Benzin ist (immer noch) teuer, Öl aber nicht. Warum?

Hint: Es ist nicht nur der Euro.

Die Frage hat die EZB auseinandergedröselt und die FTD fasst die Gründe zusammen.
In der Spitze lag der Ölpreis 2008 bei 134 Dollar, heute kostet ein Fass Öl etwa 110 Dollar. Ein Liter Super kostete damals 1,46€, heute jedoch 1,60€.

Es gibt im Wesentlichen drei Gründe für den Benzinpreisanstieg (jeweils europäische Durchschnittspreise):
  1. Der schwächere Euro. In Euro gerechnet ist der Ölpreis nämlich nicht gesunken (siehe oben minus 24 Dollar), sondern um 4 Euro gestiegen. Auf den Preis eines Liters Benzin umgerechnet ergibt das 2,4 Cent Plus.
  2. Die Raffinerien arbeiten wieder mit Gewinn. 2008 arbeiteten sie mit einem Minus von 0,4 Cent je Liter, jetzt mit einem relativ kräftigen Gewinn von 9,8 Cent je Liter.
    Zusammengenommen sind die Spritpreise um 12,6 Cent gestiegen.
  3. Steuern: Statt 79,9 Cent (2008) werden in Europa jetzt durchschnittlich 92,4 Cent auf einen Liter Benzin erhoben. Das macht weitere 12,5 Cent aus.
Insgesamt geht also eine Hälfte des Gesamtanstiegs von 25,1 Cent je Liter Benzin auf den Ölpreis und die Ölbranche zurück, die andere Hälfte auf den Staat.

Die deutlich höheren Gewinne der Raffinerien werden auf einen kräftigen Kapazitätsabbau zurückgeführt. Aber davon ab: Die Argumentation der Ölkonzerne, man würde an einem Liter Sprit nichts verdienen und die Tankstellen wären nur Plus-Minus-Nullgeschäfte, lenkt natürlich ab: Denn das Geld wird bereits (von den gleichen Konzernen) früher in der Produktionskette verdient: Nämlich der Raffinerie (und der Förderung natürlich ebenfalls).

Daher ist es auch kein Wunder, dass sich die Ermittlungen der Kartellbehörden im Ölmarkt schon seit einiger Zeit mehr gegen die Raffinerien und weniger gegen die Tankstellen richten ...

Beim Diesel ist die Rechnung übrigens ganz anders. Hier ist die Marge der Raffinerien gesunken (von 13,2 auf 8,9 Cent). Dafür stiegen die Verkaufskosten um 2,4 Cent (das ist die Marge der Tankstellen. Bei Benzin war diese unverändert). Inklusive der Preiserhöhung des Ausgangsprodukts Öl gab es beim Diesel so nur einen leichten Anstieg der Vorsteuerpreises um 0,5 Cent.

Die Steuererhöhungen schlugen aber fast so stark zu wie beim Benzin und hoben den Endpreis um 8,5 Cent an. Insgesamt stieg der Preis von Diesel aber "nur" um 9,1 Cent.

Alles das gibt es bei der EZB in Form einer Tabelle (Flüssiggas ist auch noch drin, da hat sich dank fast vollständig ausgebliebener Steuererhöhungen kaum was am Preis getan):



Die FTD hat daraus noch ein paar schöne Infografiken gebastelt:

Trotz günstigem Öl: Warum Benzin so teuer ist | FTD.de

und für die ganz Harten gibt es natürlich auch noch die Quelle (was die FTD mal wieder nicht geschafft hat ...)

ECB: MONTHLY BULLETIN OCTOBER (PDF) (ab Seite 38)

(Das ganze Thema ist übrigens ziemlich kompliziert, weil man aus einem Liter Rohöl nur eine genau definierte Menge Benzin und Diesel raffinieren kann. (Es gibt übrigens einen sehr tollen Erklärfilm aus der Sendung mit der Maus dazu, der aber nur gegen Geld erhältlich ist). Das Verhältnis von Benzin und Diesel (und Teer und was da sonst noch rauskommt) ist fix. Man kann also bei steigender Nachfrage von Diesel nicht einfach mehr Diesel herstellen, ohne gleichzeitig auch mehr Benzin zu bekommen. Das beeinflusst die beiden Preise manchmal extrem. Es gibt eine Reihe Händler an den Öl- und Benzinbörsen, die ausschließlich auf diese Preisschwankungen spekulieren ... Ob und wie die EZB das in ihrer Berechnung berücksichtigt hat, kann ich leider nicht sagen)

US-BIP Q03-12: +2,0%

Es ist die erste Schätzung, also die, die sich noch deutlich ändern kann. Daher muss man das alles ohne Gewähr nehmen.

