USA: Arbeitslosenquote 09/13: 7,2% (-0,1 Vm, -0,6 Vj), aber nur 148.000 neue Jobs

Für den September veröffentlichte das Bureau of Labor Statistics (deutlich verzögert durch den Shutdown) einen eher schwachen Arbeitsmarktbericht.

Zu den offiziellen Zahlen für den September 2013:

Household Data, per Umfrage erhoben:

Anzahl der Arbeitslosen: -61.000 auf 11,255 Millionen.
Anzahl der Arbeitenden: +133.000 auf 144,303 Millionen

---> Arbeitslosenquote: 7,2% (-0,1 zum Vormonat; -0,6 zum Vorjahresmonat).

Getrübt wird die gesunkene Arbeitslosenquote durch den Anstieg der NILF-Zahl ("not in labor force", suchen keinen Job mehr, aus welchen Gründen auch immer). Diese stieg nämlich kräftig um 136.000, also mehr als das Doppelte des Rückgangs der Arbeitslosenzahl.

Ein guter Check für die Arbeitslosenquote ist die Erwerbstätigenquote (Anzahl Arbeitskräfte gesehen auf die Gesamtbevölkerung). Diese blieb wie im Vormonat bei 58,6% und liegt 0,1 Prozentpunkte niedriger als im Vorjahr. Das Urteil aus den letzten Berichten bleibt daher weiterhin gültig:
Trotz der spürbaren Verbesserung der Arbeitslosenquote verbessert sich der Anteil der Arbeitenden an der Bevölkerung nicht. Es entstehen zwar neue Arbeitsplätze, aber gerade einmal so viele, wie angesichts der wachsenden Bevölkerung nötig sind, um die Erwerbstätigenquote stabil zu halten.

Establishment Data:

Die Daten aus der Establishment Data, die als genauer gelten, enttäuschen im September ebenfalls.

Anzahl der Jobs: +148.000 gegenüber dem Vormonat auf 136,290 Millionen. Zum Plus von 126.000 neuen Jobs im privaten Sektor kommt ein Zuwachs von 22.000 Jobs im öffentlichen Sektor. Bereits im August gab es bei den Jobs im öffentlichen Sektor ein deutliches Plus von 32.000. Das ist der erste signifikante Arbeitsplatzaufbau des Staatssektors seit langer Zeit.

Die Korrekturen der Vormonate für die neu geschaffenen Arbeitsplätze waren im September-Report relativ unauffällig. Das Juli-Plus wurde um 15.000 auf 89.000 reduziert, das August-Plus dagegen deutlich um 24.000 auf 193.000 nach oben korrigiert. Beides zusammen hebt sich in etwa auf.

Die Anzahl der gearbeiteten Stunden pro Woche blieb bei 34,5 Stunden. Das war auch der Wert des Vorjahresmonats. Die Zahl der Überstunden änderte sich ebenfalls nicht und lag bei 3,4 Stunden. Dieser Wert ist seit gefühlten Ewigkeiten bei 3,2 bis 3,5 Stunden (genau wie die Anzahl der Arbeitswochenstunden bei 34,4 und 34,5 Stunden) und spiegelt ganz gut die grobe Tendenz am Arbeitsmarkt wieder: Ja, die Beschäftigung wächst leicht, aber Boom geht anders.

Ein weiterer Punkt, an dem man die Gesamtverfassung des US-Arbeitsmarkts ablesen kann, ist die am breitesten ausgelegte Arbeitslosenquote U-6 (darin stecken z.B. auch alle, die zwar einen Teilzeitjob haben, aber eigentlich Vollzeit arbeiten wollen, etc). Diese ist nach einer Spitze im Juni bei 14,3% inzwischen wieder auf 13,6% gefallen. Damit hat sich der kräftige Anstieg aus dem Juni (13,8 --> 14,3%) komplett in Luft aufgelöst. Auch die Differenz (1,1) zum Vorjahresmonat (14,7%) ist wieder auf den üblichen Wert der letzten Monate geklettert. Hier scheint es also weiter Fortschritte zu geben (es sei denn, die "Halbbeschäftigten" haben ganz aufgegeben und werden jetzt als NILFs gezählt)

Zusammenfassend: Ein eher schwacher Bericht vom US-Arbeitsmarkt. Der leichte Rückgang der Arbeitslosenquote geht ausschließlich auf die Umbuchung von Arbeitskärften in die NILFS zurück. Die Anzahl der neuen Arbeitsplätze in den Establishment-Daten lag deutlich unter den Erwartungen. In den anderen Zahlen lässt sich aber keine deutliche Verschlechterung ablesen, aber eine Verbesserung (was man angesichts der gesunkenen Arbeitslosenquote vielleicht denken könnte) war es eben auch nicht.

