Post-Mt.Gox: Was nun, Bitcoins? Reinigendes Gewitter oder Anfang vom Ende?

MtGox ist offiziell immer noch nicht pleite, aber mit der Einstellung aller Auszahlungen und der normalen Website kann man wohl davon ausgehen, dass MtGox pleite ist. Wer die ganze Geschichte noch mal nachlesen möchte, ich habe sie die ganze Zeit aktualisiert (und bin ganz froh, dass ich mich mit meinen Zweifeln an MtGox nicht zu weit aus dem Fenster gehängt habe ...): Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Bitcoin-Wechselstube Mt. Gox macht zu. Offiziell vorübergehend, aber ich zweifle ...

Nun sind die Leute, die Bitcoins schon immer skeptisch gesehen haben, natürlich weiterhin skeptisch. Und formulieren dann solche Sätze:

"Bitcoin hat sich erledigt. Der Zusammenbruch der zeitweise größten Handelsplattform für die virtuelle Währung dürfte dafür sorgen, dass das Vertrauen in die digitalen Münzen ein für allemal zerstört ist. "

Analyse? Fehlanzeige. Wie man zu dieser Meinung gekommen ist? Unklar.

Offline - Kurztext boersen-zeitung.de

Man muss wohl Journalist sein, um seine Meinung einfach so in die Welt hereinzupostulieren. Deutlich besser schon das, was das WSJ zum Thema schreibt:

Mt. Gox-Debakel: Fünf Dinge, die Bitcoin-Anleger wissen müssen - WSJ.de

Darin wird u.a. der Mangel an Regulierung angesprochen. Der auch einer der Gründe sein dürfte, warum MtGox über so lange Zeit die Bitcoins abhanden gekommen sind, ohne dass es jemand gemerkt hat.

Auf der Optimistenseite gibt es aber auch einige, die Bitcoins mehr oder weniger für komplett ungefährdet halten. Weil die Blockchain, der Kern des ganzen Bitcoin-Systems, nicht angegriffen sei und damit hätten die Bitcoins halt auch kein Problem.



Das greift aber IMHO etwas zu kurz. Und zwar aus zwei Gründen:

a) Aus technischer Sicht:

i) Das Malleability Problem existiert immer noch. Sich darauf zurückzuziehen, dass das bei einer vernünftigen Buchführung auffällt, ist zwar nett, aber dass ein System, in dem ein solches Problem erst gar nicht auftreten, besser ist, wird wohl kaum jemand anzweifeln. Wieso konnte man Transaction-IDs überhaupt ändern? Sollte sowas nicht von vornherein eindeutig sein?
Zumindest MtGox ist davon ausgegangen, dass die Transaction-ID eindeutig ist. Ein schlimmer Fehler, wie sich zeigte. Dass in diesem Punkt eine gewissen Unklarheit vorliegt, sehen auch die Bitcoin Developer so. Sie haben daher eine "normalisierte Transaction-ID" vorgeschlagen, die wirklich eindeutig ist. Das haben die guten Bitcoin-Börsen zwar intern eh schon so gemacht, aber das zu standardisieren und ins System einzubauen, schadet definitiv nicht.

ii) Die Verwaltung des Bitcoin-Wechselgelds ist zumindest seltsam. Kurz zur Funktion: Bei jeder Bitcoin-"Überweisung" entsteht "Wechselgeld", unter anderem weil eine "Bearbeitungsgebühr" anfällt (die geht an den Berechner der Prüfsummen). Man überweist also einfach etwas mehr Geld und bekommt am Ende Wechselgeld zurück. Da das Eintragen des Bitcoin-Transfers in die Blockchain etwas dauert, hat man entschieden, den Transfer des Wechselgelds (vorübergehend) unbestätigt zu lassen. Man kann diese Wechselgeld-Bitcoins also sofort wieder ausgeben (wenn man nur wenige Bitcoins hat und viele Transaktionen macht, ist das durchaus wichtig). Dadurch kann es zu doppelten Geldausgaben kommen, die dann zu Konflikten führen. Diese können zwar aufgelöst werden, aber der Schwebezustand ist trotzdem unschön. Etwas platt könnte man das unter "It's not a bug, it's a feature" zusammenfassen.
Dieses "Feature" ist in der neuesten Bitcoin-Version abschaltbar. Man kann jetzt seine Bitcoin-Wallet so konfigurieren, dass auch der Transfer des Wechselgeld kryptografisch bestätigt werden muss. Wenn sich beide Partner darauf einigen (und die neue Version der Software haben), wird das Wechselgeld erst wieder sichtbar, wenn es kryptografisch abgesichert ist (nur zur Klarheit: Das Wechselgeld wurde und wird immer kryptografisch abgesichert, man konnte es bisher nur in seiner Wallet schon vor der erfolgreichen Absicherung wieder sehen).

