Warum Südeuropa nicht verloren ist (auch wenn es viele behaupten)

Weil sie das vor Jahren mal analysiert haben und jetzt weiterhin den Eurountergang predigen wollen. Warum noch mal die Fakten checken?

Worauf will ich hinaus? In der Anfangsphase der Eurokrise hieß es, dass die über ein gutes Jahrzehnt immer weiter gewachsenen Handelsbilanzdefizite der Südstaaten das größte Problem seien. Defizite müssen über Kapitalzufluss aus dem Ausland gedeckt werden, was die Schulden erhöht (übrigens nicht zwangsläufig die Staatsschulden). Früher oder später sind die Volkswirtschaften dann überschuldet. Das stimmt so weit auch. Was aber nicht stimmt: Dass man die Handelsbilanzdefizite nicht reduzieren kann.

Denn das geht auf zwei Arten: Exporte rauf oder Importe runter (oder durch eine Kombination aus beidem). Genau das ist - entgegen der Einschätzung der Pessimisten - nun auch passiert. Die Exporte sind deutlich gestiegen, allerdings war gerade im Fall von Griechenland das Niveau so niedrig, dass das nicht viel bedeutet.

Entscheidender waren in allen Staaten die Sparmaßnahmen. Der Staat musste seine Ausgaben einschränken, die Unternehmen sparten, die Verbraucher sparten, und zwangsläufig ging die Arbeitslosigkeit durch die Decke. Alles sehr sehr unschön, alles nicht der von mir bevorzugte Weg. Aber eines hat das bewirkt: Niemand hatte mehr Geld zum Ausgeben. Und damit auch nicht mehr für Importe. Also pendelte sich die Handelsbilanz langsam wieder ein. Das Handelsbilanzdefizit wurde quasi weggespart.

Inzwischen ist aus dem Handelsbilanzminus der fünf kritischen Staaten von fast 5% des BIPs (2008) eine ausgeglichene Bilanz geworden.


Ich will nicht groß ins Jubeln geraten, aber eines der größten Probleme der Eurozone ist damit gelöst. Man sollte das nicht unterschätzen. Und wenn ich mir das permanente Geschwätz von der Unrettbarkeit der Eurozone täglich so anhöre, hat sich das wohl noch nicht herumgesprochen.

Eines der größten grundliegenden Probleme der Eurozone ist damit gelöst.

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Krisenländer schwenken auf Erholungskurs - Nachrichten Print - WELT AM SONNTAG - Wirtschaft (Print WAMS) - DIE WELT

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Generell glaube ich, dass die kritischen Volkswirtschaften in Europa schon lange unter "Normalnull" gesunken sind. Es gibt eine totale Zurückhaltung, was jede Art von Investition angeht. Geld für Forschung, neue Fabriken oder Maschinen nimmt aktuell niemand in die Hand. Nicht einmal mehr in sichere Immobilien wird Geld gesteckt, schon gar nicht aus dem Ausland.

Solange die Unsicherheit bezüglich der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung anhält, wird sich daran kaum was ändern. Vor allem wenn zusätzlich noch das Damoklesschwert eines Euroaustritts über den Ländern hängt.

In Spanien kann man das sehr schön sehen:


Das gelb-orangene ist die eigentliche Handelsbilanz. Diese ist von minus 6%/BIP quasi auf Null geschrumpft. Der Rest sind Kapitalabflüsse, teilweise aus Zinszahlungen (bekommt man nicht einfach weg), teilweise sind es auch einfach Fluchtbewegungen des Gelds in die "sichere" Kern-Eurozone (i.W. Deutschland). Diese bekommt man aber nur mit mehr Sicherheit gestoppt, mit der Zusicherung, dass das Land in der Eurozone bleibt. Und nicht durch weiteres Maulheldentum, sondern durch eine Tat. Gemeinsamer Bond. Haftung mitübernehmen. Was auch immer.