BLS.GOV: THE EMPLOYMENT SITUATION – September 2013 (PDF)

In eigener Sache: Keine anonymen Kommentare mehr.

Sorry.

Es sind in diesem Blog ab sofort keine anonymen Kommentare mehr möglich. Ich werde von mehr als 50 Spamkommentaren pro Tag geflutet und habe keine Lust, diese alle von Hand zu scannen, um darin alle paar Tage mal einen anonymen Kommentar zu finden, der veröffentlicht werden kann.

Da Google eine Reihe von Anmeldeoptionen (neben dem Google Account auch Wordpress und OpenID) für die Kommentare hat, dürfte das für die meisten nicht zu Einschränkungen führen. Für die anderen tut's mir leid, aber kann man nix machen.

Eine Alternative wäre natürlich die Umstellung auf Disqus, das ich in meinem Zweitblog einsetze und das mich funktional voll zufrieden stellt (viele Login-Möglichkeiten, v.a. Twitter und Facebook, aber auch anonym, gute Darstellung der Threads, gute Moderationsmöglichkeiten, gute Benachrichtigungsoptionen). Das einzige, was mir nicht gefällt: Das liegt alles auf US-Servern. Aber nun ja, da liegen meine Blogs eh ...

Irland will (angebliches) Steuerschlupfloch schließen. Wait.

Stimmt IMHO nicht, weil das wirkliche Schlupfloch, der Double Irish With a Dutch Sandwich – Wikipedia, nicht gestopft wird.

Aber der Reihe nach. In Irland gibt es die Möglichkeit, eine Firma anzumelden (bzw. nicht anzumelden oder so), die dann zwar in Irland besteuert wird, obwohl sie nicht in Irland sitzt. Das hört sich jetzt komplett wirr an, aber das liegt nicht an meiner Beschreibung, sondern daran, dass ist schlichtweg wirr ist. Die Details einer solchen Anmeldung kenne ich nicht, sie sind aber auch nicht wichtig.
Entscheidend bei dieser Art von Firmensitz ist nur eins: Die Firma zahlt in Irland nur 2% Körperschaftssteuer auf die Gewinne und nicht den normalen irischen Satz von 12,5% (der übrigens auch schon Steueroasenhöhe hat, in Deutschland sind es z.B. 25% 15% plus Soli (wenn ich es richtig im Kopf habe, hatte ich nicht, es sind 15%.). Der Gewinn dieses "internationalen Unternehmens" gilt dann als "in Irland versteuert" und damit auch als "in der EU versteuert". Das ist wichtig, wenn man das Geld im weiteren Verlauf ohne nennenswerte zusätzliche Steuern in eine der Steueroasen in der Karibik bekommen möchte.

Dieses Schlupfloch will Irland jetzt abschaffen. Kurz: Die komische Institution eines "internationalen Unternehmens", dass irgendwie in Irland Steuern zahlt, obwohl es nicht in Irland sitzt, gibt es demnächst nicht mehr. Damit werden also demnächst auch für Apple (und andere) in Irland der volle Steuersatz von 12,5% auf die Gewinne fällig.

Aber genau hier liegt der Knackpunkt. Das Problem ist nämlich weniger der Steuersatz, der in Europa (bzw. hier konkret Irland) gezahlt wird, das Problem ist die Höhe des Gewinns. Hier setzt nämlich der viel entscheidendere Teil der Steuersparkonstruktionen an. Über die Lizenzvergabe der Mutter in den USA werden die europäischen Niederlassungen systematisch ausgesaugt.

Diesen "Lizenztrick" habe ich schon ein paar Mal beschrieben, siehe z.B.

In der Kurzversion: Die Mutter in den USA vergibt (teure) Lizenzen für den Geschäftsbetrieb, die Marke, die Patente, etc. an die europäische Tochter. Diese Lizenzen sind - oh Wunder - immer fast genauso hoch wie der Rohgewinn in Europa.

