Warum (Staats-) Schulden weniger gefährlich sind als gedacht

oder Es geht nicht darum, wieviel Geld der Staat ausgibt, sondern wofür.

Es gibt, ganz anders als Reinhardt/Rogoff vor ein paar Jahren (übrigens fehlerhaft) errechnet haben, keine feste Grenze, ab der Staatsschulden gefährlich werden. Und auch nicht unbedingt eine, ab der das Wachstum schwächer wird.

Die Behauptung von Rogoff krankte schon immer daran, dass mit der Höhe der Staatsschulen nur ein Teil der Volkswirtschaft (neben Wirtschaft und Privaten) betrachtet wurde und noch viel schlimmer, nur eine Seite der Bilanz des Staates. Die andere Seite, nämlich das Vermögen, geht in diese Rechnung gar nicht ein. Und es macht natürlich einen Unterschied, ob Infrastruktur wie Wasser, (Auto-), Bahn etc. dem Staat oder der Wirtschaft gehört. Genauso ist es auf der Schuldenseite wichtig, wer die Schulden hält. Liegen diese im Inland (wie in Japan), sind die Staatsschulden wesentlich unkritischer als in Griechenland, wo die Schulden zu signifikanten Teilen im Ausland liegen. (Die Inländer kann man (relativ) einfach besteuern, die Ausländer nicht). Ein besserer Indikator für die Schuldenhöhe ist die NIIP (Net International Investment Position), die die Schulden der gesamten Volkswirtschaft berücksichtigt. Hier sieht man deutlicher, ob einem Land als Ganzes Überschuldung droht (Ein wenig Diskussion dazu hier). Diese ganzen Logiken werden übrigens in den Länderratings von S&P, Moodys & Co berücksichtigt, der damalige (?) Chef-Volkswirt des IWF Rogoff hatte diese wichtigen Zusammenhänge ignoriert. Das ist inzwischen relativ weit bekannt, aber sicherlich noch nicht weit genug.

Daher schadet eine neue Studie aus Deutschland zum Thema sicherlich nicht: SZ: Staatsschulden: Ursachen, Wirkungen und Grenzen (PDF!). Darin wird mit dem Mythos einer festen Grenze, ab der Staatsschulden gefährlich werden, aufgeräumt. Das finde ich aber - weil es in interessierten Kreisen schon relativ breit diskutiert wurde - gar nicht so spannend. Spannender ist dass ein anderer Punkt, auf dem ich auch gerne rumreite, ins Bewusstsein eines größeren Teils der herrschenden Klasse kommt: Es geht nicht ausschließlich um den Punkt wie viel Geld der Staat ausgibt, sondern auch wofür der Staat das Geld ausgibt:

"Für wesentlicher als die nackte Schuldenhöhe halten die Wissenschaftler etwas ganz anderes: Wofür der Staat sein Geld ausgibt - ob für Konsumtives wie Sozialausgaben oder Beamtengehälter oder für Investitionen. Sie sehen den Rückgang der staatlichen Investitionen in vielen Industriestaaten seit Beginn der 70er Jahre als wahre Gefahr für die finanzielle Lage vieler Staaten. In Deutschland wird seit einer Weile diskutiert, dass die öffentliche Infrastruktur wie Straßen und Schulen verfällt."

Leider sieht die Bilanz Deutschlands in dieser Hinsicht wirklich nicht gut aus ... Dazu vielleicht später mal etwas mehr ... Für's erste: Spread the news :)

Kommentare :

  1. Ist es nicht wichtiger wie der Staat sein Geld ausgibt? Dieser Logik zufolge wäre eine neue Schule eine "gute" Ausgabe, weil Investition, man dürfte aber keine Lehrer einstellen, da dass ja "schlechte" Ausgabe ist, weil Beamtengehälter.
    Es wird ständig wiederholt, dass wir uns in einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft befinden. Das gilt auch für den Staat und dessen Aufgaben. Auch wenn es "schlechte" Konsumausgaben sind, so halten die Gesundheitsausgaben die Bevölkerung fit und gesund, stabilisieren Arbeitslosengeld- und Sozialhilfe die Wirtschaft in Krisen. Aus meiner Erfahrung zumindest bevorzugen Unternehmer stabile Umsätze, und die sind nicht gegeben wenn bei Anstieg der Arbeitslosigkeit plötzlich die Kunden sparen müssen. Und das wiederum macht Investitionen sicherer. Für jede Ausgabe sollte gefragt werden ob diese für mehr (langfristigen) Wohlstand sorgt oder nicht, und das lässt sich nicht einfach durch die Unterscheidung in gute Investition/schlechte Sozialleistungen sagen.

