Smombie ist Jugendwort 2015 - Jugend ist scheinbar nicht im Netz

Wenn man googelt, findet man das Jugendwort des Jahres 2015 "Smombie" in drei Zusammenhängen:
  • Mit der heutigen Nachricht als Jugendwort des Jahres (deshalb Zeiteinschränkung bei Google bis gestern machen)
  • In einem Jugendslang-Wörterbuch in der Phrase "Skyler nicht so rum, alter Smombie" von Trommelwirbel dem Preisvergeber Langenscheidt …100% Jugendsprache
  • Im Artikel: Smombie Ade, der aus dem Sommer 2015 stammt, und sich ebenfalls auf die Nominierung zum Jugendwort bezieht.
Nun kann Google ja immer noch ganz coole (wenn auch zu wenig bekannte) Suchoperationen und lässt uns z.B. den Zeitraum eingrenzen. So filtere ich mit einer Suche bis gestern (12.11.2015) die meisten Erwähnungen der Jugend-Nachricht heraus (manches bleibt übrig, weil von Google falsch einsortiert). Dann wirft man sicherheitshalber auch "Jugendwort" raus, den Begriff "Skyler" raus , und schlussendlich noch den "Smombie adé"-Artikel, obwohl der eigentlich schon "Jugendwort" enthält und rausfallen sollte (aber wie gesagt, manches sortiert und indiziert Google nicht richtig).

Dann gibt das folgende Suchabfrage, die ich noch auf "deutschsprachige Seiten" eingeschränkt habe: smombie -jugendwort -skyler -ade - Google-Suche

Und jetzt ratet mal, wie viele Treffer die Suche noch bringt? Zwei Seiten.




Seite zwei. Ganze 14 Treffer. Ein paar Wörterbuch-Suchmaschinen-Spammer, ein paar falsch einsortierte Seiten, ein Video und ein T-Shirt bei Spreadshirt.

Realweltrelevanz des Begriffs? Wohl ziemlich nah an Null. Von Jugendlichen nur in homöopathischen Dosen verwendet. Oder die gesamte Jugend hinterlässt keine schriftlichen Spuren mehr im Netz. Oder (und wahrscheinlicher) Langenscheidt hat sich mit diesem Begriff komplett in die eigene Jugendsprache-Lexikon-Bubble verabschiedet. Bald denken die sich selber irgendwelche Begriffe aus und behaupten, dass die Jugendlichen die benutzen würden. Dass das Jugendwort des Jahres bei Google nicht zu finden ist, ist anscheinend ja kein Hinderungsgrund. Jugendwörter sind ja so eine Art Geheimcode auf dem Schulhof und dürfen im Netz nicht zu den Erwachsenen durchdringen …

Wenn man jetzt etwas gemeiner ist, könnte man auch sagen, dass es vielleicht unter Umständen eventuell ein komischer Zufall sein könnte, dass heute beim Googeln nach dem Begriff massenhaft Leute auf das Jugendwort-Lexikon von Langenscheidt stoßen. Das ist bestimmt nicht so schlecht für den Verkauf.

Okay, es ist glaube ich klar: Das Jugendwort des Jahres ist nichts außer Marketing für das Jugendsprache-Wörterbuch von Langenscheidt. Eine sprachwissenschaftliche Relevanz billige ich diesem "Preis" in Zukunft mehr zu. Leider werden trotzdem alle darüber berichten. Einen Marketingpreis könnte man daher mal für die Aktion verleihen … Ziemlich clevere Nummer …

Ich hoffe nur, dass das richtige "Wort des Jahres" 2015 etwas relevanter wird. Im letzten Jahr war es übrigens Lichtgrenze. Wer erinnert sich nicht (lol) …

Update (15:47):

Ein Jury-Mitglied äußert sich: Roger Rekless über "Smombie" - Warum "Hurensohn" das Jugendwort des Jahres sein sollte.

Die SZ fragt sich, ob das Jugendwort nun tot sei. Ich glaube eher, dass es nie gelebt hat. SZ: Sie nannten ihn "Smombie".

Update 2 (16:55):

Das geheime Protokoll der entscheidenden Sitzung: MAN IST SO WORT, WIE MAN SICH FÜHLT

USA: Arbeitslosenquote 10/15: 5,0% (-0,1 Vm, -0,5 Vj), 271.000 neue Jobs. Durchweg positiv.

Hier (nach langer Pause; ich muss mal regelmäßiger bloggen und nicht nur tweeten) mein gewohnter US-Arbeitsmarktbericht:

Für den Oktober 2015 veröffentlichte das Bureau of Labor Statistics einen Arbeitsmarktbericht, der die (zugegeben eher niedrigen) Erwartungen deutlich schlagen konnte.

Es wurden 271.000 neue Arbeitsplätze geschaffen (erwartet etwa 170.000), die Arbeitslosenquote sank um 0,1 Prozentpunkte auf 5,0%.

Zu den offiziellen Zahlen des Oktober 2015 im Detail:

Household Data, per Umfrage erhoben:

Anzahl der Arbeitslosen: -7.000 auf 7,908 Millionen,
Anzahl der Arbeitenden: +320.000 auf 149,120 Millionen.

--> Arbeitslosenquote: 5,0% (-0,1 zum Vormonat; -0,7 zum Vorjahresmonat). Der positive Trend auf Jahresbasis ist weiterhin klar intakt.

Die Anzahl der Arbeitslosen ging zwar nur leicht zurück, die durch das Bevölkerungswachstum auf den Arbeitsmarkt drängenden Menschen (216.000 im Oktober) konnten aber vollständig mit einem Job versorgt werden, auch die 97.000, die aus den NILFs (not in labor force) zurück auf den Arbeitsmarkt kamen, fanden zum größten Teil einen Job (bis auf die 7.000).

Schwenken wir rüber zur Erwerbstätigenquote (Anzahl Arbeitskräfte gesehen auf die Gesamtbevölkerung), die immer ein guter Check für die Arbeitslosenquote ist. Diese zeigte ebenfalls eine leichte Verbesserung und stieg von 59,2 auf 59,3%. Im Jahresvergleich liegt das Plus allerdings bei nur 0,1 Prozentpunkt. Damit löst sich die Erwerbstätigenquote immer noch sehr sehr langsam vom Rekordtief von 58,2% aus dem Oktober 2013. Die Erholung der Erwerbstätigenquote ist weiterhin ernüchternd: Die Arbeitslosenquote ist von knapp 10% auf nun 5,0% gefallen, die Erwerbstätigenquote aber gerade einmal um 1,1 Prozentpunkte gestiegen. Das Urteil aus den letzten Berichten stimmt immer noch: Trotz der spürbaren Verbesserung der Arbeitslosenquote verbessert sich der Anteil der Arbeitenden an der Bevölkerung nur sehr zögerlich. Es entstehen zwar neue Arbeitsplätze, aber nur geringfügig mehr als angesichts der wachsenden Bevölkerung nötig wäre, um die Erwerbstätigenquote stabil zu halten.

Establishment Data:

Die Daten aus der Establishment Data, die als genauer gelten, waren im Oktober sehr positiv.

Anzahl der Jobs: +271.000 gegenüber dem Vormonat auf 142,654 Millionen. Zum Plus von 268.000 neuen Jobs im privaten Sektor kam ein Zuwachs der Beschäftigung von 3.000 Jobs im öffentlichen Sektor. Das Plus lag deutlich über den Erwartungen der Analysten und auch über dem Durchschnittswert des letzten halben Jahres.

Die beiden Vormonate wurden leicht korrigiert: Der September von 142.000 auf 137.000 nach unten, der August von 136.000 auf 153.000 nach oben; insgesamt also um 12.000 Arbeitsplätze nach oben.

Die Anzahl der gearbeiteten Stunden pro Woche blieb bei 34,5 Stunden. Die Zahl der Überstunden stieg leicht von 3,2 auf 3,3 Stunden. Beide Werte bleiben damit in der seit gefühlten Ewigkeiten geltenden Spanne von 34,4 bis 34,5 bzw. 3,2 bis 3,5 Stunden. In beiden Zahlen spiegelt sich weiterhin die grobe Tendenz am Arbeitsmarkt wider: Die Beschäftigung wächst zwar, aber ein breiter Boom sieht anders aus.

Immer ein guter Check für die Gesamtverfassung des US-Arbeitsmarkts ist die am breitesten ausgelegte Arbeitslosenquote U-6 (darin stecken z.B. auch alle, die zwar einen Teilzeitjob haben, aber eigentlich Vollzeit arbeiten wollen, etc.). Die U-6 sank im Oktober weiter leicht um 0,2 Prozentpunkte auf 9,8%. Gegenüber dem Vorjahresmonat ergibt sich damit ein Rückgang um 1,7 Prozentpunkte. Der Sinkgeschwindigkeit der breiter gefassten Arbeitslosenquote bleibt also hoch und macht Hoffnung, denn sie entwickelt sich (auch relativ gesehen) besser als die enger gefasste Arbeitslosenquote U-3 (die aus den Headlines). 

Zusammenfassend: Der Oktober-Bericht vom US-Arbeitsmarkt fiel durch die Bank gut aus. In beiden Bereichen des Arbeitsmarktberichts gab es positive Zahlen, bei der Anzahl der neuen Stellen sogar eine sehr gute Zahl. Auch im „Kleingedruckten“ (NILFs, Vormonatskorrekturen) gab es keine Enttäuschungen. Auch die Löhne steigen wieder mit 2,5% gegenüber dem Vorjahr, also angesichts der niedrigen Inflation durchaus solide. Enttäuschend bleibt nur der langfristige Trend bei der Erwerbstätigenquote.


Wenn ich auch in Zukunft diesen kleinen Bericht schreiben soll, flattert mich, retweetet den Artikel, teilt ihn auf Facebook, hinterlassst einen Kommentar, etc. Damit ich sehe, dass er gelesen  und geschätzt wird. Gracias.

"Smartphone & Co lassen Kurzsichtigkeit explodieren" oder "Warum Zeitunglesen blind macht" ...


GESUNDHEITSHINWEIS: DIESEN ARTIKEL BITTE AUS MINDESTENS FÜNF METERN ENTFERNUNG LESEN!

Smartphone & Co lassen Kurzsichtigkeit explodieren schreibt die Welt.

Alternativ hätte man auch formulieren können: Smartphones nicht gefährlicher für die Augen als Bücher oder Schulbildung.

Der in der Überschrift genannte Zusammenhang wird nämlich im Artikel nicht wirklich belegt. Dazu bräuchte man Zahlen aus der Vergangenheit und von heute. Oder Zahlen von heute, in der eine Gruppe ohne Smartphone und eine Gruppe mit Smartphone verglichen wird. Dann könnte man den Zusammenhang nachweisen.

Was im Artikel nachgewiesen wird ist der Zusammenhang zwischen der Länge des Schul- bzw. Uniaufenthalts (genauer des Lesens während dieser Zeit) und dem Anstieg der Kurzsichtigkeit. Das lässt sich in Europa über den Bildungsgrad nachweisen (höherer Bildungsgrad --> mehr Kurzsichtigkeit), aber auch geografisch, weil in Asien, wo die Schulbildung viel intensiver und länger ist als im Westen, die Kurzsichtigkeit ebenfalls verbreiteter ist. Allerdings fehlt auch hier die "Gegenprobe", eventuell ist es gar nicht so wichtig, wie lange man auf kurze Entfernungen schaut (Buch, Smartphone, …), sondern viel entscheidender, wie lange man in die Ferne (> Fünf Meter) schaut. In Asien zum Beispiel sind die Kinder im Durchschnitt nur noch knapp 3 Stunden im Freien, in denen sich die Augen dann durch's "in die Ferne schauen" erholen können. Nun gut, nicht jede These in diesem Artikel ist sauber belegt …

Jetzt mag diese "Weitguckzeit" durch das Smartphone noch weiter sinken, aber auch diesen Nachweis führt der Artikel nicht. Vielleicht ersetzt das Lesen von WhatsApp auch nur das Lesen eines Buchs? Beides wäre "Nahschauen" und damit (potenziell) gleich gefährlich.

Später werden Zahlen von Studenten in Asien genannt, wo 80-90% der Studenten kurzsichtig sind (in einen Topf gerührt übrigens mit "müssen eine Brille tragen"; aber wozu solche "Details" sauber darstellen, ignorieren wir einfach Weitsichtigkeit). Dort seien Smartphones verbreiteter als hier (wirklich? Beleg?), daher drohe in 20 bis 30 Jahren hier eine ähnliche Entwicklung. Aha, in Asien hatten die Kids bereits vor 20 - 30 Jahren alle Smartphones, auf die die armen asiatischen Kleinkinder den ganzen Tag gekuckt haben?

Puh, der Artikel bringt ganz schön viele steile Gedankengänge, die mir von den Zahlen der Studie ziemlich abgekoppelt zu sein scheinen.