Trotzdem ist das Plus von

2,0%,

das heute als auf's Jahr hochgerechnete Wachstumsrate bekanntgegeben wurde, eine positive Zahl. Die Erwartungen der Analysten wurde in den letzten Wochen zwar schon mehrfach angehoben, aber 2,0% liegt trotzdem noch am oberen Rand der Erwartungen (Duchschnittsschätzung war +1,8%).

Richtig positiv wird das Plus wenn man berücksichtigt, dass die Inflation mit 2,9% sehr hoch angesetzt wurde. Das Bruttoplus lag also fast bei 5%. Das Nettoplus ging also auf wirkliches Wachstum zurück und nicht nur auf eine niedrige Inflationsrate.

Generell zeigt sich ein einfaches Bild: Der Verbraucher ist positiv gestimmt, die Unternehmen bleiben eher vorsichtig.

Die Verbraucherausgaben steuerten 1,42 Prozentpunkte zum Wachstum bei, also knapp 3/4. Hier spiegelt sich die abnehmende Angst vor Arbeitsplatzverlusten sicher genau so wider wie die sich festigende Erholung am US-Immobilienmarkt.

Weitere 0,71 Prozentpunkte kamen vom Staatssektor, das erste Plus seit gefühlten Ewigkeiten. (hat da gerade jemand was von Wahlen gesagt?!? Da gibt es bestimmt keinen Zusammenhang ;-) ). Wie lange die USA das angesichts der hohen laufenden Schulden durchhalten können, ist fraglich.

Die restlichen Sektoren waren neutral bis leicht negativ. Im- und Export trugen nichts Wesentliches - weder positiv noch negativ - zum BIP bei. Die Investitionen waren auch leicht negativ.

Und neben den schwachen Investitionen gab es ein paar weitere Wermutstropfen. Die realen Einkommen der US-Bürger stiegen nur um 0,8%. Das relativ große Plus bei den Konsumausgaben musste daher auch über eine niedrigere Sparquote erfolgen. Statt 4,0% wie im Vorquartal waren es nur noch 3,7%. Die zwischenzeitlich auf etwa 6% gestiegene Sparquote entpuppt sich im Nachhinein also als Angstsparen in der Krise. In halbwegs normalen Zeiten geben die Amerikaner ihr Geld wieder fast vollständig aus. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Sparquote grob in der Gegend von 10%.

Es war eine positive Zahl (zumindest ist die befürchtete Abschwächung ausgeblieben), aber sowohl bei den Konsum- wie auch den Staatsausgaben ist es fraglich, ob auch in Zukunft dort noch so viel Wachstum entstehen kann.

BEA: GROSS DOMESTIC PRODUCT: THIRD QUARTER 2012 (ADVANCE ESTIMATE) (PDF)

(Aber es war ja auch das Quartal mit dem iPhone5, das ja tatsächlich Analysten zufolge auf bis zu 0,5 Prozent BIP-Wachstum geschätzt wurde. Nur was kommt jetzt? Das iPad mini? Dann ist das Wachstum im nächsten Quartal ja sicher ;-) )

Bertelsmann Stiftung/Prognos: Wie teuer wird der Euro-Ausstieg?

Prognos hat mit dem firmeneigenen Volkswirtschaftssimulationsmodell (was auch immer das taugen mag) versucht, die Kosten für den Euroaustritt der kritischen Länder zu berechnen.

Dabei wurden die direkten Auswirkungen (Ausfälle auf Kredite) und die indirekten (Wachstumsrückgang) berechnet. Das jeweils für die 4 Fälle: Austritt von Griechenland (G),  zusätzlicher Austritt von Portugal (GP), zusätzlicher Austritt von Spanien (GPS) und zusätzlicher Austritt von Italien (GPSI)

Dabei kommt Prognos zu folgenden Schäden:

a) Kreditausfälle:

Hierbei wurden nur die direkten Ausfälle der Kredite aus den jeweiligen Volkswirtschaften berücksichtigt, also Staat+Unternehmen+Private.

