Gleich gibt's ein Wirtschaftswunder in den USA.

Denn das BIP, der wichtigste Indikator zur Messung der Wirtschaftskraft eines Landes, wird neu berechnet.

In den USA ist man vor einiger Zeit auf die Idee gekommen, einige immaterielle Güter, die bisher nicht zählten, mit in die Berechnung des BIPs einzubeziehen. Darunter fallen zum Beispiel Forschungsausgaben. Diese wurden bisher einfach als Kosten berücksichtigt, der Wert der Forschung ging also erst dann ins BIP ein, wenn daraus eine Produkt wurde, das für Umsatz sorgte.

Das ist jedoch komplett anders als bei einet Investition in die Produktion. Baue ich ein Gebäude oder schaffe ich einen Roboter an, steigert das sofort das BIP.

Prinzipiell sind Forschung und Entwicklung eines Produkts und die Investition in die Produktion aber nicht so unterschiedlich. Das unterscheidet sich hauptsächlich durch das Stadium der Produktentwicklung, in der das Geld eingesetzt wird. Und damit unterscheidet sich auch das Risiko: In der Forschungsphase ist noch sehr unsicher, ob es Umsätze geben wird, in der Entwicklungsphase sinkt die Unsicherheit und in der Produktionsphase geht man ziemlich sicher von Umsätzen aus (auch wenn man sich da irren kann, siehe die 900 Mio.$ Abschreibung von Microsoft auf unverkäufliche Surface RT Tablets ...).

Dass Forschung & Entwicklung jetzt mit ins BIP eingehen, ist auch irgendwie logisch, selbst wenn man kritisieren kann, dass es sich hierbei um heiße Luft handelt. Logisch und konsequent ist das vor allem, weil die Bilanzen der Firmen heute schon so erstellt werden. Dort können Ausgaben für Forschung und Entwicklung bereits "aktiviert" werden (wie die Buchhalter sagen), sprich die Ausgaben gehen (zum Teil, wie groß dieser Teil auch immer sein mag) als Vermögensgegenstand in die Bilanz ein.
Bei deutschen Automobilherstellern ist diese Vorgehensweise üblich. Würden diese anders bilanzieren, hätten diese in Jahren ohne neues Modell hohe (Entwicklungs-)Kosten und damit niedrige Gewinne, in Jahren mit neuen Modellen dagegen hohe Gewinne. Die Gewinne würden zwischen den Jahren extrem stark schwanken und so würde die eigentliche Ertragsstärke der Firma nicht richtig widergespiegelt. Werden Teile der Entwicklungskosten aktiviert, glättet das den Gewinn deutlich.

Beim BIP geht es aber um etwas anderes als Glättung: Man möchte den Wert des Wissens, der durch die Forschung und Entwicklung entsteht, erfassen. Und das ist im Zeitalter der Wissensgesellschaft nicht so falsch. Dass dabei nicht nur die oben genannten Forschungs- und Entwicklungsausgaben in das BIP eingehen, sondern auch TV-, Musik- und Filmrechte, mag einem komisch vorkommen. Die Handelszeitung nennt es auch gleich: "Lady-Gaga-Produkt", beschreibt dann im Artikel aber korrekt, worum es geht. Auch die Macht, die von der BIP-Statistik ausgeht, wird thematisiert. U.a. taucht der gute alte Keynes auf. Lesen, guter Artikel:

Wir steigern das Brutto-Gaga-Produkt | handelszeitung.ch

Harsche Kritik an der Neuberechnung gab es schon im April im Guardian, die allerdings zum Teil ziemlich platt ist. Platt, weil Filmrechte ja nicht wertlos sind, das Problem ist viel mehr, wie ich den Wert bestimme. Denn in jedem unfertigen Produkt (egal ob Auto oder Film oder Tablet) steckt ein hohes Risiko. Das ist aber auch bei der Investition in eine Fabrik nicht anders, frag nach in einigen Solarzellenfabriken ...

Revising how the US calculates GDP will not have a happy ending | Heidi Moore | Comment is free | theguardian.com

Das US-BIP wird heute nachmittag wohl um 500 Mrd. Dollar höher ausfallen, was etwa 3% des US-BIPs entspricht. Ich weiss aber nicht, wie die Zahl gemeldet wird. Bereinigt oder nicht bereinigt. Es werden nämlich alle BIP-Zahlen bis 1929 zurück neu berechnet, um eine saubere Kette von Werten zu erhalten.

In Europa kommt eine ähnliche Änderung 2014. Da gibt es also dann auch hier mehr BIP. Juhuuh! Und sinkende Schuldenstände (in Prozent des BIPs) Juhuuh! Darüber dürften sich die Politiker freuen .... (und das natürlich als eigene Leistung verkaufen. Aber nicht Euch, ihr wisst jetzt Bescheid :) ).

Es wird übrigens spannend zu sehen, welche Länder wie stark profitieren. Die Schweiz (viel Pharma) kann z.B. mit etwa 2% BIP-Plus rechnen, Großbritannien mit etwa einem Prozent (sollten nicht allein die Beatles Lieder 2% des BIPs wert sein ;)?). Wer solche Prognosen für Deutschland kennt --> Ab in die Kommentare.