Der Artikel droht dann noch mit einem Anstieg der Erblindung ("extrem Kurzsichtige haben höheres Erblindungsrisiko"), wobei dummerweise nirgendwo gesagt wird, dass die Kinder durch Lesen oder Smartphones "extrem" kurzsichtig werden. Der oberflächliche Leser könnte dann schnell schließen, dass Smartphones blind machen. Aber das ist falsch, allein schon, weil nicht Smartphones die alleinige Ursache sind. Schule ist scheinbar gefährlich, Bücherlesen ist genauso gefährlich. Wahrscheinlich sogar Zeitunglesen … (oh wait!). Besonders gefährlich solche "Statistik-Vergewaltigungs-Artikel", diese dann sogar für die geistige Gesundheit ;) Ok, der war jetzt zu gemein, das Untersuchungsergebnis an sich ist ja schon spannend, nur sagen wir mal im Artikel ziemlich komisch dargestellt …

So jetzt hab ich durch mein Tippseln eure Augen genug gequält, jetzt geht raus, genießt die Sonne und vor allem lasst die Blicke in die Ferne schweifen.

EU Normeninstitut warnt vor TTIP

Der Artikel ist bisher ziemlich untergegangen und ich hebe es aus einem Aspekt hervor: Der Grund dahinter ist nämlich *verringerter* Wettbewerb statt erhöhter (was TTIP eigentlich erreichen möchte).

Der Gedanke ist so: Europa besteht aus vielen Nationalstaaten, die jeweils völlig unabhängig voneinander Standards setzen können (und das auch getan haben). Dadurch gab es früher Unmengen von Produkten, die jeweils die Standards *eines* Landes erfüllt haben. Die Produkte mussten für jedes Land angepasst und auch erneut zertifiziert werden. Eines der großen Verdienste der EU ist es, diesen Wildwuchs (halbwegs) bereinigt zu haben. Aus 160.000 Standards wurden inzwischen "nur" noch 19.000. Es ist also heute viel einfacher, ein Produkt für Gesamteuropa zu entwickeln und abnehmen zu lassen. Das hat den Wettbewerb auf dem Binnenmarkt erhöht. Wir als Verbraucher sollten also (zumindest in der Theorie) eine größere Produktauswahl und bessere Produkte zu besseren Preisen bekommen haben.

Mit TTIP könnten nun auch US-Standards in Europa Gültigkeit erlangen. Dadurch würde das Standard-Wirrwarr ("Das Schöne an Standards? Es gibt so viele aus denen man wählen kann") wieder angeheizt. Außerdem droht Ärger, weil die USA lieber die Industrie standardisieren lassen als Institute. Was oft dazu führt, dass in den USA gar nicht standardisiert wird und jeder Hersteller sein eigenes Süppchen kocht. Hier fahren die USA und Europa komplett unterschiedliche Ansätze.

Nun ist es in der wissenschaftlichen Diskussion unklar, ob es besser für den Wettbewerb ist, wenn man den Staat (und seine Normierungsinstitute) alles standardisieren lässt, aber es zumindest klar, dass es unklar ist. Es gibt viele Beispiele, wo (staatlich) standardisierte Produkte für mehr Wettbewerb geführt haben. Es gibt ebenfalls viele Beispiele, wo nicht standardisierte Produkte zu proprietären Produkten geführt haben, die dann konkurrenzfrei zu völlig überhöhten Preisen an die Kunden verkauft werden. Man denke an proprietäre Akkus oder auch an Druckertinte. Die beiden letzten Beispiele zeigen aber auch, dass eine Standardisierung in diesen Bereichen die Weiterentwicklung und Produktverbesserung unter Umständen massiv behindert hätte. Man stelle sich Smartphones mit AA-Batterien vor … Ich persönlich finde, dass die EU hier nach Abwägung der Vor- und Nachteile eine ganz brauchbare Umsetzung gefunden hat (eine perfekte wird es eh nie geben).

Was ebenfalls ganz erwähnenswert ist: Die Rechtssicherheit ist - in beiden Märkten - im Moment vergleichsweise hoch. Das System hat sich - so kompliziert und wirr es in den Details auch sein mag - halbwegs eingependelt. Man weiss also zumindest ansatzweise, worauf man sich einlässt, wenn man als europäische Firma ein Produkt in den USA auf den Markt bringt. Und andersherum. Nach TTIP wird das aber alles neu austariert werden müssen. Das wird lange dauern und wenn wir Pech haben, kann das dazu führen, dass die Entscheidungen noch mehr als bisher vor Gerichten getroffen werden. Die Rechtsanwälte verdienen sich damit dämlich und die kleinen Firmen sind alle draußen, weil sie sich die Anwälte nicht leisten können.

Es bleibt festzuhalten, dass der Einfall von US-Normen in Europa durchaus dazu führen könnte, dass der Wettbewerb schwächer wird und die Rechtssicherheit sinkt. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was TTIP erreichen möchte. Anders gesagt: Eine Lose-Lose-Situation.

Es ist in diesem Spezialbereich von TTIP wie in vielen Teilbereichen von TTIP völlig unklar, ob die Auswirkungen für Wirtschaft und Bevölkerung positiv, neutral oder negativ sein werden. Wenn ich die Abwägung zusammenfassen müsste, würde ich es so formulieren: Gegenüber dem aktuellen Status könnte es durchaus in vielen Bereichen zu kleinen Verbesserungen durch verstärkten Wettbewerb kommen, in vielen Bereichen droht aber auch eine Verschlechterung der europäischen Standards, teilweise könnten die Verschlechterungen sogar dramatisch werden (Pharma, Gentechnik, Copyright, Fracking, [hier die eigene persönliche TTIP Angst einfügen]). Daher frage ich mich, warum man in dieser Hochunsicherheitszone TTIP befürworten sollte. Es ist ja nicht gerade so, dass das Hauptproblem zwischen EU und USA zu wenig Wettbewerb ist. Zumindest sehe ich das Problem, das TTIP lösen soll, nicht wirklich.

(via EU-Normeninstitute warnen vor TTIP - fm4.ORF.at)

Update (16:11):

Vielleicht auch noch ganz gut zum Aspekt "Hochunsicherheitszone":

ORF: Im Dickicht der Studie

Tippspiel-Abrechnung und Start des neuen Spiels

Lange habe ich mich um die Abrechnung gedrückt, aber nun habe ich es doch geschafft ...

Das Kicktipp-Tippspiel, bei dem alle Spieltage getippt werden, habe ich selber ja gewonnen (nach ein paar Jahren in der Spitzengruppe war das auch mal überfällig ;) Hooray! ).


Zweiter wurde Nuttenpreller69, dem ich einen Preis zukommen lasse, wenn ich eine Echtwelt-Adresse bekomme (meine Mail steht im Impressum). Bitte sagen, ob der Gewinn zum Lesen, Essen oder Trinken sein soll ...

Im Tabellen-Tippspiel, in dem nur einmal vor der Saison getippt wird, haben die (leider nur drei) Menschen gegen die Algorithmen ziemlich übel verloren. Unter den Menschen war ArianeSophie85 (Bitte sagen, ob der Gewinn zum Lesen, Essen oder Trinken sein soll ...) die Siegerin mit 63 Punkten Abweichung (jeder Tabellenplatz daneben gibt einen Punkt). Dass es auch besser geht, zeigen die Wettquoten von BWIN, die "nur" 51 Punkte Abweichung produziert haben. Und noch besser der ClubElo Wert, der nur 45 Punkte Abweichung aufgewiesen hat.

Gewonnen hat der ClubElo unter anderem, weil er die zwei der drei großen negativen Überraschungen HSV (39 Plätze unter den Tipps) und VfB (35 Punkte) nahezu richtig hatte. Die größte negative Überraschung war aber der BVB, der (alle Tipps zusammengenommen) 40 Plätze unter den Tipps lag. Die absolute Abweichung war bei den positiven Überraschungsmannschaften noch größer. Augsburg lag satte 63 Plätze besser (übrigens lag auch hier der ClubElo nur 2 Plätze daneben), auch Mönchengladbach überraschte mit einer Platzierung, die insgesamt 41 Plätze besser lag als erwartet. Diese beiden Vereine hätte man sicher sofort genannt, wenn man nach den positiven Überraschungen der Saison gefragt worden wäre, die zwei Mannschaften dahinter haben mich aber doch überrascht: Werder schnitt 40 Plätze besser ab als getippt, Frankfurt 38. In allen 8 Tipps/Prognosen wurden diese zwei schlechter erwartet. Der (Überraschungs-)Vizemeister Wolfsburg war hingegen "nur" 26 Plätze als erwartet. Okay, im Mittelfeld ist es einfacher zu überraschen, die Platzierungen sind sehr eng (siehe auch unten die Goalimpact Prognose für 2015/2016). Da reicht eine Siegesserie (Bremen) oder ein Torschützenkönig (AlexMeierFußballgott) und zack, bist du nicht mehr 14. sondern 9.
Die Mannschaft mit dem geringsten Überraschungspotenzial war Bayern, die alle 8 Tipps als Meister gesehen haben, dahinter Leverkusen und Paderborn (da war Goalimpact der Algo, der Paderborn nicht auf 18 gesehen hat; bei unterschiedlichen Ligen hat der Algorithmus seine Schwächen, die aber in der aktuellsten Version anders zu sein scheinen, zumindest ist die Prognose für dieses Jahr: Darmstadt steigt ab. Auch wenn der Punkteabstand kleiner ist als man denken könnte, Goalimpact sieht immer etwa 33 Punkte (6 mehr als der HSV in der vorletzten Saison ...)

Ich bin mit meinem Tabellentipp noch nicht ganz durch, weil ich mich ohne Lektüre des Kicker-Bundesliga-Sonderhefts nicht in der Lage sehe, sinnvolle Tipps abzugeben. Wie das Ergebnis der letzten Saison zeigt, wird das aber auch nach der Lektüre nicht viel besser ;)

Zwei Tabellentipps habe ich schon mal eingesammelt:

Einmal von ClubElo


Und einen zweiten von Goalimpact Season Prediction:


(über diesem engen Bereich kreisen die Bayern mit über 70, Dortmund mit etwa 65 und Wolfsburg mit etwa 60 Punkten).

Es kommen auf jeden Fall noch die Tipps von der WAZ und von 11Freunde, die im Gegensatz zum Kicker den Mut haben, sich mit dem Saisontipp bis auf die Knochen zu blamieren und sich von hühl kalkulierenden Maschinen schlagen zu lassen …

Der Tabellentipp ist immer schwierig, weil die Transferperiode zu Saisonbeginn noch läuft. Wichtige Spieler wie Kevin de Bruyne bei Wolfsburg oder Baba bei Augsburg könnten den Verein noch verlassen, andere Vereine am Transfermarkt noch nachlegen. Was soll ich machen? Warten bis zum Ende der Transferperiode (dann wären die ersten drei Spieltage gelaufen) oder nur bis Freitag einsammeln? Ersteres wäre etwas unfair gegenüber den Zeitungen/Zeitschriften, aber nun gut, die fahren ja eh außerhalb der Wertung. Ich tendiere zum ersten Mal dazu, den Saisontipp bis zum 4.9. (dem nächsten Spieltag nach Ende des Transferfensters) offen zu halten. Was meint ihr?

Ich bitte um fleissige Anmeldungen zum Kicktipp-Tippspiel, empfehlt das Ding hier weiter (gerade auf Facebook, Twitter und so ...). Tipps für das Saison-Tippspiel einfach ab in die Kommentare.

Update (16:32):

11Freunde tippen:

1 FCB
2 LEV
3 BVB
4 WOB
5 BMG
6 FRA
7 BRE
8 S04 (!)
9 HOF
10 HSV (! nicht 16 ;) )
11 FCA
12 FCK
13 VFB
14 M05
15 FCI
16 H96
17 BER
18 D98

Update 2 (21:39):

Goalimpact hat übrigens zur Prognose der abgelaufenen Saison 2014/2015 einen ganz interessanten Rückblick gemacht:


Backtesting Bundesliga 2014/2015

Update 3 (14.8.15):

Bei Statsbomb gibt es eine hochinteressante Analyse, leider nur für die Topgruppe:

FCB, 80 points
BVB, 72 points
BMG, 60 points
LEV, 58 points
WOB, 57 points
S04, 54 points

Statsbomb - Bundesliga Preview

Diese Tipps habe ich bis jetzt eingesammelt:



Quellen:

Der Oekonomie-Beobachter (Blog, lesen!)
@SchuermannChris von der Wirtschaftswoche (Folgen!)