G: 198,7 Mrd. Euro (64 davon in Deutschland)
GP:  223,5 Mrd. Euro (99 davon in D)
GPS:  441,6 Mrd. (davon 266 Mrd. in D)
GPSI:  1,14 Billionen Euro (davon 455 Mrd. in D)

Also schon ganz schön viel ... (Auch wenn über die Simpel-Annahmen 60% Haircut und 50% Abwertung der neu eingeführten Währung trefflich streiten mag, weil hier wirklich alles über einen Kamm geschoren wird. Spanien ist nunmal nicht Griechenland. Im Hinblick auf die Staatsverschuldung, das Handelsbilanzdefizit und die Wettbewerbsfähigkeit sieht Spanien schon deutlich anders aus).

b) Wachstumsdämpfung des BIPs:

Hier sind die Auswirkungen logischerweise viel größer, weil sich diese Effekte multiplizieren. Weniger Import in Griechenland bedeutet halt auch weniger Export woanders. Daher leidet in dieser Berechnungsweise auch China und die USA mit, die in der direkten Betrachtung (nur Kreditausfälle) kaum tangiert werden.

G: 674 Mrd. Euro niedrigeres BIP (davon 73 Mrd. in D, 81 Mrd. in China und 93 Mrd. in den USA)
GP: 1,190 Billionen Euro (225 Mrd. in D, 275 Mrd. in China, 365 Mrd. in den USA)
GPS: 3,605 Billionen (850 Mrd. Euro in D, 924 Mrd. in China, 1,244 Billionen in den USA)
GPSI: 17,157 Billionen (1,707 Billionen in D, 1,922 Billionen in China, 2,825 Billionen in den USA)

Die 1,7 Billionen Euro im letzten Fall für Deutschland entsprechen übrigens etwa 70% eines aktuellen Jahres-BIPs. Anders gesagt: 9 Monate Wirtschaften für die Katz.

In allen vier Fällen ist Frankreich übrigens ähnlich stark betroffen wie die USA, also deutlich stärker als Deutschland. Noch größer wird der Unterschied, wenn man das prozentual betrachtet, da die Volkswirtschaft Frankreichs um einiges kleiner ist als die deutsche ... In Prozent des BIPs wäre das im Fall des GPSI-Exits fast 150% eines Jahres-BIPs (also 18 Monate Wirtschaften für die Katz). OK, die Nähe zu den Volkswirtschaften Italiens und Spaniens erklärt das wahrscheinlich.

Was ebenfalls ganz interessant ist: Die Studie berechnet für einige Länder positive Auswirkungen. Italien und Spanien würden zum Beispiel bei einem Austritt Griechenlands profitieren, wenn auch nur sehr leicht.

http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-BA7393DC-3B126A95/bst/xcms_bst_dms_36638_36639_2.pdf

Ich hatte eine ähnliche Studie schonmal von der Citigroup (?) gesehen und glaubte auch, die verlinkt zu haben, finde das aber nicht wieder.

Bei aller Kritik, die man an solchen Studien anbringen kann: Ich habe bisher keine gesehen, die errechnet hat, dass man einfach die Länder aus dem Euro wirft und nachher alles magisch gut wird. Deutschland kann fleissig weiter produzieren und verkaufen, Griechenland et al sind wieder wettbewerbsfähig und Bingo! - Alle sind glücklich. Die Studien, die ich kenne, zeigen das genau Gegenteil: Alle leiden und zwar massiv. (Wahrscheinlich wird sich HW-Sinn irgendwann das gewünschte Ergebnis schnitzen ...)

Wirtschaftsbuch des Jahres 2012: Tomáš Sedláček

für das Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse".

Das ist eine ziemlich gute Wahl, denn Sedláček ist ja quasi Stammgast in meinem Blog. Daher nutze ich die Gelegenheit, ein paar seiner Interviews hier nochmal zu empfehlen. Dann weiss man, was Sedláčeks Themen sind und man merkt schnell, dass er sich klar und verständlich ausdrücken kann (eine Gabe, die viele (eigentlich gute) Ökonomen nicht haben), und ob einen diese Themen interessieren.