Vielleicht reicht auch einfach mal etwas positivere Berichterstattung. Die Katastrophennachrichten machen immer die Runde. Griechenland braucht 30 Milliarden mehr. Hört sich viel an. Ist über die nächsten 4 Jahre gesehen aber nicht so viel. Daran geht niemand zu Grunde. Ungarn bekommt auch über 4,5% seines BIPs über Transferzahlungen aus dem Haushalt in Brüssel. Irland hat solch hohe Leistungen ebenfalls in ganzes Jahrzehnt lang bekommen. Das geht in Griechenland im Notfall auch. Man muss es nur wollen ...

Wichtig ist vor allem, dass den Politikern in Brüssel mal langsam die Erkenntnis kommt, dass es *nur* mit Sparen nicht weiter geht, weil sie so fleissig weiter an der Abwärtsspirale drehen. Und dass noch mehr sparen bei der Reduzierung des Handelsbilanzdefizits nicht weiter hilft. Das ist nämlich bereits weg ...

Kommentare :

  1. Was lernen wir daraus?

    Wenn man die ganze Wirtschaft kaputtschlägt, kann nichts mehr importiert werden.

    Wie die ganzen Leute von ihrem reduzieren Einkommen (viele auf 0) ihre Kredite zurückzahlen sollen ist noch ungelöst.

    Auch die Binnenmarktunternehmen werden damit Probleme haben - das kummuliert dann bei den Banken.

    Aber solange der Export läuft ist ja alles in Ordnung. Hauptsache die Lohnstückkosten fallen - wir transformieren am besten ganz Südeuropa in ein neues Bangladesh und machen auf Billigexport. Billiglöhne, Abschaffung aller Arbeitnehmerrechte, und Steuersenkungen für Reiche und Unternehmen. Privatleute dürfen ruhig an den erhöhten Mehrwertsteuern ersticken.

    Gewinne für ein paar Exportunternehmen werden sich so generieren lassen, aber keine gesunde Volkswirtschaft.

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    1. Ich betone nochmal, dass ich den Weg, der nur auf Sparen setzt, für falsch halte. Allerdings: Griechenland ist auch nicht auf das Niveau von vor dem Weltkrieg zurückkatapultiert worden.

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  2. 1) Eine Scheibe Brot hat auch eine ausgeglichene Handelsbilanz.

    2) Ohne Polemik: Zum Schuldenabtragen brauchen die PICS Bilanzüberschüsse. Wo sollen die Herkommen? Welches Land nimmt Defizite in Kauf? Ich erinnere an die Schutzzölle der USA in den 1920ern, mit denen D in den Boden gerammt wurde. Man kriegt nicht das eine ohne das andere.

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    1. Zum Schuldenabtragen? Wer hat jemals Schulden abgetragen? Das passiert nur über zwei Mechanismen: a) Inflation b) BIP-Wachstum. (oder zusammen Brutto-BIP-Wachstum). Dafür braucht man keine Überschüsse. 2% Wachstum und 2% Inflation und 4%/BIP Zuschüsse aus Brüssel würden GR wahrscheinlich schon retten. OK, ein Schuldenschnitt der Anleihen bei der EZB um 30% würde auch helfen ...

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    2. So würde es noch besser gehen:
      (a) Inflation: 3%
      (b) BIP-Wachtum: 0%
      (c) Zinstilgungen: 0% (Zinsstundung mit Anreiz auf Zinserlass)

      Zu (c) ist es so, dass die meisten griechischen Schulden eh irgendwelchen öffentlichen Gläubiger gehört. Die könnten auch erstmal eine Zinsstundung vereinbahren (deferrals), die im zweiten Schritt erlassen werden (reductions), WENN Haushaltsüberschüsse (d.h. Schuldenabbau) erzielt werden (und zwar Zug um Zug in Höhe des Hauhaltsüberschuss).

      Ich denke nicht, dass die Griechen jemals von ihren Schulden-Himalaya runterkommen, wenn sie Zinsdienst leisten.

