Ein paar Gedanken zum Mann, der alleine aus seinem Keller heraus den Dow um 1.000 Punkte nach unten gejagt haben soll.

Die Story riecht komisch, sehr komisch ... 6% (oder so) Kurseinbruch beim S&P 500, ausgelöst von einem einzigen Trader? Ein (wenn auch nur temporärer) Markteinbruch mit einem Volumen von 600 oder 700 Milliarden Dollar?

Dieser Artikel eiert schon ein paar Tage in der Queue und obwohl sich die Zweifel an der Theorie schon etwas verbreitet haben, schaffen sie es doch - wenn überhaupt - nur an das Ende eines Artikels wie z.B. in der FAZ: Der Mann, der die Wall Street in die Knie zwang. Leider dürfte bei vielen Menschen eher die Überschrift in den Köpfen bleiben und nicht die Zweifel an der Einzeltäter-These. Auch wenn diese mMn ziemlich unplausibel ist.

Zuerst ein kleiner Vorabeinschub: Man sollte aufhören von einem Schaden von mehreren Hundert Milliarden Dollar zu sprechen, denn der Kurseinbruch wurde relativ schnell wieder ausgebügelt.

Zweitens: Kann ein einzelner Trader aus seinem Keller wirklich Marktschwankungen in der entsprechenden Größe auslösen? Was wäre wohl los, wenn der Iran, China oder der SchurkenstaatDesTages™ einen solchen Angriff gegen eine Weltbörse fährt? Was sagt uns das über die "Stabilität der Finanzmärkte"?

Drittes: Warum brauchen die Behörden 5 Jahre, um dem Verursacher "auf die Schliche" zu kommen und kann diesen "plötzlich" präsentieren (auch wenn eine frühere Untersuchung keinen einzelnen Schuldigen finden konnte)?

Bloomberg: How a Mystery Trader With an Algorithm May Have Caused the Flash Crash

Das ist die gängige Darstellung, die aber komisch riecht ... Ich erinnere mich noch sehr genau, dass schon kurz nach dem Flashcrash Tweets eines Accounts herumgereicht wurden und zwar von diesem:

nanexllc

Dort wurde bereits damals erklärt, wie der Flash-Crash mutmaßlich ausgelöst wurde. Das Ganze gibt es sogar als Animation (kann man ruhig 5 Minuten vorspulen, in diesen passiert noch nicht viel):



Die Orders des Traders (Mr. Sarao, 36 Jahre alt, London), der jetzt angeklagt wird, wurden schon damals rot markiert; sie waren also bekannt. In der Animation sieht man vor allem schön, dass der Algorithmus seine Aktivität offenbar schon eingestellt hatte als der Flash-Crash richtig los ging. Wenn Sarao überhaupt verantwortlich war, dann vielleicht für die ersten 10 Punkte des Rückgangs, die restlichen 50 oder 60 Punkte fanden nahezu komplett ohne ihn statt.

Um an diese Daten zu kommen brauchen die Behörden 5 Jahre?!? Das stand doch schon auf Twitter ... Und dann ignorieren die Behörden noch das "Detail", dass der Algorithmus während der Hochphase des Crashs an der Seitenlinie stand?

Ein gute Zusammenfassung dieser Fragen gibt es von Michael Lewis (Autor von Flash Boys", eines der besten Bücher über High Frequency Trading) bei Bloomberg: Crash Boys.

