Griechenland ist ein Fass ohne Boden. Oder vielleicht doch nicht?

Griechenland ist nicht wettbewerbsfähig: Habt ihr hundertmal gelesen und stimmte auch lange. Stimmt aber nicht mehr.

Wie komme ich darauf, wo doch alle wahlweise mehr Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit oder - die die aufgegeben haben - den Rauswurf aus dem Euro wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit fordern? Naja, Eurostat und einfach mal in die Zahlen schauen.

Was nimmt man dann am besten? Die Leistungsbilanz. Diese besteht im wesentlichen aus drei großen Posten

a) Handelsbilanz (Export von Gütern (Maschinen, Autos, Computers, Öl, Kohle, Lebensmittel, …) MINUS Import von Gütern)
b) Dienstleistungsbilanz (Export von Dienstleistungen (Gesundheit, Pflege, Online-Dienste, Beratung, Medien, Anzeigen, Tourismus (von Ausländern im Inland) …} MINUS Import von Dienstleistungen (u.a. Griechen, die im Ausland Urlaub machen)) (NB: Wikipedia hat im Rechenbeispiel Zinsen drin, die aber aber nicht in die Dienstleistungsbilanz fallen; das dürfte ein Fehler sein)
c) Kapitalbilanz (Import von Geld und Kapital (Kauf inländischer Aktien/Wertpapiere/Immobilien/Unternehmen, … durch Ausländer) MINUS Export von Geld und Kapital (Kauf ausländischer Aktien/etc durch Inländer; auch direkte Kreditvergabe ins Ausland) (Achtung, tricky, hier dreht sich die Import/Export-Logik um; kein Wunder, irgendwie müssen die Bilanzen oben ja wieder ins Lot gebracht werden. Länder mit positiver Handels- und Dienstleistungsbilanz haben meistens eine negative Kapitalbilanz)
d) Übertragungsbilanz, Änderung der Devisen- und Goldreserven (den Punkt ignoriere ich im folgenden)

Rechnet man die a,b und c (und d) zusammen, bekommt man die Leistungsbilanz. Diese sagt: Stimmte, Griechenland war nicht wettbewerbsfähig und/oder hat zu viel importiert. Das Interessante aber: Das stimmt inzwischen nicht mehr:


Quelle: Eurostat

Aus dem desaströsen Minus in der Leistungsbilanz von fast 15% des BIPs ist inzwischen ein kleines Plus geworden! Griechenland steht damit nicht schlechter da als Spanien und Italien.

Zu den Details: Die Handelsbilanz ist weiterhin negativ, aber nicht mehr so schlimm wie 2010. Dabei hat sich vor allem die Importseite verbessert (sprich ist dank des Monster-Sparprogramms geschrumpft). Man kann natürlich -wenn man Griechenland schlecht reden will - rein auf die Handelsbilanz schauen, diese ist aber nicht aussagekräftig, weil sie in Griechenland noch NIE im Plus war, nicht einmal annähernd. Der Ausgleich in Griechenland kam IMMER über den Tourismus, über den Geld ins Land floss. Das landet aber in der Dienstleistungsbilanz. Hier war immer der einzige Hebel für Griechenland; ich habe eine Zeitlang sogar auf die Ankünfte an den Flughäfen geschaut, weil diese einen Frühindikator für die Tourismusbranche liefern.

Zugegeben: Ein Teil der Verbesserung der Leistungsbilanz kam über die Verbesserung der Kapitalbilanz und da spielten die EU-Hilfen eine Rolle: In der Kapitalbilanz haben die Rettungsprogramme Griechenland geholfen, weil dadurch deutlich weniger Zinsen anfallen als 2010. Der Großteil der Schulden liegt nun bei EU und EZB. An diese muss Griechenland spürbar niedrigere Zinsen bezahlen als am Kapitalmarkt, teilweise ist die Zinszahlung sogar vollständig ausgesetzt. (Wohlgemerkt hat sich auch Deutschland zu solchen extrem niedrigen Zinssätzen finanziert, teilweise sogar zu noch niedrigeren als Griechenland).

Ich finde es extrem seltsam, dass der Punkt Leistungsbilanz, der die Diskussion von 2010, 2011 und 2012 bestimmte, inzwischen kaum noch erwähnt wird. War das dicke Minus in der Leistungsbilanz nicht DAS große, grundlegende Problem der griechischen Volkswirtschaft? War die Normalisierung der Leistungsbilanz nicht immer eines der großen Ziele der Troika? Warum spricht nun niemand mehr darüber?

