USA 2011: keine Einkommenszuwächse für mehr als 95% der Bevölkerung.

Die Zahlen stammen aus dem Einkommensbericht der Statistikbehörde der USA. Der Bericht ist schon ein paar Tage alt, aber die Zahlen sind so extrem, dass man ruhig nochmal drüber schreiben kann.

Wenn man die 93% erklären will, muss ich mir die Verteilung des Einkommenszuwachses anschauen. Aber was heisst schon Zuwachs? Wenn ich die Bevölkerung nach Einkommen in 5 Scheiben schneide, hatten die 4 Scheiben mit den niedrigsten Einkommen in 2011 Rückgänge zu verzeichnen.

-1,2% (bis 20.262$/Jahr)
-1,0% (20.263 bis 38.250$/Jahr)
-1,9% (38.251 bis 62.434$/Jahr)
-1,8% (62.435 bis 101.582$/Jahr)
+1,6% (über 101.582$)

Die obersten 5% (ab 186.000$) konnten noch stärker zulegen und verdienten 4,9% mehr. Aus den 1,6% Plus für die Top-20% und den 4,9% Plus für die Top-5% kann man schon ableiten, dass nicht einmal die unteren 15 Prozentpunkte der obersten 20% (also die zwischen 80 bis 95% der Einkommen) Zuwächse hatte. Das konzentrierte sich ausschließlich ganz oben.

Ob wirklich 93% der Einkommenszuwächse 2011 an das oberste Prozent gingen, (wie Bloomberg in der Überschrift schreibt) ist unklar, weil das Zensusbüro das oberste Prozent nicht einzeln ausweist. Eine entsprechende Untersuchung gab es (extern) für 2010 (habe ich anscheinend nicht verbloggt). Dass Bloomberg das in diesen Bericht mischt, ist IMHO nicht ganz sauber.

Der Median des Haushaltseinkommens ist seit 2007 (also in der Rezession) um 8,1%, seit 1999 (dem bisherigen Höhepunkt) um 8,9% gefallen. Die Stagnation der Nullerjahre bis zur Rezession2, die ja schon vielfach als verlorenes Jahrzehnt beschrieben wurden, waren also nicht der Tiefpunkt. Es geht noch schlimmer ... Aus "kein Einkommenszuwachs" für den Großteil der Bevölkerung kann auch ein "kräftiger Rückgang" werden ...

Krass auch die Zahlen, wenn man sich diese ganz langfristig anschaut. Die untersten 20% der Einkommenspyramide konnten 1967 5,6% der Gesamteinkommen auf sich vereinen. Sicherlich schon kein toller Wert. 1982 fiel der Wert erstmals unter 5,0%, 1987 und 4,5%, 1993 unter 4,0% und 2010 unter 3,5%.

Das setzt sich in den anderen Einkommensschichten fort: Das zweite Quintil sank in den letzten 35 Jahren von 12,0% auf 9,0%, das mittlere von 17,1% auf 14,8%, das obere von 23,2% auf 22,8%. Nur das einkommensstärkste Quintil legte von 42,1% auf 50,0% zu.

Im Gegenzug steigt der Anteil der Armen wieder. Vom Tief im Jahre 1973 (11,1%, 1960 waren es aber noch 22,2%), kletterte der Anteil der armen Personen (nicht Haushalte) wieder auf 15,0%. Von 308 Millionen Amerikanern sind also 46,2 Millionen arm.  Wie in Deutschland auch, sind kinderreiche Familien besonders betroffen. Von den Unter-18-Jährigen gelten 21,9% als arm. Diese Zahlen waren 2010 minimal schlechter, andersherum muss man sagen, dass die Wirtschaftserholung keine Wirkung gezeigt hat.

Immerhin: Der Anteil der Amerikaner, die nicht in über eine Krankenkasse versichert sind, ist leicht gesunken. Statt 16,3% sind es jetzt "nur" noch 15,7%. Trotzdem ist das der drittschlechteste Wert der letzten 13 Jahre (weiter geht die Statistik nicht zurück). (Btw: Da fragt man sich, warum das ganze Medicare Palaver gemacht wurde, die Auswirkungen der Reform bliebt bisher ziemlich überschaubar).

Wenn man sich jetzt noch die ganzen Detailzahlen anschaut und dabei vor allem der Drilldown auf Hispanics und Schwarze, wird einem erst richtig schlecht. Deshalb spare ich mir das lieber ...
Ich sage nur, dass Mr. 47%-sind-mir-egal-Romney auf dem Holzweg ist. Ich würde ihm empfehlen, einfach die 95%, deren Einkommen zurückgehen, als Taugenichtse bezeichnen. Dann geht die Wahl wenigstens richtig aus ;-)

Bloomberg: Top 1% Got 93% of Income Growth as Rich-Poor Gap Widened

Census.gov Income, Poverty, and Health Insurance Coverage in the United States: 2011 PDF!)

Kommentare :

  1. Dieter, soweit ich das nachvollziehen kann, der Median des Haushaltseinkommens (vor Steuern ?) liegt bei 50.000 USD ?
    Grüße, Karl

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    1. Richtig. S. 31 im PDF. Median 1967 42K, 1973 47K, 1988 50K, 1995 55K, heute wieder 50K.

      Das Durchschnittseinkommen ist übrigens von 47K (1967) auf knapp 70K gestiegen (Spitze 2000 74,6K), also deutlich stärker.

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  2. In dem Kontext auch recht interessant:
    The World Top Income Database.
    http://g-mond.parisschoolofeconomics.eu/topincomes/

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