Update (14:35):

US-BIP im zweiten Quartal 2013: +1,7% Jahresrate (erste Schätzung).

Update 2 (14:47):

Das Ausmaß der Korrekturen ist nun klar:

Insgesamt stieg das BIP um 559,8 Mrd. Dollar.

Davon kommen 396,7 Mrd. durch die Aktivierung von Forschungs- und Entwicklungsausgaben und 74,3 Mrd. aus der Aktivierung von Film-, Buch- und Musikrechten.

Die restlichen 100 Mrd. buche ich unter diverses, weil ich keine Lust habe, das im Detail nachzulesen (statistische Änderungen gibt es übrigens immer, von daher sind 100 Mrd. auch nicht die Welt).

Das BIP nach den Änderungen ist seit 1929 0,1% pro Jahr stärker gestiegen (jetzt 3,3%) und seit 2002 0,2% stärker (jetzt +1,8%). Die Rezession 2007-2009 war "nur" 4,3% tief (und nicht 4,7%). Auch ein Quartal (Q04-2007) fiel aus der Rezession raus. 2010 wird jetzt mit 2,5% BIP-Plus gesehen (vorher 2,4%), 2011 bleibt unverändert bei +1,8%, 2012 steigt kräftig von 2,2 auf +2,8%.

Update 3 (21:57):

Weil ich es heute schon mehrfach gelesen habe, noch eine kleine Ergänzung: Es stimmt: Das Plus von 1,7% im zweiten Quartal kam deutlich über den Erwartungen, die eher bei 1,1%, teilweise bei nur +0,5% lagen. Aber: Da gleichzeitig das erste Quartal von +1,8 auf nur noch +1,1% korrigiert wurde, bleibt von der positiven Überraschung wenig bis nichts übrig.

Und noch eine Ergänzung, weil ich es heute nachmittag vergessen habe: Der Link auf das LSR-freie Original.

http://www.bea.gov/newsreleases/national/gdp/2013/pdf/gdp2q13_adv.pdf

Update 4 (01.08.2013):

Noch ein weiterer Nachtrag zum "besser als erwartetem" BIP-Plus.

Der Preisdeflator lag im zweiten Quartal nur bei 0,8%. Das ist deutlich weniger als im Vorquartal (1,4%) und auch deutlich weniger als im Durchschnitt der letzten 14 Quartale (1,75%). Das BIP-Plus wäre, wenn der Preisdeflator nicht so niedrig gewesen wäre, deutlich niedriger ausgefallen. Bei einem gegenüber dem Vormonat unveränderten Deflator wäre das BIP-Plus mit nur 1,1% gekommen, beim Durchschnittsdeflator der letzten 3,5 Jahre sogar nur mit +0,7%.
Wieso der Deflator jetzt so niedrig ist, kann ich auch nicht sagen ... In der Verbraucherpreisinflation lässt sich ein entsprechend starker Rückgang auf jeden Fall nicht feststellen.

(Hintergrund: Der Preisdeflator misst die Inflation. Das BIP wird im Ursprung brutto gemessen, man addiert also einfach alle Waren und Dienstleistungen zu den aktuell gültigen Preisen zusammen. Dann versucht man die Preissteigerung zu berechnen (das ist der Deflator). Dieser wird vom Brutto-BIP abgezogen und dann gibt es das preisbereinigte Netto-BIP. Letzteres taucht dann in den Schlagzeilen auf).

Mish's Global Economic Trend Analysis: About that "Beat the Street" GDP Number

Inklusive der Korrekturen war das Quartal so schlecht, dass der Rezessionsindikator von Wirtschaftsprofessor James Hamilton auf 30,5% gestiegen ist, dem höchsten Wert seit Ende der Rezession. Das ist zwar immer noch weit weg von der Schwelle von 67%, ab der Hamilton eine Rezession für ziemlich sicher hält, aber ein Zeichen für eine gesunde, kräftige Erholung ist ein so hoher Wert des Rezessionsindikators auch nicht. In Nicht-Rezessionszeiten war der Wert seit Mitte der 90er Jahre nicht mehr sehr hoch.

Econbrowser: Econbrowser recession indicator index up to 30.5%

Kommentare :

  1. Streng genommen müßten der Aktivierung der F+E-Aufwendungen im Jahr 1 dann ja in den Folgejahren entsprechend höhere Abschreibungen gegenüberstehen - weiß man, wie das gelöst werden soll?

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    1. Ich weiss es nicht beim BIP, aber es müsste so sein wie in den Bilanzen: Da wird einfach abgeschrieben. Wie bei Maschinen auch. Bei Patenten ist das ja auch ganz logisch: Die laufen x Jahre und dann ist es vorbei mit dem Monopol und den Monopolgewinnen.

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    2. Da war doch noch etwas mit dem Impairment...

      http://www.iasplus.com/en/standards/ias/ias36

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