GR: Einzelhandelsumsätze 05/12: -9,4% (Vj)

Im Einzelhandel in Griechenland wurden im Mai 2012 (preisbereinigt) also 9,4% weniger Waren verkauft als im Mai 2011.

Das ist an sich schon dramatisch, wird aber noch beeindruckender, wenn man weiss, dass im Mai 2011 ebenfalls schon 10,0% weniger umgesetzt wurden als im Mai 2010.

Damit ist der Gesamtindex (wie oben jeweils ohne Sprit) nun auf 71,2 Punkte gesunken. Festgelegt wurde der Index 2005 auf 100 Punkte.

Die Griechen geben also inzwischen fast 30% weniger Geld aus als 2005. Und 2005 war ein vergleichsweise normales Jahr. Vom Peak aus gesehen ist das Minus noch deutlich größer und liegt bei etwa 36%. Leider endet die vergleichbare Statistik im Jahr 2000. Der Mai 2012 war auf jeden Fall der schlechteste seit Beginn dieser Zeitreihe. Grob über den Daumen gepeilt (es gibt eine weitere Zeitreihe, die weiter zurückreicht, aber 2004 endet), dürfte der Einzelhandel in Griechenland inzwischen auf das niedrigste Niveau seit mehr als 15 Jahren gefallen sein ...

Kein Wunder, dass in Griechenland ein Laden nach dem anderen pleite geht ...

Griechenland? Schon wieder wettbewerbsfähig?

Ob man das so optimistisch sehen kann wie der griechische Ökonom Yannis Katsoulacos lass ich mal offen, aber dass die Wettbewerbsfähigkeit in Griechenland deutlich besser ist als es allgemein gesehen wird, sehe ich auch so.

Athener Ökonom: Wettbewerbsproblem weitgehend gelöst « DiePresse.com

Dass das in Griechenland noch nicht besser sichtbar ist, liegt an zwei Faktoren:

a) Zeit

Wer erwartet, dass Griechenland ohne Währungsabwertung das erreichen kann, was die südostasiatischen Staaten in der Asienkrise geschafft haben, irrt sich. Zumindest was den Ablauf angeht. Die Währungsabwertung und die dadurch eintretende Inflation reduzierte dort die (Real)Löhne auf einen Schlag massiv. Dieser Prozess dauerte in Griechenland aber zwei, drei Jahre. Nach diesem Schlag kam in Südostasien die Aufholphase, die in Griechenland jetzt auch beginnen könnte. Allerdings verhindert das die herrschende

b) Unsicherheit

Alle in Griechenland (und im Ausland) sind total verunsichert. Niemand investiert (weder Inländer noch Ausländer), alle sparen und bringen - noch schlimmer - ihr Geld ins Ausland. Griechenland trocknet so komplett aus. Ohne das Vertrauen in die griechischen Banken, das griechische Volk und vor allem auch die Sicherheit, dass Griechenland in der Eurozone bleibt, wird niemand dort auch nur einen Cent für Immobilien, Fabriken, etc. in die Hand nehmen.

Inzwischen glaube ich, dass die Verunsicherung so tief sitzt, dass nur ein richtig großes Zeichen von außen helfen kann. Man nennt es oft Marschallplan, aber irgendwas in diese Richtung muss es werden. Dabei muss es wohl auch nicht vorrangig um viel Geld gehen, sondern vielmehr um konkrete Hilfe für die Verwaltung, etc.

Das schlimmste, was wir machen können: Angst um die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zu bekommen (und uns bei den Löhnen (wieder mal) zurückzuhalten) ...

Konkurrenzfähige Euro-Krisenstaaten: Deutsche Industrie büßt massiv an Wettbewerbsfähigkeit ein | FTD.de

Der Artikel ist aber nur in der Überschrift schief, innen drin beschreibt er sehr gut, dass man die Annäherung in der Wettbewerbsfähigkeit nicht als Verlust für die deutsche Seite, sondern als Gewinn für die Krisenländer in Südeuropa ansehen muss. Die Südländer korrigieren gerade die Fehlentwicklungen aus dem letzten Jahrzehnt. Das ist nicht leicht, das ist noch lange nicht zu Ende. Aber es ist durchaus machbar, wenn wir diesen Prozess begleiten und unterstützen. Nach "Fordern" muss jetzt "Fördern" kommen.