Ich schildere das mal anhand eines Rechenbeispiels von Google Großbritannien (Steuersatz 31,5%) (zuerst in meinem Zweitblog Google UK zahlt 2012 doppelt so viel Steuern wie 2011 - egghat's not so micro blog):
Google UK hatte 2012 einen Umsatz von 506 Millionen Pfund. (Wie interne Kreise von Google flüstern, war selbst das nicht der normale Umsatz, weil wohl massiv Geschäfte, die eigentlich in Großbritannien stattfanden, über den Umweg Irland verbucht wurden (Gesamthöhe wohl 100 Mio. Pfund)).
Aber nehmen wir die 506 Millionen einfach mal als normalen Umsatz an. Und vergleichen den ausgewiesenen Gewinn im Königreich mit dem Gewinn, den Google bei den durchschnittlichen Margen des gesamten Planeten eigentlich verdient haben müsste.  
Die weltweite Vorsteuermarge von Google lag 2012 bei etwa 25%. Da Großbritannien zu den entwickelten Märkten gehört, in denen Google das eigene Geschäft nicht mehr kostenintensiv ausbauen muss, kann man davon ausgehen, dass die Marge in UK eher höher war als im Weltdurchschnitt. 
Rechnen wir trotzdem weiterhin konservativ mit den 25% weiter weiter: 
500 Mio. Umsatz, 25% Marge
--> 125 Mio. Pfund Vorsteuergewinn. (Ausgewiesen 37 Mio.) 
beim aktuellen Steuersatz von 31,5%
---> 39,8 Mio. Pfund Steuern (bezahlt wurden 11,6 Mio.). 
Google hat also mindestens 27,775 Mio. Pfund Steuern gespart. Weil diese Rechnung extrem konservativ ist (allein schon wegen der nach Irland verschobenen Umsätze) waren es in Wirklichkeit wohl noch ein paar Millionen mehr, die Google in Großbritannien nicht gezahlt hat.
Man sieht sehr schön, dass durch die Kosten für die Lizenzen der Gewinn von Google in etwa geviertelt wurde. Dieser erste Schritt (Gewinnminimierung) ist also viel wichtiger als der zweite Schritt (niedriger Steuersatz).

Wenn Irland jetzt ankündigt, dieses Loch zu stopfen, ist das eine ganz klassische Blendernummer. Es wird nicht so wahnsinnig viel passieren, außer vielleicht, dass die internationalen Firmen die Lizenzvergabe noch etwas teurer machen und so den Gewinn in Europa noch weiter drücken. Und dann ist es auch egal, ob hier 2%, 12,5% oder 50% Steuern fällig werden. Den eigentlichen Rohgewinn können die US-Firmen immer noch relativ problemlos in Steueroasen schaufeln.

Für US-Konzerne: Irland will Steuerschlupfloch schließen - International - Politik - Handelsblatt

Glückwunsch an Robert Shiller zum Wirtschaftsnobelpreis.

(Vorab: Ich weiss, dass es kein richtiger Nobelpreis ist. Ich nenne ihn trotzdem so. Punkt).

Dass Shiller den Wirtschaftsnobelpreis bekommt, ist eigentlich überfällig. Denn Shiller ist einer der wenigen Ökonomen, die schon früh gegen die Grundannahmen der modernen Ökonomie angeforscht und angeschrieben hat. Er hat also immer argumentiert, dass in den Märkten nicht immer alle Informationen enthalten sind, weil die Marktteilnehmer keine vollständig rationalen Wesen sind.

Denn es gibt Komponenten wie Gier oder den Herdentrieb, die die Märkte in unvorstellbare Höhen (und Tiefen) treiben. Das führte 2000 zur Internetblase oder in den Jahren danach (so bis 2006/2007) zur US-Immobilienblase.

Shiller hat aber nicht nur in der Theorie zu diesem Thema (irrationales Verhalten, sich ändernde Risikopräferenzen, Finanzmarktblasen) gearbeitet, sondern auch mindestens zwei sehr gut verständliche Bücher zu zwei real existierenden Blasen geschrieben. Und zwar nicht als Analyse nach dem Platzen der Blase, sondern vorher.

