Twitter: Ein paar Gedanken zur Bewertung. Kaufen oder Nichtkaufen?

OK, jetzt ist es fix. IPO-Kurs 26$. Einnahmen damit für Twitter 1,8 Mrd. Dollar. Gesamter Firmenwert damit 14,4 Milliarden Dollar. (Twitter Gründer Dorsey ist damit übrigens etwa 600 Mio. Dollar "schwer").

Interessant ist jetzt natürlich der Vergleich zu anderen Börsengängen aus dem Hightech-Bereich. Als letzter großer Börsengang fällt Facebook ein. Dazu hatte ich damals ja einige Male etwas geschrieben, u.a. im Rahmen einer kleinen Wette:

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Warum die Facebook-Aktie wie die Muppets ein Welthit wird

Meine Einschätzung, dass in Facebook durchaus einiges an Potenzial steckt, ist inzwischen aufgegangen, auch wenn das Tal zuvor mit der Kurshalbierung hart war. Im Fall von Twitter bin ich aber nicht so optimistisch ...

Twitter unterscheidet sich meiner Meinung nach von Facebook in zwei Dingen:

a) Die Bewertung von Twitter ist deutlich höher, wenn man berücksichtigt, dass Twitter tief in den roten Zahlen steckt, Facebook hingegen beim Börsengang bereits nachhaltig profitabel war.

b) Facebook ist viel breiter aufgestellt. Facebook ist eine allgegenwärtige Kommunikationsplattform; es gibt Chat, Bilderspeicher, Diskussionsforen, Linktausch, Terminverabredung, Spiele. Damit ist - was die Zukunftsentwicklung von Facebook angeht, viel mehr logisch herleitbar als bei Twitter.

Zu a: Bewertung:

Twitter ist tief in den roten Zahlen, Facebook war (und ist) profitabel. Der Umsatz bei Twitter steigt zwar massiv, der Verlust verbessert sich aber nicht. Grob gerechnet steigt der Verlust sogar fast genauso stark wie der Umsatz:

2010 Umsatz 28 Mio., Verlust 67 Mio.
2011 Umsatz 106 Mio., Verlust 127 Mio.
2012 Umsatz 317 Mio., Verlust 77 Mio.

Das sieht erstmal nach einer Verbesserung aus, aber wenn man das mit den ersten 9 Monaten 2013 vergleicht, kehrt sich der Trend schon wieder um

Erste neun Monate 2012: 205 Mio. Umsatz, 69 Mio. Verlust.
Erste neun Monate 2013: 422 Mio. Umsatz, 134 Mio. Verlust.

Jetzt mögen die Kosten 2013 unter anderem durch den Börsengang negativ belastet sein, aber es bleibt dabei, dass eine steigende Profitabilität anders aussieht. Die Hochrechnungen der Analysten erwarten bis 2015 keine Gewinne.

Eine Bewertung von Twitter nach Gewinn ist also nicht möglich. Dann bleibt der Umsatz. Und nach diesem Kriterium ist Twitter sogar einen Tacken teurer als Facebook beim IPO. Wohlgemerkt: Facebook war profitabel, Twitter ist es nicht (und zwar auf Sicht der nächsten zwei Jahre).

Immerhin: Die Twitter-Bilanz, die im IPO-Prospekt veröffentlicht wurde, ist real und nicht so ein Haufen Mist wie die Bilanz bei Groupon, die eine Frechheit war. Da gibt es nichts zu kritisieren.

Twitter Raises $1.82 Billion, Pricier Value Than Facebook - Bloomberg

Twitter legt Ausgabepreis auf 26 Dollar fest - WSJ.de

Zu b: Marktvergleich

Facebook ist breit aufgestellt. Facebook bietet im Endeffekt alles an, was Leute auf Smartphones machen: Chat (SMS, WhatsApp), Bilder/Video (MMS), Spiele, ... Daher ist eine Vision wie ein Facebook-Handy (die ich damals geäußert habe), durchaus realistisch und inzwischen mit einem Android-Aufsatz auch teilweise (wenn auch krude) Realität geworden.

Der zweite große Ansatz für Zukunftsvisionen ist das Payment-System, das Facebook in Ansätzen bereits hat und das Facebook durchaus für Dritte öffnen könnte (zum Einkauf von Musik, Videos, etc. zum Beispiel). Das hat Facebook bisher nicht gemacht, die Option besteht aber weiterhin.

Bei Twitter fehlen mir diese Visionen. Twitter ist SMS und kaum mehr.
Klar, bei Twitter sind Jan und Jupp und auch der König. Diese Anzahl der Nutzer wird kein anderes soziales Netz so schnell erreichen.
Und klar: Werbung kann man auf den Webseiten und in den Twitter-Clients Werbung verkaufen. Aber für weitere Zukunft fehlt mir irgendwie die Basis.

Twitter plant nun, mehr mit TV-Sendern zu kooperieren. Twitter soll dabei eine Art Kommunikationskanal zwischen den Fernsehsendern und den Zuschauern werden. Über diesen Kanal könnte der sogenannte Second Screen (das Tablet bzw. Smartphone) beim Zuschauer mit dem Fernsehsender sprechen. Denkbar wären Umfragen (so wie früher der TED), Gewinnspiele, Fragen einrechnen, etc.
OK, alles ganz nett, aber wie will man das monetarisieren? Würden die Fernsehsender akzeptieren, wenn Twitter diesen Second Screen vermarktet?