(Videotipp: Tomáš Sedláček: Warum die Ökonomie ein kulturelles Phänomen ist; Video ganz unten eingebaut und verlinkt, weil Blogger ab dort die Seite frisst)

Ich recycle hier mal großteilig einen alten Artikel ...

Eine dicke Empfehlung für den zweiten Teil aus dem Wirtschaftsspezial von "Sternstunde Philosophie" im Schweizer Fernsehen.

Ein paar Zitate als Appetithäppchen von mir, damit ihr das Video auch anschaut ;-) Es ist wirklich toll ...

"Was ist der Unterschied zwischen Preis und Wert?  Dort hat die Wirtschaft angefangen. Beim Unterschied zwischen Preis und Wert. Die beiden Begriffe scheinen ähnlich, sind aber total verschieden."

"Nehmen wir ein Beispiel. Die Wirtschaft behauptet, eine wertneutrale, wertfreie Wissenschaft zu sein. Doch wir haben ständig mit Preisen und Werten zu tun. Wie kann die Wirtschaft behaupten, wertfrei zu sein, wenn die Analysten im Fernsehen sagen hört, der Goldpreis ist überbewertet? … Ich behaupte, niemand kennt der Wert von Gold, wir kennen nur den Preis. Oder wie Oscar Wilde schon sagte: 'Ein Zyniker kennt den Preis von allem, aber den Wert von gar nichts.'"

"Die Modelle in der Ökonomie erinnern oft an einen Airbag, der immer funktioniert, nur bei einem Unfall nicht (konkretes Beispiel: Kreditausfallversicherungen auf griechische Staatsanleihen).
Die Demokratie funktioniert manchmal, manchmal funktioniert sie aber nicht. Der Kapitalismus funktioniert manchmal, manchmal funktioniert er nicht. Wir sind gerade in einer Situation, in der wir nicht wissen, ob der Kapitalismus funktioniert."

Und dann kommt auch noch der gute Anhalter durch die Galaxis vor. 42 ist die Antwort. Aber eine Zahl hat keine Bedeutung.


"Freunde sind Menschen, die einander so viel schulden, dass sie den Überblick verloren hat." (wunderbares Bonmot!) 

Und selbst Adam und Eva kommen dran. Den Apfel im Paradies sieht Sedláček nicht als sexuelle Verführung, sondern als wirtschaftliche Verführung, als Verführung zum Konsum. (Spannende Sichtweise).

"Wir müssen die Wirtschaft wieder beseelen. Wir tun so als sei sie ein totes Objekt. Wir pressen sie in Formen, in starre Regeln und meinen, das würde funktionieren . Und dann beginnt sie zu agieren wie ein totes Objekt."
(OK, dieser Ausschnitt erschließt sich in der kurzen Version vielleicht nicht, aber dem Nichtverstehen könnt ihr ja durchs Anschauen eine Ende bereiten ...)

"Was würde passieren, wenn ich einem Psychoanalytiker von meinem Traum erzählen würde, in dem ich immer und immer größer werde? Würde er Minderwertigkeitskomplexe diagnostizieren?" (Wachstum ist die Mantra der aktuellen Wirtschaftsordnung).

"Wir haben Stabilität verkauft und Wachstum [=Schulden] gekauft. Heute müssen wir Wachstum verkaufen und Stabilität kaufen."

Letzteres ist übrigens eine der Kernthesen von Sedláček. Wachstum fand in den letzten Jahrzehnten überwiegend "unnatürlich", sprich über höhere Verschuldung (von Privat- und Staatsektor) statt. Diese höhere Verschuldung bringt aber höhere Risiken und höhere Instabilität mit sich.


Dann vielleicht noch ein Hinweis auf ein vergleichsweise aktuelles Interview mit dem österreichichen Standard Tomáš Sedláček: "Das BIP ist eine dumme Statistik" « DiePresse.com

Schön, dass 2012 wie 2010 wieder ein Buch zum Wirtschaftsbuch des Jahres gekürt wurde mit dem ich was anfangen kann.

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Wirtschaftsbuch des Jahres 2010: Susanne Schmidt - Markt ohne Moral (Schmidt war 2012 mit ihrem neuen Buch auch wieder in der engeren Auswahl).

(Dass Goldman Sachs den Preis (10.000 Euro) mit sponsort, ist übrigens einigermaßen absurd ...)