Zusammenfassend zu den technischen Problemen: Auch wenn der innerste Kern der Bitcoins, die Blockchain, 100% intakt ist, gibt es schon ziemlich nahe am Kern einige Unschönheiten (auch wenn die beiden von mir angesprochenen Probleme inzwischen gefixt sind, k.A. ob das in der letzten Version der Clients schon aktiv ist).

b) Auch wenn wir die Problem nahe des Bitcoin-Kerns mal ausblenden, gibt es offensichtliche weitere Probleme. Und diese sitzen im Ökosystem. Es gibt Dienstleister, die ihr Geschäft nicht im Griff haben. Es gibt die Gefahr, dass die Dienstleister Mist bauen. Und dummerweise gibt es für die Kunden sehr viele Gründe, einen Dienstleister zu benutzen:

a) Die Leute wollen (reales) Geld ins Bitcoin-Ökosystem ein- und auszahlen (und nicht selber minen).
b) Die Leute wollen Konten nicht selber verwalten, sondern einen Dienstleister damit betreuen.
c) Die eigene Blockchain auf dem eigenen Rechner zu haben, ist zwar nett, aber spätestens auf dem Smartphone ist das nicht praktikabel (die Blockchain ist schlicht zu groß)
d) Es muss eine sichere Speichermöglichkeit für Bitcoins geben, damit man gegen Diebstahl geschützt ist. (oder glaubt jemand, dass die Menschen auf einmal ihren Windows Rechner oder Mac sicher bekommen?)

Man kann zwar um alle Probleme herumarbeiten, aber der Aufwand, den ein Bitcoinianer treiben muss, wird hoch. Ich halte das für nicht praktikabel. Wenn Bitcoins massenkompatibel werden wollen und jeder mit Bitcoins bezahlen und jeder Bitcoins entgegennehmen soll, muss das System einfach und idiotensicher sein.

Die Dienstleister muss es also geben und diese müssen IMHO zumindest rudimentär kontrolliert werden. Genau diese Kontrolle gibt es nicht. Der Markt soll es regeln. Ja, der Markt hat geregelt, und MtGox ist weg. Und das Geld der Kunden auch.

ANDREESSEN: MtGox Is MF Global - Business Insider

Im oben eingebundenen Video wird dem Bitcoin-Interessanten geraten, wie ein Investor zu denken, wenn er sich einen Bitcoin-Dienstleister aussucht. Was ein Schmarrn, die Leute da dadraußen (TM) sind dazu nicht in der Lage. Die sind nicht einmal in der Lage, einen Kreditzins oder einen Ratenkredit richtig einzuschätzen. Oder einen halbwegs sicheren PC zu betreiben. Wie sollen sie etwas so Intransparentes wie eine Bitcoin-Börse beurteilen können?

Was mir auch nicht gefällt: Was jetzt bei MtGox passiert ist, wird viel mit der Realwelt verglichen und relativiert. Ja es ist richtig, auch in der Realwelt sind Banken pleite gegangen. Aber in der Realwelt ist an dieser Stelle oft der Staat eingesprungen und hat die Banken gerettet. Oder die Banken haben untereinander Sicherheitssysteme aufgebaut, die kleinere Banken aufgefangen haben (Sparkassen oder Genossenschaftsbanken, die jeweils untereinander haften und sich stützen). Der Staat oder die Rettungssysteme helfen den Kunden also. Aber nicht bei Bitcoins. Dort wurden jetzt etwa 6% aller ausstehenden Bitcoins gestohlen und obwohl das in der Realwelt einen Riesenproblem wäre, zuckt der Staat im Fall der Bitcoins nur mit der Schulter ... Auch innerhalb der Bitcoins gibt es keinerlei Haftung, niemand springt für diesen Schaden ein.

Mt Gox degradiert Bitcoin zur Muppet-Show

Die Mehrheit der Bitcoin-Leute sieht im Fehlen von Regulation (durch den Staat) einen großen Vorteil. Sie sehen darin Freiheit, sie sehen die Vision des staatsfreien Gelds endlich umgesetzt. Eine eigentlich neutrale Währung (die nicht zu vergessen für viele nur Zahlungsmittel sein soll) wird von einigen Befürwortern ideologisch aufgeladen.

