Griechenland bekommt Schuldenschnitt Nr. 2 (sanft + sehr sanft)

Es wird zwar davon gesprochen, dass es KEINEN weiteren Schuldenschnitt gibt, aber es ist natürlich einer. Genauer gesagt sogar zwei ...

Denn es wird wohl nach der Einigung der EU-Finanzminister (und des IWFs, der die Lösung mitträgt) sowohl die Variante Schuldenrückkauf als auch die Variante mit der Verschiebung der Rückzahlung geben.

Griechenland bekommt also beides. Die Kredite des europäischen Rettungsfonds werden verlängert; die Rückzahlung soll jetzt erst in 30 statt wie ursprünglich geplant in 15 Jahren erfolgen. Außerdem wird die Zinszahlung für 10 Jahre ausgesetzt. Gleichzeitig werden die Zinsen auf die Kredite um 100 Basispunkte gesenkt (und der Zins lag auch vorher nur bei 3,5%, es wären damit nun nur noch 2,5%. Für einen so schlechten Schuldner wie Griechenland ein lächerlich niedriger Zins). Damit sind die Anleihen natürlich viel weniger wert als vorher, eine genaue Berechnung, wie tief dieser Schnitt ist, überlasse ich den Finanzmathematikern. Sobald ich das irgendwo sehe (sachdienliche Hinweise werden hier gerne entgegengenommen), trage ich das nach. (Das Volumen der Kredite vom EFSF (et al) an Griechenland ist mir im Moment auch unklar, habe 80 Mrd. Euro im Kopf, das mag aber durchaus mehr sein (das ist leider nicht mehr aktuell: Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Wer hält wie viel der Griechenlandschulden?))

Noch nicht fixiert wurde die zweite Stufe: Griechenlandsanleihen sollen deutlich unter Nennwert zurückgekauft werden. Die Eurozone gibt Griechenland also Geld und damit sollen dann Altschulden am Markt zurückgekauft werden. Dafür zahlt Griechenland dann natürlich nicht 100 Euro pro 100 Euro Nennwert (das würde ja keine Schuldensenkung bringen), sondern deutlich weniger, also sagen wir mal bei langlaufenden Anleihen nur 30 oder 40 Euro pro 100 Euro Nennwert. Angestrebt werden wohl 35%, offiziell ist diese Zahl aber nicht.

Viele Spekulanten haben genau auf diese Lösung bereits spekuliert und die Kurse der griechischen Staatsanleihen bereits massiv nach oben getrieben. Als Beispiel hat sich die griechische Staatsanleihe mit gut 10 Jahren Restlaufzeit schon von knapp 14 im Tief auf nun knapp 35 Euro mehr als verdoppelt:


Es gibt dabei natürlich gewisse Probleme. Eigentlich will man den Spekulanten diese Gewinne nicht gönnen. Außerdem ist nicht sicher, ob überhaupt ausreichend viele Anleger mitmachen und die (angenommenen) 35 Euro akzeptieren (oder ob diese auf mehr Geld zocken). Trotzdem halte ich die Lösung für gut, denn ein freiwilliger Rückkauf dürfte die geringsten Schäden produzieren. Ich bin seit längerem für diese Lösung (siehe auch: Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Griechenland soll griechische Schulden kaufen ...) und hätte diese Option viel früher gezogen (zum Beispiel bei einem Kurs von 15, hätte die Hälfte des Geldes gespart!!!).

Auch bin ich ein wenig beruhigt, dass eine meiner Uraltprognosen aufgegangen ist: Dass sich die öffentliche Sektor an einem Schuldenschnitt Griechenlands beteiligen wird und muss. Und ich lag sogar bis in das Detail richtig, dass es keinen "richtigen" Schuldenschnitt gibt, sondern "nur" eine spätere Rückzahlung und Senkung der Zinsen, damit die Politiker den Wählern sagen können, dass man das Geld ja komplett bekomme, nur halt ein paar Jahre später. Deshalb betonen die Politiker ja auch, dass es kein Schuldenschnitt sei, obwohl es defakto natürlich einer ist.