@ArianeSophie85
@holger101x
@blicklog

Dieses Mal mit Experten-Tipps; endlich mal nicht nur dahergelaufene Blogger und Journalisten ;) :

Der @GNetzer vom Rasenfunk mit dem Schlusskonferenz Podcast, quasi ein "DoPa in gut": Rasenfunk - Schlusskonferenz

Der Tobias Escher (@TobiasEscher von den Taktikexperten von Spielverlagerung, die übrigens auch podcasten (SV-Podcast Nr. 26: Sommertransfers (Teil 1) und Stefan Rommel (@knallgoewer).

Klassische Medien:
WAZ (aus dem Print)
FAZ - Unsere Abschlusstabelle (Klickstrecke …)
11Freunde (sehr empfehlenswertes Sonderheft)

Wenn ihr noch mehr habt, gerne her damit. Die meisten scheinen sich aber nicht mehr zu trauen, sich mit ihren Tipps zu blamieren. Wo ist der Helmer? Der Neururer? Der Simon?

Und dann ein paar Algorithmen:

ClubELO - Deutsche Mannschaften
Marktwerte von Transfermarkt (kein direkter Link, da bin ichkomischerweise geblockt …)
und wie jedes Jahr der Goalimpact (der leider gerade im Urlaub weilt, daher als Basis die letzte Aktualisierung vom 5.8.).
BWIN, sortiert nach den Quoten für den Meistertipp, bei Gleichstand nach den Quoten für den Absteiger (nur nach den Absteigerquoten wäre der HSV übrigens 15 …)

Gerne hätte ich auch noch die Quoten von Betfair genommen, wo man die Wetten wie an einer Börse handeln kann. Leider ist der Markt für den Meistertipp komplett illiquide, Ask- UND Bidkurse gibt es nicht einmal für die Hälfte der Mannschaften und selbst die, die es gibt, sind teilweise abstrus wie 75 zu 1000 … Alternativ habe ich 4 deutsche Wettanbieter (Tipico, Bet365, Interwetten, Bet3000) genommen und einen Durchschnitt berechnet.

Auch hier freue ich mich über weitere Tipps, die aus dem Computer kommen.

Update 4 (09.09.15):

Ein letztes Update mit den Goalimpact-Werten nach Abschluss der Transferperiode. Der Hauptfaktor für die Änderungen sind logischerweise die drei bereits gelaufenen Spiele. Über die Einzelanmerkungen im Blog ist aber klar, dass auch die Last-Minute-Transfers interessante Auswirkungen hatten.
Ziemlich überraschend hat Wolfsburg trotz des Rekordverkaufs von Kevin de Bruyne (75 Mio) sogar einen (prognostizierten) Punkt gewonnen: Die zwei Einkäufe von Draxler und Dante sieht das Bewertungssystem von GoalImpact in der Summe stärker als den Verlust durch den Abgang. Der Abstand zu Dortmund ist von etwa 6 Punkten vor der Saison auf inzwischen etwa 4 geschrumpft.
Konsequenterweise hat Schalke im GoalImpact-Rating verloren, Draxler weg, kein Ersatz verpflichtet, das kann nicht positiv sein.
Der zweite große Gewinner der Last-Minute-Transfers ist Leverkusen, die den Verkauf von Son (30 Mio) durch die Verpflichtung von Chicharito und Kampl nach Meinung von Goalimpact mehr als ausgleichen konnten. Zusammen mit dem guten Saisonstart hat Leverkusen Schalke überholt und klar abgehängt: In Punkten umgerechnet sieht Goalimpact Leverkusen inzwischen satte 8 Punkte vor Schalke. Also wieder nur Euro-League für Schalke … Und dabei muss Schalke sogar schon nach hinten schauen, Hertha und Frankfurt sind keine drei Punkte entfernt.
Gladbach sieht Goalimpact übrigens nur noch auf Platz 8, da spielt der Horrorsaisonauftakt aber wohl eine wichtigere Rolle als die Transfers.
Interessant bei den Absteigern: Augsburg steckt weiter unten drin, Darmstadt liegt nach dem guten Saisonauftakt "nur" noch 3 Punkte hinter dem Relegationsplatz, die sind also nicht annähernd so chancenlos wie viele glauben. 3 Punkte Overperformance und es würde reichen.

TWoliday

Tut mir leid, mein Plan zur Griechenlandrettung hat sich nicht durchgesetzt. Die Kuh steht immer noch schlitternd auf dem Eis und auf beiden Seiten des Teichs ziehen die Partner in zwei unterschiedliche Richtungen (wenn man genauer hinschaut, ziehen EZB und EU in eine, Griechenland in die andere und der IWF in eine dritte Richtung). Tut der Kuh nicht gut.

Auch wenn ich noch ein wenig Hoffnung für eine Lösung am Wochenende habe (es mehren sich im Laufe der Woche sinnvolle Aussagen von wichtigen Leuten; auch die USA scheinen noch einmal Druck zu machen, es geht um Promille des EU-BIPs, die für eine Lösung nötig wären), berichten dazu werde ich wohl nichts. Es geht ab an die Küste.

Es tut mir leid, ihr müsst zwei Wochen mit den Massenmedien auskommen ;)
"Daran sieht man einerseits, dass wir zwar einige Menschen erreichen, aber die große Masse ist immer noch den Leitmedien und ihrer Desinformation hilflos ausgeliefert. Deswegen kann ich unsere Leser nur bitten, alle Menschen, die sie kennen, darauf hinzuweisen, dass man sich im Internet umfassender und besser informieren kann als bei den Leitmedien und dass man niemals unkritisch Informationen und Analysen (unsere eingeschlossen) als „die Wahrheit“ schlucken darf."
Mein Interview im ZDF und drei Anmerkungen  (gefunden über Der Medien-Rant des Heiner Flassbeck)

Unbedingt lesenswert, auch das hier:
Ich habe in den letzten Tagen viele Interviews in Rundfunk und Fernsehen gegeben [...] und bin in fast allen Fällen schockiert darüber, wie wenig die Moderatoren solcher Sendungen über die Eurokrise, den Fall Griechenland und die internationale Diskussion dazu wissen.
So sieht's aus … Lest deshalb besser den @Schieritz, den Flassbeck, den @KeineWunder, den Spiegelfechter. In Sachen Griechenland dürftet ihr da genügend Gegengewicht zum Mainstream bekommen um zu eigenen Schlüssen zu kommen.

Der Kompromiss ist übrigens immer noch ganz einfach: Tsipras will Schuldenentlastung und/oder Investitionsprogramm (Bankenrefinanzierung wäre nett, IWF und EZB aus der Troika rauszubekommen ebenfalls). Dafür würde er auch die Kröte "weiteres Sparprogramm" schlucken, denn da sind die beiden Seiten nur ein paar Millionen auseinander. Und ich habe immer noch etwas Hoffnung, obwohl es durchaus möglich ist, dass reine Machtpolitik ("die links-radikale Syriza muss weg" oder "18 gegen einen, wer Recht hat, ist da nicht entscheidend") am Ende für einen schlechten Ausgang und die denkbar teuerste Lösung für beide Seiten sorgen wird.

(Und nach dem Urlaub rechne ich auch endlich mal das Tabellentippspiel für die letzte Saison ab).

Wenn ihr Langeweile habt: Meldet euch endlich bei Flattr an und klickt wie irre auf den Flattr-Button, schickt mir überflüssige Bitcoins, shoppt über den Affiliate-Link bei Amazon, oder bewerbt Euch als Gastblogger für meinen nächsten Urlaub.

Bild macht Vorschläge für die Griechenland-Verhandlungen. Mein Senf dazu.

Bild: Mit diesem Plan muss Angela Merkel heute nach Brüssel reisen

Bild Link, harter Tobak. Daher immer ein Disclaimer, der die massiv sinkende Bedeutung dieser "Zeitung" verdeutlicht:


Leserhalbierung in 15 Jahren, muss man auch erst mal hinbekommen … Man sollte dieses Dingen nie zu ernst nehmen, dummerweise hat sich das in Berlin/Brüssel/Athen aber noch nicht weit genug rumgesprochen und die Bild wird dort immer noch als wichtig empfunden. Nur deshalb reagiere ich darauf. Und zugegeben, weil der Plan gar nicht so doof ist ... So genug disclaimert ...

Bild stellt einen 5-Punkte-Plan für Griechenland vor.

1) Raus aus dem Euro. Nur so könne die Wettbewerbsfähigkeit wieder hergestellt werden.

2) Kein drittes Hilfspaket für Griechenland.

3) Schuldenschnitt auf 50%.

4) Humanitäre Hilfe.

5) Hilfe für Investitionen.

Klingt jetzt gar nicht mal so doof, zumindest nicht so doof, wie man es von der Bild erwartet hätte. Okay, mal der Reihe nach:

Punkt 1: Hier sitzt die Bild leider dem Fehler vieler anderer Beobachter ebenfalls auf. Griechenland hat - wenn man die Lohnstückkosten in der Produktion betrachtet - trotz aller Lohnsenkungen in GR einen großen Nachteil gegenüber den hochautomatisierten Ländern des alten D-Mark-Blocks (D, BeNeLux, AT, …). ABER dieses Problem hatte Griechenland IMMER und daran wird sich auch NIE was ändern. Griechenland ist KEIN Produktionsstandort, Griechenland ist eine Dienstleistungs- und Agrarnation und deren Trumpf heißt Tourismus. Ein weiteres As im Ärmel könnte die Logistik mit dem Hafen in Piräus (und dem großen Hinterland Rumänien, Bulgarien, eigentlich fast dem gesamten Balkan) werdem. Es ist kein Zufall, dass China genau dort (Hafen Piräus) das erste Investment in Griechenland vorgenommen hat. Fall jemand Vorschläge für sinnvolle Investitionen im Produktionssektor Griechenlands hat, her damit. Ich habe bisher keine gesehen. Bei mir sinnvoll erscheinenden Vorschlägen ging es immer um Dienstleistung, Logistik, Pharma, Forschung, etc., alles Wirtschaftszweige, in denen Produktionskosten keine entscheidende Rolle spielen. Kurz: Die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands kann man NICHT an den Lohnstückkosten festmachen.

Viel besser kann man die Wettbewerbsfähgkeit an einem anderen Indikator festmachen: Der Leistungsbilanz. Das ist vereinfacht die Summe aller Waren und Dienstleitungen und Geldzuflüssen (also alles was Geld ins Land bringt) wovon man alles abzieht, wodurch Geld ins Ausland abfließt (also Waren- und Dienstleistungsimporten). Dieses ist eigentlich aus Sicht einer Währungsunion der EINZIGE Faktor, der wirklich zieht. Denn ein Land, dessen Leistungsbilanz deutlich und lange im Minus ist, baut gegenüber dem Ausland Schulden auf (ebenso andersherum). Das kann nicht auf Dauer gut gehen, irgendwann erstickt das Land unter seinen Auslandsschulden. Genau das ist in Griechenland passiert.

GRIECHENLAND IST EIN FASS OHNE BODEN. ODER VIELLEICHT DOCH NICHT?


Um es vielleicht mal anders zu sagen: Griechenland ist Florida, Deutschland ist Illinois/Ohio/Michigan. Wir haben Produktion, wir bauen Autos und Maschinen, in Griechenland macht man Freizeit. Daran ist nichts falsch, das ist eine durchaus plausible Aufgabenverteilung.

Es ist entscheidend, dass man den Punkt Leistungsbilanz nicht vergisst. Denn in einer Währungsunion (ohne Fiskalunion) gibt es keinen Ausgleichsmechanismus zwischen Ländern, die Leistungsbilanzdefizite und -überschüsse produzieren. Daher müssen die Leistungsbilanzen relativ ausgeglichen sein, zumindest wenn man keine großen Mechanismen hat, um Geld von Ländern mit Überschuss (D) in Länder mit Minus (GR, Por, Esp, ...) zu schieben. Dieses Ziel hat Griechenland 2012/2013 erreicht. Ab diesem Zeitpunkt war - aus Sicht der Währungsunion - eigentlich alles wieder im Lot. Jede Maßnahme danach sollte "nur noch" den Staatshaushalt ins Lot bringen und genug Geld heranschaffen, um die Gläubiger zu befrieden. Auch jetzt geht es ausschließlich darum. Das sollte man nicht vergessen, bevor man von Griechenland neue und weitere Sparauflagen macht. Es geht nicht mehr um den Euro, es geht um die Gläubiger, um die griechischen und ausländischen Banken, Kapitalanleger, Hedgefonds,  und alle, die durch die bisherigen Rettungsprogramme zu Gläubigern geworden sind (IWF, EZB, EFSF/ESM). Um die geht es nun, nicht um die Währungsunion.

Die Punkte 2 (Hilfspaket) und 3 (Schuldenschnitt) sind etwas komisch, denn ein Schuldenschnitt ist für mich Hilfe. Wahrscheinlich meint Bild, kein weiteres Geld, dafür ein Schuldenschnitt und dann muss Griechenland die Tilgung und Zinsen für die gesenkte Schuldenlast selber ranschaffen. Ich halte dies - aufgrund der derzeit noch hohen Zahlungen (die Kredite bei IWF und EZB sind (wie wir alle inzwischen wissen) - für utopisch. Würden alle Kredite so aussehen wie die beim ESM/EFSF (Tilgung frühestens ab 2023), könnte man das aber durchaus unterschreiben.