Mit diesem nahezu perfekten Timing hat sich Shiller in meiner Liste der Ökonomen, denen man zuhören sollte, ganz weit nach oben katapultiert. Denn er hat bewiesen, dass er seine Theorien auch praktisch - in der realen Welt außerhalb des Elfenbeinturms der Ökonomie - anwenden kann. Anlegern wie auch Politikern wäre eine Menge Ärger erspart geblieben, wenn sie frühzeitig auf Shillers Warnungen reagiert hätten.

Shiller ist daher quasi Stammgast bei den Linkempfehlungen in meinem Blog ...

Dass gleichzeitig Eugene Fama ein weiteres Drittel des Preises bekommen hat, kann man eigentlich nur als Witz werten. Klar, die Arbeit ist eine der meist zitierten ever in der modernen Wirtschaftswissenschaft, aber in den letzten 10 Jahren dürfte der Großteil der Zitate aus der kritischen Ecke kommen. Also von denen, die Famas Theorie kritisieren, erweitern, aber manchmal auch schlicht widerlegen. Dazu muss man natürlich auch die zu widerlegende Theorie erstmal beschreiben und zitieren ... Hier wirkt das Paradoxon, dass ein wissenschaftlicher Artikel auch durch vermehrte Kritik noch wichtiger werden kann ...

Fama war übrigens dafür, auch Großbanken pleite gehen zu lassen (im Interview unten). Haben wir mit Lehman ausprobiert ... war keine gute Idee ...

Zu Fama kann man nur dieses Interview empfehlen:

Interview with Eugene Fama : The New Yorker

"I don’t know what a credit bubble means. I don’t even know what a bubble means."

Hätts'te mal den Shiller gelesen ... Fama ist am Ende von der Effizienz der Märkte und der Rationalität der Marktteilnehmer ein wenig zu überzeugt. Und da wird Fama dann auch gefährlich. Wenn er glaubt, dass Märkte alles besser wissen, gibt die Politik in der Konsequenz dem Markt mehr Macht (was keine gute Idee war).

OK, Fama kommt vielleicht bis hierhin etwas zu schlecht weg. Denn dass die Finanzmärkte ziemlich (sogar verdammt) effizient sind, hat er als Erster gezeigt. Und dass die Marktteilnehmer Informationen ziemlich effizient verarbeiten und schnellstens in die Kurse einarbeiten, stimmt eben auch. All das führt dazu, dass die Mehrheit der Fondsmanager schlechter performen als der Aktienmarkt, den sie eigentlich schlagen sollen. Aber dazu muss man Fama und seine Aussagen wohlwollend lesen. Wenn ich mir einige Aussagen von Fama anschaue, kann man ihn leicht in die Schublade der "Unbelehrbaren Der-Mark-Regelt-Alles-Gläubigen" stecken. Und vielleicht steckt er da auch zurecht ...

Zum dritten Preisträger kann ich adhoc nichts sagen (ich könnte meine Unwissenheit verbergen und wie die professionellen Journalisten schnell was aus der Wikipedia abschreiben ;) OK, war gemein). Der scheint aber nicht ganz unbekannt zu sein. Zumindest hatte die FAZ-Wirtschaftsredaktion Lars Peter Hansen auf ihrer Favoritenliste. Wenn ich mir die Kurzbeschreibung seiner Forschung anschaue, hat er massiv am Homo Oeconomicus gekratzt. Die Menschen entscheiden eben doch nicht nur rational. OK, dann sind mir die Ergebnisse seiner Forschung bekannter als der Name. (Wie in "das Lied kenn ich aus dem Radio, weiss nur nicht, wer das singt" ...)

Dass der Wirtschaftsnobelpreis an Fama geht, aber gleichzeitig an zwei Forscher, die wesentliche Teile der Fama-Forschungsarbeit angreifen, ist ziemlich obskur. Man stelle sich vor, der Chemienobelpreis ginge an drei Forscher. Zwei Forscher davon zeigen, dass man Moleküle und chemische Reaktionen im Computer berechnen und simulieren kann, und gleichzeitig sagt der Dritte, dass das überhaupt nicht gehen kann ...

Strange.

Irgendwie belegt diese Preisvergabe einen Teil der Vorurteile, die Naturwissenschaftler gegenüber der unpräzisen Wirtschaftswissenschaft (als Teil der Sozialwissenschaft) haben. Das wäre alles mehr Religion als Wissenschaft. Mag sein, aber dann haltet euch einfach an "The Church of Shiller". Das ist die richtige ;)

Ein paar Links noch zum Thema (wird wohl noch ergänzt, wenn ich was spannendes finde ...