Noch seltsamer wird die Geschichte, wenn man sich das Vorgehen anschaut. Denn das, was der Londoner HFT-Trader gemacht hat, ist im High-Frequency-Trading ZIEMLICH normal. Man versucht entweder mit seinen eigenen Orders schneller zu sein als die anderen (in diesem Zusammenhang gibt es immer wieder Vorwürfe gegen große Banken und Broker, sie würden dieses Spiel spielen, weil sie die großen Kundenorders kennen und das über HFT "vorkaufen") oder man versucht die Gegenseite mit Scheinorders zu verwirren. Man platziert also große Kauf- und Verkaufsorders und täuscht so große Käufe bzw. Verkäufe an. Das soll dann andere Händler dazu bringen, dieser Order vorauszueilen. Diese sollen also auf den per Order "angekündigten" Zug aufspringen. Nur ist der Zug gar keiner, sondern nur eine Fata Morgana, die sich auflöst, sobald der Kurs sich dem Limit nähert. Genau das hat der nun festgesetzte High-Frequency-Trader gemacht und zwar in ziemlich großem Stil. Teilweise soll er für 40% der Volumens in einem speziellen Kontrakt auf den US-Aktienindexes S&P 500 verantwortlich gewesen sein. Auch wenn er damit weit davon entfernt war, 40% des Gesamtmarkts zu beeinflussen, sprangen wohl weitere Algorithmen auf seine Orders an. In bestimmten Marktsituationen konnte er also auf "Verstärker" hoffen, die weitere Trades in die gleiche Richtung starteten. Damit verstärkte sich der Prozess und es konnte zu dem Einbruch kommen. Es ist in diesem Zusammenhang SEHR unwahrscheinlich, dass der Trading-Algorithmus des jetzt verhafteten Traders der einzige war, der innerhalb der breiten Grauzone zwischen "gut" und "böse" agierte. Da dürften einige namhafte Akteure den Preis deutlich mehr beeinflusst haben als der "lonely trader". (Zugegeben: es gibt eine Menge Leute, die das gesamte High-Frequency-Trading in der Grauzone sehen und zwar auf der Skala ganz nahe an "böse" ... Dann müsste man aber auch die Goldman Sachsen und einen Haufen anderer Trader mit in den Knast werfen und nicht nur einen).

The 'Flash crash' trader's alleged fraud is a common market occurrence

Unabhängig von der Frage, wo man die Aktivitäten auf der Skala von "unethisch, aber noch legal" bis "illegal" einordnet, bleibt auch die Frage, ob die Aktivitäten eines einzelnen Traders relevant sein können, umstritten. Einer der Ermittler aus dem ersten Ermittlungsverfahren Andrei Kirilenko, dem auch alle Daten vorlagen, spricht ganz klar davon, dass Saraos Volumen "statistisch nicht signifikant" waren. Kurz: Saraos Trades (bzw. Limits) können eigentlich nicht der Auslöser gewesen sein. Es müssen noch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben. Seien es andere HFT-Trader, sei es eine generelle Instabilität des Marktes.

Flash Crash - Investigators Likely Missed Clues

Das Ganze sieht ziemlich nach "die Großen lässt man laufen, die Kleinen hängt man" aus. Oder nach "wir müssen endlich mal Ergebnisse liefern. Lass uns mal jemanden verhaften". Und da wählt am besten jemanden, der keine bestens ausgebildete Rechtsabteilung im Rücken hat. Und auch jemanden, bei dem man an die Daten kommt und nicht einen wie Goldman Sachs, der in ähnlichen Verfahren schon mal seine eigenen Aufzeichnungen "verloren" hat ...

Man kann die jetzt erzählte Geschichte eigentlich kaum glauben ... Die Geschichte, die die Ermittlungsbehörden präsentieren, ist ziemlich unplausibel. Will man hier einfach nur ein (überfälliges) Ergebnis präsentieren, hat aber nicht den Mut, die großen Spieler anzugreifen? Oder will man von den eigentlichen Problemen ablenken, also z.B. davon, dass das gesamte High-Frequency-Trading (inklusive des nicht strafbaren Teils) Probleme verursacht und die Finanzmärkte zunehmend instabiler macht?

P.S.: Ich will die Aktivitäten von Sarao (oder ihn selber) nicht in Schutz nehmen. Verkaufslimits in den Markt zu legen, die man nie ausführen möchte, ist schon manipulativ. Nur war Sarao nicht der Einzige, der so vorgegangen ist. Und er war wohl auch nicht - zumindest nicht alleine - der Auslöser für den Flash-Crash, der ihm jetzt vorgeworfen wird.

P.P.S.: Wenn du den Markt manipulieren willst, dann manipuliere nach oben. Dafür verklagt dich niemand ...


Update (17:03):

Übrigens wäre der Handel mit nur vorgetäuschten Orders sehr schnell einzudämmen. Man müsste das Stornieren nicht einmal verbieten, sondern das Storno "nur" zeitlich leicht verzögern. Das Storno eines Limits würde dann nicht wie unlimitierte Orders sofort wirken, sondern mit einer Sekunde Verzögerung. Damit wäre jeder Hochfrequenzhandel mit "Fake-Orders" tot, weil das Risiko in dieser Sekunde über den Tisch gezogen zu werden zu groß würde. Man ist mit einem Storno quasi eine Sekunde handlungsunfähig, in den Systemen des Hochfrequenzhandels ist das eine Ewigkeit ...

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