Kommt der E-Plus/o2-Merger durchs Kartellamt?

Ziemlich interessante Frage, denn die beiden Firmen sind sich ja einig. Für 5 Milliarden Euro will Telefonica (die Mutter von o2 Deutschland) E-Plus Deutschland von der niederländischen Mutter KPN kaufen. Damit schließen sich die Nummer drei und vier in Deutschland zusammen. Die neue Firma wäre nach Marktanteilen definitiv auf Augenhöhe: nach Anzahl der aktiven SIM Karten wäre "o2-plus" auf Platz 1, nach Umsatz aber wohl weiterhin auf Platz 3.

In einem Markt, auf dem sich nur so wenige Spieler tummeln, ist natürlich das Nachdenken über das Kartellamt sinnvoll. Daran könnte der Plan nämlich scheitern. Und das ist ein schöner Anlass, mal auf die neue Methodik hinzuweisen, nach der heutzutage (nach der Verabschiedung der 8. Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen) solche Zusammenschlüsse beurteilt werden.

Heute wird nämlich wesentlich direkter auf die Verbraucher, genauer das Kundenverhalten, geschaut. Früher wurde vor allem untersucht, ob eine Firma durch eine Übernahme eine marktbeherrschende Stellung erreicht. Diese Frage wurde im Wesentlichen über den Marktanteil entschieden. Wird der Marktanteil zu groß, ist eine marktbeherrschende Stellung zu vermuten. Ende. (OK, so einfach war es nie, aber die Vergangenheit muss man nicht unbedingt in allen Details erklären).

Heute wird viel direkter untersucht, ob ein Zusammenschluss zu nachteiligen Folgen für den Verbraucher führen könnte. Dabei kann es sowohl dazu führen, dass ein Zusammenschluss, der eigentlich nicht zu einer marktbeherrschenden Stellung führt, untersagt wird, als auch anders herum, also dass ein Zusammenschluss, der zu einem richtig hohen Marktanteil führt, nicht untersagt wird, weil er nicht als wettbewerbsmindernd gewertet wird.

Der Fachbegriff dafür heißt "SIEC" - Significant Impediment of Effective Competition. Die grobe Übersetzung "spürbare Beeinträchtigung des effektiven Wettbewerbs" zeigt schon, was vorrangig untersucht wird: Die Auswirkungen des Zusammenschlusses auf den Wettbewerb.

Im konkreten Fall könnte es zum Beispiel sein, dass sich E-Plus und o2 an die selben Kunden (Private?) gewendet haben, genau wie Vodafone und die Telekom andere Kunden hatten (Profis?). Das könnte man dann z.B. daran ablesen, dass Kunden häufig innerhalb der Pärchens E-Plus und o2 wechseln und auch innerhalb des Pärchens Telekom und Vodafone, aber selten von einem dieser Pärchen zu einem anderen.

Das macht man in der Praxis ganz konkret an neuen Tarifen fest. Wenn die Telekom die Preise senkt, schaut man, ob die neuen Kunden von Vodafone, o2 oder E-Plus kommen. Entspricht diese Verteilung in etwa wie die Verteilung bei den Marktanteilen, wären alle 4 Anbieter für die Kunden in etwa gleichwertig. Unterscheidet sich das Wechselverhalten aber auffällig (z.B. weil die Kunden fast ausschließlich von Vodafone kommen), steht die Telekom zu Vodafone anscheinend in einem deutlich direkteren Wettbewerbsverhältnis als zu o2 und E-Plus (Fachbegriff dafür "Diversion Ratio").

Hat man das erstmal analysiert, kann man nun versuchen herauszufinden, ob der Zusammenschluss der beiden Firmen bessere Möglichkeiten hat, die Preise zu erhöhen (UPP-Test; upward pricing pressure). Angenommen, die Kunden wechseln quasi nie von E-Plus zu Telekom/Vodafone, sondern fast immer nur zu o2, würde nach einem Zusammenschluss von E-Plus und o2 für die Kunden dieser beiden Firmen der größte und interessanteste Wettbewerber wegfallen. "o2-Plus" könnte also die Preise spürbar erhöhen, bis das Preisniveau von Telekom/Vodafone erreicht wäre. Erst dann würde ein Großteil der Kunden wohl auf eines der besseren Netze umsteigen. Wird die Preiserhöhung, die "o2-Plus" gefahrlos machen könnte, als "zu groß" angesehen, kann die Monopolkommission die Fusion ablehnen. (Es gibt neben dem UPP auch noch GUPPI und IPR Tests, die aber die selbe Frage beantworten sollen: Hat der Anbieter nach der Fusion größere Möglichkeiten, seine Preise zu erhöhen).