Wirtschaftsauszeichnung: Unsere Favoriten für den Nobelpreis - Wirtschaftswissen - FAZ

Ein sehr gut lesbares Buch: Shiller & Akerlof: Animal Spirits: Wie Wirtschaft wirklich funktioniert

(U.a.) Olaf Storbeck: Split Nobel prize shows bubbles are worth watching | Considered View | Breakingviews

Viele Artikel von Robert Shiller erscheinen auch bei Project Syndicate: Robert J. Shiller - Project Syndicate

Bert Rürup wundert sich in einem Gastbeitrag im Handelsblatt noch mehr als ich über die Vergabe an Fama ... Kommentar: Der unverständliche Nobelpreis - Kommentare - Meinung - Handelsblatt

John Cassidy singt im New Yorker in Loblied auf Shiller und kritisiert wie ich Fama. Vor allem für sein ziemlich stures Festhalten an seinen alten Thesen und Annahmen: Inefficient Markets: A Nobel for Shiller (and Fama) : The New Yorker

Und wer sich bilden will: Open Yale Courses | Financial Markets (2011) - Robert J. Shiller (schon ein coole Sachen, das man sich die Vorlesungen solch renommierter Leute von schweineteuren Unis (Yale) im Netz kostenlos anschauen kann ...

Update (18.10.13):

Das gehört noch hierher: Fama selber im FAZ Interview: Nobel-Gedenkpreisträger Fama: „Es gibt keine Blasen an den Märkten“ - Wirtschaftspolitik - FAZ

Lustig, wie man aneinander vorbeireden kann ... Genauer gesagt, wie man eine richtige und eine falsche Tatsache in eine Aufzählung packen kann ...

Fama zu Blasen (er ist ja der Meinung, dass man diese nicht erkennen kann):
"Auch wenn die Preise schon lange gestiegen sind, weiß man nicht, ob sie noch weiter steigen oder zusammenbrechen werden."
Das ist spannend, denn in einem Teil stimme ich zu, in dem anderen nicht. Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum man Fama den Nobelpreis geben kann und gleichzeitig einem seiner größten Kritiker ...

Fama hat Recht, wenn er sagt, dass Blasen noch deutlich größer werden können, selbst wenn man sicher ist, eine gefunden zu haben. Fama hat aber Unrecht, wenn er sagt, dass man das Zusammenbrechen nicht voraussagen kann ("nur" das Timing ist schwierig).

Hier übersieht Fama das Hauptproblem bei Blasen. Wenn sich eine Blase aufbaut, kann man wie 2000 in der Internetblase das sehr wohl feststellen. Man könnte Bücher mit den Warnungen von alten Börsenhasen (Buffett, Ehrhardt, Lingohr, ...) füllen, die die damaligen Firmenbewertungen für komplett irre gehalten haben. Aber den Warnern wollte damals niemand zuhören (soviel übrigens auch zum Punkt homo oeconomicus und effiziente Informationsverarbeitung). Mit dem nächsten IPO waren 40% zu verdienen, also wollte man dabei sein.
Weil immer mehr Anleger auf den Zug aufgesprungen sind, kletterten die Kurse immer höher. Der damalige Aktienindex für die HighTech-Werte Nemax stieg noch auf 8.000, obwohl die Firmenbewertungen bereits bei 5.000 Punkten deutlich zu hoch waren.
Es ist IMHO also nicht schwierig (bis unmöglich) zu bestimmen, ob es eine Blase gibt, sondern nur wann die Blase platzt.

( Kleiner Einschub: Dabei muss man auch noch bedenken, dass sich dieses Erkennen von Blasen vor allem an Politiker und Notenbanker richtet. Eine Blase bei Apple oder Gold mag schwierig zu erkennen sein, für das große Bild sind solche Blasen aber total irrelevant. Eine Blase am Aktienmarkt wie zur Jahrtausendwende oder die am US-Immobilienmarkt ein paar Jahre später, waren aber sehr wohl zu erkennen. Und es wäre auch wichtig gewesen, diese zu erkennen. Beim Erkennen der wirklich relevanten Blasen dürfen Notenbanker und Politiker eine ziemlich gute Quote erreichen. (Ob man die erkannten Blasen dann sinnvoll bekämpfen kann, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das aber noch unbeschrieben ist, weil man bisher noch nicht versucht hat, Blasen zu erkennen).)

