US-BIP Q01-14 auf -2,9%(!!!) korrigiert. Analysten komplett auf dem falschen Fuß erwischt.

Das US-BIP für's erste Quartal 2014 wurde heute in der endgültigen Berechnung bekannt gegeben. Danach ist die US-Wirtschaft mit einer auf's Jahr hochgerechneten Rate von 2,9% geschrumpft. Dieser Einbruch (der stärkste seit der Krise vor 5 Jahren) geht vor allem auf den extrem kalten und schneereichen Winter im Osten der USA zurück. Der Konjunktureinbruch dürfte daher zum ganz überwiegenden Teil einmalig sein; ein Großteil des Einbruchs sollte im laufenden und den kommenden Quartalen wieder wettgemacht werden.

USA: BIP Q01-2014 Wachstumseinbruch auf 0,1% - egghat's not so micro blog

Ich würde das nicht überbewerten. Viel spannender finde ich, wie weit die hoch bezahlten Volkswirte und Analysten der Banken mit ihren BIP-Schätzungen daneben lagen. Schon bei der ersten Schätzung (Vorabschätzung im Statistikerjargon) lag die offizielle Zahl deutlich unter den Schätzungen. Die Analysten erwarteten ein Plus von etwa einem Prozent, gemeldet wurde ein Mini-Plus von 0,1%. Diese Verfehlung war zwar groß, aber nicht so ungewöhnlich. Die Quartals-BIP-Wachstumsrate in den USA errechnet sich aus dem Vergleich des Quartals mit dem Vorquartal. Diese Plus wird dann auf ein Jahr hochgerechnet wird (also quasi mal vier genommen). Daher reicht es schon, wenn man das Quartalsplus auf 0,2 statt 0,4% schätzt und schon liegt man in der Jahresrate fast einen ganzen Prozentpunkt daneben.

Trotzdem bleiben die Abweichungen der Schätzungen und die anschließenden Korrekturen extrem. Gleich nach der ersten Schätzung senkten einige Analysten ihre Prognose massiv. Hatten sie vor der Bekanntgabe der Zahlen noch auf plus 1,0% geschätzt, korrigierten sie den Wert sofort auf -0,8%. Der überraschende Faktor war der Lagerabbau. Man hatte wohl darauf getippt, dass die Unternehmen trotz des schlechten Wetters weiter produzieren, aber nicht ausliefern (können), also die Waren auf "Halde" legen. Lageraufbau ist nicht schädlich für das BIP, weil die zwischengelagerten Waren wie verkaufte zählen (Wachstum auf Halde ist qualitativ natürlich kein gutes Wachstum (weil man mittelfristig nicht nur über Lageraufbau wachsen kann), aber es ist trotzdem Wachstum). Mit dieser Einschätzung lagen die Analysten aber weit daneben. Statt eines Lageraufbaus gab es einen Lagerabbau, folglich konnten die Analysten quasi sofort ihre Schätzungen anpassen.

Allerdings reichte auch diese schnelle Korrektur nicht. Der Lagerabbau wurde in der zweiten Schätzung gegenüber der ersten Schätzung noch einmal etwa verdreifacht, das Gesamt-BIP im ersten Quartal wurde nun bei -1,0% gesehen. Unruhig wurden die Analysten aber weiterhin nicht, denn der Lagerabbau des einen Quartals ist oft genug der Lageraufbau des folgenden Quartals. Außerdem blieb der wichtigste Faktor des Wirtschaftswachstum der USA, der private Konsum stabil und trug auch in der zweiten Schätzung gut 2,0 Prozentpunkte zum BIP-"Plus" bei.

Nun kam aber heute die dritte Schätzung. Danach haben die privaten Konsumausgaben nur noch 0,7 Prozentpunkte zum BIP beigetragen, also weniger als halb so viel wie in den beiden Schätzungen zuvor. Da außerdem der negative Effekt aus den schrumpfenden Exporten (-1,2 Pp) und dem Lagerabbau (-1,7 Pp) ebenfalls stärker wurde, kam die Gesamtschätzung heute mit -2,9%. Das war noch mal deutlich schlechter als die zweite offizielle Schätzung und lag auch deutlich unter den aktuellen Erwartungen der Analysten, die heute morgen noch bei -1,5% lagen. Auch die Abweichung von den Analystenschätzungen von vor zwei Monaten (+1,0%) ist extrem.

Man kann das in der Grafik von Zerohedge ganz schön erkennen:


Ich bin gespannt, wie sich die blaue Kurve jetzt weiter entwickelt. Die aktuell erwartete Jahresrate von 2,2% für das Gesamtjahr 2014 dürfte noch um einiges nach unten korrigiert werden ...

GROSS DOMESTIC PRODUCT: FIRST QUARTER 2014 (THIRD ESTIMATE) (PDF)

Was ich mich jetzt frage: Warum haben die Analysten so weit daneben gelegen? Das Wetter war ja kein Geheimnis. Ist das in den hochkomplexen Modellen nicht drin? Sind unter den vielen Indikatoren, die die Analysten beobachten und die auch monatlich (sprich ziemlich aktuell) geliefert werden, keine, die einen solchen Einbruch vorhersagen? Weder den Einbruch des Lagerbestands, den Einbruch der Exporte oder den Einbruch des privaten Konsums konnte man sehen? Sollten nicht die monatlichen Einzelhandelsumsätze einen frühen Hinweis auf einen schwächelnden Konsum geben? Oder die Verbraucherstimmung? Sollten nicht die Umsätze aus der Logistikbranche Hinweise auch für die Entwicklung des Exports geben? Lässt sich aus sinkenden Charterraten für Schiffe nichts ableiten? Irgendwas? Warum beobachtet man überhaupt diese ganzen zweit- und drittklassigen Indikatoren, wenn man einen Einbruch wie den aktuellen dann doch verpasst?
Wir haben ja immerhin Mitte Juni, d.h. das erste Quartal ist schon etwas länger vorbei. Da sollte es doch für die Analysten inzwischen ausreichend viele Zahlen geben, um nicht dermaßen auf dem falschen Fuß erwischt zu werden; die Abweichung bei der Schätzung von heute war ja noch größer als bei der ersten Schätzung (damals 0,9 Prozentpunkte (0,1 offiziell vs. 1,0 geschätzt), heute 1,4 Pp (-2,9% offiziell vs -1,5% geschätzt).

Fragen über Fragen.

Der dänische Physiker Niels Bohr sagte einmal "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen". Das wird oft einfach als "Prognosen für die Zukunft sind schwierig" verstanden, aber Bohr hatte schon vollständig Recht: Auch Prognosen für die Vergangenheit scheinen schwierig zu sein. Insbesondere wenn es um die Wirtschaft geht ...

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