Microsoft schnappt sich Nokias Gerätesparte für nur 3,8 Mrd. €.

Microsoft bezahlt für die Gerätesparte des ehemals (mit Abstand) größten Handyherstellers der Welt nur 3,8 Mrd. Euro. Der Rest der Kaufsumme von 6,5 Mrd. Euro (also 1,65 Mrd. €) ist eine Lizenzzahlung für die 10-jährige Nutzung der Patente, die aber bei Nokia bleiben.

Außer den Patenten verbleiben danach nur die Netzwerksparte und die Karten (Navigation, Nokia Maps) in Finnland. Microsoft wird die Karten von Nokia weiterhin für das eigene Smartphone-Betriebssystem nutzen (wie lange, ist unklar).

Nokia verliert damit etwa die Hälfte des eigenen Umsatzes. Microsoft darf die Marke Nokia für die eigenen Handies weiter benutzen. Und will die Feature Phones (Asha) weiter herstellen. Die große Frage dürfte aber sein, wie lange diese Entscheidung hält ... An einem Nicht-Microsoft-OS auf Microsoft-Geräten dürfte Microsoft sowas von gar-kein-Interesse haben ... Ich erwarte einen schnellen Verkauf an irgendjemanden aus China; Kaufpreis dafür ganz nahe an einem Dollar ...

Ob der Kaufpreis für Nokias Geräteabteilung zu hoch oder zu niedrig ist, muss man bei weniger als 4 Milliarden Euro eigentlich gar nicht diskutieren. Inklusive Umstrukturierungskosten dürfte sich die Kaufsumme zwar noch erhöhen, aber eine Firma nahe am Break Even (Nokias Zahlen sind ja nicht tiefrot) zu etwa einem Viertel des Umsatzes zu kaufen, darf als Deal durchgehen.

Anders gesagt: Sollte Microsoft Wette auf Windows Phone als Platz 3 im Markt nicht aufgehen, gibt es doch noch eine realistische Chance, für den Verkauf in drei oder fünf Jahren einen Großteil des Kaufpreises zurückzubekommen. Und selbst wenn nicht: 4 Mrd. Euro sind in etwa 2 Monatsgewinne für Microsoft ... Das kann man schon mal riskieren ...

Microsoft to acquire Nokia’s devices & services business, license Nokia’s patents and mapping services

Auch die Frage, wer nächster Microsoft Chef und Nachfolger von Steve Ballmer wird, könnte damit beantwortet sein. Steven Elop hat große Dienste geleistet. Einen der größten Konkurrenten für Platz 3 (den Microsoft kurzfristig anstrebt) im weltweiten Smartphone Markt vor die Wand gefahren und dann für nen Appel und ein Ei an den ehemaligen und zukünftigen Arbeitgeber verschachert. Was will man mehr (aus Sicht von Microsoft)?

Die Wettquoten sind inzwischen eindeutig. Die Quote für Elop ist von 1:6 (1 Euro einsetzen, 6 gewinnen) auf 1: 1,66 eingebrochen. Elop ist also nun der große Favorit. Dahinter liegt auf Platz 2 nun Cheryl Sandberg, die letzte Woche noch unter ferner Liefen ("dahinter wird es teilweise lustig") lagen. Quote 1:8. Mein persönlicher Favorit aus technischer Sicht Steven Sinofsky liegt nun auf drei, der ehemalige Vize-Favorit Kevin Turner ist auf Platz 4 zurückgefallen. Die völlig albernen Vorschläge Tim Cook, Jonathan Ive und Marissa Meyer sind inzwischen von der Liste verschwunden.

Wer wird nächster #Microsoft Chef? - egghat's not so micro blog

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Update (10:33):

Die Nokia Aktie liegt gegenüber dem Schlusskurs von gestern (2,95€) massiv im Plus. Aktuell sind es gut 4 Euro, also etwa 35%. Interessanterweise konnte man einen ganzen Teil des Gewinns noch kurz nach Eröffnung des Handels einstreichen. Der erste Kurs lag heute morgen (also nach der Nachricht) bei knapp 3,50€.