Generell ist das Ganze natürlich ziemlich schwierig, weil sich der Mobilfunkmarkt in viele Teile zerlegen lässt: Beispielsweise Prepaid vs. Postpaid oder Sprache vs. Daten. Jeder dieser Teilmärkte kann sich theoretisch unterschiedlich verhalten.

Unter Umständen können auch weiche Faktoren einfließen. Zum Beispiel könnte der Zusammenschluss von o2 und E-Plus dazu führen, dass sich "o2-Plus" den Wettbewerbern annähert.

Idee: Aufgrund der geringeren Kundenanzahl war es E-Plus und o2 nicht möglich, das "platte Land" ähnlich gut zu versorgen wie die beiden großen Anbieter. Es gab dort einfach zu wenige Kunden pro Mobilfunkmast und deshalb konnten Masten außerhalb der Ballungsräume für die beiden kleinen Anbieter nie profitabel werden (Die beiden wollten sich deshalb auch schon mal Masten teilen). Es gibt aktuell also zwei Pärchen von Anbietern: o2 und E-Plus, die sich die Versorgung der Fläche sparen, dafür aber preiswert sind, und Telekom und Vodafone, die breit in der Fläche gehen, sich diesen Vorteil ("überall Netz") aber auch bezahlen lassen.

Nach dem Zusammenschluss mag sich das aber ändern und "o2-Plus" könnte beginnen, massiv in die Flächenversorgung zu investieren. In zwei oder drei Jahren könnte "o2-Plus" dann in der Fläche ähnlich gut aufgestellt sein wie die beiden Großen.

Nimmt man diese Entwicklung einfach mal an, zeigt sich, wie schwierig die Beurteilung eines solchen Zusammenschlusses am Ende ist: Denn man könnte nun argumentieren, dass eine solche Entwicklung für die "Fläche" gut ist und den Wettbewerb anheizt (drei "Flächen"-anbieter statt vorher zwei), genauso gut könnte man aber auch sagen, dass das schlecht für die Kunden in den Ballungsräumen ist, da "o2-Plus" bei einem genauso guten Angebot wie Telekom und Vodafone u.U. nicht mehr der preislich aggressive Wettbewerber sein wird.

Kurz: Die Entscheidung wird ziemlich schwierig und es bleibt spannend.
Wer sich für UPP und GUPPYs interessiert, kann sich das auch bei PWC noch mal en Detail durchlesen.

http://www.pwc.de/de/newsletter/transaktionen/assets/pwc-newsflash-competition-economics-ausgabe-1-juli-2013.pdf

Update (24.07.13):

Erste Wasserstandsmeldungen aus dem Bundeskartellamt:

O2 und E-Plus: Kartellamt sieht Handy-Übernahme kritisch - Unternehmen - FAZ

Update 2 (28.7.13):

Justus Haucap, früher Vorsitzender der Monopolkommission, heute "nur noch" normales Mitglied, äußert sich skeptisch:

Wettbewerb: Skepsis gegenüber Mobilfunkfusion wächst - IT Medien - Unternehmen - Handelsblatt

Der Chef von E-Plus sieht das natürlich anders, aber was soll er auch sagen ...

Update 3 (29.7.13):

Hier noch eine ausführliche Stellungnahme von Justus Haucap in seinem Blog:

Vier gewinnt: Fusion von E-Plus und O2 dürfte Wettbewerb erheblich schwächen | Edgeworth Blogs


Interessant darin auch die Anmerkungen aus einem älteren Verfahren. 2007 hat KPN (die Mutter von E-Plus) ein Verfahren angestrengt, in dem E-Plus den beiden großen mangelnden Wettbewerb (also ein Kartell) nachweisen wollte. Lustig gell? Heute sieht E-Plus das mit dem Wettbewerb natürlich ganz anders ...

Auch bei der Ausschreibungen neuer Frequenzen (zuletzt LTE) wurden regelmäßig Stellungnahmen der Wettbewerbsbehörden eingeholt. Diese waren aber immer ziemlich skeptisch was eine weitere Verringerung der Anzahl der Netzbetreiber anging.

Interessante Lektüre ...

Update (5.8.2013):

Fusionspläne: E-Plus und O2 müssen um Frequenzen fürchten - Unternehmen - FAZ

Kommentare :

  1. O2 hat schon Alice aufgekauft. Also geht es jetzt nicht nur um E-Plus. O2 wird langsam Nummer 2 in Deutschland

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    1. Vodafone macht aber auch Festnetz. Und will mit der Übernahme von KabelDeutschland nochmal nachlegen.

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