Griechenland so: Haste mal 'nen Euro? Europa: Nöh, geh arbeiten!

Beziehungsweise "Europa so: spar gefälligst". So funktioniert Wirtschaftspolitik und Solidarität in Europa anscheinend.

OK, kleine Einleitung (es wird lang, wer nur wissen will, was hinter dem 1-Euro-Schnorrer verbirgt, kann zur Zwischenüberschrift scrollen):

Die Darstellung der neuen griechischen Regierung und der Vorschläge des neuen Finanzministers Varoufakis geht mir - wie treue Leser und Follower bestimmt schon gemerkt haben - ziemlich auf den Senkel.

Beispiel 1:

Ein Satz von Varoufakis aus dem Zusammenhang gerissen und (absichtlich?) falsch interpretiert:

"Was immer die Deutschen sage, Sie werden zahlen".

Im Zusammenhang ergibt sich, dass viel eher Folgendes gemeint war:

"Schlimmerweise stopfen die Deutschen immer weiter Geld in ein Schwarzes Loch, egal, was sie sagen“. Oder anders: „Die machen immer weiter mit dem Blödsinn, obwohl es nicht funktioniert und auch nie funktionieren wird.“"

Schön zusammengeschrieben von: Im Zweifel gegen den Griechen — BILDblog

Beispiel 2:

ich habe auch schon abgerantet über die Bild:

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Ach Bild :( Die bösen Griechen-Milliardäre zahlen keine Steuern für ihre Schiffe?

Da wird über die milliardenschweren griechischen Reeder hergezogen, die ihre Steuern nicht in Griechenland bezahlen. Dabei zahlen erstens die Reeder in anderen Ländern (wie Deutschland) ebenfalls keine bzw. kaum Steuern und zweitens wohnt und lebt die Mehrzahl der "griechischen" Reeder-Milliardäre gar nicht in Griechenland (sondern in der Schweiz oder Monaco) und müssen daher überhaupt keine Steuern in Griechenland bezahlen. Auch wenn Vor- und Nachname noch so griechisch sein mögen.

Beispiel 3:

Da wird der Vorschlag, den Schuldenstand von 170% auf ein etwas tragbareres Niveau zu reduzieren, "Fauler Schuldenzauber" genannt. Dabei war die Analyse, dass ein solcher Schuldenberg zu hoch ist, garantiert nicht die Analyse einer marxistischen Geheimverschwörung, sondern breiter Konsens unter führenden Ökonomen, der auch schon in der Vergangenheit zu zwei Schuldenschnitten (auch wenn man diesen Namen vermied) führte.

Kommentar: Griechenlands fauler Schuldenzauber - Tsipras in Brüssel

Darin auch die spannende Einschätzung, dass Griechenland ein "süßes Leben auf Pump" anstrebe. Poah, nach einem BIP-Einbruch von mehr als einem Viertel (das gab es in Friedenszeiten in einem "Erste-Welt"-Land noch nie), bei einer Arbeitslosigkeit von mehr als 25%, einer Arbeitslosenhilfe, die nach einem Jahr ausläuft und von NICHTS abgelöst wird (es gibt keine anschließende Sozialhilfe und keine staatliche Krankenversicherung!). "So könnte das süße Leben auf Pump weitergehen" ... Das ist noch dreister als die "spätrömische Dekandenz" ...

Griechenland: Nach nur einem Jahr ist Schluss mit der Sozialhilfe - Europa - Politik - Wirtschaftswoche

So genug aufgeregt. Es gibt ja durchaus auch gute Artikel zum Thema:

Carta — Athen: Der Rauswurf der Spar-Sadisten und der Plan von Finanzminister Varoufakis

Syriza-Bashing: Ein Versuch, den deutschen Irrsinn zu verstehen | misik.at

Oder man nimmt Varoufakis im Original oder in einem Interview:

Varoufakis Interview in der Zeit: Lesebefehl! - egghat's not so micro blog

Aber worüber reden wir hier eigentlich?