Update 2 (10:47):

Der Aktienkurs von Nokia lag beim Einstieg Elops bei Nokia übrigens bei 7,60€. Er hat also über die Hälfte des Firmenwerts vernichtet. Respekt.

Weltweiter Marktanteil von Nokia im Smartphone-Markt im 3. Quartal 2010 (bei Elops Start): 33%

(Quelle: Smartphone-Verkaufszahlen Q3 2010: Nokia und Apple vorn › pocketnavigation.de | Navigation | GPS | Blitzer | POIs).
Weltweiter Marktanteil von Nokia im Smartphone-Markt im 2. Quartal 2013 (bei Elops Abgang): 3,1%.

RESPEKT!

Update 3 (10:57):

Das Handelsblatt nennt Elop einen "trojanischen Manager". Ziemlich treffend.


Ex-Nokia-Chef Elop: Der „trojanische Manager“ - IT Medien - Unternehmen - Handelsblatt

Auch schön: Elops Interview in der Zeit:

ZEIT: Vor nicht allzu langer Zeit galt Nokia noch als Übernahmekandidat – und Microsoft als ein möglicher Käufer. Das ist zwar nie passiert. Aber war es überhaupt eine ernsthafte Option?
Elop: Nein, darüber wurde nie gesprochen. Nokia hat fünf Geschäftsfelder: Smartphones, Karten und lokale Dienste, Mobiltelefone, Netzwerktechnik und das Patentgeschäft. Nur die ersten beiden sind für Microsoft überhaupt interessant, und insofern ist eine Zusammenarbeit das Beste für die Zukunft.
ZEIT: Ende 2013 ist Nokia also ein unabhängiges, hochprofitables Unternehmen mit Stephen Elop als Vorstandschef?
Elop: Das hoffe und erwarte ich.

Angry Nerds: Elop vor neun Monaten in der Zeit

Update 4 (13:31):

Was an dieser Stelle vielleicht auch noch spannend ist: Bezahlt wird der Deal aus dem Geld, das Microsoft mit Niedrigststeuersätzen aus Europa in Steueroasen transferiert hat (und das immer noch dort liegt, weil es bei Rückholung in die USA voll versteuert werden müsste).

Die beste Beschreibung des Prinzips in meinen vielen Postings zum Thema gibt es IMHO hier:

Apple zahlt in Europa weniger als 2% Steuern - egghat's not so micro blog

Wir Europäer finanzieren also mit den Niedrigsteuersätzen den Ausverkauf der europäischen Industrie. Wir sind schon schlau ...

Anders betrachtet könnte man auch den Tweet von Guenter Hack erweitern:

Twitter / guenterhack: Oh. die NSA kauft den letzten europäischen Handykonzern.

Oh. Die NSA kauft den letzten europäischen Handykonzern. Mit nahezu unversteuerten Gewinnen aus dem Europageschäft.

Update 5 (14:43):

Ziemlich wirre Spekulation zum (voraussichtlichen Abschluss):

Microsoft musste Nokia kaufen, weil Nokia auf Android umsteigen wollte.

Analysts: Microsoft Bought Nokia Because Nokia Was Going To Stop Making Windows Phones - Business Insider

Update 6 (05.09.13):

Noch eine kleine Spekulation rund um die Patentlage ... Nokia ist ja jetzt ohne Produktion und könnte seinen Patentpool jetzt viel aggressiver nutzen als bisher.