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    3. a und b kann man schlecht beeinflussen, aber ich gebe dir recht, das müsste der Weg sein. Ich würde mehr auf b setzen, da ist mit Geld der EU schlicht mehr zu erreichen und es hat weniger potenzielle Nebenwirkungen. a erreicht man sowieso nicht, denn GR wird IMHO nach Auslaufen aller Steuererhöhungen in eine Deflation laufen.

      zu c: Ack. Dass GR jemals Schulden zurückzahlen kann (wofür man einen Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaften muss), ist utopisch. Schuldenmoratorium, Schuldenschnitt, was auch immer. Oder den Zins an das BIP-Wachstum koppeln, um die Gläubiger mit ins (Wachstums-) Boot zu nehmen.

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  3. ... aber der Einfluss der Politiker auf das BIP-Wachstum wird i.d.R. überschätzt (Da geht nur kurzfristig über 1 bis 2 Quartale und dann ist die Luft raus).

    Das mit (c) ist eigentlich eine Restruktierungsprozess, der auch bei bankrotten Firmen zum Einsatz kommt, falls eine Unternehmensfortführung angedacht ist. Bei einem Staat ist Fortführung so oder so die einzige Option. Und ja es wäre ein Eingeständnis das Griechland "bankrott" ist (D wie Default).

    Das mit (c) ist kein Schuldenschnitt i.e.S. Die Griechen bekommen die Aussicht die Zinsen erlassen zu bekommen (Was am Ende noch immer ein Default ist). Und die Gläubiger? Ist denn nicht die Aussicht sein Nominal zurückzubekommen nicht "gut genug". Das Problem mit Sparanstrengungen der Griechen ist, dass sie Griechen auf kurz oder lang die Motivation verlieren werden, wenn sie keine Erfolge damit erzielen (weil jeder einsparte Euro für den Zinsdienst drauf geht, und nicht den Schuldenstand senkt). Und wenn das die Aussicht für den Schuldner ist, dann wird am Ende Schuldenschnitt machen, und die Gläubiger verlieren Nominal (Und Griechenland bildet eine Wirtschaftsgemeinschaft mit Albanien...).


    Ich habe 0% BIP angenommen, weil ich es für nicht realistisch halte, dass die Griechen (selbst wenn sie Schuldenfrei wären) irgendwelche nennenswerte wirtschaftliche Entwicklungen (insb. nicht-staatliche) vollführen kann. Die Griechen müssten dafür erstmal ihr Rechtssystem, Verwaltungseffizienz, usw. komplett umkrempeln, und nicht zuletzt irgendeine machbare Wirtschaftspolitik designen. Bis dahin ist Griechenland für mich nur ein Ferienressort mit einen Haufen Rentner.

    Das mit Deflation denke ich. Aber auch nur für lokale Dienstleistungen (z.B. Haareschneiden, Handwerker, usw.). Die Flex mit denen ausländische/inner-europäische Firmen ihre Verkaufspreise senken halte ich für begrenzt, weil es ja noch den restlichen EU-Binnenmarkt gibt (Es würde zu Arbitragemöglichkeiten via Re-Importe führen). Und selbst der griechische Olivenbauer wird eher exportieren, wenn die Inlandsnachfrage nicht bezahlen will.

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  4. Ein so kurzfristig ausgeglichenes Handelsdefizit bedeutet erst mal nichts. Es wurde nur durch Sparmaßnahmen erzwungen. Sparen ist in diesem Fall nichts anderes als das Anzapfen der Reserven, die eigentlich für neue Investitionen benötigt würden. Die reichen Griechen haben ihre Millionen doch nicht ohne Grund ins Ausland geschafft – sie wollen nicht durch ihre Entsparung am Ausgleich des Handelsdefizits beteiligt werden. Wenn das Sparpotential ausgeschöpft ist, erst dann wird es wirkliche Änderungen an den grundsätzlichen Defiziten geben.
    So hart wie meine Ansicht jetzt auch sein mag, der wirklich schmerzhafte Prozess des Entsparens muss erst zu Ende geführt sein, sonst gibt es keine grundlegenden Änderungen. Ohne Änderungen kein Fortschritt und keine Investitionen.

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