The Bitcoin Ideology - NYTimes.com gefunden über Bankstil: Bitcoin als Ideologie, oder: Selbstbefreiung durch Technologie? (was man als Kurzversion auch lesen kann).

Ich glaube, dass sich im Bitcoin-Ökosystem die Einstellung in diesen zwei Punkten ändern muss. Man muss erstens akzeptieren, dass Bitcoins für Verbraucher idiotensicher sein müssen und daher Dienstleister zwangsläufig benötigt werden. Und zweitens, dass damit diese Dienstleister zum Bitcoin-Ökosystem dazugehören. Sich nur auf die 100% korrekte Blockchain zu berufen, führt nicht zu einer Weiterentwicklung und Verbesserung des Bitcoin-Ökosystems. Mit der Einführung einer einheitlichen normalisierten Transaktions-ID haben die Entwickler aber gezeigt, dass sie hier durchaus kritikfähig sind.

Komisch: Die Bitcoin-Fanboys nennen gerne die gigantischen Möglichkeiten, die sich durch (und für) Dienstleister ergeben (z.B. SMS-Gateway für Bitcoin-Payments
in den Entwicklungsländern), produziert ein Dienstleister aber Mist, wird einfach nur gesagt, dass der Markt das regele ...
Als wenn es für den Kunden und Interessenten noch interessant wäre, dass die Blockchain funktioniert, wenn seine Bitcoins gestohlen wurden. Um mal einen blöden Vergleich zu bringen: Wenn mir jemand 5.000 Euro von meinem Konto bei der Bank klaut (weil er z.B. eine Unterschrift fälscht), interessiert es mich herzlich wenig, dass die Druckerpresse der Bundesdruckerei noch ordnungsgemäß die Seriennummern auf die Geldscheine druckt (ich weiss, Vergleiche hinken). Es ist utopisch zu glauben, dass im Ökosystem eine Bombe nach der anderen hochgehen kann, ohne dass es auf die Währung zurückfällt. Es ist also gut, dass die Bitcoin-Entwickler das System sicherer machen, indem sie nicht nur den richtigen Weg "vorschlagen", sondern auch falsche Wege der Umsetzung aktiv blockieren.

Wenn ich den MtGox Vorfall jetzt bewerten müsste: Es ist eher ein reinigendes Gewitter als der Anfang vom Ende. Die Geschwindigkeit der Markteroberung von Bitcoins wird durch die MtGox-Pleite aber ziemlich sicher gebremst. Wie stark? Keine Ahnung, fragen sie dazu ihren bevorzugten Massenpsychologen ;).

Langfristig glaube ich, dass die Gefahr für Bitcoins nicht vom Kern - der Blockchain - ausgeht. Aus dem Ökosystem könnten hingegen mittelfristig noch ein paar Einschläge kommen, es ist allerdings unwahrscheinlich, dass der Fehler noch einmal so groß (und so einfach) sein wird wie bei MtGox.

Die wirkliche langfristige Gefahr ist  eine andere: Das Konglomerat aus Staat, Notenbanken und der Finanzsektor. Denen geht es im alten System nämlich prächtig. Und sie würden jede Menge Macht abgeben, wenn sich Bitcoins breit durchsetzen und klassische Währungen verdrängen würden. Aber über diese Gefahr habe ich ja schon mal was geschrieben ... Schnappt jetzt die Regulierungsfalls für Bitcoins zu?

Update 1 (12:38):

In diesem Themenbereich kannst du auch keine 60 Minuten an einem Text sitzen, ohne dass während des Schreibens was passiert. OK, es ist wenig überraschend, aber Mt Gox ist jetzt auch offiziell pleite. Habe das mal als (voraussichtlich) letztes Update an den Mega-MtGox-Bitcoin-Artikel gehängt ...

Mt Gox pleite.