4) Humanitäre Hilfe: Gut gemeint, allerdings ist hier die Frage, warum genau diesem Punkt ein Grexit vorgelagert sein muss. Das kann Europa problemlos - und ohne dass es teurer wird - auch mit einem Griechenland innerhalb der Eurozone machen. Etwas pointierter würde ich sagen, dass man vielleicht einfach mal aufhört, die Griechen mit weiteren Sparprogrammen zu überziehen, dann helfen die sich schon selber. Vor alllem, wenn es zu 5 kommt.

5) Investitionsprogramm. Das ist natürlich ein Punkt, der ohne eine konkrete Summe Geld kaum zu beurteilen ist. Hier scheint Bild Angst vor der eigenen Courage zu haben und dem Leser keine konkrete Zahl "zumuten" zu wollen. Ein Marshallplan für Griechenland muss signifikante Summen Geld bewegen. Eine Milliarde pro Jahr ist hier nichts, da muss man schon mehr Geld anfassen und auch für mehr als ein Jahr. Wichtig ist auch, dass es sich um *zusätzliches* Geld handelt und nicht um einen Taschenspielertrick wie bei "Im-Notfall-muss-man-lügen"-Juncker, der ganz normale EU-Zuwendungen als Investitionsprogramm verkaufen wollte. Einfach über 5 Jahre aufsummieren und von einem 30 Milliarden Euro Investitionsprogramm reden. Es muss zusätzliches Geld sein, es muss in der griechischen Wirtschaft landen (und zwar überwiegend schnell), es muss in Zukunft Rendite abwerfen (Infrastruktur (Bahnstrecken von Piräus auf den Balkan), Energieerzeugung (Solar! Dezentral!), Energieeinsparung, Energienetz (Unterseekabel nach Italien), Bildung (Schulen)).

Zusammengefasst ein überraschend brauchbarer Vorschlag der Bild, wenn man mal Punkt 1 weg lässt. Wobei das am Ende auch nur durch Zufall relativ brauchbar wurde, denn ohne Punkt 1 hätte Bild wahrscheinlich die Punkte 2-5 nicht so hingeschrieben ...

Einen anderen Plan (im Update noch einen zweiten) habe ich mal hier vorgestellt:

Willem Buiter mit Plan für Griechenlandrettung

(eigentlich unfair, dass ich dieses Bild-Dingen hier so lange vorstelle, den Buiter-Plan (den ich bisher am besten fand) aber nur so nebenbei im Zweitblog vorgestellt habe; nun gut, hiermit sei noch mal darauf hingewiesen)

Was mir generell in allen Vorschlägen fehlt, ist ein Fordern und Fördern (denkt euch einen anderen Begriff aus, wenn euch dieser dank Hartz IV verbrannt vorkommt).

Griechenland ist korrupt, gebt den Griechen doch mal Geld dafür, wenn sie weniger korrupt werden.

Griechenland treibt das Geld der Steuersünder nicht ein: Helft ihnen z.B. bei der Verhandlungen mit der Schweiz. Andere Idee: Verdoppelt die aus der Eintreibung der Steuerschulden entstehende Summe.

Griechenland hat kein funktionierendes Katasterwesen: Führt als erstes eine (niedrige) Immobiliensteuer ein, zweitens eine Beweislast-Umkehr. Alle Griechen müssen ihre Grundstücke bis Ende 2015 beim Staat anmelden, und sei es nur grob. Wer nicht anmeldet, verliert den Anspruch auf dieses Grundstück. Das wird jede Menge Ärger geben, aber zumindest gibt es schnell Ärger und der Fall wird endlich mal angegangen.

Macht keine großen Pläne und Prognosen für die nächsten 5 Jahre (die eh alle wieder grandios daneben liegen), sondern baut ein System, das atmet und beiden Seiten (den Gläubigern und Griechenland) Luft lässt. Ein guter Vorschlag dafür sind z.B. BIP-indizierte Kredite, die BIP-Chef Fratzscher vorgeschlagen hat. Die Griechenland-Anleihen werden allesamt umgeschuldet und die Zinszahlung an das BIP gekoppelt: Je höher das BIP, desto höher der Zins. Ähnliches könnte man auch mit dem Primärüberschuss machen. Wichtig ist nur, dass Gläubiger UND Griechenland ein Interesse daran haben, den entscheidenden Indikator in die richtige Richtung zu schieben.

Wo bleiben diese "Wenn wir dies und das tun, profitieren wir beide davon"-Vorschläge? Es gibt viel zu viel Gegeneinander statt Miteinander. Und am Ende zahlen beide die größtmögliche Rechnung. Beim Grexit wären das Wirtschaftschaos (inkl. Armut) in Griechenland und massive Schuldenausfälle für die Gläubiger. Das kann doch eigentlich keiner wollen ...

Update (09:42):

Den halben Abschnitt mit "Deutschland ist Illinois, Griechenland ist Florida" fertig geschrieben. Ist mir gestern Abend durchgerutscht.

Griechenland hat nun einen Primärüberschuss - leider einen nutzlosen

Auf den Primärüberschuss Griechenlands habe ich ja häufig genug hingewiesen. Nicht nur, weil er ein sicheres Zeichen für einen - zumindest rudimentär - ausgeglichenen Staatshaushalt ist. Immerhin sind bei einem ausgeglichenen Primärüberschuss die laufenden Einnahmen hoch genug, um die laufenden Zahlungen wie Rente, Gehälter, Rechnungen ... (allerdings ohne Zinsen und Tilgung auf die Schulden) bezahlen zu können.

Wichtiger am Erreichen eines Primärüberschuss war für mich aber, dass Griechenland damit die Möglichkeit gewinnt, die Zins- und Tilgungszahlungen einfach einzustellen. "Sorry, wir können nicht zahlen" (unter Umständen auch nur als Drohkulisse). Dann muss es Verhandlungen mit den Gläubigern geben, die sich hinziehen können, und am Ende irgendein Schuldenschnitt kommen. Der griechische Staat könnte trotzdem weiter funktionieren (was auch immer man in Griechenland unter "funktionieren" zu verstehen hat). Griechenland hätte (ich bin geneigt zu sagen "endlich mal") Zeit, Verhandlungen in Ruhe und nicht unter dem Druck, dass morgen das Geld ausgeht, zu führen …

Gut, bei der Einschätzung der Bedeutung des Primärüberschusses habe ich mich geirrt. Denn inzwischen bestehen die Risiken durch einen Zahlungsstopp bei den Griechenbonds nicht mehr in der Zahlungsunfähigkeit des Staats (ausgelöst durch ausbleibendes Geld aus dem Ausland), sondern im sofortigen Zusammenbruch des gesamten griechischen Bankensektors. Trotz des Schuldenschnitts für die privaten Gläubiger, durch den die Bestände an griechischen Staatsanleihen bei den griechischen Banken deutlich geschrumpft sind, halten die griechischen Banken noch ein spürbares Volumen. Sollte der Schuldenschnitt kommen, wird die EZB die griechischen Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheit akzeptieren (können). Damit sind die griechischen Banken von der Refinanzierung defakto vollständig abgeschnitten und sofort zahlungsunfähig. In der Folge würde die Kreditvergabe und am Ende die gesamte Wirtschaft zusammenbrechen. Und aus dem eh schon desaströsen BIP-Einbruch von 25% würde einer von 40 oder 50% …

Ob meine frühere Überlegung jemals hätte aufgehen können, ist schwierig zu sagen. Es ist aber auch müßig, denn der Bank-Run, der nach einigen Monaten Ruhe im Dezember wieder eingesetzt hat (und schneller fortschreitet als jemals zuvor), dürfte die griechischen Banken inzwischen weitere 40 bis 50 Milliarden Euro Einlagen gekostet haben.


Damit ist es nun völlig utopisch, dass die griechischen Banken ein Schuldenmoratorium überleben könnten. Die 80-90 Milliarden Emergency Liquidity Assistence der EZB deutet das nicht nur an ...

Kurz: Vergesst den Primärüberschuss. Griechenland hat nun zwar einen Primärüberschuss, bleibt aber genauso abhängig vom Ausland (in diesem Fall konkret der EZB), und es ändert sich für die Verhandlungsposition Griechenlands absolut nichts. (Ein Primärüberschuss könnte zwar die Basis für einen Neustart Griechenland darstellen (siehe Buiter), aber nur im Einverständnis mit den Gläubigern. Und davon ist weiterhin nichts zu sehen.

Worüber man eventuell mal nachdenken könnte: Schuldenmoratorium durch Griechenland + Einführung einer Parallelwährung (die durchaus 1:1 an den Euro gekoppelt sein könnte). Das könnte bei einem Schuldenmoratorium eventuell gut gehen ... Ist aber ein ganz neues Thema ...

Der oben dargestellte Gedanke wird hier nochmal ganz sauber herausgearbeitet:
WaPo Wonkblog: Europe is destroying Greece’s economy for no reason at all.

Dass der Bankrun die Achillesferse für Griechenland ist, war übrigens schon Ende März zu lesen:
The Troika’s Leverage Over Greece: The Ongoing Bank Run.

Der Wonkblog Artikel lohnt sich unabhängig davon aber auf jeden Fall ...

Zum Schluss noch ein Hinweis auf einen Artikel in meinem Zweitblog, in dem ich (und geschätzte Verlinkte) den aktuellen Kompromissvorschlag zwischen Troika und Griechenland analysieren. Und irgendwie nicht verstehen, wie Tsipras darauf eingehen kann … Entweder ist es Wahnsinn, die totale Aufgabe (weil GR akzeptiert hat, dass seine Verhandlungsmacht extrem eingeschränkt ist) oder es gibt irgendeine Gegenleistung der EU, die wir noch nicht kennen (Investitionsprogramm, Schuldenschnitt oder auch nur ein Ausscheiden des IWF aus der Troika, was der IWF ziemlich offensichtlich anstrebt).

Griechenland: Ergibt das Sinn, Herr Tsipras?

P.S. Ich hoffe, wird klar, wie wichtig der Bank-Run für Griechenland ist und wie extrem die Verhandlungsposition von Griechenland dadurch geschwächt wurde. Und dann würde es sich auch noch mal lohnen, ob und wie die EZB dieses Spiel orchestriert hat ("unklar, ob griechische Banken am Montag noch öffnen") und wie (geradezu gierig) die deutschen Medien diese Gerüchte verbreitet und befeuert haben. Bis hin zu Kamerateams vor den Geldautomaten und Banken, die die Schlangen einfangen sollten, war alles vorbereitet.



Von der selbstauferlegten Zurückhaltung, an die sich die deutschen Medien gehalten haben, als unter anderem die Commerzbank 2009 mit dem Rücken zur Wand stand, war nichts mehr zu sehen. Im Gegenteil: Die Medien haben es bevorzugt noch zusätzlich Öl ins Feuer gekippt. Ich könnte jetzt pathetische Worte wählen und schreiben, dass sich die Medien sich an der europäischen Idee versündigt haben, aber ich neige ja nicht zu pathetischen … Ok, ich lass es stehen ...

(Vielleicht hätte ich den Medienaspekt nicht im P.S verstecken wollen, Medienkritik bringt oft die meisten Retweets, Artikelempfehlungen und Flattrs …)

Griechenland ist ein Fass ohne Boden. Oder vielleicht doch nicht?

Griechenland ist nicht wettbewerbsfähig: Habt ihr hundertmal gelesen und stimmte auch lange. Stimmt aber nicht mehr.

Wie komme ich darauf, wo doch alle wahlweise mehr Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit oder - die die aufgegeben haben - den Rauswurf aus dem Euro wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit fordern? Naja, Eurostat und einfach mal in die Zahlen schauen.

