IWF Chefin Lagarde zu Griechenland: Sparen allein ist keine Lösung

An die Gläubiger Griechenlands und ihre strikte Verhandlungsposition gerichtet sagte Lagarde: „Ich finde, der Fokus sollte nicht darauf liegen zu sagen: Austerität oder nichts.“ Die Frage sei, so die IWF-Chefin, was man tun müsse, damit „die griechische Wirtschaft und die Menschen in Griechenland Kapital daraus schlagen, dass das Wachstum angekurbelt, die Kreativität erhöht, Innovation geschaffen und die Wirtschaft neu strukturiert“ werde.
Ich kann nur zustimmen. Wie so oft geht es nicht ausschließlich darum, wie viel Geld gespart wird oder wie viel ausgegeben wird, sondern auch darum, wofür das Geld ausgegeben wird. Griechenland würde es heute viel besser gehen, wenn nicht nur gespart worden wäre, sondern wenn man auch dafür gesorgt hätte, dass mehr Geld produktiv ausgeben wird.


Ich wollte das nur mal erwähnen, weil sich die Einstellung des IWFs zur Austerität in Griechenland schon vor einiger Zeit geändert hat. In der Forschungsabteilung gibt es schon einige Papiere, die die eigene Fehleinschätzung des Sparprogramms 2010 eingestehen und hinterfragen, warum man sich so verschätzen konnte.

Als vielleicht wichtigstes Paper kann "IMF Working Paper: Growth Forecast Errors and
Fiscal Multipliers" gelten. Auch wenn es keine offizielle IWF-Politik-Position ist (sondern Forschung), stammt es vom Chefvolkswirt Olivier Blanchard (und Daniel Leigh). Das Paper ist ziemlich technisch; ich verstehe gefühlt keine 10%. Aber die Zusammenfassung hat es in sich (Seite 19): Der Multiplikator für die Staatsausgaben, der vor der Krise auf etwa 0,5 geschätzt wurde, lag (zumindest in den ersten Jahren der Krise) in der Realität klar über 1. Das bedeutet, dass 1 Euro weniger Staatsausgaben zu einem BIP geführt hat, das mehr als einen Euro niedriger lag (und nicht zu einem nur 50 Cent niedrigeren BIP). Praktisch bedeutet das, dass das "Wegsparen" eines Haushaltsdefizits von gut 10% nicht zu einem Einbruch des BIPs von 5% führt (wie man vor der Krise dachte), sondern zu einem Einbruch von deutlich mehr als 10%.
Was das ganze noch schlimmer macht: Durch den hohen Multiplikator von deutlich über 1 erhöht sich die Gefahr einer Abwärtsspirale massiv. Denn ein niedrigeres BIP zieht niedrigere Steuereinnahmen nach sich. Dadurch muss dann noch mehr gespart werden, was dann wiederum für niedrigere Steuereinnahmen sorgt. Bei einem Multiplikator von 0,5% kann man diese Spirale eventuell schnell in den Griff bekommen, bei einem Multiplikator von deutlich über 1 wird das zunehmend unmöglich. Man bekommt dann Griechenland: Das "Wegsparen" von 12% Haushaltsminus führt zu einem BIP-Einbruch von 25%. Und das ist ja immer noch nicht das Ende, das Sparprogramm hat ja immer noch nicht - wie geplant - zu einem ausgeglichenen Haushalt geführt ...


Aus Sicht der Politik ist der vielleicht wichtigste Punkt, dass die Troika Institutionen (TIFKAT - The Institutions Formerly Known As Troika) keinesfalls so unfassbar einheitlich und zu 100% vom Sparprogramm überzeugt sind wie Schäuble und große Teile der deutschen Medien das darstellen. Man sieht - außerhalb der Schäuble-Merkel-Bubble - durchaus intelligentere Alternativen zum bedingungslosen Sparen. Aber vielleicht haben wir mit der neuen Regierung in Griechenland den Zeitpunkt erreicht, wo nicht mehr auf Teufel komm raus gespart wird, sondern auch endlich geschaut wird, wo der Staat sinnvoll Geld ausgeben kann und das (im optimalen Fall schon kurzfristig) Rendite bringt.


IWF-Chefin Christin Lagarde im Interview mit der Huffington Post: „Austerität ist nicht alles"

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