Klar, Griechenland hat ein Haushaltsloch. Aber Griechenland hat auch schon gespart (und zwar massiv). Dass der Schuldenstand so durch die Decke ging (von etwa 110 auf jetzt wieder 180%/BIPs) lag vor allem an zwei Faktoren:

a) Das BIP sank um 25%, was im Umkehrschluss fast 50 Prozentpunkte des Schuldenannstiegs (in Prozent des BIPs) verursachte; bei einem stabilem BIP läge der Schuldenstand bei etwa 130%. OK, hättsewennseaber ... Und Griechenland musste ja auch sparen und ein Teil war auch vernünftig, aber unabhängig davon: Ein Teil des Schuldenanstiegs des BIPs geht trotzdem direkt auf das Sparprogramm und das sinkende BIP zurück. Ein Effekt, den die Troika MASSIV unterschätzt hat. Und wenn man das Beharren auf dem Sparkurs als Indiz nimmt, auch heute noch massiv unterschätzt (als einziger zu zweifeln scheint der IWF)

b) Die Bankenrettung, die 2013 für fast 19 Milliarden Minus im griechischen Haushalt gesorgt hat. Das ist die gelbe Zeile in der großen Tabelle unten. Lässt man diese "Sonderlasten" weg, ergebn sich 3,669 Mrd. Minus 2013, was massiv unter den 18,873 Mrd. von 2012 liegt.



Quelle: SDDS for Greece

Ja, richtig gesehen: 2013 gab es einen Unterschied zwischen Staatseinnahmen und Staatsausgaben in Griechenland von 3,669 Mrd. Euro (inkl. Zinsausgaben). Das ist in etwa eine halber Flughafen im deutschen Westsibirien ;)

Habt ihr andere Zahlen erwartet? Okay, dürft ihr. Aber da habt ihr wahrscheinlich den gesamten Haushalt im Kopf und der enthält halt den entscheidenden Posten der Kosten für die Bankenrettung. Das ist in der unteren Grafik die gelb markierte Zeile. Von den 22,3 Milliarden Euro Haushaltsminus 2013 gehen 18,8 Mrd. auf die Bankenrettung zurück. Und diese war direkte Folge des Schuldenschnitts, der die Bilanzen der Banken ausgehöhlt hat. In dieser "Rettung" hat die EU also den griechischen Bankensektor gerettet, den sie ohne Schuldenschnitt gar nicht hätte retten müssen. Sicherlich: Die privaten Gläubiger im Ausland haben einen Beitrag zum Schuldenschnitt geleistet, einen gehörigen Teil dieser Schuldensenkung musste Griechenland aber direkt wieder in die Banken stecken. Das war dann am Ende nur so halb hilfreich ...

Elstat: PRESS RELEASE: Quarterly Non-Financial Accounts of General Government - 3 rd Quarter 2014 (PDF)

Kleiner Einschub:

In der Grafik lässt sich auch ganz schön erkennen, dass 2014 ähnlich verlaufen wird wie 2013 - lässt man die Ausgaben für die Bankenrekapitalisierung 2013 außen vor. 2014 wird wohl im Endeffekt etwas schlechter laufen, weil die Griechen am Ende des Jahres ihre Steuerzahlung aufgeschoben haben, in der Hoffnung, dass Syriza sie verschonen wird.

Die zweite Zeile, die ich herausheben möchte, ist die grüne: Das sind die Sozialausgaben. Nur weil die FAZ etwas vom "süßen Leben" schrieb. Hier kann man einen deutlichen Rückgang erkennen, kein Wunder, wenn die Leistungen nach 12 Monaten auslaufen. Es schadet aber nicht, auf Basis von Zahlen darauf hinzuweisen, dass die Sozialausgaben in den ersten drei Quartalen gegenüber 2012 um etwa 4 Milliarden oder mehr als 12% gesunken sind. Und das mitten in einer sich noch verschärfenden Krise, in der Sozialausgaben naturgemäß eigentlich steigen müssten. Das Sozialsystem in Griechenland ist so weit weg von Sozialparadies wie man nur sein kann.