Was nimmt man dann am besten? Die Leistungsbilanz. Diese besteht im wesentlichen aus drei großen Posten

a) Handelsbilanz (Export von Gütern (Maschinen, Autos, Computers, Öl, Kohle, Lebensmittel, …) MINUS Import von Gütern)
b) Dienstleistungsbilanz (Export von Dienstleistungen (Gesundheit, Pflege, Online-Dienste, Beratung, Medien, Anzeigen, Tourismus (von Ausländern im Inland) …} MINUS Import von Dienstleistungen (u.a. Griechen, die im Ausland Urlaub machen)) (NB: Wikipedia hat im Rechenbeispiel Zinsen drin, die aber aber nicht in die Dienstleistungsbilanz fallen; das dürfte ein Fehler sein)
c) Kapitalbilanz (Import von Geld und Kapital (Kauf inländischer Aktien/Wertpapiere/Immobilien/Unternehmen, … durch Ausländer) MINUS Export von Geld und Kapital (Kauf ausländischer Aktien/etc durch Inländer; auch direkte Kreditvergabe ins Ausland) (Achtung, tricky, hier dreht sich die Import/Export-Logik um; kein Wunder, irgendwie müssen die Bilanzen oben ja wieder ins Lot gebracht werden. Länder mit positiver Handels- und Dienstleistungsbilanz haben meistens eine negative Kapitalbilanz)
d) Übertragungsbilanz, Änderung der Devisen- und Goldreserven (den Punkt ignoriere ich im folgenden)

Rechnet man die a,b und c (und d) zusammen, bekommt man die Leistungsbilanz. Diese sagt: Stimmte, Griechenland war nicht wettbewerbsfähig und/oder hat zu viel importiert. Das Interessante aber: Das stimmt inzwischen nicht mehr:


Quelle: Eurostat

Aus dem desaströsen Minus in der Leistungsbilanz von fast 15% des BIPs ist inzwischen ein kleines Plus geworden! Griechenland steht damit nicht schlechter da als Spanien und Italien.

Zu den Details: Die Handelsbilanz ist weiterhin negativ, aber nicht mehr so schlimm wie 2010. Dabei hat sich vor allem die Importseite verbessert (sprich ist dank des Monster-Sparprogramms geschrumpft). Man kann natürlich -wenn man Griechenland schlecht reden will - rein auf die Handelsbilanz schauen, diese ist aber nicht aussagekräftig, weil sie in Griechenland noch NIE im Plus war, nicht einmal annähernd. Der Ausgleich in Griechenland kam IMMER über den Tourismus, über den Geld ins Land floss. Das landet aber in der Dienstleistungsbilanz. Hier war immer der einzige Hebel für Griechenland; ich habe eine Zeitlang sogar auf die Ankünfte an den Flughäfen geschaut, weil diese einen Frühindikator für die Tourismusbranche liefern.

Zugegeben: Ein Teil der Verbesserung der Leistungsbilanz kam über die Verbesserung der Kapitalbilanz und da spielten die EU-Hilfen eine Rolle: In der Kapitalbilanz haben die Rettungsprogramme Griechenland geholfen, weil dadurch deutlich weniger Zinsen anfallen als 2010. Der Großteil der Schulden liegt nun bei EU und EZB. An diese muss Griechenland spürbar niedrigere Zinsen bezahlen als am Kapitalmarkt, teilweise ist die Zinszahlung sogar vollständig ausgesetzt. (Wohlgemerkt hat sich auch Deutschland zu solchen extrem niedrigen Zinssätzen finanziert, teilweise sogar zu noch niedrigeren als Griechenland).

Ich finde es extrem seltsam, dass der Punkt Leistungsbilanz, der die Diskussion von 2010, 2011 und 2012 bestimmte, inzwischen kaum noch erwähnt wird. War das dicke Minus in der Leistungsbilanz nicht DAS große, grundlegende Problem der griechischen Volkswirtschaft? War die Normalisierung der Leistungsbilanz nicht immer eines der großen Ziele der Troika? Warum spricht nun niemand mehr darüber?

Warum sind die Schritte, die zu diesem (es sei betont) sinnvollen Ziel führen sollten (wie Liberalisierung des Arbeitsmarkts, Senkung des Mindestlohns, …), allesamt noch auf der Agenda, auch wenn das Ziel mehr oder weniger erreicht wurde?

Daher gehen Artikel wie Griechenland muss mehr exportieren – aber was? auch leicht am Ziel vorbei. Es wäre natürlich langfristig gut, wenn Griechenland mehr exportieren würde, kurzfristig aber ist führen alle Maßnahmen, die die Wettbewerbsfähigkeit steigern, dummerweise zu niedrigeren Löhnen und weniger Inlandsnachfrage. (Btw: spätestens in der Grafik mit Exportanteil/BIP, in der Griechenland VOR Japan steht, das nun wahrlich nicht als exportschwache Nation gilt, hätte der Autor stutzig werden müssen … Da hätte einem auffallen können, dass man nicht einfach alle Länder über einen Kamm scheren kann).

Ich werde jetzt mal polemisch (aber das sind andere auch): Braucht man nun eine andere Story, um die Griechen nieder zu machen? Zum Beispiel so:

Deren Finanzämter funktionieren ja gar nicht (wenn die Griechen allerdings Beamte einstellen, blähen die Griechen den Staatsapparat auf).
Linksradikales, nicht vertrauenswürdige Kommunisten-Rocker! Die reden sogar mit Putin (wir hingegen kaufen da nur kühl kalkulierend unser Gas …)
Die Rentenausgaben sind von 11,7%/BIPs auf 16,2%/BIPs gestiegen. Die sparen ja gar nicht die Griechen, die geben sogar noch mehr aus (Dumm nur, dass allein ein Einbruch des BIPs um 25% schon dazu führt, dass aus 11,7%/BIP --> 15,6%/BIP werden. Dazu noch erzwungener Vorruhestand durch Arbeitsplatzverlust oder vorzeitige Pensionierung und Zack ist der vermeintliche Anstieg erklärt. Gastbeitrag von Alexis Tsipras: Deutsche zahlen nicht für Griechen.
Der Grieche geht mit 56 in Rente, der Deutsche mit 64 (OK, stimmt nicht, siehe dazu: Bild: Wenn die Zahlen nicht passen, werden sie passend gemacht ….
Die griechische Regierung bewegt sich nicht, wir (Europäer) haben uns massiv bewegt (siehe dazu: Griechische Regierung bewegt sich nicht? Bullshit!)
Die Grieche spart gar nicht (Unfug; griechische Staatsausgaben 2009: 124,7 Mrd. Euro, 2014: 86,2 Mrd. Euro; das ist ein Minus von fast 31%!)
Griechenland ist ein Fass ohne Boden. Ach nee, das ist ja oben widerlegt.

Was Griechenland jetzt braucht, ist Stabilität und ein Ende der Verunsicherung und Angst. Dann kämen unter anderem die Bauinvestitionen im Privatsektor (es sind ja nicht alle arbeitslos) und der Tourismusbranche wieder in Gang. Die Bauinvestitionen sind auf ein Viertel des Vorkrisenniveaus eingebrochen. Allein in diesem Sektor liegt jede Menge Potenzial für eine Aufholbewegung. Dazu benötigt Griechenland nicht einmal einen Marshallplan und ein Investitionsprogramm von außen … Es reicht die Zusicherung, dass Europa das Land nicht vor die Wand fahren lässt … Es wäre übrigens für Europa ein leichtes, die (nicht vergessen: sinkenden!!!) Defizite Griechenlands übergangsweise zu finanzieren … (siehe dazu auch Griechenland so: Haste mal 'nen Euro? Europa: Nöh, geh arbeiten!

Update (18:20):

Frank Lübberding hat sich auch so seine Gedanken über die Debatte zu Griechenland gemacht, die sich zunehmend von den Fakten entkoppelt und immer absurder wird ...

Debatte um Griechenland ein Rätsel, ökonomisch betrachtet

Update (22.06.15):

Noch zwei Links, die sich über das Wochenende angesammelt haben:

Vor allem der, weil es mal um einen konkreten Plan zur Griechenland-Umschuldung inkl. Zukunft geht:

Willem Buiter mit Plan für Griechenlandrettung

Und der zeigt ganz gut, wieso Griechenland sich stabilisiert hat. Und warum diese Stabilisierung noch nicht in eine breite Aufschwungbewegung übergegangen ist:

BÖRSE ONLINE: "Griechische Tourismusbranche: Unternehmen halten Investitionen zurück"

Warum (Staats-) Schulden weniger gefährlich sind als gedacht

oder Es geht nicht darum, wieviel Geld der Staat ausgibt, sondern wofür.

Es gibt, ganz anders als Reinhardt/Rogoff vor ein paar Jahren (übrigens fehlerhaft) errechnet haben, keine feste Grenze, ab der Staatsschulden gefährlich werden. Und auch nicht unbedingt eine, ab der das Wachstum schwächer wird.

Die Behauptung von Rogoff krankte schon immer daran, dass mit der Höhe der Staatsschulen nur ein Teil der Volkswirtschaft (neben Wirtschaft und Privaten) betrachtet wurde und noch viel schlimmer, nur eine Seite der Bilanz des Staates. Die andere Seite, nämlich das Vermögen, geht in diese Rechnung gar nicht ein. Und es macht natürlich einen Unterschied, ob Infrastruktur wie Wasser, (Auto-), Bahn etc. dem Staat oder der Wirtschaft gehört. Genauso ist es auf der Schuldenseite wichtig, wer die Schulden hält. Liegen diese im Inland (wie in Japan), sind die Staatsschulden wesentlich unkritischer als in Griechenland, wo die Schulden zu signifikanten Teilen im Ausland liegen. (Die Inländer kann man (relativ) einfach besteuern, die Ausländer nicht). Ein besserer Indikator für die Schuldenhöhe ist die NIIP (Net International Investment Position), die die Schulden der gesamten Volkswirtschaft berücksichtigt. Hier sieht man deutlicher, ob einem Land als Ganzes Überschuldung droht (Ein wenig Diskussion dazu hier). Diese ganzen Logiken werden übrigens in den Länderratings von S&P, Moodys & Co berücksichtigt, der damalige (?) Chef-Volkswirt des IWF Rogoff hatte diese wichtigen Zusammenhänge ignoriert. Das ist inzwischen relativ weit bekannt, aber sicherlich noch nicht weit genug.

Daher schadet eine neue Studie aus Deutschland zum Thema sicherlich nicht: SZ: Staatsschulden: Ursachen, Wirkungen und Grenzen (PDF!). Darin wird mit dem Mythos einer festen Grenze, ab der Staatsschulden gefährlich werden, aufgeräumt. Das finde ich aber - weil es in interessierten Kreisen schon relativ breit diskutiert wurde - gar nicht so spannend. Spannender ist dass ein anderer Punkt, auf dem ich auch gerne rumreite, ins Bewusstsein eines größeren Teils der herrschenden Klasse kommt: Es geht nicht ausschließlich um den Punkt wie viel Geld der Staat ausgibt, sondern auch wofür der Staat das Geld ausgibt:

"Für wesentlicher als die nackte Schuldenhöhe halten die Wissenschaftler etwas ganz anderes: Wofür der Staat sein Geld ausgibt - ob für Konsumtives wie Sozialausgaben oder Beamtengehälter oder für Investitionen. Sie sehen den Rückgang der staatlichen Investitionen in vielen Industriestaaten seit Beginn der 70er Jahre als wahre Gefahr für die finanzielle Lage vieler Staaten. In Deutschland wird seit einer Weile diskutiert, dass die öffentliche Infrastruktur wie Straßen und Schulen verfällt."

Leider sieht die Bilanz Deutschlands in dieser Hinsicht wirklich nicht gut aus ... Dazu vielleicht später mal etwas mehr ... Für's erste: Spread the news :)

Dank massiver Subventionen ist jedes fünfte Auto in Norwegen ein Elektro-Auto. Ist das gut?

Technology Review: E-Autos auf dem Weg zur Normalität

tl;dr des TR Artikels: Marktanteil von Elektroautos in Norwegen: 20%. Credo: Seht her, es geht.

Der Artikel lässt leider unter den Tisch fallen, wie massiv Norwegen E-Autos fördert.

a) Keine Mehrwertsteuer auf Elektroautos (ich glaube, Norwegen hat sogar noch eine Luxussteuer für teurer Autos, die ebenfalls wegfällt).
b) Keine Maut für Elektroautos (in Oslo gibt es eine Citymaut, die für Pendler 1.000 Euro im Jahr übersteigen kann).
c) kostenlose Fähren für E-Autos (für die vielen Bewohner der Inseln noch wesentlich teurer als die City-Maut).
d) vergünstigter (wohl teilweise sogar kostenloser) Strom für E-Autos.

Dazu kommen noch nicht-monetäre Anreize wie gesonderte Fahrspuren für E-Autos, Extra-Parkplätze, etc. pp.

Das Problem an vielen dieser Maßnahmen: Es sind klare Subventionen (dem Staat entgehen Steuereinnahmen). Noch wichtiger: es ist unklar, wie es weiter gehen soll, wenn erst einmal 50% oder 80% der Autos mit Strom fahren. Verzichtet der Staat dann weiterhin auf die Mehrwertsteuer auf Autos? Auf die Mauteinnahmen? Wer finanziert die Fähren, wenn nur noch 20% der Autos auf den Fähren bezahlen müssen?