Es waren folgende 10 Bücher vorgeschlagen. Der Graeber wäre auch eine gute Wahl gewesen ... (Links gehen nach Amazon und für jeden Kauf darüber bekomme ich ein paar Groschen ab)

  • Hanno Beck: Geld denkt nicht. Wie wir in Gelddingen einen klaren Kopf behalten
  • Josef Braml: Der amerikanische Patient. Was der drohende Kollaps der USA für die Welt bedeutet
  • Rainer Hank: Die Pleite-Republik. Wie der Schuldenstaat uns entmündigt und wie wir uns befreien können
  • Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz: Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche
  • Alexander Neubacher: Ökofimmel. Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten
  • Henrik Müller: Euro-Vision. Warum ein Scheitern unserer Währung in die Katastrophe führt
  • Bert Rürup, Dirk Heilmann: Fette Jahre. Warum Deutschland eine glänzende Zukunft hat
Und hier das Video:

Griechenland mit einem Bein in der Deflation

Ich habe es in einigen Kommentaren (D: Inflation 06/12: -0,1% Vm, 1,7% Vj - egghat's not so micro blog oder hier Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Warum Südeuropa nicht verloren ist (auch wenn es viele behaupten)) schon angedeutet (und fast eine Wette angeboten, die ich natürlich verloren hätte ...): Es würde mich nicht wundern, wenn Griechenland noch dieses Jahr in eine Deflation abkippen würde. Preistreiber in den letzten Monaten waren IMHO nur noch steigende Energiepreise ("September war in D teuerster Tankmonat aller Zeiten") und die durch die Sparprogramme verursachten Steuererhöhungen.

Die spannende Zahl für die Wette wäre die Septemberzahl für die griechische Inflation gewesen. Weil im September des Vorjahres die Mehrwertsteuer erhöht wurde (IIRC zum zweiten Mal) und die Inflationsrate für den September 2012 daher den preistreibenden Effekt der Mehrwertsteuererhöhung zum ersten Mal nicht mehr enthält.

Die Jahresrate des HVPI (harmonisierter Verbraucherpreisindex (Wikipedia) oder HICP auf Englisch) ist im September 2012 auf ein Plus von

0,3%

eingebrochen. Im Vormonat (inkl. des Effekt durch die Mehrwertsteuererhöhung) lag die Rate noch bei 1,2%, 2010 waren es sogar noch über 5%. Im Durchschnitt liegt der HVPI in Europa bei fast 3 Prozent und ist im Vergleich zum Vormonat sogar leicht gestiegen (man sieht, wie extrem der deflationäre Basistrend in Griechenland ist).

Leider weist die griechische Statistikbehörde keine Kernrate der Inflation aus, in der Nahrungsmittel- und Energiepreise herausgerechnet werden. Diese dürfte jetzt schon ziemlich deutlich im Minus liegen. Denn in der Aufschlüsselung der einzelnen Preise steigen nur Nahrungsmittel, "Housing" und "Transport". In den detaillierteren Jahresstatistiken habe ich gesehen, dass in "Housing" auch Energiekosten (Strom und Heizung) stecken und in "Transport" logischerweise auch. Bei unveränderten Rohölpreisen (und unveränderten Energiesteuern) wäre Griechenland wohl schon in der Deflation angekommen.

Das ist dummerweise sehr negativ für Griechenland, denn die Inflation ist einer der zwei wichtigen Faktoren, die den Abbau einer zu hohen Schuldenlast ermöglicht: Einer ist Wachstum, der zweite die Inflation und der dritte (allerdings deutlich unwichtigere) Sparsamkeit. Sparsamkeit ist deshalb vergleichsweise unwichtig, weil man durch zu starkes Sparen das Wachstum bremst. Sparsamkeit hilft also nur begrenzt weiter (siehe auch Griechenland spart nicht nur zu viel, sondern auch falsch - egghat's not so micro blog).

Die Schuldenlast Griechenlands in Prozent des BIPs wird durch eine Deflation weiter steigen, weil nun auf einen BIP-Rückgang von vielleicht 5% noch ein Preisrückgang hinzu kommen könnte. Die offiziellen Prognosen zum Schuldenstand in Prozent des BIPs enthalten diesen Effekt meiner Einschätzung nach noch nicht. Stellt Euch also schonmal auf die nächste negative Überraschung aus Griechenland ein ...