OK, aber nun zur Überschrift:

Wir hatten 2013 eine Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben im griechischen Staatshaushalt von 3,669 Mrd. Euro. Die Eurozone hat knapp 340 Millionen Einwohner. Das macht eine aktuelle griechische Haushaltslücke, die pro Jahr pro Kopf der Eurozone 10,80€ beträgt. Geteilt durch die 12 Monate des Jahres sind wir bei weniger als einem Euro.

EIN EINZIGER EURO PRO MONAT PRO NASE.

Worüber reden wir hier eigentlich? Diese eine Euro ist uns Europa und die politische Stabilität nicht wert?

Noch eine Einordnung: Der EU-Haushalt 2013 war 144 Milliarden Euro schwer. 30% floss in direkte Hilfen für Bauern, also gut 43 Milliarden. Mit weniger als 10% des AGRAR-Haushalts (oder knapp 2,6% des Gesamthaushalts) der EU könnten wir das Loch in Haushaltsloch in Griechenland stopfen? Und die Diskussion über die Pleitegriechen wäre endlich zu Ende? Das ist es uns nicht wert?

WARUM?

Schenkt den Griechen ein paar neue Straßen, neue Schulen, ein modernes Stromnetz und ein paar Solarzellen auf den Dächern. Das schafft sofort Arbeitsplätze (und damit Steuereinnahmen) und erwirtschaftet Rendite in der Zukunft. Es könnte so einfach sein ...

P.S. und OT:

Warum sich die neue griechische Regierung und die europäische Gegenseite so auf die Frage Schuldenschnitt Ja oder Nein versteifen, verstehe ich auch nicht. Das ist eigentlich nicht die entscheidende Frage. Griechenland zahlt 4,3% seines BIPs für Schulden (weniger als die 5,9% 2010) und damit nur unwesentlich mehr als die USA (3,9%/BIP).

Warum Griechenland keinen Schuldenschnitt braucht

Von mir aus: Macht noch mal einen Schuldenschnitt und zwar für den Teil der Schulden, der bei der EU (EZB, ...) liegt. Aber nennt das Kind von mir aus (wie bei den ersten zwei Schuldenschnitten) nicht so und verlängert einfach die Laufzeit und senkt die Zinsen noch weiter. Dann gibt es das Geld zurück, nur später. Der Kompromiss hier ist doch so offensichtlich und naheliegend, dass es peinlich ist, dass das noch nicht umgesetzt wird. Die andere Frage: Sparen oder Investieren ist die viel schwierigere und wichtigere. Meine Meinung dazu kennt ihr jetzt.

Update (07.02.15):

Die Liste mit den grusligen Artikel über Varoufakis kann man anscheinend beliebig verlängern ...

Heute im Angebot:

Finanzminister Janis Varoufakis als Sex-Ikone - DIE WELT via @a_sator

Oder wie wär's hiermit?

Focus: So lacht das Netz über Griechenlands Finanzminister

Aber der Höhepunkt (besser Tiefpunkt):



Wir haben hier die größte Krise des Euros (zumindest machen es alle so, was mich ja wundert, weil es eigentlich nicht um viel Geld geht, siehe oben) und unsere Qualitätsmedien (Welt, Focus) schreiben über den Finanzminister wahlweise als Sexsymbol oder als Spottobjekt?

Der Focus Chefredakteurs Ulrich Reitz (kein Praktikant, der gerade aus einer Journalistenschule gefallen ist) vermutet sogar hinter der legeren Kleidung eine "perfide Strategie, um die Anzugsträger humorlos, spießig und alt aussehen zu lassen". Das ist nicht nur eine olle schwachsinnige Klickstrecke, mit denen man ein paar Ad Impressions abgreifen will, nein, das sind Gedanken eines Chefredakteurs, von denen er wohl erwartet, dass man diese ernst nimmt. Sorry, tut mir leid, kann ich nicht.