Ansonsten bin ich dann mal weg. Für mich heißt es wandern statt sitzen. In meinem Zweitblog wird es in meinem Urlaub ein paar vorbereitete Beiträge geben (überwiegend Lesehinweise und vermischtes, was zu lange liegen blieb). Bisher reichts für eine Woche, vielleicht schaffe ich heute Abend noch ein paar weitere Nummern. Gehabt Euch wohl. Holladiehöh!

The great LIBOR Swindle - Part II

Die Geschichte (WIE DER STEUERZAHLER AN DER WALL STREET BESCHISSEN WIRD... TEIL 2) entwickelt sich ja ganz spannend weiter ...

Der ehemalige Barclays Chef Diamond ist kurz nach dem Rücktritt in die Offensive gegangen. Er hat ein Schriftstück vorgelegt, durch das deutlich werden soll, dass die Bank of England zumindest teilweise von den LIBOR Manipulationen wusste. Und zwar in den späteren Jahren, als die Banken zu niedrige Zinsen meldeten, um der Öffentlichkeit eine Stabilität vorzugaukeln, die es gar nicht gab. Die Banken waren "kaput", die LIBOR Sätze signalisierten aber noch (halbwegs) normale Zustände. Das war der Bank of England mindestens bekannt, möglicherweise geschah es sogar auf Vorschlag der BoE.

Original hier: FT Alphaville » “Mr Tucker stated… that it did not always need to be the case that we appeared as high as we have recently.”

Diamond lenkt damit aber natürlich von der Tatsache ab, dass auch in den Jahren vor der Finanzkrise manipuliert wurde. Da greift die Ausrede mit der Bank of England nicht.

Trotzdem wirft der (mögliche) Einfluss der Bank of England ein noch schlechteres Licht auf die Affäre ... Denn logischerweise sollte die Bank of England nicht selber manipulieren, sondern Manipulation verhindern. Ich weiss allerdings nichts, ob die britische Bankenaufsicht bei der BoE aufgehängt ist. Wenn, wäre es noch etwas krasser ... Auf jeden Fall zeigt sich, wie intensiv Politik, Notenbank, Aufsichtsbehörden und Banken miteinander kungeln. Und das macht mich dann schon nervös ...
Im englischen Sprachraum hat sich anstelle von LIBOR (gesprochen lei-bor) der Begriff "Lie More" durchgesetzt. Einen Artikel möchte ich dazu - mangels Zeit einen eigenen zu schreiben - gerne noch empfehlen: Simon Johnson: Lie More, as a Business Model - NYTimes.com

Darin werden zwei bemerkenswerte Texte zitiert.

"Banks, as presently constituted and managed, cannot be trusted to perform any publicly important function, against the perceived interests of their staff. Today’s banks represent the incarnation of profit-seeking behavior taken to its logical limits, in which the only question asked by senior staff is not what is their duty or their responsibility, but what can they get away with."

Kurz: Man kann Banken KEINE EINZIGE für die Öffentlichkeit wichtige Aufgabe übertragen, wenn das Profitstreben es irgendwie möglichen könnte, das diese Aufgabe nicht erfüllt wird. Denn dann wird das Profitstreben immer dazu führen, dass die Aufgabe nicht erfüllt werden wird.
Das ist in der normalen Wirtschaft - auch wenn es Marktskeptiker anders sehen - normalerweise nicht so. Denn dort sorgen 10.000 Kartoffelbauern dafür, dass ein paar durchdrehende egoistische Bauern nicht die Versorgung für die gesamte Bevölkerung flachlegen können. Banken hingegen können das. Weil zu wenig Konkurrenz herrscht und weil sie im Notfall gerettet werden.
Dieses Too-Big-to-Fail der Megabanken geht möglicherweise aber noch weiter:

"They are global behemoths that are not just too-big-to-fail but also too-big-to-regulate and too-big-to-manage."

