Griechenland mit einem Bein in der Deflation

Ich habe es in einigen Kommentaren (D: Inflation 06/12: -0,1% Vm, 1,7% Vj - egghat's not so micro blog oder hier Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Warum Südeuropa nicht verloren ist (auch wenn es viele behaupten)) schon angedeutet (und fast eine Wette angeboten, die ich natürlich verloren hätte ...): Es würde mich nicht wundern, wenn Griechenland noch dieses Jahr in eine Deflation abkippen würde. Preistreiber in den letzten Monaten waren IMHO nur noch steigende Energiepreise ("September war in D teuerster Tankmonat aller Zeiten") und die durch die Sparprogramme verursachten Steuererhöhungen.

Die spannende Zahl für die Wette wäre die Septemberzahl für die griechische Inflation gewesen. Weil im September des Vorjahres die Mehrwertsteuer erhöht wurde (IIRC zum zweiten Mal) und die Inflationsrate für den September 2012 daher den preistreibenden Effekt der Mehrwertsteuererhöhung zum ersten Mal nicht mehr enthält.

Die Jahresrate des HVPI (harmonisierter Verbraucherpreisindex (Wikipedia) oder HICP auf Englisch) ist im September 2012 auf ein Plus von

0,3%

eingebrochen. Im Vormonat (inkl. des Effekt durch die Mehrwertsteuererhöhung) lag die Rate noch bei 1,2%, 2010 waren es sogar noch über 5%. Im Durchschnitt liegt der HVPI in Europa bei fast 3 Prozent und ist im Vergleich zum Vormonat sogar leicht gestiegen (man sieht, wie extrem der deflationäre Basistrend in Griechenland ist).

Leider weist die griechische Statistikbehörde keine Kernrate der Inflation aus, in der Nahrungsmittel- und Energiepreise herausgerechnet werden. Diese dürfte jetzt schon ziemlich deutlich im Minus liegen. Denn in der Aufschlüsselung der einzelnen Preise steigen nur Nahrungsmittel, "Housing" und "Transport". In den detaillierteren Jahresstatistiken habe ich gesehen, dass in "Housing" auch Energiekosten (Strom und Heizung) stecken und in "Transport" logischerweise auch. Bei unveränderten Rohölpreisen (und unveränderten Energiesteuern) wäre Griechenland wohl schon in der Deflation angekommen.

Das ist dummerweise sehr negativ für Griechenland, denn die Inflation ist einer der zwei wichtigen Faktoren, die den Abbau einer zu hohen Schuldenlast ermöglicht: Einer ist Wachstum, der zweite die Inflation und der dritte (allerdings deutlich unwichtigere) Sparsamkeit. Sparsamkeit ist deshalb vergleichsweise unwichtig, weil man durch zu starkes Sparen das Wachstum bremst. Sparsamkeit hilft also nur begrenzt weiter (siehe auch Griechenland spart nicht nur zu viel, sondern auch falsch - egghat's not so micro blog).

Die Schuldenlast Griechenlands in Prozent des BIPs wird durch eine Deflation weiter steigen, weil nun auf einen BIP-Rückgang von vielleicht 5% noch ein Preisrückgang hinzu kommen könnte. Die offiziellen Prognosen zum Schuldenstand in Prozent des BIPs enthalten diesen Effekt meiner Einschätzung nach noch nicht. Stellt Euch also schonmal auf die nächste negative Überraschung aus Griechenland ein ...

Statistics.gr: HARMONIZED INDEX OF CONSUMER PRICES: September 2012 (PDF)

Kommentare :

  1. War zu erwarten, oder?
    Mich wundert eher, dass Griechenland nicht schon längst in der Deflation drinsteckt. Der Euro wirkt für die Peripherie wie der Goldstandard. Und solche Kopplungen führen bei nicht wettbewerbsfähigen Volkswirtschaften ziemlich schnell in eine ziemlich fiese Falle. Und davor waren in der Vergangenheit nicht einmal ökonomische Schwergewichte wie die USA und Deutschland gefeit.
    Das Problem, das sich hier ergibt, ist dass selbst ein Schuldenschnitt nicht mehr ausreicht, um Griechenland zu sanieren. Ohne Anpassung der Wettbewerbsfähigkeit hätten die Griechen in zehn Jahren das selbe Problem wie heute. Und die Wettbewerbsfähigkeit in einem deflationären Umfeld anzugleichen ist eine echte Herkulesaufgabe. Vielleicht stimmst Du mir ja bald zu, dass nur ein Austritt und eine Abwertung der Drachme die nötige nominale Anpassung bringen kann, um die Griechen auf Kurs zu bekommen.

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    1. Die Griechen sind bei den Lohnstückkosten wieder auf einem akzeptablen Niveau. Autofabriken werden die eh nie haben. In Griechenland muss das Geld über Tourismus kommen. Oder andere Dienstleistungen. Oder Bau von Hotels.

      Leider hat sich Griechenland die Tourismussaison durch Streiks ziemlich versaut. Wobei "versaut" heisst, dass es relativ stabil war. Nur wäre dank des Preisrückgangs eigentlich ein Plus bei den Übernachtungen drin gewesen.

      Aber wer weiss, vielleicht stimmt ich dir ja doch noch zu ... (wobei ich auch nie sagen würde, dass es Griechenland ohne Hilfe aus Brüssel und ohne Schuldenschnitt schaffen kann).

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  2. Ich bin kein Ökonom, lese nur immer mal wieder vor allem bei den "Österreichern" mit und die sind nicht so negativ zu Deflation eingestellt.
    Ich persönlich neige auch erst mal zu der Denkweise das ja die Preise runter müssen, wenn Löhne und Lebensstandard sinken, was denn sonst? Ebenso ist klar das es für Griechenland so lange abwärts geht bis sie wettbewerbsfähig sind. Was ist die Alternative? Soll der Rest Europas zahlen um die Preise und Löhne dort oben zu halten?

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