Wird Nokia jetzt zum Patenttroll und vernichtet Android? - egghat's not so micro blog

Kommentare :

  1. Ohne Gelder von MS (die ja auch mal Apple subventioniert haben) wäre Nokia vielleicht die Luft ausgegangen - obwohl die Marktanteile für WinPhone wachsen. Die massive Werbeunterstützung seitens MS hat da sicherlich geholfen. So Elop ein "Trojaner" gewesen ist, war der Kaufzeitpunkt für MS günstig. Ob Nokia mit Symbian oder Android besser da stünde, ist hypothetisch - das hatten die Finnen selbst verbockt. Zumindest hat Rest-Nokia jetzt eine bessere Überlebenschance, ohne den Verlustbringer Mobile Devices. Ob MS die Akquise nutzen kann, wird sich zeigen. Da der alte Bill seinen Freund Steve ersetzt, gibt es sicherlich eine Neuausrichtung und MS hat jede Menge Cash und damit Durchhaltevermögen. So der klassische PC durch immer leistungsfähige Smartphones und Tablets kannibalisiert wird, hat MS den richtigen Schritt getan. Das Blackberry 10 Z hat einen HDMI-Ausgang und soll bei zukünftigen Gerätegenerationen lt. CEO Heinz den PC ersetzen. Ungeachtet der Probleme von BB halte ich diese Einschätzung für richtig. Zudem ist MS in derartig vielen Unternehmen fest verankert, dass diese im ersten Schritt bei "BYOD" sicherlich eine MS-Komplettlösung nicht ungern sehen. MS hat 85% Marktanteil bei den Desktops und wächst in Unternehmen. In Redmond will man Marktanteile und hat Zeit und Geld (aktuell 80 Mrd. $). Man muss MS nicht mögen, aber man sollte sie niemals unterschätzen. Ohne Elop wäre die Konkursquote von Nokia sicherlich schlechter für die Aktionäre ausgefallen. Wer von Alternativen fabuliert, möchte bitte auch die Finanzierung benennen. Wenn die Situation bei Nokia so desolat war, den "Bund mit dem Teufel" einzugehen, gibt es kein Mitleid. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

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    1. Nokia hatte auch ein eigenes OS ... Das ziemlich genauso fertig war wie Windows Phone (das war nämlich auch nicht fertig). Das mit einer vernünftigen Migrationsstrategie von Symbian aus *hätte* was werden können ...

      Dass Microsoft auf Tablets setzen muss: Klar! Ich hätte es nur so gemacht wie Apple es vorgemacht hat: Das OS vom Telefon hochskalieren und nicht das Desktop OS runterskalieren. Wie der grandiose Erfolg von Surface zeigt, war die Entscheidung von Microsoft keine gute ...

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  2. wird nokia nun zum vollzeit patent troll?

    http://www.reuters.com/article/2013/09/03/us-nokia-microsoft-patents-idUSBRE9820ZZ20130903

    wäre nicht das erste mal das ein ehemals erfolgreiches unternehmen diesen weg ginge...

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    1. Könnte sein. Die 160 Mio. im Jahr, die Microsoft zahlt, sind schon einmal eine Duftmarke.

      Ich weiss gar nicht, was aus der Klage Nokia vs. Apple geworden ist. Da gab es was, das kocht aber im Vergleich zu Apple vs. Samsung auf sehr kleiner Flamme ...

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    2. Generell: Wenn Microsoft nach dem Kauf der Nokia-Gerätesparte jetzt entscheiden sollte, dass sie keine anderen Hersteller (Samsung, Huawei, LG, ...) mehr braucht, um WIndows Phone durchzusetzen (aktuell kommen bereits 85% der Windows Phone Smartphones von Nokia ergo Microsoft), könnten beide lustig anfangen, alle Android-Hersteller zu verklagen ... HTC zahlt ja bereits gemunkelte 15$ pro Gerät an Microsoft (für Patentlizenzen), jetzt lass Nokia mal loslegen und auf der Hardwareseite verklagen. Nokia hat ja nichts mehr zu verlieren, die produzieren ja keine Handies mehr ...

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    3. Danke für den Hinweis, habe das nochmal etwas ausführlicher betrachtet:

      Wird Nokia jetzt zum Patenttroll und vernichtet Android - egghat's not so micro blog

      Die Nokia Klage gegen Apple ist übrigens beigelegt, Apple zahlt also bereits an Nokia (Summe unklar).

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