Denn vielleicht sind die internationalen Megabanken nicht nur zu groß, um sie Pleitegehen zu lassen, sondern auch zu groß, um reguliert zu werden, sprich extern kontrolliert zu werden, und auch zu groß, um gemanagt zu werden, ergo intern kontrolliert zu werden.

Die Megabanken bestehen aus Unmengen von mehr oder weniger unabhängigen und über den Globus verteilten Abteilungen, die nur ein Interesse haben: Geld zu verdienen. Und sonst nichts. Jede für sich mit hohem Risiko und extrem hohen Komplexitätsgrad. Das unterscheidet die Banken von der Industrie: Hier wird zwar auch weltweit produziert, aber wenn ein Werk Mist baut, fällt das schnell auf, weil das zusammengebaute Auto dann nicht fährt. Außerdem stecken nicht in jedem einzelnen Werk Risiken, die das Risiko der Gesamtfirma heranreichen oder es gar übersteigen. Bei Banken fällt "Mist bauen" aber oft nicht bzw. sehr spät auf und "Mist bauen" bedeutet halt nicht ein paar kaputte Autos (und schlimmstenfalls eine Rückrufaktion), sondern ein Risiko in jeder einzelnen Abteilung, das den Gewinn der gesamten Bank übersteigen kann.

Das ist alles nicht gut. Da hilft aus meiner Sicht nur eines: Komplexitätsreduzierung durch Zerschlagung. Wobei auch das kaum ausreichen wird ...

Update (07.07.12):

Ziemlich interessanter Artikel im Independent zu Barclays. Die LIBOR-Manipulation war demnach auf allen Ebenen bekannt. Generell ist Barclays wohl kein netter Ort zum Arbeiten ... Von einer Kultur der Angst ist da die Rede ...

Exclusive: Barclays insider lifts lid on bank's toxic culture - Business News - Business - The Independent

Update 2 (08.07.12):

So, jetzt geht die Klagewelle los, die ich schon im ersten Teil der Libor-Story erwartet habe ... Geht davon aus, dass jeder jeden verklagen wird ...

Zinsmanipulation: Libor-Skandal brockt Deutscher Bank Klage in den USA ein | FTD.de

Update 3 (09.07.12):

Das Wall Street Journal Deutschland wirft heute noch mal einen Blick auf die Notenbankseite der LIBOR-Manipulation insbesondere auf den Vizegouverneur Tucker, der die Idee mit der Meldung von zu niedrigen LIBOR-Raten mutmaßlich hatte:

Libor-Skandal: Notenbank-Vize unter Verdacht - Wallstreetjournal.de

Update 4 (11.07.12):

Tucker sagt natürlich: Ich hab das so nicht gesagt, es war anders gemeint, ein Missverständnis ...

Libor-Skandal: Zentralbanker will nicht zu Zins-Manipulation aufgefordert haben - Anleihen & Zinsen - FAZ

Nimmt ihm wahrscheinlich keiner ab, vor allem nach dieser Aussage der NY Fed: Wir wussten von den LIBOR-"Problemen" bei Barclays. Und zwar seit Ende 2007 (und haben die Erkenntnisse  im Übrigen auch nach London weitergeleitet).

Bloomberg: New York Fed Says It Knew of Barclays Libor ‘Problems’

Update 5 (12.07.12):

Cool ... der Ex-Chef von Barclays Bob Diamond ist schon 1998 negativ aufgefallen, weil er interne Risikorichtlinien bei einer Barclays Tochter überschritten hatte. Das kam ans Licht, als diese Barclays Tochter im Rahmen der Russlandpleite Verluste melden musste. Dabei fiel aber der damalige Chef von Barclays, der über den Vorfall heute berichtet, aus allen Wolken. Diamond hatte russische Handelspartner einfach als Schweizer oder Amerikaner ausgegeben und so die Risikoobergrenzen, die für russische Handelspartner galten, umgangen.