Daneben lag ich nur bei der Reihenfolge, also mit meiner Vermutung, dass vor allem der öffentliche Sektor die Lasten aus dem Schuldenschnitt trägt (und nicht zuerst die Banken), aber nun ja, ab jetzt sitzt der Steuerzahler mitten im Schuldenschnittboot. Das ist sicherlich kein Grund zur Freude, aber ich persönlich habe mich darauf lange genug vorbereiten können. Was das Ausmaß angeht, warte ich noch ab, ich könnte mir aber gut vorstellen, dass dieser zweite Schuldenschnitt ein größeres Volumen erreicht als der erste. Dieser führte ja vor allem dazu, dass die Gläubiger im Ausland ihre Schulden aus Griechenland zu halbwegs akzeptablen Kursen losschlagen konnten (der größte Teil des Geldes, der als "Hilfe" an Griechenland bezeichnet wurde, floss direkt wieder ins Ausland (vor allem zu Banken) ab. Dazu habe ich auch mal was geschrieben, finde es aber nicht wieder ... Wenn sich jemand besser in meinem Blog auskennt als ich ;-) bitte ich um sachdienliche Hinweise ...)

Viel wichtiger wäre mir, ob der Schuldenschnitt tief genug ist und Griechenland auch wirklich hilft. Denn nur dann macht er wirklich Sinn.  Zwar sind die Prognosen was den Schuldenstand angeht, einigermaßen positiv (124%/BIP Schuldenstand 2020), aber bisher sind die Prognosen grandios geplatzt, vor allem weil das BIP viel stärker schrumpfte als geplant (dazu empfehle ich die weiterhin ziemlich beeindruckende Grafik hier: Troika zu Griechenland: Jetzt kommt die Wende. In... - egghat's not so micro blog)

Warten wir mal ab, was die weiteren Details und Berechnungen so ergeben. Generell bin ich vorsichtig optimistisch, dass mit dieser Hilfe eine richtiger Schritt (und wohl auch nicht nur ein Trippelschrittchen) gemacht wurde und das nun wirklich zur Senkung der Schulden beiträgt. Zwar ist das tendenziell noch zu wenig, aber immerhin etwas. Und es besteht natürlich weiterhin die Gefahr, dass Griechenland weiter totgespart wird. Dass die Sparbemühungen bisher so wenig Einfluss auf den Schuldenstand hatten, lag ja vorrangig daran, dass die Wirtschaftsleistung in Griechenland eingebrochen ist, und weniger daran, dass die Staatsausgaben nicht wie vorgesehen gesenkt wurden. Die Sparprogramme gingen nämlich sehr wohl auf, nur sanken die Wirtschaftsleistung und die Steuereinnahmen eben noch viel schnell und stärker ...

Euro-Finanzminister einigen sich: Griechenland bekommt mehr Geld - Griechenland - FAZ

Das offizielle Statement:

ekathimerini.com | Eurogroup statement on Greece

Update (10:23):

Sehr schöne Übersicht in der FTD (heul ...), die auch die anderen Details der Einigung bewundernswert auseinanderklamüsert hat.

Die Zinssenkung um 100 Basispunkte, die ich oben erwähnt habe, bezieht sich nicht auf alle Kredite und auch nicht auf alle Länder. Länder, die selber hohe Zinsen zahlen müssen, senken "ihren" Zins nur geringer oder gar nicht, die 100 Basispunkte gelten nur für die finanzstarken Länder wie Deutschland.

Auch ein zweiter Punkt wird erklärt, den ich oben unterschlagen habe. Es sollen 11 Milliarden Euro Gewinne, die die EZB eingefahren hat, weil sie Griechenlandanleihen für 70 Prozent des Nennwerts gekauft hat, die später dann doch mit 100% zurückgezahlt wurden, an Griechenland ausschütten. Das ist natürlich hart an der Grenze zur Ver****ung, denn die Gewinne der Vergangenheit auszuschütten, um direkt danach beim Schuldenschnitt mitzumachen, wirkt etwas sehr seltsam. Aber da ist halt viel Politik im Spiel und am Ende ist die EZB halt ein anderer Topf als die EFSF.


Schuldenkrise: Griechen-Problem dauert bis 2040 | FTD.de

Und ein ganz großes "Detail" habe ich auch vergessen ... Die nächste Rate der EU-Hilfen (44 Mrd.) wurde genehmigt und wird (in drei Raten) ausgezahlt.

Update 2 (11:19):

LostinEuropa sieht das deutlich pessimistischer als ich (was sich schon im Titel Europa kann es nicht andeutet ...).