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    1. Ok, es geht in meinem Artikel nicht hervor, aber Bildung wäre für mich Zukunftsinvestition. Keine Diskussion.

      Dass man in Deutschland unter "Beamtengehältern" immer auch Lehrer versteht, liegt nur daran, dass Deutschland aus irgendwelchen Gründen meint, Lehrer müssten Beamten sein ...

      Um es klar zu machen: Investitionen in Bildung sind Zukunftsinvestitionen und sind kein Konsum. Egal ob es um Gebäude, Computer oder Lehrer-Gehälter (oder auch Sozialarbeiter in den Schulen) geht.

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  2. xWelfx hat Recht. Der prinzipiellen Aussage "Wichtig ist wofür der Staat Geld ausgibt" ist natürlich zuzustimmen, aber die Unterscheidung ist doch etwas zu einfach. Finanzbeamten müssen bspw. auch bezahlt werden und hier zu sparen ist wohl tatsächlich nicht die beste Idee (und hier fehlen tatsächlich Leute!).
    Zusätzlich sollte man wohl die Konsumausgaben genauer anschauen. Die enormen Rüstungsausgaben im Kalten Krieg waren (zumindest in der Rückschau betrachtet) ziemlich für die Katze. Aber in den USA haben sie ganz massiv zur Weiterentwicklung z.B. der Halbleiterindustrie beigetragen.
    Zusätzlich kommt es wohl auf die Situation an. Für Deutschland bspw. wäre es wahrscheinlich sinnvoll im Sozialbereich zu investieren um insbesondere Langzeitarbeitslose und Problemfälle in Arbeit zu bringen, als für die USA, die kein demographisches Problem haben.

    Gibt es hier eigentlich irgendwelche interessante Studien (abgesehen von der oben zitierten), die das ganze Thema mal abseits der ideologischen Brillen genauer untersuchen?

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  3. Also grundsätzlich ist es schon verdammt schwierig Investitionen zu bewerten, wenn sie langfristig wirken. Die Abweichungen in der Ergebnissen sind schon irre. Das kannst du bei jedem Flughafen, jeder Autobahn, jeder Brücke sehen. Der eine sagt: Rechnet sich nie, der andere sagt, das Geld kommt doppelt und dreifach wieder rein. Wenn man sowas für ganze Sektoren macht, nähern sich die Ergebnisse wieder an. Bei Bildung geht man davon aus, dass das Geld für Bildung zwei- bis dreifach so hohe Erträge bringt. Das hat die INSM mal durchgerechnet.

    Bei den Fördermaßnahmen nach Hartz IV wurde das ebenfalls mal durchgerechnet, allerdings einzeln. Also für Ich-AG genau wie für Zuschüsse für Wiedereingliederung, etc. Das gab ziemlich interessante (allerdings auch umstrittene) Ergebnisse, ein paar der Maßnahmen wurden deswegen wieder abgeschafft. Dabei kam zum Beispiel raus, dass einige der Maßnahmen nur Mitnahmeeffekte produziert haben. Manche Arbeitgeber haben also gezielt Mitarbeiter eingestellt, die Förderung bekamen, und sofort wieder rausgeworfen, wenn die Förderung zuende war. Bei den Ich-AGs war ein Ergebnis, dass die Förderung oft nur mitgenommen wurde von Leuten, die sich eh selbstständig machen wollten. Und bei den anderen waren die Firmen oft nicht tragfähig; gingen also entweder schnell wieder pleite oder warfen keine Löhne ab, die hoch genug waren, um jemanden zu ernähren. Der Ich-AGler hatte dann zwar Arbeit, aber bekam weiter Geld vom Staat. Diese Ergebnisse nur aus dem Kopf als Beispiele dafür, wie schwierig bis unmöglich es ist, sowas zu berechnen. Mit den Rüstungsinvestitionen im Silicon Valley bringst du ein weiteres gutes Beispiel.