Kann Twitter ein WhatsApp werden? (OK, hier wird es sehr spekulativ). Twitter schraubt ja gerade an seiner Direct-Message-Infrastruktur und erlaubt deswegen schon seit etwa drei Wochen keine Links in Direct Messages. Plant Twitter hier sowas wie Guppenchats? Und könnte damit WhatsApp gefährlich werden? Spannender für diesen Artikel: Wäre dort Geld zu verdienen? Liegt dort vielleicht Potenzial, um aus den Benutzern 1, 2 oder 5$ pro Jahr herausquetschen zu können?

Zusammenfassung:

Ich sehe auf Sicht für Twitter nur die Möglichkeit, Anzeigen zu verkaufen. Da Twitter weniger über den Nutzer weiss als zum Beispiel Facebook oder Google, wird Twitter wohl geringere Einnahmen pro Nutzer bekommen. Ich sehe zwar keinen richtigen Konkurrenten für Twitter in dem angestammten Kernbereich, sehe auf der anderen Seite aber auch nicht, wie Twitter aus diesem Quasi-Monopol besonders viel Geld machen könnte.

Angesichts der sehr hohen Bewertung wäre ich sehr vorsichtig beim Kauf von Twitter-Aktien. Sehr vorsichtig ...

Was meint ihr, wo schließt Twitter heute? Könnt ihr auch über APP.NET abstimmen. (Wenn ihr noch nicht da seid, anmelden)

Update (16:02):

Es gibt noch keinen Kurs. Taxen liegen bei 40 bis 44$.

Übrigens, wer meint man könne einfach gegen die Twitter-Aktie spekulieren ... vergesst es. Die Optionen auf Twitter sind wegen der hohen Schwankungsintensität EXTREM teuer.
Kleines Rechenbeispiel. Wer heute eine Option auf einen fallenden Twitter-Kurs kauft, zahlt mit Basis 20$ etwa 3 Dollar für die Option (2,10 Euro, oder 21 Cent bei 1:10 Bezugsverhältnis). Die Laufzeit des Optionsscheins geht bis Mitte März. Die Twitter-Aktie muss also bis Mitte März unter 17 Dollar fallen oder in der Zeit vorher enorm schnell enorm tief fallen.
So grob über den Daumen gepeilt würde selbst ein Kursrückgang auf den IPO Preis von 26$ bis Mitte Januar wohl nicht ausreichen, um die Option ins Plus zu hieven. Die Twitter-Aktie müsste also entweder schneller oder kräftiger einbrechen. Bei einem Rückgang auf 26 heute oder morgen wäre der Optionsschein natürlich deutlich im Plus ...

Update 2 (16:30):

Immer noch kein Kurs, aber die Spanne engt sich ein: Gut 45 Dollar werden jetzt erwartet, Marktkapitalisierung wäre damit etwa 25 Milliarden Dollar. Das ist in etwa so viel wie der zweitgrößte Stromanbieter in Deutschland RWE.

Update 3 (17:18):

Erster Kurs: 45,10. 75% Plus. Kurz danach sogar knapp über 50 (50,09$). Jetzt wieder in der Nähe des Eröffnungskurses. Bei 45 Dollar ist Twitter mit 24,5 Milliarden Dollar bewertet, bei 50$ je Aktie waren  es sogar 27,3 Mrd. Dollar.

Update 4 (08.11.):

Nur zur Klarstellung: Der Artikel entstand zum IPO Preis von 26. Meine Einschätzung zu dem Kurs war wie oben zu lesen ist, neutral bis negativ. Bei 45 hingegen sehe ich keine Basis mehr für eine wohlwollende neutrale Einschätzung. Da kann ich nur ein ganz klares: Finger weg schreiben ...

Was ich allerdings nicht verstehe, sind die vielen Schlagzeilen, die von einer neuen Blase reden. Ein Facebook 2012 und ein Twitter 2013 sind keine Blase. In einer Blase gibt es einen solchen Börsengang pro Monat, wenn nicht gar pro Woche.

Darauf weist Thomas Knüwer zurecht hin:

Twitter und die Blasen in den Journalistenköpfen

Seine relativ optimistische Sicht auf das zukünftige Potenzial von Twitter (Tenor: Twitter ist kleiner als Facebook und vermarktet die Seiten noch nicht so intensiv, hat also mehr Potenzial) teile ich aber nur eingeschränkt. Klar: Twitter kann stärker wachsen. Nur hat Twitter nicht einmal ansatzweise beweisen, dass der Laden profitabel werden kann. Andersherum formuliert: Twitter muss sogar erst einmal kräftig wachsen, um an die Gewinnschwelle zu kommen. Das wird noch schwierig genug, alle bisherigen Überlegungen zur Monetarisierung waren nicht sonderlich erfolgreich ...

eFlation hat mich auf Twitter darauf hingewiesen, dass zum IPO Kurs ein aktiver Nutzer bei Twitter (65$) deutlich preiswerter war als bei Facebook (108$):

https://twitter.com/eFlation/status/398438361603395584

Das ist (besser war) zwar richtig, aber die Bandbreite des Dienstes ist halt auch viel enger, so dass ich einen Nutzer auf Facebook für den Werbekunden für deutlich interessanter halte als einen Nutzer auf Twitter. Allein schon, weil Facebook mehr über den User weiss.

Eine Möglichkeit, Twitter positiv zu sehen, liegt übrigens auch im Cashbestand. Twitter dürfte jetzt mehr als 1 Milliarde Dollar in Cash auf der Bank haben und hat außerdem mit den eigenen Aktien eine gute Akquisitionswährung. Setzt Twitter das Geld klug ein, könnten daraus einige spannende Investments entstehen. Auf der anderen Seite sind Firmen in dem Social Media Umfeld auch teuer, der Kauf von Tumblr durch Yahoo für 1,1 Milliarden Dollar hat das schon eindrücklich belegt.

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