Dort wird eine Abhängigkeit der Auszahlung der weiteren Raten gesehen, die vom Erfolg des Anleihenrückkaufs abhängt. Der wiederum in griechischer Hand liegt, was LostInEuropa als "Ar***karte nach Athen verschieben" interpretiert.

Ich sehe erstens die Abhängigkeit der weiteren Hilfen von einem Erfolg des Rückkaufs nicht so eindeutig formuliert wie LostInEurope und zweitens waren die bisherigen "Bedingungen" auch nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben wurde. Man schaue sich nur die Formulierung zu den bisherigen Erfolgen an. Da werden auch nur die "Bemühungen" Griechenlands gelobt, nicht die konkrete Erreichung der Ziele. Wer Arbeitszeugnisse kennt, weiss dass "er/sie hat sich bemüht" so ziemlich das schlechteste Urteil ist, das man einem Arbeitnehmer ausstellen darf (weswegen man es auch nicht mehr ausstellen darf IIRC).

Wo ich aber zustimmen muss: Es besteht natürlich die Gefahr, dass der Schuldenrückkauf nicht bzw. nur teilweise gelingt und die EU dann mit dem Finger auf Griechenland zeigt und (zur Erreichung der ursprünglichen Ziele) Griechenland wieder einmal zu noch stärkeren Sparbemühungen zwingt. Und das wäre nun wirklich kontraproduktiv.

Update 3 (15:10):

Olaf Storbeck hat in seinem (englischsprachigem) Blog eine gute Diskussion der Pro- und Kontrapunkte eines Schuldenankaufs unterhalb des Nennwerts (er selber steht auf der Pro-Seite). Wer sich für diesen Aspekt genauer interessiert, dürfte das interessant finden:

Is a Greek bond buyback really as daft as some economists suggest? | Economics Intelligence

Update 4 (29.11.12):

Pessimistische Einschätzung in der FAZ:

Leserkommentare zu: Wirtschaftsgeschichte: Der zweifelhafte Nutzen des Schuldenrückkaufs - Seite 1 - FAZ

Und in einem muss ich mich auch korrigieren. Der öffentliche Sektor will sich NICHT beteiligen, zumindest bisher nicht. Das Rückkaufangebot soll nur für die etwa 68 Mrd. Euro (Nennwert) Griechenlandschulden gelten, die in den Händen privater Gläubiger liegen.

Die FAZ hat auch noch ein paar andere Details ausgegraben.

  • Die Zinsstundung von 10 Jahren gilt wohl für alle Kredite von EFSF und direkten Hilfen der Länder. 
  • Auch die Laufzeitverlängerung um 15 Jahre gilt für alle diese Kredite. 
  • Der aktuelle Zins der Kredite, deren Zins um die vollen 100 Basispunkte sinkt, liegt damit nun bei nur noch 0,7%.

Warum streiken die faulen Griechen schon wieder?

Deswegen:
ekathimerini.com | Over 2.3 mln Greeks living below poverty line in 2010
20% der Griechen leben unterhalb der Armutsgrenze. In absoluten Zahlen: 2,34 Millionen.

Oder deswegen:
Über 700000 Arbeitslose in Griechenland ohne Arbeitslosengeld
Nicht Hartz IV oder so, sondern OHNE Hartz IV.

Und deswegen:
Ausfuhrstopp: Merck liefert Krebsmedikament nicht mehr an griechische Kliniken - Unternehmen - FAZ
Medikamente könnt ihr euch gefälligst selber kaufen.

Vielleicht auch deswegen?
Schulen in Griechenland schließen mangels Heizung
Holzöfen gehen auch. Bringen die Kinder halt ein paar trockene Äste auf dem Schulweg mit ...

Oder wegen eines Mindestlohns von 586 Euro im Monat (ergo 3,39€ die Stunde). Was in etwa die Hälfte der deutschen Armutsgrenze wäre ...

Oder wegen der unglaublich kompetenten Regierung, die knallhart gegen die korrupte Elite des Landes vorgeht:

Auch Griechenland hat jetzt Steuer-CDs aus der Schweiz …
… und verschlampt sie gleich wieder …

Vielleicht aber auch, weil die Griechen inzwischen jede Hoffnung verloren haben. Und niemand mehr weiss, warum noch mehr und noch härter gespart werden soll, obwohl in den letzten 4 Jahren deutlich geworden sein sollte, dass das einen viel stärkeren Wirtschaftseinbruch zur Folge hat, als man am Anfang dachte.

