Griechenland hat nun einen Primärüberschuss - leider einen nutzlosen

Auf den Primärüberschuss Griechenlands habe ich ja häufig genug hingewiesen. Nicht nur, weil er ein sicheres Zeichen für einen - zumindest rudimentär - ausgeglichenen Staatshaushalt ist. Immerhin sind bei einem ausgeglichenen Primärüberschuss die laufenden Einnahmen hoch genug, um die laufenden Zahlungen wie Rente, Gehälter, Rechnungen ... (allerdings ohne Zinsen und Tilgung auf die Schulden) bezahlen zu können.

Wichtiger am Erreichen eines Primärüberschuss war für mich aber, dass Griechenland damit die Möglichkeit gewinnt, die Zins- und Tilgungszahlungen einfach einzustellen. "Sorry, wir können nicht zahlen" (unter Umständen auch nur als Drohkulisse). Dann muss es Verhandlungen mit den Gläubigern geben, die sich hinziehen können, und am Ende irgendein Schuldenschnitt kommen. Der griechische Staat könnte trotzdem weiter funktionieren (was auch immer man in Griechenland unter "funktionieren" zu verstehen hat). Griechenland hätte (ich bin geneigt zu sagen "endlich mal") Zeit, Verhandlungen in Ruhe und nicht unter dem Druck, dass morgen das Geld ausgeht, zu führen …

Gut, bei der Einschätzung der Bedeutung des Primärüberschusses habe ich mich geirrt. Denn inzwischen bestehen die Risiken durch einen Zahlungsstopp bei den Griechenbonds nicht mehr in der Zahlungsunfähigkeit des Staats (ausgelöst durch ausbleibendes Geld aus dem Ausland), sondern im sofortigen Zusammenbruch des gesamten griechischen Bankensektors. Trotz des Schuldenschnitts für die privaten Gläubiger, durch den die Bestände an griechischen Staatsanleihen bei den griechischen Banken deutlich geschrumpft sind, halten die griechischen Banken noch ein spürbares Volumen. Sollte der Schuldenschnitt kommen, wird die EZB die griechischen Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheit akzeptieren (können). Damit sind die griechischen Banken von der Refinanzierung defakto vollständig abgeschnitten und sofort zahlungsunfähig. In der Folge würde die Kreditvergabe und am Ende die gesamte Wirtschaft zusammenbrechen. Und aus dem eh schon desaströsen BIP-Einbruch von 25% würde einer von 40 oder 50% …

Ob meine frühere Überlegung jemals hätte aufgehen können, ist schwierig zu sagen. Es ist aber auch müßig, denn der Bank-Run, der nach einigen Monaten Ruhe im Dezember wieder eingesetzt hat (und schneller fortschreitet als jemals zuvor), dürfte die griechischen Banken inzwischen weitere 40 bis 50 Milliarden Euro Einlagen gekostet haben.


Damit ist es nun völlig utopisch, dass die griechischen Banken ein Schuldenmoratorium überleben könnten. Die 80-90 Milliarden Emergency Liquidity Assistence der EZB deutet das nicht nur an ...

Kurz: Vergesst den Primärüberschuss. Griechenland hat nun zwar einen Primärüberschuss, bleibt aber genauso abhängig vom Ausland (in diesem Fall konkret der EZB), und es ändert sich für die Verhandlungsposition Griechenlands absolut nichts. (Ein Primärüberschuss könnte zwar die Basis für einen Neustart Griechenland darstellen (siehe Buiter), aber nur im Einverständnis mit den Gläubigern. Und davon ist weiterhin nichts zu sehen.

Worüber man eventuell mal nachdenken könnte: Schuldenmoratorium durch Griechenland + Einführung einer Parallelwährung (die durchaus 1:1 an den Euro gekoppelt sein könnte). Das könnte bei einem Schuldenmoratorium eventuell gut gehen ... Ist aber ein ganz neues Thema ...

Der oben dargestellte Gedanke wird hier nochmal ganz sauber herausgearbeitet:
WaPo Wonkblog: Europe is destroying Greece’s economy for no reason at all.

Dass der Bankrun die Achillesferse für Griechenland ist, war übrigens schon Ende März zu lesen:
The Troika’s Leverage Over Greece: The Ongoing Bank Run.

Der Wonkblog Artikel lohnt sich unabhängig davon aber auf jeden Fall ...

Zum Schluss noch ein Hinweis auf einen Artikel in meinem Zweitblog, in dem ich (und geschätzte Verlinkte) den aktuellen Kompromissvorschlag zwischen Troika und Griechenland analysieren. Und irgendwie nicht verstehen, wie Tsipras darauf eingehen kann … Entweder ist es Wahnsinn, die totale Aufgabe (weil GR akzeptiert hat, dass seine Verhandlungsmacht extrem eingeschränkt ist) oder es gibt irgendeine Gegenleistung der EU, die wir noch nicht kennen (Investitionsprogramm, Schuldenschnitt oder auch nur ein Ausscheiden des IWF aus der Troika, was der IWF ziemlich offensichtlich anstrebt).

Griechenland: Ergibt das Sinn, Herr Tsipras?

P.S. Ich hoffe, wird klar, wie wichtig der Bank-Run für Griechenland ist und wie extrem die Verhandlungsposition von Griechenland dadurch geschwächt wurde. Und dann würde es sich auch noch mal lohnen, ob und wie die EZB dieses Spiel orchestriert hat ("unklar, ob griechische Banken am Montag noch öffnen") und wie (geradezu gierig) die deutschen Medien diese Gerüchte verbreitet und befeuert haben. Bis hin zu Kamerateams vor den Geldautomaten und Banken, die die Schlangen einfangen sollten, war alles vorbereitet.



Von der selbstauferlegten Zurückhaltung, an die sich die deutschen Medien gehalten haben, als unter anderem die Commerzbank 2009 mit dem Rücken zur Wand stand, war nichts mehr zu sehen. Im Gegenteil: Die Medien haben es bevorzugt noch zusätzlich Öl ins Feuer gekippt. Ich könnte jetzt pathetische Worte wählen und schreiben, dass sich die Medien sich an der europäischen Idee versündigt haben, aber ich neige ja nicht zu pathetischen … Ok, ich lass es stehen ...

(Vielleicht hätte ich den Medienaspekt nicht im P.S verstecken wollen, Medienkritik bringt oft die meisten Retweets, Artikelempfehlungen und Flattrs …)

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