Wirtschaftsbuch des Jahres 2012: Tomáš Sedláček

für das Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse".

Das ist eine ziemlich gute Wahl, denn Sedláček ist ja quasi Stammgast in meinem Blog. Daher nutze ich die Gelegenheit, ein paar seiner Interviews hier nochmal zu empfehlen. Dann weiss man, was Sedláčeks Themen sind und man merkt schnell, dass er sich klar und verständlich ausdrücken kann (eine Gabe, die viele (eigentlich gute) Ökonomen nicht haben), und ob einen diese Themen interessieren.

(Videotipp: Tomáš Sedláček: Warum die Ökonomie ein kulturelles Phänomen ist; Video ganz unten eingebaut und verlinkt, weil Blogger ab dort die Seite frisst)

Ich recycle hier mal großteilig einen alten Artikel ...

Eine dicke Empfehlung für den zweiten Teil aus dem Wirtschaftsspezial von "Sternstunde Philosophie" im Schweizer Fernsehen.

Ein paar Zitate als Appetithäppchen von mir, damit ihr das Video auch anschaut ;-) Es ist wirklich toll ...

"Was ist der Unterschied zwischen Preis und Wert?  Dort hat die Wirtschaft angefangen. Beim Unterschied zwischen Preis und Wert. Die beiden Begriffe scheinen ähnlich, sind aber total verschieden."

"Nehmen wir ein Beispiel. Die Wirtschaft behauptet, eine wertneutrale, wertfreie Wissenschaft zu sein. Doch wir haben ständig mit Preisen und Werten zu tun. Wie kann die Wirtschaft behaupten, wertfrei zu sein, wenn die Analysten im Fernsehen sagen hört, der Goldpreis ist überbewertet? … Ich behaupte, niemand kennt der Wert von Gold, wir kennen nur den Preis. Oder wie Oscar Wilde schon sagte: 'Ein Zyniker kennt den Preis von allem, aber den Wert von gar nichts.'"

"Die Modelle in der Ökonomie erinnern oft an einen Airbag, der immer funktioniert, nur bei einem Unfall nicht (konkretes Beispiel: Kreditausfallversicherungen auf griechische Staatsanleihen).
Die Demokratie funktioniert manchmal, manchmal funktioniert sie aber nicht. Der Kapitalismus funktioniert manchmal, manchmal funktioniert er nicht. Wir sind gerade in einer Situation, in der wir nicht wissen, ob der Kapitalismus funktioniert."

Und dann kommt auch noch der gute Anhalter durch die Galaxis vor. 42 ist die Antwort. Aber eine Zahl hat keine Bedeutung.


"Freunde sind Menschen, die einander so viel schulden, dass sie den Überblick verloren hat." (wunderbares Bonmot!) 

Und selbst Adam und Eva kommen dran. Den Apfel im Paradies sieht Sedláček nicht als sexuelle Verführung, sondern als wirtschaftliche Verführung, als Verführung zum Konsum. (Spannende Sichtweise).

"Wir müssen die Wirtschaft wieder beseelen. Wir tun so als sei sie ein totes Objekt. Wir pressen sie in Formen, in starre Regeln und meinen, das würde funktionieren . Und dann beginnt sie zu agieren wie ein totes Objekt."
(OK, dieser Ausschnitt erschließt sich in der kurzen Version vielleicht nicht, aber dem Nichtverstehen könnt ihr ja durchs Anschauen eine Ende bereiten ...)

"Was würde passieren, wenn ich einem Psychoanalytiker von meinem Traum erzählen würde, in dem ich immer und immer größer werde? Würde er Minderwertigkeitskomplexe diagnostizieren?" (Wachstum ist die Mantra der aktuellen Wirtschaftsordnung).

"Wir haben Stabilität verkauft und Wachstum [=Schulden] gekauft. Heute müssen wir Wachstum verkaufen und Stabilität kaufen."

Letzteres ist übrigens eine der Kernthesen von Sedláček. Wachstum fand in den letzten Jahrzehnten überwiegend "unnatürlich", sprich über höhere Verschuldung (von Privat- und Staatsektor) statt. Diese höhere Verschuldung bringt aber höhere Risiken und höhere Instabilität mit sich.


Dann vielleicht noch ein Hinweis auf ein vergleichsweise aktuelles Interview mit dem österreichichen Standard Tomáš Sedláček: "Das BIP ist eine dumme Statistik" « DiePresse.com

Schön, dass 2012 wie 2010 wieder ein Buch zum Wirtschaftsbuch des Jahres gekürt wurde mit dem ich was anfangen kann.

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Wirtschaftsbuch des Jahres 2010: Susanne Schmidt - Markt ohne Moral (Schmidt war 2012 mit ihrem neuen Buch auch wieder in der engeren Auswahl).

(Dass Goldman Sachs den Preis (10.000 Euro) mit sponsort, ist übrigens einigermaßen absurd ...)

Es waren folgende 10 Bücher vorgeschlagen. Der Graeber wäre auch eine gute Wahl gewesen ... (Links gehen nach Amazon und für jeden Kauf darüber bekomme ich ein paar Groschen ab)

  • Hanno Beck: Geld denkt nicht. Wie wir in Gelddingen einen klaren Kopf behalten
  • Josef Braml: Der amerikanische Patient. Was der drohende Kollaps der USA für die Welt bedeutet
  • Rainer Hank: Die Pleite-Republik. Wie der Schuldenstaat uns entmündigt und wie wir uns befreien können
  • Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz: Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche
  • Alexander Neubacher: Ökofimmel. Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten
  • Henrik Müller: Euro-Vision. Warum ein Scheitern unserer Währung in die Katastrophe führt
  • Bert Rürup, Dirk Heilmann: Fette Jahre. Warum Deutschland eine glänzende Zukunft hat
Und hier das Video:

Kommentare :

  1. Sedláček sagt viele interessante Sachen, aber wenn jemand gegen Wachstum argumentiert, dann macht mich das immer sehr skeptisch. Ich bin der festen Überzeugung dass Kapitalismus+Demokratie ohne Wachstum nicht möglich ist. Mindestens eine der beiden bleibt auf der Strecke weil ohne Wachstum die Verteilungskämpfe einsetzen die zu Zereissproben führen.Und wenn Wachstum mit Schulden generiert werden muss und man die Gesellschaftsordnung erhalten will wie sie ist, dann muss das eben so sein. Das wir aber eine andere Art des Wachstums finden müssen, ist klar.