    Man wird also auch weiterhin Geld an "falschen" Stellen ausgeben. Grundsätzlich dürfte aber relativ klar sein, dass Bildung ein gutes Ziel für Ausgaben sind (wie ich oben schon geschrieben habe, zähle ich dazu natürlich nicht nur den Bau von Schulgebäuden, sondern auch den Betrieb).Gut ist auch z.B. alles, was Frauen auf den Arbeitsmarkt bringt wie bessere Kinderbetreuung (viel wirksamer als Kindergeld!).Genauso lohnt sich Geld für Infrastruktur wie Verkehr aber auch Internet. Was meiner Meinung nach keine gute Investition ist, sind höhere Zuschüsse für die Rentenkassen, die jetzt u.a. für die Rente mit 63 nach und nach massiv hochgefahren werden müssen.

    Ich will nicht sagen, dass man alles wegkürzen kann, was sich volkswirtschaftlich nicht rechnet (wie z.B. die Rente mit 63), aber ein wenig mehr könnten unsere Politiker schon darauf achten ...

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  4. siehe Kommentar unten, habe auf den falschen Antworten Button gedrückt ... Sorry.

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  5. Bei Investitionen gebe ich Dir Recht, da ist es extrem schwierig. Ein Flughafen kann sinnvoll sein, kann aber auch reine Geldverschwendung sein, wie die vielen kleinen Flughäfen zeigen.
    Aber insgesamt wäre das echt mal interessant, die ganzen Programme durchzurechnen. Ich habe nämlich das Gefühl, dass man da zu sehr vereinfacht. Ich wohne bspw. in einer vergleichsweisen armen (im Sinne von Einkommen der privaten Haushalte) bayerischen Großstadt, die auch noch mit einem sehr hohen Anteil an Leiharbeitern und anderen prekären Arbeitsverhältnissen "gesegnet" ist und da erscheinen mir Sozialausgaben und subventionierter Nahverkehr sehr sinnvoll. Denn andernfalls kannste hier große Teile der Geschäfte gleich zusperren.

    Die Rente mit 63 ist jetzt volkswirtschaftlich nicht die sinnvollste Sache, klar, aber da stört mich, dass nur mit den Kosten argumentiert wird. Dass diese Geschichte sehr teuer ist, sehe ich auch und natürlich die anderen Probleme, bspw. dass man nen Azubi eingestellt hat, der in 3 Jahren nen Job eines älteren Mitarbeiters übernehmen soll und dann macht man nen Übernahmeplan und dann dann geht der auf einmal zwei Jahre früher in Rente.
    Auf der anderen Seite sehe ich aber auch, dass dies für Firmen ne massive Entlastung bringt. Ältere Mitarbeiter, die meist deutlich mehr Geld verdienen, gehen und jüngere, eher billigere Mitarbeiter kommen. Bzw. man hat "Mitnahmeeffekte" für Firmen, die sowieso gerade Stellen abbauen. Für die hat es massive Vorteile, wenn jetzt die geschützten Mitarbeiter in Rente gehen und man stattdessen jüngere halten kann.
    Ich glaube zwar nicht, dass das den Kohl fett macht, aber ne ehrliche Berechnung müsste solche Sachen (und noch ein paar weitere, z.B. die Gesundheit der MItarbeiter) einrechnen.

    Aber eine Empfehlung finde ich aus dem zitierten Bericht gut und das ist der Vorschlag, auch beim Staat eher auf die Doppik statt auf die Kameralistik zu setzen. Denn mit der Kameralistik schaut jeder nur auf die Zahlungsströme eines Jahres plus die Schulden und vergisst dabei, dass Städte oft genug auch massiv Vermögen besitzen. Bei manchen Städten würde das zwar nichts an der Überschuldung ändern, aber vielen anderen relativiert es die Schulden. Wenn man sich z.B. nur mal Nürnberg anschaut, das zwar ca. 1,8 Mrd. € Schulden hat, aber halt auch über 4 Mrd Euro Anlagevermögen.
    Und natürlich hätte man mal ne vernünftige Gegenüberstellung von Abschreibungen und Investitionen.

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