Zurück zum Timing: Die Unmöglichkeit zu sagen, wie groß eine Blase noch werden wird (ergo wann sie platzt), ist für Fama der Beweis, dass man Blasen nicht live (sondern immer erst im Nachhinein) erkennen kann. Ich glaube ja, dass Fama hier irrt.
Wahrscheinlich gibt es zwei wesentliche Gründe, warum die Annahmen von Fama bei einem längeren Zeithorizont nicht passen.
1.) Niemand sagen kann, wie viele Dumme noch auf den Zug aufspringen werden, und daher ist es extrem schwierig, gegen die Blase zu spekulieren. Kurzfristig kann man kaum gegen eine sich aufblähende Blase spekulieren.
2.) Es ist nahezu unmöglich, mittel- bis langfristig gegen eine Blase zu spekulieren. Und das hat rein technische Gründe. Selbst wenn man der Meinung ist, dass die Kurse in zwei Jahren deutlich niedriger sein werden, kann man darauf oft nicht sinnvoll spekulieren. Die Volatilität ist im Boom oft sehr hoch und damit sind Calls- und Puts sehr teuer. Wenn ich nun auf fallende Kurse in zwei Jahren wette, kann es sein, dass die Verkaufsoptionen so teuer sind, dass ich erst Geld verdiene, wenn die Kurse richtig crashen.  Denn die Verkaufsoption kann wegen der hohen Volatilität so teuer sein, dass erst ab minus 40% Geld zu verdienen ist. Ich verzichte also - auch wenn ich mir sicher bin, dass die Kurse zu hoch sind, auf eine Spekulation auf fallende Kurse.

Beides zusammen führt dazu, dass die Märkte nicht mehr "symmetrisch" sind. Auf der Kauf- und Verkaufsseite stehen im Boom unterschiedliche Leute: Auf der Kaufseite die "Dummen", die Herdentiere, auf der Verkaufsseite die Profis. Nur sind in der späten Phase einer sich aufblähenden Blase die Profis schon lange nicht mehr an Bord, sie schauen sich das irre Treiben lieber von der Seitenlinie an.

Damit fehlt dem Markt aber das Gegengewicht der Pessimisten und niemand bremst den Anstieg. Der Höhenflug endet erst, wenn keine (neuen) Dummen (neues) Geld in den Markt pumpen.

Ich hoffe, das war jetzt einigermaßen verständlich ausgedrückt (und nicht zu lange). Worauf ich hinaus wollte: Das was Fama sagt (Märkte sind effizient (und damit nicht zu schlagen), weil sie alle verfügbaren Informationen schnellstens in die Kurse einarbeiten), ist auf die kurze Sicht sehr richtig. Auf die lange Sicht kommen aber andere Effekte hinzu (über die z.B. Shiller geforscht hat) und die Aussagen Famas stimmen dort nicht. Und warum das auf lange Sicht anders ist, wollte ich oben beschreiben.

(Warum Fama diesen Unterschied zwischen kurz- und langfristig nicht kapiert, weiss ich auch nicht.)

Update 2 (21.10.13):

Barry Ritholtz hat einen sehr schönen Artikel in der Washington Post. Darin beschreibt er, dass der (wie er es nennt) erste Fama (effizienter Markt) sehr wohl einen Nobelpreis verdient hat, den aber der "zweite" Fama (die Märkte wissen eh alles besser, also sollte man sie in Ruhe lassen) verspielt hat.

"If the first Fama can rightfully be called the father of passive investments, then the second Fama is in many ways the intellectual father of the financial crisis. His thinking laid the groundwork for deregulations that had a terrible impact."

Nach Einschätzung von Ritholtz hat das Nobelpreiskomittee dieses Dilemma elegant gelöst, indem sie den Preis auch an Schiller verliehen hat. Damit hatte man zwar gleich einen der größten Kritiker ebenfalls den Preis verliehen. Aber den Preis an Fama allein zu vergeben, war halt angesichts der massiven Kritik auch nicht mehr drin.

Sehr gut argumentiert, Barry!

How Shiller helped Fama win the Nobel - The Washington Post

Wirtschaftsbuch 2013: Daniel Zimmer: Weniger Politik.