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    1. Er sagt ja nicht "kein Wachstum". Er sagt nur "kein Wachstum auf Pump". In China oder Asien generell findet er das Wachstum ja OK.

      Dass ohne Wachstum Gesellschaften auseinanderfliegen ... Mag sein. Aber in den USA wachsen die "Median-Einkommen" nicht mehr. Der größte Teil der Bevölkerung hat vom Wachstum nichts mehr. Also nicht nur relativ auf das Gesamteinkommen der Volkswirtschaft, sondern absolut. Und was wählen die Amis? zu 47% den Kandidaten, der diesen Trend noch verstärken will ...

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    2. Dahinter sehe ich eben die perfide Strategie der rechten Wachstumskritiker auch in den USA.Der Reallohn stagniert und weil man ihn politisch nicht mehr erhöhen will sondern lieber durch Steuernachlässe Reiche und Unternehmen mästet. Und man sagt den Leuten dass sie sich einschränken sollen weil Wachstum ja eh schlecht sei. Das sind dann gleichzeitig die Leute die uns weis machen das der demographische Faktor unser Verderben ist. Na dann viel Spass ohne Wachstum. Da kann man die kapitalgedeckte Rente auch er recht vergessen.
      Das passt alles hinten und vorne nicht zusammen.
      Ich glaube dass wir auch noch in Europa "gutes" Wachstum erzielen können. Als nicht dass wir mehr Quatsch kaufen den wir eh schon haben sondern in sinnvolle Projekte investieren. Und bevor wir die Wachstumsschraube nach unten drehen, sollten wir wohl erst mal dafür sorgen dass der Reichtum ein bisschen gleichmässiger verteilt wird als jetzt. Damit könnte man auch die bösen Schulden besser in den Griff bekommen.

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    3. Rechte Wachstumskritiker? Sowas gibt es? Wachstumskritik wie ich sie kenne, kommt von Linken und von Ökos.

      Die von dir beschriebene Argumentationskette ist aber in der Tat perfide ...

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    4. Miegel würde mir da spontan einfallen. Und unter den Ökos sind auch viele Konservative die eigentlich die Marktwirtschaft und Demokratie schon gern behalten wollen. Aber es stimmt, bei den Linken ist das eher verbreitet, aber von denen haben auch nicht alle viel mit Kapitalismus und Demokratie am Hut. Ich glaube dass Schumpeters Vision vom Ende des Wachstums und Entstehen von Kommunismus letztendlich eintreten wird. Noch sind wir aber nicht so weit, denk ich. Wenn man jetzt das Wachstum abdreht, dann wird's blutig.

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  2. "Ich bin der festen Überzeugung dass Kapitalismus+Demokratie ohne Wachstum nicht möglich ist."
    Scheint erst seit der Industrialisierung und dem Panzer-Kapitalismus ein Naturgesetz zu sein... ;-)

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    1. historisch und empirisch gesehen ist es das in der Tat. Yep. :-)

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  3. Markt oder "Moral"

    "Ihr habt gehört, dass gesagt ist: "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei."

    "Man sagt es harmlos, wie man Selbstverständlichkeiten auszusprechen pflegt, dass der Besitz der Produktionsmittel dem Kapitalisten bei den Lohnverhandlungen den Arbeitern gegenüber unter allen Umständen ein Übergewicht verschaffen muss, dessen Ausdruck eben der Mehrwert oder Kapitalzins ist und immer sein wird. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, dass das heute auf Seiten des Besitzes liegende Übergewicht einfach dadurch auf die Besitzlosen (Arbeiter) übergehen kann, dass man den Besitzenden neben jedes Haus, jede Fabrik noch ein Haus, noch eine Fabrik baut."

    Der Prophet Jesus von Nazareth war das größte Genie aller Zeiten. Er entdeckte als erster Denker in der bekannten Geschichte – fast 19 Jahrhunderte vor dem Sozialphilosophen Silvio Gesell – die einzige Möglichkeit, wie Menschen wirklich zivilisiert zusammenleben können: das Grundprinzip der absoluten Gerechtigkeit als Basis für die ideale Gesellschaft.

    Wäre Jesus nur der moralisierende Wanderprediger gewesen, zu dem ihn die "heilige katholische Kirche" machte, wüssten wir heute nicht, dass es ihn jemals gegeben hat, denn die "Moral" ist eine irrelevante Größe. Solange es möglich ist, einen unverdienten Gewinn auf Kosten der Mehrarbeit anderer (Frucht vom Baum der Erkenntnis) zu erzielen, wäre selbst dann, wenn alle Menschen "gut" wären, der nächste Krieg unvermeidlich. Sind aber leistungslose Kapitaleinkommen in einer monopolfreien Marktwirtschaft eigendynamisch auf Null geregelt, bedeutet es prinzipiell das Beste für alle, wenn der Einzelne nur das Beste für sich anstrebt (Gemeinnutz = Eigennutz). Der Moralbegriff löst sich auf.

    3 Verwandlungen

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