Das lenkt den Blick auf die Moral innerhalb der Banken. Wenn man für eine solche absichtliche Aushebelung der Risikobegrenzung nicht bestraft und gekündigt wird (eigentlich sollte man für sowas Berufsverbot bekommen!), sondern noch befördert wird, muss der Laden irgendwann durch und durch korrupt werden. Wer soll das aufhalten? Wo ist das gute Vorbild?

Libor-Lüge: Wie ich auf Bob Diamond reinfiel | FTD.de

Update 6 (13.07.12):

Jetzt beginnen die Analysten, den möglichen Schaden für die Banken auszurechnen. Allerdings sind das auch nur allergröbste Abschätzungen. Erstens weiss niemand, welche Banken überhaupt betroffen sind (man geht einfach von allen aus, was durchaus richtig sein könnte). Auch weiss niemand, wie weit der LIBOR manipuliert wurde. Überhaupt nicht diskutiert wird über den IMHO wichtigsten Einflussfaktor: Wie viele der Geschäfte werden miteinander verrechnet? Meistens haben Banken ja viele Geschäfte gleichzeitig mit vielen anderen Banken laufen. Mit diesen spekulieren die Banken aber nie nur in eine Richtung, sondern die meisten Positionen heben sich wieder auf. Man ist einmal short in einem Trade mit der Deutsche Bank und einmal long in einem Trade mit Goldman Sachs. Wenn beide Positionen gleich groß sind, besteht dort kein Risiko. Wird nicht verrechnet, wird der Schaden groß, wird großzügig verrechnet, wird der Schaden kaum der Rede wert sein.

Die Analysten von Morgan Stanley versuchen sich nun an einer Schätzung.

Der Schaden läge bei etwa 14 Mrd. Euro, die Erfolgsquote wird einfach auf die 36% geschätzt, die bei den Verfahren bei den CDOs (etc) erreicht wurde. Macht gut 6 Milliarden Euro, die die Banken an die Regulierungsbehörden zahlen müssen. Das wären etwa 5% des Eigenkapitals der Banken. Also nicht so dramatisch.

Zinsmanipulation: Libor-Lüge kann Milliarden kosten | FTD.de

Zerohedge kam in einer anderen "heroisch simplen" Abschätzung auf 20% des Börsenwerts.

Aber das hilft alles nicht weiter. Es weiss niemand ... Wichtig nur: Man kann nicht von den 350 oder 450 Billionen Dollar ausgehen, die als Bruttosumme bei Zinsderivaten offen stehen. Der allergrößte Teil davon hebt sich gegenseitig auf. Der Schaden (und die Schadensersatzzahlungen) liegen deutlich niedriger. Lebensbedrohlich wird das für die Banken aller Voraussicht nach nicht.

Und eines sollte man an dieser Stelle auch nicht vergessen: Millionen Verbraucher haben bei ihren an den LIBOR oder EURIBOR gekoppelten Krediten zu niedrige Zinsen bezahlt. Also profitiert. Andersherum haben natürlich auch Millionen von Sparern zu niedrige Zinsen bekommen. Da könnte die Lage für die Banken ungemütlich werden. Denn für die zu niedrigen Zinszahlungen auf die Guthaben könnten die Banken durchaus haftbar gemacht werden (also nachzahlen müssen), während das nachträgliche Kassieren von Zinsen auf Kredite rechtlich nicht durchsetzbar sein dürfte. Aber warten wir mal ab ...

Update 7:

Die Süddeutsche Zeitung zitiert Bloomberg mit einer Schätzung für den Schaden bei der Deutschen Bank: Etwa 1 Milliarde Euro könnten es werden. Wird die DeuBa aber auch nicht umbringen ...