Das wird wohl alles nicht passieren, denn der Staat braucht ja die Steuern,  die Mautgesellschaft die Maut, und Fährgesellschaften und  Stromkonzerne zahlende Kunden. Eine solch massive Förderung wie in Norwegen kann also nur aufrecht erhalten werden, so lange nur ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung die Vorteile nutzt. Wird der Marktanteil der E-Autos zu hoch, werden Maut, Steuern, etc. irgendwann wieder erhoben werden müssen. Und dann stellt sich die entscheidende Frage: Sind die Preise für die E-Autos in der Zwischenzeit so weit gesunken, dass die E-Autos dann - ohne Förderung! - mit den Verbrennern mithalten können? Oder muss man auf alle Ewigkeit weiter subventionieren? Oder die Verbrenner auf alle Ewigkeit weiter bestrafen? Oder vielleicht sogar beides? Und/oder hat man am Ende das Autofahren nur noch einmal massiv verteuert?

Anders gesagt: Es sollte bei solchen Subventionen eigentlich nur darum gehen, eine neue Technologie wettbewerbsfähig zu machen. Also darum, eine alte Technologie abzulösen und durch eine bessere (aber im besten Fall nicht teurere) Technologie zu ersetzen. Um die Subventionen dann wieder einstellen zu können.

Das hat Deutschland im Fall der Photovoltaiksubventionen "vergessen" und mir scheint, Norwegen macht den gleichen Fehler gerade bei E-Autos. Wohlgemerkt, ich will nicht sagen, dass diese beiden Ziele falsch ist, ich schätze nur, dass man in beiden Fällen mit zu massiver Förderung zu früh in eine noch unreife Technologie eingestiegen ist. Gut, Norwegen kann sich das dank der Ölmilliarden aus der Nordsee locker erlauben. Die Frage muss allerdings erlaubt sein, ob es nicht etwas schizophren ist, wenn man durch die Förderung von CO2-Öl sein eigenes gutes Gewissen finanziert ... (Man könnte das Öl schließlich auch einfach in der Nordsee liegen lassen, das ergäbe es auch eine spürbare CO2-Einsparung).

Die Re-Investition der Ölmilliarden für die Förderung der E-Mobilität ist natürlich (aus weltweiter Sicht) sofort sinnvoll, wenn es gelänge, mit einem überschaubaren Einsatz von (norwegischem) Geld die Elektro-Autos so viel besser und billiger zu machen, dass sie auch in vielen anderen Ländern (ohne große Subventionen) wettbewerbsfähig werden. Dann hätte diese Investition einen Hebel entfaltet und Sinn ergeben. Ich befürchte nur, dass Norwegen und seine Politiker mehr an das gute Gewissen und den Wohlfühlfaktor denken als an den "Hebel" und die mittelfristige Markttauglichkeit der Produkte ...

Damit mir jetzt keine zu große Skepsis in Bezug auf E-Mobilität unterstellt wird, möchte ich auch noch kurz skizzieren, wie man sinnvoller fördern könnte. E-Autos sind mit der beschränkten Reichweite, den hohen Kosten für die Akkus, und der eingeschränkten Lebensdauer der Akkus entscheidenden Einschränkungen unterworfen (zumindest so lange das Aufladen noch länger als ein paar Minuten dauert). Man will (auch aus Gewichtsgründen) keine Autos mit Akkus für 600 Kilometer Reichweite bauen, wenn die Akkus 800 Kilos wiegen und 40.000 Euro kosten (und man die hohe Reichweite nur zweimal im Jahr benötigt). Ein Auto mit einem Akkusatz für 60 Kilometer Reichweite und 4.000 Euro kommt für die meisten Leute ebenfalls nicht in Frage, weil die Reichweite zu klein ist. Um eine möglichst hohe CO2-Ersparnis zu erreichen, sollte der Akku möglichst gleichmäßig und häufig genutzt werden.

Was man also suchen sollte, sind Autos, die jeden Tag (und zwar das ganze Jahr ohne Ausnahme) die gleiche Reichweite benötigen. Das kann der Zweitwagen für Pendler sein (für lange Strecken wird dann weiter das Erst-Auto mit Verbrenner genutzt), das kann das Car-Sharing Auto sein, das nur innerstädtisch genutzt wird, das kann aber auch (und hier würde ich ansetzen) der Lieferwagen des Paketdiensts sein.

Die Fahrwege von Lieferwagen sind jeden Tag die selben, die Wagen stehen jeden Tag (genauer jede Nacht) an der gleichen Stelle (dahin baut man die Ladesäule), das Auto ist ausreichend groß auch für größere Akkusätze und aus dem Einsatz der Elektroautos könnte man noch eine nette Werbekampagne machen (das Modell Elektro-Lieferwagen muss sich nicht allein aus monetärer Sicht komplett rechnen, der Imageeffekt aus dem E-Lieferwagen kommt hinzu; Privatleute können sich vom Imagegewinn übrigens nichts kaufen).

Okay, als Erster hatte ich die Idee nicht: Streetscooter, ein Spin-Off der TH Aachen bemüht sich genau darum: Elektro-Lieferwagen bauen. Und wurde Ende letzten Jahres von DHL gekauft. Ihr könntet also möglicherweise bald per DHL-Stromer beliefert werden. Wenn die Politik mitgeholfen hätte, wäre das vielleicht schon zwei, drei oder vier Jahre früher passiert. Diese "gute" Subvention und gezielte Marktanschieberei hat unsere Politik also mal wieder grandios verpennt (außer sie schiebt jetzt doch noch was nach). Wahrscheinlich bekommen wir stattdessen aber wieder einmal eine Subvention mit der Gießkanne. Es wird  einen Haufen Geld auf ein Problem gekippt. Und wenn das nichts bewirkt, kippen wir einfach noch mehr Geld darauf. Die grundsätzliche Denke "lass uns einen Teilmarkt suchen, wo wir mit so wenig Geld wie möglich möglichst viel Wirkung erreichen" scheint der Politik zu fehlen, zumindest kann ich mich spontan an keine Subvention erinnern, die mich in dieser Hinsicht überzeugt hätte.

Der zweite Markt, den ich nach guten Erfahrungen mit den E-Lieferwagen anschieben würde, wäre das Elektro-Auto-Carsharing; das könnte man auch unter Posten "ÖPNV Zuschuss" verbuchen. Und erst danach würde ich über PKWs für Privatleute nachdenken. Aber auch da nicht per Gießkanne, sondern ganz gezielt den Elektro-Zweitwagen mit geringer Reichweite (von mir aus am Anfang nur mit 50km Reichweite) für Pendler adressieren. Das sollten dann (aus Kosten-, Gewichts- und Innovationsgründen) Autos ganz ohne Verbrenner sein. Sinken die Kosten und steigt die Leistungsfähigkeit der Akkus dann wie gewünscht, kann die Politik nach und nach auch größere Reichweiten (eventuell dann auch Hybrids) in die Förderung aufnehmen.

So würde ich es machen. Was meint ihr?

Jemand hat die Diät/Medien-Industrie geprankt. Grandios.

Ich streue ja schon seit einiger Zeit einige Rants über diese ganzen Diät- und Gesund-durch-Ernährungs-Heinis ein. Wobei ich nicht sagen möchte, dass es kein gesundes und ungesundes Essen gibt. Natürlich soll man nicht literweise Cola, Kaffee und Alkohol trinken und Berge frittierter Sachen und Süßigkram essen. Nur hinter Versprechen wie "Iss diese Beeren oder dieses Gemüse, dann wirst du gesund" sind hirnrissig. Es mag ja wirklich sein, dass es so eine Wunderernährung gibt, nur gibt es quasi keine Möglichkeit, das in einem seriösen Versuchsaufbau (der wissenschaftlichen Kriterien standhält) herauszufinden bzw. nachzuweisen. Dazu fehlt allein schon das Geld für einen großen Versuchsaufbau mit ausreichend vielen Teilnehmern. Wobei selbst dann noch fraglich ist, ob man Ernährung überhaupt sinnvoll erfassen kann. Halten sich die Versuchsteilnehmer an die Ernährungshinweise oder essen sie doch heimlich etwas Verbotenes? Protokollieren sie den Versuch richtig? Ändern sich nicht während des Versuchs zig der anderen Parameter für Gesundheit (mehr/weniger Bewegung, ...).

In der Praxis führt das dazu, dass es unfassbare viele schlechte bis gruslige Studien gibt, die trotz viel zu geringer Teilnehmerzahl und zu unsicherer Ergebnisse von den Medien gierig aufgegriffen werden. Es vergeht quasi kein Tag, an dem nicht irgendein "Salz ist gut, Salz ist schlecht. Süßstoff ist gut, Süßstoff ist schlecht. Brokkoli macht dich gesund."-Artikel in der Zeitung steht. Und wenn man in den Zeitschriftenmarkt schaut, gibt es eine Menge Frauen- und zunehmend Männermagazine, die scheinbar zur Gänze aus Artikeln bestehen, die aus solchen substanzlosen Studien zwei Seiten-Artikeln machen ... Und dabei natürlich jede Recherche über die Hintergründe (z. B. zu den Geldgebern der Studie) unterlassen. (Empfehle zur Finanzierproblematik z.B. das hier: The Scotsman: Sweet firms’ links to nutrition studies probed; tl;dr: 250.000 Pfund von Nestlé, Coca-Cola, Mars, etc. für "Ernährungswissenschaftler", die u.a. die Regierung beraten)).

Ich verweise dazu auch auf zwei ältere Postings von mir:

Schöner Artikel über Korrelation und wie wenig daraus zu lernen ist.

Scott Adams: Vergesst alles, was ihr über Ernährung und Gesundheit wisst

Nun hat jemand die grandiose Idee gehabt, aus genau diesen ganzen Kritikpunkten einen Medien-Prank zu machen.

Man hat sich also einen Studienaufbau ausgedacht. Man nehme ein paar Versuchsteilnehmer, eine potenziell schlagzeilenkompatible Idee ("Dunkle Schokolade ist gesund") und ein paar Parameter, die man beobachtet. Dann teilt man die Versuchsteilnehmer in die üblichen Gruppen ein. Eine bekommt Schokolade, die andere nicht. Dann beobachtet man für ein paar Wochen (länger hält es ja eh keiner ohne Schoko aus ;) ) und dann gibt es irgendein Ergebnis.

Dass es ein Ergebnis geben wird, ist nahezu sicher, wenn man ausreichend viele Parameter beobachtet. Denn je mehr Parameter man beobachtet, desto eher wird irgendein Parameter anschlagen. Erhöhen kann man die Wahrscheinlichkeit für einen signifikanten Ausschlag, indem man die Anzahl der Teilnehmer nicht zu hoch macht; so ergibt es irgendwo einen Zufallstreffer. Außerdem wichtig, dass man keine saubere Bereinigung der Daten macht, also z.B. nach Geschlecht und Alter bereinigt. Da kann es schon zu einem Zufallsergebnis kommen, weil in einer Gruppe 60% Frauen sind und in der anderen 40% ... Oder die eine Gruppe im Schnitt 55 und die andere 40 ist.

Im Fall der "dunklen-Schokolade-Studie" war es nun so, dass ein Parameter ein Ergebnis lieferte und sogar ein statistisch signifikantes: Die Gruppe, die mehr dunkle Schokolade gegessen hat, nahm schneller ab. Wohlgemerkt nicht "mehr abgenommen", nur am Anfang schneller. Das ganze klug und prägnant formuliert und raus mit der Pressemitteilung.

(Kleine Nebenbemerkung: Statistisch signifikant bedeutet, dass die Zahlenauswertung ein Ergebnis bringt, das so eindeutig ist, dass Zufall ausgeschlossen werden kann. Das Problem dabei ist aber, dass diese "statistische Signifikanz" für das Gesamtergebnis nur ein Teil der Grundlage darstellt. Wenn die erste Stufe, nämlich die Erhebung der Zahlen nichts taugt, hilft auch eine saubere statistische Aufbereitung nichts. Dazu braucht man beides: Einen sinnvollen Versuchsaufbau (inklusive Messung) und die korrekte statistische Aufbereitung. Sobald in einem der beiden Teile schlampig gearbeitet wird, ist die ganze Studie Müll (Das was ich hier über Ernährung schreibe, gilt übrigens im Bereich der Ökonomie leider auch oft genug)).

Den Medien sind solche Überlegungen natürlich total fremd. Die "Mit-dunkler-Schoko-nimmt-man-schneller-ab"-Studie war einfach zu geil. Das bringen dann alle Medien und kein Journalist fragt mal nach und stellt die essentiellen Fragen (Wie viele Leute haben teilgenommen? Wer hat die Studie durchgeführt (haben die Erfahrung?)) oder zieht einen Experten zurate, der Ahnung hat (dann wäre zum Beispiel aufgefallen, dass das Institut, das die Studie durchgeführt hat, aus kaum mehr als einer Website bestand ...). Okay, die "Forschungskonkurrenz" zu fragen, wäre für die Medien klare Planübererfüllung gewesen, die meisten haben nicht einmal den Studienersteller kontaktiert ... Bloß keine geile Geschichte totrecherchieren ...