Statistics.gr: HARMONIZED INDEX OF CONSUMER PRICES: September 2012 (PDF)

Wie hoch ist der volkswirtschaftliche Nutzen von Patenten

Gibt es ihn überhaupt? Oder ist er gar negativ?

Ein Thema, zu dem ich schon lange was schreiben wollte. Habe zwar auch heute nicht wirklich die Zeit, viel zu schreiben. Trotzdem sei ein Lesehinweis vor dem (wohl zumindest teilweise verregneten) Wochenende gestattet.

Politiker und Wirtschaftsbosse erzählen ja häufig und gerne, dass Patente wichtig seien, dass sie die Forschung ankurbeln und Voraussetzung für Innovationen und Wohlstand seien. Das ist in der öffentlichen Argumentation dermaßen in den DNA aller Beteiligten eingegangen, dass man die Anzahl der Patente zu einem Indikator für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft gemacht hat.

Diese positiven Effekte sind sicherlich da, aber es gibt eben auch negative. Der Öffentlichkeit halbwegs bewusst wurden diese in der Diskussion um die Einführung von Softwarepatenten in Europa. Noch mehr Aufmerksamkeit hat das Thema in letzter Zeit durch den Fall Apple vs. Samsung bekommen (wobei etwas komisch ist, dass Microsoft schon länger von quasi allen Android-Lizenznehmern Lizenzgebühren bekommt, was fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Jetzt wo Apple Geld haben will, ist das auf einmal biiiig njuuus).

Der mögliche negative Effekt sind Markteintrittsbarrieren. Wenn erst einmal ein Markt mit Hunderten oder Tausenden von Patenten abgesichert ist, fällt es Späteinsteigern unglaublich schwer, in diesen Markt einzutreten. Die Platzhirschen haben sich für jedes kleinste Details in jeder möglichen Ausprägung bereits Patente gesichert. Es bildet sich ein Oligopol von etablierten Firmen. Man nehme den Automarkt oder den Smartphonemarkt (bis auf Apple und die Chinesen kommt da keiner neu in den Markt)

Der Neueinsteiger muss dann entweder andere (schlechtere) Verfahren umsetzen oder eine Unzahl von Patenten lizensieren. Dadurch wird das Produkt  entweder schlechter oder teurer. Die Platzhirsche untereinander hingegen haben häufig großzügige gegenseitige Patentlizensierungsabkommen abgeschlossen und können gegenseitig die Patente kostenlos nutzen (zwischen Apple und Microsoft gibt es z.B. einen solchen sehr weitgehenden Friedensvertrag; das ist der Grund, warum sich diese beiden Firmen nicht vor Gericht verklagen).

Diese negativen Folgen werden von den Politikern und der Wirtschaft häufig ausgeblendet. Dabei beschleichen sicherlich nicht nur mich Zweifel am Patentsystem. Ich frage mich, ob das nicht nur noch eine große Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Juristen ist ... (Dazu habe ich auch irgendwo einen Link. Darin ging es darum, dass in den USA inzwischen mehr Geld für Patentstreitigkeiten ausgegeben wurde als Lizenzeinnahmen für Patente erzielt werden konnten. Finde den leider nicht wieder)

Nach einer Studie der Federal Reserve Bank of St. Louis (eine der regionalen Zweigstellen, aus den die US-Fed besteht) kommen einem massive Zweifel daran, ob ein strenges Patentrecht die Innovation wirklich fördert:
"there is no empirical evidence that they [patents] serve to increase innovation and productivity, unless the latter is identified with the number of patents awarded – which, as evidence shows, has no correlation with measured productivity."
Patente erhöhen also zumindest die Produktivität einer Volkswirtschaft (der Basis für Wohlstand) nicht.
"we have neither seen a dramatic acceleration in the rate of technological progress nor a major increase in the levels of R&D expenditure"
Hmm, die Forschungsausgaben steigen auch nicht mit steigender Anzahl von Patenten.