Kosten der Zinsmanipulation - Libor-Skandal könnte richtig teuer werden - Wirtschaft - sueddeutsche.de

Update 8:

So sieht übrigens eine Klage von Seiten eines Kapitalverwalters aus, der sich über zu niedrige Zinsen beschwert:

Bankhaus Metzler: Klage gegen Deutsche Bank wegen Libor - SPIEGEL ONLINE

Update 9 (und das letzte vor meinem Urlaub):

Die Fed of New York (Chef damals Timothy Geithner) hat bereits 2008 wie schon gerüchtehalber berichtet wurde, einen Brief nach England geschickt und auf die Merkwürdigkeiten bei der LIBOR Feststellung hingewiesen. Es gab sogar konkrete Vorschläge, wie das ganze verbessert werden könnte. Die wussten das sowohl in den USA wie in Großbritannien. Also die entscheidenden Politiker, die Aufsichtsbehörden und die Banken sowieso. (ich benutze das Wort zu oft, aber mit fällt kein anderes ein:) Krass. (denke im Urlaub über Alternative zu "krass" nach. versprochen)

Libor-Manipulation : Skandal erreicht Politik - Anleihen & Zinsen - FAZ

Wie der Steuerzahler an der Wall Street beschissen wird... Teil 2

OK, es war zumindest mein Plan, einen zweiten Teil zu schreiben. Aber das Thema entwickelte sich dann ganz anders als ich am Anfang dachte und entfaltete sich ziemlich plötzlich in voller Schönheit (der Verdacht ist immerhin schon mindestens 4 Jahre alt, aber dann gab Barclays plötzlich alles zu).

Es geht um die Manipulation des LIBOR (und anderer Referenzzinssätze wie des EURIBOR). An diesen Zinsen hängt ein großer Teil der Kredite an Verbraucher und Firmen. Das ist aus deutscher Sicht etwas überraschend, da hier (mit Ausnahme des Dispozinses) die meisten anderen Kredite mit einem festen Zins (für eine feste Laufzeit) vereinbart werden. Hypotheken werden in Deutschland überwiegend mit einer Zinsfestschreibung von 10 Jahren oder mehr abgeschlossen. Deutschland ist in dieser Hinsicht aber die Ausnahme, in Spanien und Großbritannien laufen zum Beispiel fast alle Hypotheken mit variabler Verzinsung.

Meine ursprüngliche Überlegung ging so: Bei der Manipulation des LIBOR könne es darum gegangen sein, den Zins (etwas) zu hoch auszuweisen. Damit würde der Verbraucher zu hohe Zinsen zahlen und die Banken zu viel Geld kassieren.

Aber so lief die Nummer nicht. Denn bei der Überlegung habe ich eine Sache vergessen, die man bei allen Diskussionen über die Finanzwelt nie vergessen darf:

DIE REALWELT SPIELT ÜBERHAUPT KEINE ROLLE (MEHR)!

Denn die Menge der Kredite, die an Verbraucher und Firmen weitergegeben wird und am LIBOR hängt, ist zwar unfassbar groß und geht in die Billionen, aber im Vergleich zum Volumen der Zinsderivate, mit denen die Banken so rumhandeln, ein Witz. Denn im Derivatebereich hängt am LIBOR ein geschätztes Volumen von 350 Billionen, im Realwelt-Kreditbereich "nur" 10 Billionen. Das Volumen der Derivate ist also etwa 35mal so hoch wie das der Kredite. Zur Einordnung der Summe: Deutschland hat etwa 2 Billionen Euro Schulden und ein BIP von etwa 2,5 Billionen Euro. 

Der möglicherweise über den Tisch gezogene Kunde aus der Realwelt spielt gar keine Rolle mehr ...

Es geht (fast) ausschließlich um die - scheinbar völlig von der Realwelt abgekoppelte - Finanzwelt.

Und hier lief die Manipulation so:

LIBOR steht für London InterBank Offered Rate. Das ist der Zins, den die führenden Banken am Börsenplatz London nach eigener Aussage bei anderen Banken bezahlen müssen. Der LIBOR basiert an dieser Stelle also NICHT auf einem Preis, der sich irgendwo halbwegs transparent und reglementiert an der Börse bildet, also direkt auf Geld basiert. Aus den Meldungen werden die höchsten und niedrigsten Angebote (die Ausreißer) gestrichen und aus dem Rest (den mittleren Geboten) ein Mittelwert gebildet. Dieser Mittelwert ist dann der offizielle LIBOR, der veröffentlicht wird.

