtungen zur Klimaforschung braucht die nicht von grünen Ideologen durchsetzt sind. Die Erforschung technischer Massnahmen um das Klima zu beeinflussen sollte man ausserdem auch in Erwägung ziehen.

    Ich weiss, alles viel zu praktisch gedacht, dass ist alles zu viel verlangt, wie soll man da bloss moralisieren, sich als Weltretter aufspielen, die Gesellschaft erziehen, Bürokraten und Aktivisten beschäftigen, etc.

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  5. Vielleicht sollte man einfach mehr dafür sorgen, dass die Autos weniger Sprit verbrauchen. Denn wie bereits erwähnt ist der Effekt von Biosprit auf die Nahrungsmittelpreise deutlich größer als der Effekt der Spekulanten. Daher sollte man überdenken, welches der Weg in die richtige Richtung ist. Ich finde es auch nicht gerade förderlich, dass die neue 5%-Obergrenze nur für die "alten" Biokraftstoffe gilt.

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