Das Papier argumentiert sogar im Gegenteil, dass sich die größten Innovationen historisch immer in den Bereichen abgespielt haben, in denen die Spieler schamlos voneinander klauen durften. Das letzte und aktuellste Beispiel ist das Internet, das Beispiel davor war der Personalcomputer.
Die Autoren der Studie gehen daher weiter:
"strong patent systems retard innovation with many negative side-effects"
Das schreit natürlich nach einer Änderung des Patentrechts und die wird auch konsequenterweise eingefordert:
"Hence the best solution is to abolish patents entirely through strong constitutional measures and to find other legislative instruments, less open to lobbying and rent-seeking, to foster innovation whenever there is clear evidence that laissez-faire under-supplies it."
Die Autoren Michele Boldrin und David K. Levine fordern also nicht mehr und nicht weniger als eine Komplettzerstörung des aktuellen Patentrechts. Eine Neueinführung gibt es nur per Beweislastumkehr. Patente an sich sind Boldrin und Levine zufolge kein erstrebenswertes Ziel, sondern nur eine Notlösung für Märkte, in denen die Innovation ohne Patente zusammenbrechen würde. Kurz: Patente nur nach dem Nachweis der Nützlichkeit. Und das spezifisch für jede Branche.

Scrollpatente wie die von Apple würden ziemlich sicher nicht dazugehören. Und auch nicht die Patente, für die Microsoft Geld von den Android-Lizenznehmern bekommt (es soll übrigens um 10 bis 15 Dollar pro Android Gerät gehen). Und viele, viele andere Patente ebenfalls nicht.

Obwohl man selbst als Patentkritiker zugeben muss, dass diese angeblich so trivialen Patente durchaus eine Rolle gespielt haben könnten, um aus einem kleinen Nischen-PC-Hersteller den wertvollsten Konzern der Welt zu schmieden. Sooo ganz unwichtig scheinen solche Details nicht zu sein.
Auf der anderen Seite könnte man auch argumentieren, dass das mehr oder weniger schamlose Kopieren dieser Apple-Patente von Google für Android den/das Nutzen von Smartphones für große Teile der Bevölkerung erst ermöglicht hat. Weil diese sich das 200 Euro-Android Smartphone im Gegensatz zum 679 Euro iPhone leisten können und nur durch die Kopien von den Innovationen profitieren können.

Aber nun ja, ich habe ja nie gesagt, dass diese Diskussion einfach ist ...

Auch ohne einen absoluten Schluss ziehen zu können, kann man aus der Studie eine wichtige Erkenntnis mitnehmen: Die These, dass ein strengeres Patentsystem zu höheren Forschungsausgaben und mehr Innovation führt, kann statistisch nicht belegt werden. Und damit wackelt nicht mehr und nicht weniger als eine der zentralen Stützen der Pro-Patent-Argumentation.

Michele Boldrin and David K. Levine: The Case Against Patents (PDF)

Update (10.10.12):

Schlussabschnitt ab dem letzten Zitat für Carta etwas ausdifferenziert.

Update 2 (11.10.12):

Ziemlich interessanter NewYork Times Artikel zum Thema. Mit Schwerpunkt auf Apple, Samsung, Siri (achtmal eingereicht, bis das Patent endlich durchkam) und Nuance.

In Technology Wars, Using the Patent as a Sword - NYTimes.com

Die Aussage, dass die Lizenzeinnahmen durch Patente niedriger sind als die Rechtsanwaltskosten für die Verteidigung von Patenten, habe ich immer noch nicht wieder gefunden. Allerdings erwähnt die NYT einen anderen interessanten Datenpunkt: Sowohl Google wie auch Apple haben 2011 mehr Geld für Patentrechtsstreitigkeiten ausgeben als für Forschung.

Update 3:

Ezra Klein hat in der Washington Post was dazu gebloggt. Insbesondere die Studien am Ende für die Gegenmeinungen sind interessant:

Washington Post: The case against patents

USA 2011: keine Einkommenszuwächse für mehr als 95% der Bevölkerung.

Die Zahlen stammen aus dem Einkommensbericht der Statistikbehörde der USA. Der Bericht ist schon ein paar Tage alt, aber die Zahlen sind so extrem, dass man ruhig nochmal drüber schreiben kann.

Wenn man die 93% erklären will, muss ich mir die Verteilung des Einkommenszuwachses anschauen. Aber was heisst schon Zuwachs? Wenn ich die Bevölkerung nach Einkommen in 5 Scheiben schneide, hatten die 4 Scheiben mit den niedrigsten Einkommen in 2011 Rückgänge zu verzeichnen.