Weil am LIBOR kein direktes Geld hängt (er basiert auf einer Meldung, nicht auf einem Markt), ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet. So richtig groß kann die Manipulation nicht werden, weil man mit unsinnigen Angaben aus der Mitte, die für den LIBOR zählt, herausfällt. Aber bei einem Markt, der 450 Billionen Dollar schwer ist, reichen bereits ein paar Basispunkte aus, um richtig große Summen zu bewegen. Oft sogar ein einziger Basispunkt.

Vor allem, wenn der Kollege aus der Derivateabteilung gerade ein paar Millionen (Milliarden?) auf eine Änderung in welche Richtung auch immer gesetzt hat. Und dann kurz anruft und darum bittet, doch mal einen oder zwei Basispunkte mehr (oder weniger) zu melden, als die Bank in Wirklichkeit gezahlt hat. Für den Derivatehändler kann das schnell den Unterschied zwischen ein paar Millionen Gewinn oder Verlust ausmachen. Und natürlich einen dicken Bonus bringen bzw. kosten ...

Wer mal Ausschnitte aus den Gesprächen bzw. den Mails lesen will, nehme sich den Untersuchungsbericht und blättere bis Seite 10. Ein Beispiel: Die Fragen der Derivateabteilung klangen so: "Hi Guys, We got a big position in 3m libor for the next 3 days. Can we please keep the lib or fixing at 5.39 for the next few days. It would really help. We do not want it to fix any higher than that.  Tks a lot." Die Antworten so: "Done ... for you big boy ... ". Man kennt sich, man hilft sich ...

Legal ist das Ganze natürlich nicht. Die so genannten chinesischen Mauern innerhalb der Banken, die die entsprechenden Abteilungen von einander trennen, sollten sowas eigentlich verhindern. Aber die Absprache war total üblich. Allein bei der britischen Großbank Barclays konnte die britische Börsenaufsicht so viele Fälle von Manipulation finden, dass sie das Auftreten als "zeitweise täglich" beschreibt.

Aufgefallen ist die Manipulation übrigens in der Finanzkrise, als die Banken anfingen, den LIBOR niedriger zu melden als er in der Realität war. Die LIBOR-Meldung ist nämlich öffentlich, man kann den Wert also sehen. Da in der Krise hohe Zinsen als Risikoindikator gesehen wurde, meldete man den Wert einfach niedriger ... Das fiel irgendwann trotzdem auf. Die Kosten für CDS (Kreditausfallversicherungen) explodierten und schrieen förmlich "Alarm! Krise!", während der LIBOR vergleichsweise cool blieb. SNAFU halt: 'Systems Normal' meldete der LIBOR, All F*cked Up die CDS.

Die total üblichen jahrelangen Manipulationen fielen also (wie so vieles ...) nur durch den Zufall "Finanzkrise" auf ... Die Börsenaufsicht in London konnte über den gesamten untersuchten Zeitraum bis zurück ins Jahr 2005 die Manipulation nachweisen. Und wenn sie weiter gesucht hätten, hätten die Ermittlungen in den Jahren zuvor wohl auch Treffer geliefert.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie viel Schaden durch die Manipulation entstanden ist. Das ist aber quasi unmöglich zu klären. Man kann hier nur supergrob schätzen. Der große Vorteil des Derivategeschäfts (aus Sicht der Volkswirtschaft) ist ja, dass sich die Geschäfte gegeneinander nahezu vollständig aufheben. Wenn als die Derivate-Abteilung von Barclays die von Goldman Sachs über den Tisch zieht, hat Barclays einen Gewinn und Goldman Sachs einen Verlust. Ärgerlich für Goldman Sachs, ärgerlich für den Mitarbeiter bei Goldman Sachs, der durch Betrug möglicherweise seinen Bonus versemmelt hat, aber für uns "da draußen" entlockt das kaum mehr als ein "Who cares?".