Update 2 (17:36):

Ich bin übrigens in den sozialen Netzwerken (in Blogs kommentiert ja leider niemand mehr, auch wenn das allen Lesern eines Artikels helfen würde) mehrmals gefragt worden, warum ich die Vorschläge von Varoufakis so positiv aufnehme. Will ich gar nicht groß erklären, das habe ich in den einzelnen Artikel ja schon getan. Ich will aber zwei Einschätzungen von Experten bringen, die im Endeffekt genau das sagen, was ich auch meine:

Zuerst Willem Buiter, den ich seit Ausbruch der Finanzkrise hier ja ziemlich häufig gebracht habe, in einem Handelsblatt-Interview:

Citigroup-Chefökonom Buiter: „Kein intelligenter Politiker kann den Grexit wollen“ - Konjunktur Geldpolitik - Politik - Handelsblatt

Daraus eine Passage:

"Man könnte einen Teil der Schulden zum Beispiel in Anleihen mit unbegrenzter Laufzeit und einem Zinskupon von null Prozent umwandeln. Das würde die reale Last für Griechenland reduzieren, aber die Abschreibungen vermeiden, vor denen sich die Regierungen in Berlin oder Den Haag so fürchten. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Geld tatsächlich weg ist.

Griechenland hat die politischen Grenzen der Austerität erreicht. Aber natürlich braucht das Land dringend Reformen, zum Beispiel beim Steuersystem. Und die neue Regierung muss die Oligarchen an die Leine legen, die große Teile der griechischen Wirtschaft"

Kann ich zu 100% unterschreiben.

Selbst von ideologisch verblendeten (ok, das war zu gemein) Freier-Markt-Vordenkern (Adam-Smith-Institute) kommt Zustimmung für den Schuldenschnitt-Teil des Varoufakis-Plans:

Adam Smith Institute calls on Osborne to back Varoufakis's Greek debt-swap plan | City A.M.

Das sind alles keine Ideen von linksradikalen Finanzrambos ... Da könnt ihr noch so dämlichen Schlagzeilen schreiben ...

Update 3 (08.02.15):

Gut dazu auch das Video von Robert Misik: Warum im Fall von Griechenland (und Schulden allgemein) die angeblich so moralfreie Wirtschaft auf einmal zu viel Moral beweist:

Die Moral-Vergiftung der Euro-Wirtschaftsdebatte - FS-Misik - derStandard.at › Meinung

Update 4 (09.02.15):

Das ist die wahrscheinlich wichtigste Grafik zum Thema: Das Ausmaß des Einbruchs:



via Griechenland verdient die Unterstützung Deutschlands

Wer sich daran erinnert, was nach dem Einbruch damals in Deutschland, später in Europa und der Welt passierte, kann doch nicht ernsthaft dazu aufrufen, weiter zu sparen.

Kommentare :

  1. Dann schreibe ich mal ein Kommentar;):
    Was spricht (wirtschaftlich) dagegen, dass die EZB die Anteile der jeweiligen Staaten an den griechischen Schulden aufkauft und sie dann in Anleihen mit beliebig langer Laufzeit umwandelt?

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    1. Ich glaube nicht, dass die EZB das dürfte. Das wäre wohl der direkte Einstieg in die Staatsfinanzierung, die der EZB per Gesetz untersagt ist.

      Wobei die Laufzeitverlängerung ja ein sinnvoller Schritt ist. Und ich das Brimborium um diese Lösung nicht verstehe,denn die Schulden Griechenland sind schon zweimal auf genau diese Weise umgeschuldet worden.

      Und btw. Hurra ein Kommentar :)

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