Update 2 (12:49):

Ich kann noch einen Artikel aus der "Es gibt gar kein Problem, im Gegenteil nach Pleite von MtGox ist alles besser als vorher" ergänzen:

Deutschlands Bitcoin-Cheflobbyist: „Es wäre absurd, Stabilität zu erwarten" - WSJ.de

Update 3 (16:07):

Es sei aus den Kommentaren eine Anmerkung aufgegriffen. Mein Artikel basiert auf der offiziellen Aussage von MtGox, dass die Bitcoins über die Malleability-Lücke abhanden gekommen sind. Ob das so ist, weiss aber niemand. Es könnte auch sein, dass die Server von MtGox schlicht gehackt wurden und die Schlüssel (und damit das Geld) der Kunden (und von MtGox) gestohlen wurden. Oder dass MtGox selber die Bitcoins aus dem System genommen hat und auf die Bahamas geschickt hat ...

Solche Spekulationen kommen auf, weil niemand glaubt, dass so viele Bitcoins geklaut werden können, ohne dass es jemand bemerkt. Wenn man annimmt, dass der Zeitpunkt der ersten Auszahlungsbeschränkungen bei Mt Gox auch der Zeitpunkt ist, ab dem die ersten internen Probleme auftraten, reden wir hier über Monate. Es ist irgendwie nicht plausibel, dass dieser Diebstahl so lange niemanden aufgefallen sein soll.

Aber das bleibt wilde Spekulation. Vielleicht findet das FBI ja mehr heraus ...

Something’s Not Right at ‘Gox | Lets Talk Bitcoin

Update 4 (02.03.):

Noch ein Linktipp aus den Kommentaren (danke!). Der Gründer der schwedischen Piratenpartei Falkvinge (tauchte in dem anderen Bitcoin-Artikel auch schon auf) glaubt der Darstellung von MtGox nicht. Falkvinge versucht den Zeitpunkt zu rekonstruieren, ab denen die ersten Probleme von "Empty Gox" (schönes Wortspiel) auftraten. Und diese passen (seiner Meinung nach) nicht zum Bekanntwerden der Malleablity-Lücke.

The Gox Crater: Crowd Detectives Reveal Billion-Dollar Heist As Inside Job - Falkvinge on Infopolicy

Allerdings sollte ich anmerken, dass die Malleability-Lücke zwar erst seit ein paar Wochen breit diskutiert wird, in Foren aber schon 2011 diskutiert wurde (das wurde MtGox auch vorgeworfen). Es könnte also gut sein, dass die Lücke schon vor der breiten Diskussion ausgenutzt wurde. (Natürlich hätte MtGox das trotzdem merken müssen).

Anders gesagt: Es bleibt alles unklar und gibt viel Anlass für Spekulationen ... Aber das FBI wird bestimmt was herausfinden, und sei es nur, weil inzwischen auch in den USA Klagen gegen MtGox eingereicht wurden.

Kommentare :

  1. Wenn ich das richtig verstehe war das Malleability-Problem nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Alles Andere macht ehrlich gesagt keinen Sinn.

    Die Bitcoins hat MTGox angeblich schon viel früher verloren, aber es erst zugegeben als sie durch die Malleability-Attacks nicht mehr liquide waren. Nicht gerade die feine Art...

    Angeblich sind sie außerdem unter einem Gag Order, der es ihnen nicht erlaubt Auskunft über die Vorgänge zu geben.

    Spekulationen:
    * http://letstalkbitcoin.com/somethings-not-right-at-gox/#.UxCGIoUuet_
    * http://www.reddit.com/r/BitcoinMarkets/comments/1z2xo5/speculation_the_us_government_has_control_of_goxs/

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    1. Zudem gibt es wohl noch keinerlei Hinweise auf Malleability-Attacks VOR der ersten MTGox Ankündigung. Ich denke Malleability ist nicht mehr als ein Ablenkungsmanöver:
      http://www.righto.com/2014/02/the-bitcoin-malleability-attack-hour-by.html

      Ein weiteres Szenario:
      http://falkvinge.net/2014/02/28/the-gox-crater-crowd-detectives-reveal-billion-dollar-heist-as-inside-job/

      Ein echter Krimi...

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    2. In der Tat. Ein Krimi. Ich bin sehr gespannt, was das FBI herausfindet ...

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  2. ein ganz grundlegendes problem wäre noch, dass geld nicht nur zahlungsmittel ist.
    daraus ergeben sich bei einer goldstandard-wärung entsprechnde deflationsrisiken und die fehlenden instrumente zur wirtschaftssteuerung könnten in kriesenzeiten problematisch werden. aber das sehen die befürworter ja eher als feature.

    zweitens heißt das dann auch, dass banker mit bitcoins versuchen werden geld zu verdienen, wie mit anderen währungen auch, nur ohne den schutz einer zentralbank.

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