An einer anderen Stelle wird das aber spannend und zwar so richtig: In den Rechtsabteilungen. Diese werden nämlich versuchen, die Verluste geltend zu machen, auf der anderen Seite über die unrechtmäßig kassierten Gewinne den Mantel des Schweigens decken. Da springt dann aber wieder die Gegenseite ein, die ihrerseits klagen wird. Die Erfahrungen aus den Gerichtsverfahren bei den Verbriefungen (ABS, CDO, ...) in den USA zeigen, dass sich hier wohl mal wieder alle gegenseitig verklagen werden. Und es werden auch saftige Summen fließen, die Banken haben teilweise *jede für sich* Volumina von 20, 30 oder 40 Billionen Dollar in LIBOR oder EURIBOR Swaps stecken. Da wird eine Manipulation um ein paar Basispunkte schnell sehr teuer.

Da ich aber davon ausgehen, dass diese Manipulation "marktüblich" war (siehe den lesenwerten Artikel im Telegraph "everyone was doing it" Libor scandal: How I manipulated the bank borrowing rate - Telegraph) und die anderen Banken auch mitgemacht haben (es wird bereits wegen Kartellverdachts ermittelt), wird Barclays nicht nur zahlen müssen (also Klagen verlieren), sondern auch kassieren (Klagen gewinnen). Wie üblich wird die Bruttosumme um einiges höher ausfallen als die Nettosumme.

Das gilt allerdings nur für die kommenden Klagen der Banken untereinander. Es gibt aber noch Strafen, die von der Börsenaufsicht festgesetzt werden. Die britische Großbank Barclays wurde zu 290 Millionen Pfund Strafe verurteilt. Den anderen unter Verdacht stehenden insgesamt rund 20 Banken könnten ähnlich Strafen drohen.

Libor-Manipulation: Zinsskandal kostet Barclays Milliarden | FTD.de

Heute morgen hat der Barclays Vorstandschef Bob Diamond seinen Rücktritt eingereicht.

FT Alphaville » No flowers

Das Ganze ist einigermaßen erschreckend (also nicht der Rücktritt), denn wir reden hier über die Manipulation der Basis des größten aller Finanzmärkte. Von den etwa 700 Billionen Derivaten, die Warren Buffet mal als Massenvernichtungswaffen der Finanzmärkte bezeichnet hat, betrifft das mit LIBOR, EURIBOR und einigen anderen kleineren Zinsindizes mindestens zwei Drittel. Dagegen sind Aktienpushereien ein Witz.

Ganz interessant übrigens die Beobachtung, dass die Manipulation der Zinssätze durch Transparenz nicht verhindert wurde. Obwohl die Gebote sichtbar waren und zwar für jedermann, wurde manipuliert und zwar täglich. Die totale Transparenz hat hier also nicht geholfen, hilfreicher wäre es wohl gewesen, nicht einfach der Meldung zu vertrauen, sondern diese zu überprüfen (zeig mir deine Geldgeschäfte mit anderen Banken, dann berechne ich daraus den LIBOR).

Noch ein paar Lesehinweise zum Thema:

Interessanter Artikel bei FT Alphaville über die Psychologie des "Group Think" in der Finanzwelt. Wenn es alle machen, macht man mit. Und man merkt gar nicht, dass man manipuliert oder betrügt. Vorschlag von FT Alphaville: Wenn man sich unsicher ist, einfach mal jemanden aus der Realwelt fragen.

FT Alphaville » Libor manipulation and the invisible whistle

Der ganz grobe Versuch von FT Alphaville, die Strafen für die Banken abzuschätzen. IMHO ist das aber nicht möglich, weil vieles miteinander verrechnet werden wird. Es wurde nach oben und nach unten und zwar von (nahezu) allen Beteiligten manipuliert.

FT Alphaville » Counting the costs of (potential) Libor litigation

WIE DER STEUERZAHLER AN DER WALL STREET BESCHISSEN WIRD ...

Update 1 (15:11):

Eigentlich hätte ich hieraus auch Teil 3 machen können ...

Ex-Banker packt aus: „Dann ging es ins nächste Luxusbordell“ - Börse Märkte - Finanzen - Handelsblatt - egghat's not so micro blog

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