10 Bücher wurden nominiert. Zimmer hat gewonnen.
  • Martin Hellwig, Anat Admati: Des Bankers neue Kleider. Was bei Banken wirklich schiefläuft und was sich ändern muss (24,99€)

    Das Buch kommt von zwei ausgewiesenen Kennern des Finanzsektors. Und nicht wirklich häufig gibt es aus der "Insiderecke" eine so deutliche Kritik an vielem, was im Finanzsektor vorgeht. Und die Aussage, dass der globale Finanzsektor heute genauso wacklig ist wie vor 5 Jahren.

    Das Buch ist mir schon deshalb ziemlich sympathisch, weil es zur Vermeidung zukünftiger Bankenkrisen deutlich gravierendere Vorschläge macht als der Mainstream. 30% ungewichtetes Eigenkapital für Banken zum Beispiel. (Bei soviel Eigenkapital verzichte ich auch den dritten Teil meiner Forderung: 10% Eigenkapital, keine Risikogewichtung, Trennbankensystem). Zum Thema Alibigesetze schaue auch nach beim Wirtschaftsbuchpreisgewinner 2013 weiter unten.

    Eine tolle und sehr ausführliche Rezension des Buches habt ihr vielleicht schon beim Spiegelfechter gelesen: Admati, Anat und Hellwig, Martin: The bankers´ new clothes » Spiegelfechter.

    Pflichtlektüre für alle, die sich mit dem Thema Bankenregulierung beschäftigen. Also zumindest, wenn es etwas fundierter sein soll als Statements bei Jauch & Co.
  • Uwe Jean Heuser, Deborah Steinborn: Anders denken! Warum Ökonomie weiblicher wird (19,90€)

    Heuser ist Chef der Zeit-Wirtschaftsredaktion. In diesem Buch fragt er sich zusammen mit Deborah Steinborn, ob die letzte große Wirtschaftskrise auch gekommen wäre, wenn mehr Frauen an den Schalthebeln der Wirtschaft gesessen hätten. Soll ich das Buch mit "Hätte, hätte, Fahrradkette" abbügeln?

    Nee, lieber nicht. Das Buch ist ein Plädoyer für mehr Frauen in der Wirtschaft. Hoffentlich bewirkt das Buch auch was.
  • Frank Riedel: Die Schuld der Ökonomen. Was Mathematik und Ökonomie zur Krise beitrugen (19,99€)

    Dieses Buch bekommt bei Amazon sogar nur zwei Sterne. Die gehen aber auf nur eine Kritik zurück und diese kommt von einem der Leute, die in dem Buch kritisiert werden. Eigentlich eine Steilvorlage für einen öffentlichen Streit. Kloppt Euch ;) Popcorn?

    Generell ist ein Buch, das die Rechenmethoden und Annahmen der modernen Finanzmathematik kritisiert (Value at Risk, die Basis für Basel III, ...) sehr zu begrüßen. Muss mir das Buch vielleicht trotz der schlechten Kritik mal gönnen.

Gewonnen hat am Ende Daniel Zimmer.


P.S. Dass dieser Wirtschaftsbuchpreis definitiv ein Marketinginstrument ist, sieht man nicht nur daran, dass schön über die Verlage bestreut wurde, sondern auch daran, dass teilweise brandneueste Bücher in den Topf geworfen wurden. Das Buch von Frank Riedel (z.B.) ist laut Amazon erst im September erschienen, obwohl die Nominierungsliste bereits am 10.8. feststand. Teilweise scheinen mir also nicht unbedingt die besten Bücher der letzten 12 Monate auf die Liste gekommen zu sein, sondern manchmal auch einfach nur die neuesten ... Oder bin ich jetzt zu kritisch?

P.P.S. Die Links oben mit den Preisen sind Links auf (das böse) Amazon, auf die ihr zum Kaufen gerne klicken könnt. Davon bekomme ich dann ein paar Prozentchen Provision, dass ich dann umgehend Anwälten in den Rachen werfen kann ...

P.P.P.S Die Preisträger der Vorjahre:

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Wirtschaftsbuch des Jahres 2012: Tomáš Sedláček
(2011 hab ich verpennt)
Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Wirtschaftsbuch des Jahres 2010: Susanne Schmidt - Markt ohne Moral (Bruhaha, hab ich mir damals wenig Mühe gegeben ... Und damals war ich noch gar nicht gefrustet ...)

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