Wo bleibt das Konjunkturprogramm? Wo bleiben die großen Investitionen, die unser Superwirtschaftsminister Rösler bei seinem Griechenlandbesuch vorbereitet hat? Wo bleibt ein Ausblick in die Zukunft, der endlich Arbeit, Wachstum, ergo Hoffnung verbreitet?

Stattdessen bekommen wir - leider durchaus plausible Hochrechnungen - dass die Sparbemühungen auch 2013 wieder nach hinten losgehen und man dann nach noch mehr Sparen, Armut und Leiden genau so weit vom Ziel entfernt ist wie im Moment:

Ekathimerini: Griechenlands BIP könnte 2013 9% fallen - egghat's not so micro blog

Update (12.11.12)

Oder das hier :-(

Hanging in quiet desperation is (becoming) the Greek way


Deutschland hat eine Bank von Weltruf. Berühmt berüchtigt.

und wie üblich, wenn es etwas aus Deutschland Weltruf hat, zittert die Welt davor (außer vielleicht vor deutschem Bier ;-) ).

Dieses Mal zittert die Welt vor der Deutschen Bank, die es unter die vier gefährlichsten Banken der Welt geschafft hat. Berechnet wird die Liste vom Financial Stability Board der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ oder BIS auf Englisch). Gefährlich ist hier definiert als "too big to fail", zu groß um die Bank Pleitegehen lassen zu können, und auch zu groß, um von einem Staat alleine gerettet werden zu können.

Damit das nicht passiert, müssen diese Banken, je nach "Gefährlichkeit" besonders strenge Eigenkapitalrichtlinien erfüllen. Im Fall der Deutschen Bank bedeutet das einen zusätzlichen Aufschlag von 2,5% auf den normalen Puffer von 7,0% (also 9,5%), der ab 2016 erreicht werden muss.

Die Banken mit 9,5% Eigenkapitalanforderung:
  • Deutsche Bank (D, eine Stufe höher als im letzten Jahr)
  • Citigroup (USA)
  • JP Morgan Chase (USA)
  • HSBC (UK)
Die Banken mit 9,0%:
  • Barclays (UK)
  • BNP Paribas (F, eine Stufe niedriger)
Die Banken mit 8,5%:
  • Bank of America (USA, eine Stufe niedriger als im letzten Jahr)
  • Bank of New York Mellon (USA)
  • Credit Suisse (CH, eine Stufe höher)
  • Goldman Sachs (USA)
  • Mitsubishi UFJ FG (J, eine Stufe rauf)
  • Morgan Stanley (USA)
  • Royal Bank of Scotland (UK, eine Stufe rauf)
  • UBS (CH, eine Stufe rauf)
Die Banken mit 8,0%:
  • Bank of China 
  • BBVA (ESP, neu auf die Liste))
  • Groupe BPCE (F)
  • Group Crédit Agricole (F, eine Stufe runter)
  • ING Bank (NL)
  • Mizuho FG (J)
  • Nordea (SWE)
  • Santander (ESP)
  • Société Générale (F)
  • Standard Chartered (UK, neu auf der Liste)
  • State Street (USA)
  • Sumitomo Mitsui FG (J)
  • Unicredit Group (ITA)
  • Wells Fargo (USA)
Aus der Liste gefallen ist die Commerzbank, LLoyds und die zerschlagene Dexia.

Die Änderungen zum Vorjahr sind mit Vorsicht zu genießen, weil das FSB (Financial Stability Board) meines Wissens im letzten Jahr nur die Liste der 29 Banken veröffentlicht hat, die Einteilung in die Körbe aber nicht offiziell bekannt gegeben wurden. Sie tröpfelten aber trotzdem zum großen Teil heraus:

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: EK-Zuschläge der großen Großbanken raus

Die Liste (inkl. Körbe) Stand Ende 2012.
http://www.financialstabilityboard.org/publications/r_121031ac.pdf

Das nächste Update kommt im nächsten November 2013.

Interessant, dass die Banken aus den USA generell etwas unkritischer gesehen wurden, während die Banken in Europa eher nach oben gingen. Dass die Deutsche Bank jetzt gleich zwei Klassen höher, sprich risikoreicher eingestuft wird als die Bank of America oder Goldman Sachs, verblüfft dann doch etwas ...

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