Warum sind die Schritte, die zu diesem (es sei betont) sinnvollen Ziel führen sollten (wie Liberalisierung des Arbeitsmarkts, Senkung des Mindestlohns, …), allesamt noch auf der Agenda, auch wenn das Ziel mehr oder weniger erreicht wurde?

Daher gehen Artikel wie Griechenland muss mehr exportieren – aber was? auch leicht am Ziel vorbei. Es wäre natürlich langfristig gut, wenn Griechenland mehr exportieren würde, kurzfristig aber ist führen alle Maßnahmen, die die Wettbewerbsfähigkeit steigern, dummerweise zu niedrigeren Löhnen und weniger Inlandsnachfrage. (Btw: spätestens in der Grafik mit Exportanteil/BIP, in der Griechenland VOR Japan steht, das nun wahrlich nicht als exportschwache Nation gilt, hätte der Autor stutzig werden müssen … Da hätte einem auffallen können, dass man nicht einfach alle Länder über einen Kamm scheren kann).

Ich werde jetzt mal polemisch (aber das sind andere auch): Braucht man nun eine andere Story, um die Griechen nieder zu machen? Zum Beispiel so:

Deren Finanzämter funktionieren ja gar nicht (wenn die Griechen allerdings Beamte einstellen, blähen die Griechen den Staatsapparat auf).
Linksradikales, nicht vertrauenswürdige Kommunisten-Rocker! Die reden sogar mit Putin (wir hingegen kaufen da nur kühl kalkulierend unser Gas …)
Die Rentenausgaben sind von 11,7%/BIPs auf 16,2%/BIPs gestiegen. Die sparen ja gar nicht die Griechen, die geben sogar noch mehr aus (Dumm nur, dass allein ein Einbruch des BIPs um 25% schon dazu führt, dass aus 11,7%/BIP --> 15,6%/BIP werden. Dazu noch erzwungener Vorruhestand durch Arbeitsplatzverlust oder vorzeitige Pensionierung und Zack ist der vermeintliche Anstieg erklärt. Gastbeitrag von Alexis Tsipras: Deutsche zahlen nicht für Griechen.
Der Grieche geht mit 56 in Rente, der Deutsche mit 64 (OK, stimmt nicht, siehe dazu: Bild: Wenn die Zahlen nicht passen, werden sie passend gemacht ….
Die griechische Regierung bewegt sich nicht, wir (Europäer) haben uns massiv bewegt (siehe dazu: Griechische Regierung bewegt sich nicht? Bullshit!)
Die Grieche spart gar nicht (Unfug; griechische Staatsausgaben 2009: 124,7 Mrd. Euro, 2014: 86,2 Mrd. Euro; das ist ein Minus von fast 31%!)
Griechenland ist ein Fass ohne Boden. Ach nee, das ist ja oben widerlegt.

Was Griechenland jetzt braucht, ist Stabilität und ein Ende der Verunsicherung und Angst. Dann kämen unter anderem die Bauinvestitionen im Privatsektor (es sind ja nicht alle arbeitslos) und der Tourismusbranche wieder in Gang. Die Bauinvestitionen sind auf ein Viertel des Vorkrisenniveaus eingebrochen. Allein in diesem Sektor liegt jede Menge Potenzial für eine Aufholbewegung. Dazu benötigt Griechenland nicht einmal einen Marshallplan und ein Investitionsprogramm von außen … Es reicht die Zusicherung, dass Europa das Land nicht vor die Wand fahren lässt … Es wäre übrigens für Europa ein leichtes, die (nicht vergessen: sinkenden!!!) Defizite Griechenlands übergangsweise zu finanzieren … (siehe dazu auch Griechenland so: Haste mal 'nen Euro? Europa: Nöh, geh arbeiten!

Update (18:20):

Frank Lübberding hat sich auch so seine Gedanken über die Debatte zu Griechenland gemacht, die sich zunehmend von den Fakten entkoppelt und immer absurder wird ...

Debatte um Griechenland ein Rätsel, ökonomisch betrachtet

Update (22.06.15):

Noch zwei Links, die sich über das Wochenende angesammelt haben:

Vor allem der, weil es mal um einen konkreten Plan zur Griechenland-Umschuldung inkl. Zukunft geht:

Willem Buiter mit Plan für Griechenlandrettung

Und der zeigt ganz gut, wieso Griechenland sich stabilisiert hat. Und warum diese Stabilisierung noch nicht in eine breite Aufschwungbewegung übergegangen ist:

BÖRSE ONLINE: "Griechische Tourismusbranche: Unternehmen halten Investitionen zurück"

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