-1,2% (bis 20.262$/Jahr)
-1,0% (20.263 bis 38.250$/Jahr)
-1,9% (38.251 bis 62.434$/Jahr)
-1,8% (62.435 bis 101.582$/Jahr)
+1,6% (über 101.582$)

Die obersten 5% (ab 186.000$) konnten noch stärker zulegen und verdienten 4,9% mehr. Aus den 1,6% Plus für die Top-20% und den 4,9% Plus für die Top-5% kann man schon ableiten, dass nicht einmal die unteren 15 Prozentpunkte der obersten 20% (also die zwischen 80 bis 95% der Einkommen) Zuwächse hatte. Das konzentrierte sich ausschließlich ganz oben.

Ob wirklich 93% der Einkommenszuwächse 2011 an das oberste Prozent gingen, (wie Bloomberg in der Überschrift schreibt) ist unklar, weil das Zensusbüro das oberste Prozent nicht einzeln ausweist. Eine entsprechende Untersuchung gab es (extern) für 2010 (habe ich anscheinend nicht verbloggt). Dass Bloomberg das in diesen Bericht mischt, ist IMHO nicht ganz sauber.

Der Median des Haushaltseinkommens ist seit 2007 (also in der Rezession) um 8,1%, seit 1999 (dem bisherigen Höhepunkt) um 8,9% gefallen. Die Stagnation der Nullerjahre bis zur Rezession2, die ja schon vielfach als verlorenes Jahrzehnt beschrieben wurden, waren also nicht der Tiefpunkt. Es geht noch schlimmer ... Aus "kein Einkommenszuwachs" für den Großteil der Bevölkerung kann auch ein "kräftiger Rückgang" werden ...

Krass auch die Zahlen, wenn man sich diese ganz langfristig anschaut. Die untersten 20% der Einkommenspyramide konnten 1967 5,6% der Gesamteinkommen auf sich vereinen. Sicherlich schon kein toller Wert. 1982 fiel der Wert erstmals unter 5,0%, 1987 und 4,5%, 1993 unter 4,0% und 2010 unter 3,5%.

Das setzt sich in den anderen Einkommensschichten fort: Das zweite Quintil sank in den letzten 35 Jahren von 12,0% auf 9,0%, das mittlere von 17,1% auf 14,8%, das obere von 23,2% auf 22,8%. Nur das einkommensstärkste Quintil legte von 42,1% auf 50,0% zu.

Im Gegenzug steigt der Anteil der Armen wieder. Vom Tief im Jahre 1973 (11,1%, 1960 waren es aber noch 22,2%), kletterte der Anteil der armen Personen (nicht Haushalte) wieder auf 15,0%. Von 308 Millionen Amerikanern sind also 46,2 Millionen arm.  Wie in Deutschland auch, sind kinderreiche Familien besonders betroffen. Von den Unter-18-Jährigen gelten 21,9% als arm. Diese Zahlen waren 2010 minimal schlechter, andersherum muss man sagen, dass die Wirtschaftserholung keine Wirkung gezeigt hat.

Immerhin: Der Anteil der Amerikaner, die nicht in über eine Krankenkasse versichert sind, ist leicht gesunken. Statt 16,3% sind es jetzt "nur" noch 15,7%. Trotzdem ist das der drittschlechteste Wert der letzten 13 Jahre (weiter geht die Statistik nicht zurück). (Btw: Da fragt man sich, warum das ganze Medicare Palaver gemacht wurde, die Auswirkungen der Reform bliebt bisher ziemlich überschaubar).

Wenn man sich jetzt noch die ganzen Detailzahlen anschaut und dabei vor allem der Drilldown auf Hispanics und Schwarze, wird einem erst richtig schlecht. Deshalb spare ich mir das lieber ...
Ich sage nur, dass Mr. 47%-sind-mir-egal-Romney auf dem Holzweg ist. Ich würde ihm empfehlen, einfach die 95%, deren Einkommen zurückgehen, als Taugenichtse bezeichnen. Dann geht die Wahl wenigstens richtig aus ;-)

Bloomberg: Top 1% Got 93% of Income Growth as Rich-Poor Gap Widened

Census.gov Income, Poverty, and Health Insurance Coverage in the United States: 2011 PDF!)

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