China überholt Deutschland bei den regenerativen Energien

textet Spiegel Online.

"Ausgerechnet China" schreibt man dort. Der geneigte Umweltfreund denkt dann sofort: Wenn China das kann, können wir das erst recht. Wir müssen doch vorangehen. Warum machen wir nicht mehr? Ist das alles traurig.

Und ich frage dagegen, warum nur machen wir nicht mehr Mathe für Journalisten?

Wir nehmen dafür 5 Zahlen aus dem Artikel:

a) 31% Erneuerbarer Strom in Deutschland
b) 30% Erneuerbarer Strom in China
c) mehr als 5.000 Gigawattstunden Stromerzeugung in China (Update: inzwischen auf 5.000 TeraWattStunden korrigiert)
d) 80 Terawattstunden Energie aus Wind in China
e) 18 Gigawatt Energie aus Solarzellen in China

Bei c und d sollte dem geneigten Leser auffallen, dass 5.000 Gigawattstunden das gleiche sind wie 5 Terawattstunden. Aus den insgesamt 5 TWh kommen laut Spon also 80 TWh aus Wind. Häh?

OK, c ist ein offensichtlicher Fehler (auch wenn Spon den nicht korrigiert hat), denn es handelt sich um 5.000 TWh. Wikipedia gibt für 2008 3.571 TWh für China an.

OK, korrigieren wir c auf 5.000 TWh.

Dann nehmen wir b und c zusammen und kommen bei 30% auf etwa 1.500 TWh Strom aus regenerativen Quellen in China.

Nun, wie setzen sich diese zusammen?

d) 80 TWh Wind (sind im Artikel genannt, könnten stimmen; bin aber nicht sicher, es könnte auch sein, dass die Zahl genau so falsch ist wie andere auch. Die IEA nennt 71 TWh für 2011, ich würde bei dem Wachstum also eher auf 150-200 TWh für 2013 tippen)
e) 18 Gigawatt Peak Leistung für Fotovoltaik. Dies ist keine Angabe der abgegebenen Leistung, sondern die Angabe der maximalen Kapazität. Da es aber manchmal bewölkt ist und manchmal sogar Nacht ;) ) rechnet man das grob mit 1.000 Stunden pro Jahr hoch. Dann kommt man auf 18 TeraWattStunden, die aus Fotovoltaik stammen. Weil in China die Fotovoltaik wohl in geeigneteren Gegenden steht als in Nordrhein-Westfalen runde ich mal auf 20 TWh auf.

Gut, dann haben jetzt aus Wind und Sonne 100 Terawattstunden, vielleicht auch 200 TWh. Von insgesamt 5.000 TWh. Das sind 2% bis 4% des chinesischen Stroms aus Strom und Wind, insgesamt werden aber 30% des Stroms aus regenerativen Quellen erzeugt. Und was bleibt da in China? Rischtisch: Wasserkraft, Stichwort u.a. Drei-Schluchten-Damm.

Aus dem Ökostromwunderland China wird bei vernünftiger Betrachtung also ein Flussaufstauland. Wir können ja auch mal einen Staudamm zwischen dem Schwarzwald und den Vogesen ziehen; dann sind wir auch alle Energieprobleme los, aber so richtig doll finden Umweltschützer das bestimmt auch nicht.

Sicher, China investiert in Wind und Solar. Aber zu behaupten, dass China bereits in der Größenordnung liegt wie Deutschland, ist kompletter Unfug, den man sich nur zusammenschreiben kann, wenn man in Mathe gepennt hat (oder wenn man ne knallige Überschrift braucht). Genauso schlimm ist es zu verschweigen, dass der Großteil aus der Wasserkraft kommt, weil das ein völlig falsches Bild der regenerativen Energie in China vermittelt. Und ebenfalls unschön sind die falschen Maßeinheiten, die teilweise schlicht falsch sind, im anderen Fall schlicht unerklärt nebeneinander stehen. Auf Details wie die unkommentierte Zusammenrührung von Bestands- und Flussgrößen wagt man gar nicht mehr zu kritisieren ...

Ziemlich lustig finde ich übrigens, dass Spiegel Online Leser über einen so wirren Artikel lange und total gut informiert diskutieren können und erst dem 60. Kommentator auffällt, wie wirr hier Zahlen und Einheiten zu einem unverständlichen Brei zusammengerührt werden (in den 60 Kommentaren dahinter kommt noch ein zweiter Kommentar in die Richtung). Hach ist das schön, wenn man als Spiegel-Leser so gut informiert ist ;)

Erneuerbare Energien: China überholt Spitzenreiter Deutschland - SPIEGEL ONLINE

Hier gibt’s vergleichbare Zahlen, in denen kein Journalist rumgepfuscht hat (leider etwas älter):

International Energy Statistics - EIA

Dass dieser Artikel von einem Journalisten stammt, der eine Spezialsite zum Thema betreibt, finde ich übrigens einigermaßen erschreckend ...

Update (12.09.14):

Den Fehler bei Chinas Gesamtstromerzeugung von 5.000 Gigawattstunden hat der Spiegel inzwischen auf 5.000 TeraWattStunden korrigiert. Natürlich ohne Anmerkung, dass das zuerst falsch war ...

Update 2 (15.09.14):

Auch die FAZ hat jetzt was zum Thema. Etwas besser als der Spiegel, aber auch nicht wirklich gut. Die FAZ erwähnt die Bedeutung der Wasserkraft (und auch deren Probleme). Bei den Kapazitäten (GWp) und der Produktion (Gigawattstunden GWh bzw. Terawattstunden TWh) patzt aber auch die FAZ und nennt die Gigawatts einmal Produktion und einmal Kapazität. Das ist aber leider etwas ganz anderes, gerade bei der Fotovoltaik entsteht aus einem GWp im Jahresdurchschnitt noch lange keine Gigawattstunde pro Stunde. Wolken und vor allem die Nacht stehen dem entgegen. Auch Wasserkraftwerke produzieren nie 365 Tage und 24 Stunden Strom, dazu reicht in vielen Fällen auch einfach das Wasser nicht. Gerade wenn man über Ökoenergie redet, werden die Unterschiede wichtig, weil sich Fotovoltaik, Wind- und Wasserkraft deutlich unterscheiden.

Auch die Bestands- und Flussgrößen werden nicht so wirklich schön getrennt. Zwei Grafiken hätten hier wohl massiv geholfen.

China: Der unbekannte Ökostrom-Riese

Eins muss man der F.A.Z. aber lassen: Die fällige Kritik eines Leser kommt deutlich schneller als bei Spiegel Online. Scheinen doch klügere Köpfe dahin zu stecken ...

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