Bild brachte als erstes Medium mit signifikanter Reichweite die Story (sogar auf Seite 1). Damit war die Basis für eine weltweite Verteilung der Nachricht gelegt ... Die Geschichte kam danach wirklich nahezu überall.

Der ganze Prank hier schön aufgeschrieben:

I Fooled Millions Into Thinking Chocolate Helps Weight Loss. Here's How.

Ansonsten gilt weiterhin: Haltet Euch von Ernährungs- und Diätquatsch fern und haltet Euch an

“Eat Food, not too much, mostly plants”.

Mehr gibt es bei der Ernährung nicht zu beachten. Der wichtigste Teil fehlt eh noch: Bewegt Euch. Treppen statt Aufzug. Zu Fuß zum Bäcker/Briefkasten. Dann wird es schon.

Zum Schluss noch drei Links (neben dem Scotsman-Artikel oben), die ich schon lange zu Artikeln machen wollte, aber hier jetzt mal einfach verbrate, damit sie nicht ewig in der Schleife rumeiern, und weil sie passen:

Kein Hinweis auf heilende Wirkung: Die Legende vom gesunden Alkohol - Medizin - Technik - Handelsblatt (das solltet ihr natürlich ignorieren, denn kein Alk ist auch keine Lösung ;) )

Und noch spannender:

The Conversation: We’re so indoctrinated that saturated fat is bad that we don’t listen to the science

Nicht einmal der Zusammenhang zwischen der Einnahme von ungesättigtem Fett und Herzinfarkten scheint noch haltbar. Auch ist der langfristige Trend von Fettaufnahme und Übergewicht keiner, der als Beweis gilt. Denn der Anteil von Fett an der Nahrung ist in den letzten 40 Jahren gesunken, das Übergewicht dennoch immer schlimmer geworden. Es scheint eher so, als sei das Mehr an Kalorien viel entscheidender für die Zunahme von Übergewicht als die Zusammensetzung der Kalorien.

Ähnlich ist es inzwischen bei Cholesterin. Hier schlagen die Wissenschaftler, die die US-Gesundheitsbehörde beraten, inzwischen sogar vor, die Warnung vor Cholesterin aus den Ernährungsrichtlinien (die noch 2015 aktualisiert werden) komplett zu streichen. Auch die Warnung vor zu viel Zucker könnte unter Umständen kippen, zumindest wird die Warnung vor Zucker wohl überarbeitet. Es wird nicht mehr vor Zucker gewarnt, sondern vor "hinzugefügtem" Zucker. Und es wird geraten, den Zucker nicht durch Süßstoff zu ersetzen, sondern das zuckerhaltige Getränk (Cola, Limonade) durch Wasser zu ersetzen. Im Extremfall könnte es sein, dass die 2015er-US-Ernährungsrichtlinien aus nichts anderem mehr bestehen als "nicht zu viel Salz und maximal x Kalorien. Und jedes weitere Detail (wie viel Zucker, wie viel Fett, wie viel gesättigtes Fett, wie viel Cholesterin, ...) weggelassen wird. Ok, es ist unwahrscheinlich, dass es so radikal wird; wahrscheinlicher ist: Nur 2.300 mg Natrium (etwa 6 Gramm Salz) pro Tag, maximal 10% der Kalorien aus "added sugar" und maximal 10% der Kalorien aus gesättigten Fettsäuren: Scientific Report of the 2015 Dietary Guidelines Advisory Committee

(Die Cholesterin-Warnung ist übrigens nahezu sicher raus. Mich würde übrigens interessieren, wie lange die Pharmaindustrie, die Milliarden mit Cholesterinsenkern verdient, dagegen gearbeitet hat. Es ist für den Verkauf der Medikamente natürlich hilfreich, wenn Cholesterin generell als gefährlich gilt. Auch wenn zugegebenermaßen zwischen Essen von Cholesterin und Cholesterin im Blut ein großer Unterschied ist; eventuell verkaufen sich die Medikamente genau so gut wie früher ...).

Auch wenn ihr mit Sicherheit in Zukunft in den Medien permanent mit "x essen ist gesund, y essen ist schlecht" genervt werdet: Vergesst es. Achtet auf die Anzahl der Kalorien, auf die Art des Essens (frisch, natürlich) und auf Bewegung. That's it. Sich den Kopf über den Rest zu zerbrechen, hat nur einen extrem zweifelhaften Zusatznutzen.

Update (15:46):

Jetzt auch in der FAZ: Bittere Schokoladenerkenntnis.


Update 2 (20:08):

Sehr gut in Spektrum.de über die grundsätzlichen Probleme der Ernährungsstudien. Es ist dort kaum was nachzuweisen, weil Ernährung kein wichtiger Faktor für die Gesundheit ist. Also zumindest so lange man sich halbwegs vernünftig ernährt. Dann irgendwelche "Wundernahrungsmittel" reißen es mit Garantie nicht raus ...

Meinung: Essen ohne gutes Gewissen

Ein paar Gedanken zum Mann, der alleine aus seinem Keller heraus den Dow um 1.000 Punkte nach unten gejagt haben soll.

Die Story riecht komisch, sehr komisch ... 6% (oder so) Kurseinbruch beim S&P 500, ausgelöst von einem einzigen Trader? Ein (wenn auch nur temporärer) Markteinbruch mit einem Volumen von 600 oder 700 Milliarden Dollar?

Dieser Artikel eiert schon ein paar Tage in der Queue und obwohl sich die Zweifel an der Theorie schon etwas verbreitet haben, schaffen sie es doch - wenn überhaupt - nur an das Ende eines Artikels wie z.B. in der FAZ: Der Mann, der die Wall Street in die Knie zwang. Leider dürfte bei vielen Menschen eher die Überschrift in den Köpfen bleiben und nicht die Zweifel an der Einzeltäter-These. Auch wenn diese mMn ziemlich unplausibel ist.

Zuerst ein kleiner Vorabeinschub: Man sollte aufhören von einem Schaden von mehreren Hundert Milliarden Dollar zu sprechen, denn der Kurseinbruch wurde relativ schnell wieder ausgebügelt.

Zweitens: Kann ein einzelner Trader aus seinem Keller wirklich Marktschwankungen in der entsprechenden Größe auslösen? Was wäre wohl los, wenn der Iran, China oder der SchurkenstaatDesTages™ einen solchen Angriff gegen eine Weltbörse fährt? Was sagt uns das über die "Stabilität der Finanzmärkte"?

Drittes: Warum brauchen die Behörden 5 Jahre, um dem Verursacher "auf die Schliche" zu kommen und kann diesen "plötzlich" präsentieren (auch wenn eine frühere Untersuchung keinen einzelnen Schuldigen finden konnte)?

Bloomberg: How a Mystery Trader With an Algorithm May Have Caused the Flash Crash

Das ist die gängige Darstellung, die aber komisch riecht ... Ich erinnere mich noch sehr genau, dass schon kurz nach dem Flashcrash Tweets eines Accounts herumgereicht wurden und zwar von diesem:

nanexllc

Dort wurde bereits damals erklärt, wie der Flash-Crash mutmaßlich ausgelöst wurde. Das Ganze gibt es sogar als Animation (kann man ruhig 5 Minuten vorspulen, in diesen passiert noch nicht viel):



Die Orders des Traders (Mr. Sarao, 36 Jahre alt, London), der jetzt angeklagt wird, wurden schon damals rot markiert; sie waren also bekannt. In der Animation sieht man vor allem schön, dass der Algorithmus seine Aktivität offenbar schon eingestellt hatte als der Flash-Crash richtig los ging. Wenn Sarao überhaupt verantwortlich war, dann vielleicht für die ersten 10 Punkte des Rückgangs, die restlichen 50 oder 60 Punkte fanden nahezu komplett ohne ihn statt.

Um an diese Daten zu kommen brauchen die Behörden 5 Jahre?!? Das stand doch schon auf Twitter ... Und dann ignorieren die Behörden noch das "Detail", dass der Algorithmus während der Hochphase des Crashs an der Seitenlinie stand?

Ein gute Zusammenfassung dieser Fragen gibt es von Michael Lewis (Autor von Flash Boys", eines der besten Bücher über High Frequency Trading) bei Bloomberg: Crash Boys.

Noch seltsamer wird die Geschichte, wenn man sich das Vorgehen anschaut. Denn das, was der Londoner HFT-Trader gemacht hat, ist im High-Frequency-Trading ZIEMLICH normal. Man versucht entweder mit seinen eigenen Orders schneller zu sein als die anderen (in diesem Zusammenhang gibt es immer wieder Vorwürfe gegen große Banken und Broker, sie würden dieses Spiel spielen, weil sie die großen Kundenorders kennen und das über HFT "vorkaufen") oder man versucht die Gegenseite mit Scheinorders zu verwirren. Man platziert also große Kauf- und Verkaufsorders und täuscht so große Käufe bzw. Verkäufe an. Das soll dann andere Händler dazu bringen, dieser Order vorauszueilen. Diese sollen also auf den per Order "angekündigten" Zug aufspringen. Nur ist der Zug gar keiner, sondern nur eine Fata Morgana, die sich auflöst, sobald der Kurs sich dem Limit nähert. Genau das hat der nun festgesetzte High-Frequency-Trader gemacht und zwar in ziemlich großem Stil. Teilweise soll er für 40% der Volumens in einem speziellen Kontrakt auf den US-Aktienindexes S&P 500 verantwortlich gewesen sein. Auch wenn er damit weit davon entfernt war, 40% des Gesamtmarkts zu beeinflussen, sprangen wohl weitere Algorithmen auf seine Orders an. In bestimmten Marktsituationen konnte er also auf "Verstärker" hoffen, die weitere Trades in die gleiche Richtung starteten. Damit verstärkte sich der Prozess und es konnte zu dem Einbruch kommen. Es ist in diesem Zusammenhang SEHR unwahrscheinlich, dass der Trading-Algorithmus des jetzt verhafteten Traders der einzige war, der innerhalb der breiten Grauzone zwischen "gut" und "böse" agierte. Da dürften einige namhafte Akteure den Preis deutlich mehr beeinflusst haben als der "lonely trader". (Zugegeben: es gibt eine Menge Leute, die das gesamte High-Frequency-Trading in der Grauzone sehen und zwar auf der Skala ganz nahe an "böse" ... Dann müsste man aber auch die Goldman Sachsen und einen Haufen anderer Trader mit in den Knast werfen und nicht nur einen).

The 'Flash crash' trader's alleged fraud is a common market occurrence

Unabhängig von der Frage, wo man die Aktivitäten auf der Skala von "unethisch, aber noch legal" bis "illegal" einordnet, bleibt auch die Frage, ob die Aktivitäten eines einzelnen Traders relevant sein können, umstritten. Einer der Ermittler aus dem ersten Ermittlungsverfahren Andrei Kirilenko, dem auch alle Daten vorlagen, spricht ganz klar davon, dass Saraos Volumen "statistisch nicht signifikant" waren. Kurz: Saraos Trades (bzw. Limits) können eigentlich nicht der Auslöser gewesen sein. Es müssen noch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben. Seien es andere HFT-Trader, sei es eine generelle Instabilität des Marktes.

Flash Crash - Investigators Likely Missed Clues

Das Ganze sieht ziemlich nach "die Großen lässt man laufen, die Kleinen hängt man" aus. Oder nach "wir müssen endlich mal Ergebnisse liefern. Lass uns mal jemanden verhaften". Und da wählt am besten jemanden, der keine bestens ausgebildete Rechtsabteilung im Rücken hat. Und auch jemanden, bei dem man an die Daten kommt und nicht einen wie Goldman Sachs, der in ähnlichen Verfahren schon mal seine eigenen Aufzeichnungen "verloren" hat ...

Man kann die jetzt erzählte Geschichte eigentlich kaum glauben ... Die Geschichte, die die Ermittlungsbehörden präsentieren, ist ziemlich unplausibel. Will man hier einfach nur ein (überfälliges) Ergebnis präsentieren, hat aber nicht den Mut, die großen Spieler anzugreifen? Oder will man von den eigentlichen Problemen ablenken, also z.B. davon, dass das gesamte High-Frequency-Trading (inklusive des nicht strafbaren Teils) Probleme verursacht und die Finanzmärkte zunehmend instabiler macht?

P.S.: Ich will die Aktivitäten von Sarao (oder ihn selber) nicht in Schutz nehmen. Verkaufslimits in den Markt zu legen, die man nie ausführen möchte, ist schon manipulativ. Nur war Sarao nicht der Einzige, der so vorgegangen ist. Und er war wohl auch nicht - zumindest nicht alleine - der Auslöser für den Flash-Crash, der ihm jetzt vorgeworfen wird.

P.P.S.: Wenn du den Markt manipulieren willst, dann manipuliere nach oben. Dafür verklagt dich niemand ...


Update (17:03):

Übrigens wäre der Handel mit nur vorgetäuschten Orders sehr schnell einzudämmen. Man müsste das Stornieren nicht einmal verbieten, sondern das Storno "nur" zeitlich leicht verzögern. Das Storno eines Limits würde dann nicht wie unlimitierte Orders sofort wirken, sondern mit einer Sekunde Verzögerung. Damit wäre jeder Hochfrequenzhandel mit "Fake-Orders" tot, weil das Risiko in dieser Sekunde über den Tisch gezogen zu werden zu groß würde. Man ist mit einem Storno quasi eine Sekunde handlungsunfähig, in den Systemen des Hochfrequenzhandels ist das eine Ewigkeit ...

USA: Arbeitslosenquote 02/15: 5,5% (-0,2 Vm, -1,1 Vj), 295.000 neue Jobs. Aber dicke NILF Umbuchung.

Hier (nach der Kurzversion im Januar) mein gewohnter US-Arbeitsmarktbericht:

Für den Februar 2015 veröffentlichte das Bureau of Labor Statistics einen Arbeitsmarktbericht, der unter der Oberfläche nicht so aussieht, wie es die beiden wichtigen Zahlen (die beide gut ausfielen) nahelegen. Die wichtige Zahl aus dem ersten Teil (Arbeitslosenquote aus der Household-Data) verbesserte sich nur durch eine kräftige Umbuchung in die NILFs (not in labor force). Der zweite Teil hingegen fiel durch die Korrekturen der Vormonate sogar noch besser als die wichtige Zahl (Anzahl neuer Arbeitsplätze) andeutet.

Zu den offiziellen Zahlen des Februar 2015:

Household Data, per Umfrage erhoben:

Anzahl der Arbeitslosen: -274.000 auf 8,705 Millionen,
Anzahl der Arbeitenden: +96.000 auf 148,297 Millionen

--> Arbeitslosenquote: 5,5% (-0,2 zum Vormonat; -1,2 zum Vorjahresmonat). Der positive Trend auf Jahresbasis ist weiterhin klar und in vollem Umfang intakt.

Nur relativ wenige neue Arbeitsplätze, dagegen ein deutlicher Rückgang der Zahl der Arbeitslosen. Wenn man weiss, dass die Bevölkerung in den USA wächst, ahnt man schon Böses ... Die gesunkene Arbeitslosenquote und die zurückgehende Zahl der Arbeitslosen ging nämlich nur auf die NILF-Zahl ("not in labor force", suchen keinen Job mehr, aus welchen Gründen auch immer) zurück: 354.000 AmerikanerInnen wurden zusätzlich in die NILF-Schublade umgebucht. Ohne diese Umbuchung wäre sowohl die Anzahl der Arbeitslosen als auch die Arbeitslosenquote gestiegen.

Schwenken wir rüber zur Erwerbstätigenquote (Anzahl Arbeitskräfte gesehen auf die Gesamtbevölkerung), die immer ein guter Check für die Arbeitslosenquote ist. Diese zeigte dann auch keine Verbesserung und blieb im Monatsvergleich unverändert bei 59,3%, was 0,5 Punkte mehr sind als vor einem Jahr. Damit löst sich die Erwerbstätigenquote langsam langsam aber sicher vom Rekordtief von 58,2% aus dem Oktober 2013; der aktuelle Wert bleibt der beste seit August 2009. Die Erholung bleibt in letzter Zeit aber verhalten, seit August kamen nur noch magere 0,3 Prozentpunkte hinzu.

Im Spätsommer hatte ich darauf hingewiesen, dass sich damals die Arbeitslosenquote (-1,4 zum Vorjahr) und die Erwerbstätigenquote (+1,0 zum Vj) endlich halbwegs sauber spiegelbildlich entwickeln. Kaum sprach ich es aus, wurde der Zusammenhang wieder schwächer: im Februar stieg die Erwerbstätigenquote im Jahresvergleich mit +0,5 Prozentpunkten deutlich langsamer als die Arbeitslosenquote mit -1,2 Prozentpunkten im Gegenzug sank. Der Rückgang der Arbeitslosenquote geht als nur zur Hälfte auf eine Verbesserung der Beschäftigungslage zurück, die andere Hälfte entsteht durch das Ausscheiden von Leuten aus dem Arbeitsmarkt.

Langfristig ist dieser (Nicht-) Zusammenhang weiterhin ernüchternd: Die Arbeitslosenquote ist von knapp 10% auf nun 5,5% gefallen, die Erwerbstätigenquote aber gerade einmal um 1,1 Prozentpunkte gestiegen. Das Urteil aus den letzten Berichten stimmt immer noch: Trotz der spürbaren Verbesserung der Arbeitslosenquote verbessert sich der Anteil der Arbeitenden an der Bevölkerung nur zögerlich. Es entstehen zwar neue Arbeitsplätze, aber nur geringfügig mehr als angesichts der wachsenden Bevölkerung nötig wäre, um die Erwerbstätigenquote stabil zu halten.

Establishment Data:

Die Daten aus der Establishment Data, die als genauer gelten, waren im Februar sehr positiv.

Anzahl der Jobs: +295.000 gegenüber dem Vormonat auf 141,126 Millionen. Zum Plus von 288.000 neuen Jobs im privaten Sektor kam ein Zuwachs der Beschäftigung von 7.000 Jobs im öffentlichen Sektor. Das Plus lag deutlich über den Erwartungen der Analysten und auch über dem Durchschnittswert des letzten halben Jahres.

Etwas getrübt wird der Februar-Report durch die Abwärtskorrektur der Zahlen für den Januar. Das Dezember-Plus für die neu geschaffenen Arbeitsplätze blieb bei sehr guten 329.000, das Januar-Plus wurde um 18.000 auf 239.000 nach unten korrigiert. Das sind eher kleine Korrekturen, die keinen wesentlichen Einfluss auf die Einschätzung haben.

Die Anzahl der gearbeiteten Stunden pro Woche blieb bei 34,6 Stunden. Die Zahl der Überstunden sank von 3,5 auf 3,4 Stunden. Beide Werte bleiben damit am oberen Rand der seit gefühlten Ewigkeiten geltenden Spanne von 34,4 bis 34,5 bzw. 3,2 bis 3,5 Stunden. In beiden Zahlen spiegelt sich weiterhin die grobe Tendenz am Arbeitsmarkt wider: Die Beschäftigung wächst zwar, aber ein breiter Boom sieht anders aus.

Immer ein guter Check für die Gesamtverfassung des US-Arbeitsmarkts ist die am breitesten ausgelegte Arbeitslosenquote U-6 (darin stecken z.B. auch alle, die zwar einen Teilzeitjob haben, aber eigentlich Vollzeit arbeiten wollen, etc.). Die U-6 sank im Februar leicht um 0,3 Prozentpunkte auf 11,0%. Gegenüber dem Vorjahresmonat ergibt sich damit ein Rückgang um 1,6 Prozentpunkte. Der Sinkgeschwindigkeit hat sich damit gegenüber dem Dezember wieder erhöht (damals nur -0,9 Prozentpunkte). Damit sinkt die Quote bei der breiter gefassten Arbeitslosigkeit zwar schneller als die Arbeitslosenquote in der engeren Definition, wenn man aber berücksichtigt, dass die Arbeitslosenquote dort doppelt so hoch ist (11,0 vs. 5,5%), sollte die Arbeitslosenquote dort auch etwa doppelt so schnell sinken. Das tut sie aber leider nicht, der Rückgang um 1,6 Prozentpunkte bei U-6 ist nur etwas mehr als die 1,2 Prozentpunkte bei der Arbeitslosigkeit in der engen Definition.

Zusammenfassend: Der Februar-Bericht vom US-Arbeitsmarkt fiel gut aus. Die Household-Data war allerdings nur dank der Umbuchung von gut 350.000 Arbeitnehmer in die NILFs nur an der Oberfläche (Rückgang der Arbeitslosenquote) gut. Unter der Decke steckte eine negative Überraschung. Da die Daten aus der Establishment-Umfrage aber als genauer gelten (und die Abwärtskorrekturen klein blieben), würde ich den überraschend großen Zuwachs an Arbeitsplätzen höher gewichten und dem Job-Report noch ein knappes "Gut" verleihen.

BLS.GOV: THE EMPLOYMENT SITUATION — February 2015  (PDF)

Eine Zahl, die in letzter Zeit leichte Sorgen bereitete : Der durchschnittliche Stundenlohn stieg auf 24,78$. Die Jahresrate liegt bei 2,0%. Das ist noch nicht toll, aber besser als der extrem magere Lohnanstieg von 1,7%, der im Dezember gemeldet wurde. Für eine Entwarnung ist es zu früh, für Jubel erst recht.

IWF Chefin Lagarde zu Griechenland: Sparen allein ist keine Lösung

An die Gläubiger Griechenlands und ihre strikte Verhandlungsposition gerichtet sagte Lagarde: „Ich finde, der Fokus sollte nicht darauf liegen zu sagen: Austerität oder nichts.“ Die Frage sei, so die IWF-Chefin, was man tun müsse, damit „die griechische Wirtschaft und die Menschen in Griechenland Kapital daraus schlagen, dass das Wachstum angekurbelt, die Kreativität erhöht, Innovation geschaffen und die Wirtschaft neu strukturiert“ werde.
Ich kann nur zustimmen. Wie so oft geht es nicht ausschließlich darum, wie viel Geld gespart wird oder wie viel ausgegeben wird, sondern auch darum, wofür das Geld ausgegeben wird. Griechenland würde es heute viel besser gehen, wenn nicht nur gespart worden wäre, sondern wenn man auch dafür gesorgt hätte, dass mehr Geld produktiv ausgeben wird.


Ich wollte das nur mal erwähnen, weil sich die Einstellung des IWFs zur Austerität in Griechenland schon vor einiger Zeit geändert hat. In der Forschungsabteilung gibt es schon einige Papiere, die die eigene Fehleinschätzung des Sparprogramms 2010 eingestehen und hinterfragen, warum man sich so verschätzen konnte.

Als vielleicht wichtigstes Paper kann "IMF Working Paper: Growth Forecast Errors and
Fiscal Multipliers" gelten. Auch wenn es keine offizielle IWF-Politik-Position ist (sondern Forschung), stammt es vom Chefvolkswirt Olivier Blanchard (und Daniel Leigh). Das Paper ist ziemlich technisch; ich verstehe gefühlt keine 10%. Aber die Zusammenfassung hat es in sich (Seite 19): Der Multiplikator für die Staatsausgaben, der vor der Krise auf etwa 0,5 geschätzt wurde, lag (zumindest in den ersten Jahren der Krise) in der Realität klar über 1. Das bedeutet, dass 1 Euro weniger Staatsausgaben zu einem BIP geführt hat, das mehr als einen Euro niedriger lag (und nicht zu einem nur 50 Cent niedrigeren BIP). Praktisch bedeutet das, dass das "Wegsparen" eines Haushaltsdefizits von gut 10% nicht zu einem Einbruch des BIPs von 5% führt (wie man vor der Krise dachte), sondern zu einem Einbruch von deutlich mehr als 10%.
Was das ganze noch schlimmer macht: Durch den hohen Multiplikator von deutlich über 1 erhöht sich die Gefahr einer Abwärtsspirale massiv. Denn ein niedrigeres BIP zieht niedrigere Steuereinnahmen nach sich. Dadurch muss dann noch mehr gespart werden, was dann wiederum für niedrigere Steuereinnahmen sorgt. Bei einem Multiplikator von 0,5% kann man diese Spirale eventuell schnell in den Griff bekommen, bei einem Multiplikator von deutlich über 1 wird das zunehmend unmöglich. Man bekommt dann Griechenland: Das "Wegsparen" von 12% Haushaltsminus führt zu einem BIP-Einbruch von 25%. Und das ist ja immer noch nicht das Ende, das Sparprogramm hat ja immer noch nicht - wie geplant - zu einem ausgeglichenen Haushalt geführt ...


Aus Sicht der Politik ist der vielleicht wichtigste Punkt, dass die Troika Institutionen (TIFKAT - The Institutions Formerly Known As Troika) keinesfalls so unfassbar einheitlich und zu 100% vom Sparprogramm überzeugt sind wie Schäuble und große Teile der deutschen Medien das darstellen. Man sieht - außerhalb der Schäuble-Merkel-Bubble - durchaus intelligentere Alternativen zum bedingungslosen Sparen. Aber vielleicht haben wir mit der neuen Regierung in Griechenland den Zeitpunkt erreicht, wo nicht mehr auf Teufel komm raus gespart wird, sondern auch endlich geschaut wird, wo der Staat sinnvoll Geld ausgeben kann und das (im optimalen Fall schon kurzfristig) Rendite bringt.


IWF-Chefin Christin Lagarde im Interview mit der Huffington Post: „Austerität ist nicht alles"

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