Griechenland hat nun einen Primärüberschuss - leider einen nutzlosen

Auf den Primärüberschuss Griechenlands habe ich ja häufig genug hingewiesen. Nicht nur, weil er ein sicheres Zeichen für einen - zumindest rudimentär - ausgeglichenen Staatshaushalt ist. Immerhin sind bei einem ausgeglichenen Primärüberschuss die laufenden Einnahmen hoch genug, um die laufenden Zahlungen wie Rente, Gehälter, Rechnungen ... (allerdings ohne Zinsen und Tilgung auf die Schulden) bezahlen zu können.

Wichtiger am Erreichen eines Primärüberschuss war für mich aber, dass Griechenland damit die Möglichkeit gewinnt, die Zins- und Tilgungszahlungen einfach einzustellen. "Sorry, wir können nicht zahlen" (unter Umständen auch nur als Drohkulisse). Dann muss es Verhandlungen mit den Gläubigern geben, die sich hinziehen können, und am Ende irgendein Schuldenschnitt kommen. Der griechische Staat könnte trotzdem weiter funktionieren (was auch immer man in Griechenland unter "funktionieren" zu verstehen hat). Griechenland hätte (ich bin geneigt zu sagen "endlich mal") Zeit, Verhandlungen in Ruhe und nicht unter dem Druck, dass morgen das Geld ausgeht, zu führen …

Gut, bei der Einschätzung der Bedeutung des Primärüberschusses habe ich mich geirrt. Denn inzwischen bestehen die Risiken durch einen Zahlungsstopp bei den Griechenbonds nicht mehr in der Zahlungsunfähigkeit des Staats (ausgelöst durch ausbleibendes Geld aus dem Ausland), sondern im sofortigen Zusammenbruch des gesamten griechischen Bankensektors. Trotz des Schuldenschnitts für die privaten Gläubiger, durch den die Bestände an griechischen Staatsanleihen bei den griechischen Banken deutlich geschrumpft sind, halten die griechischen Banken noch ein spürbares Volumen. Sollte der Schuldenschnitt kommen, wird die EZB die griechischen Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheit akzeptieren (können). Damit sind die griechischen Banken von der Refinanzierung defakto vollständig abgeschnitten und sofort zahlungsunfähig. In der Folge würde die Kreditvergabe und am Ende die gesamte Wirtschaft zusammenbrechen. Und aus dem eh schon desaströsen BIP-Einbruch von 25% würde einer von 40 oder 50% …

Ob meine frühere Überlegung jemals hätte aufgehen können, ist schwierig zu sagen. Es ist aber auch müßig, denn der Bank-Run, der nach einigen Monaten Ruhe im Dezember wieder eingesetzt hat (und schneller fortschreitet als jemals zuvor), dürfte die griechischen Banken inzwischen weitere 40 bis 50 Milliarden Euro Einlagen gekostet haben.


Damit ist es nun völlig utopisch, dass die griechischen Banken ein Schuldenmoratorium überleben könnten. Die 80-90 Milliarden Emergency Liquidity Assistence der EZB deutet das nicht nur an ...

Kurz: Vergesst den Primärüberschuss. Griechenland hat nun zwar einen Primärüberschuss, bleibt aber genauso abhängig vom Ausland (in diesem Fall konkret der EZB), und es ändert sich für die Verhandlungsposition Griechenlands absolut nichts. (Ein Primärüberschuss könnte zwar die Basis für einen Neustart Griechenland darstellen (siehe Buiter), aber nur im Einverständnis mit den Gläubigern. Und davon ist weiterhin nichts zu sehen.

Worüber man eventuell mal nachdenken könnte: Schuldenmoratorium durch Griechenland + Einführung einer Parallelwährung (die durchaus 1:1 an den Euro gekoppelt sein könnte). Das könnte bei einem Schuldenmoratorium eventuell gut gehen ... Ist aber ein ganz neues Thema ...

Der oben dargestellte Gedanke wird hier nochmal ganz sauber herausgearbeitet:
WaPo Wonkblog: Europe is destroying Greece’s economy for no reason at all.

Dass der Bankrun die Achillesferse für Griechenland ist, war übrigens schon Ende März zu lesen:
The Troika’s Leverage Over Greece: The Ongoing Bank Run.

Der Wonkblog Artikel lohnt sich unabhängig davon aber auf jeden Fall ...

Zum Schluss noch ein Hinweis auf einen Artikel in meinem Zweitblog, in dem ich (und geschätzte Verlinkte) den aktuellen Kompromissvorschlag zwischen Troika und Griechenland analysieren. Und irgendwie nicht verstehen, wie Tsipras darauf eingehen kann … Entweder ist es Wahnsinn, die totale Aufgabe (weil GR akzeptiert hat, dass seine Verhandlungsmacht extrem eingeschränkt ist) oder es gibt irgendeine Gegenleistung der EU, die wir noch nicht kennen (Investitionsprogramm, Schuldenschnitt oder auch nur ein Ausscheiden des IWF aus der Troika, was der IWF ziemlich offensichtlich anstrebt).

Griechenland: Ergibt das Sinn, Herr Tsipras?

P.S. Ich hoffe, wird klar, wie wichtig der Bank-Run für Griechenland ist und wie extrem die Verhandlungsposition von Griechenland dadurch geschwächt wurde. Und dann würde es sich auch noch mal lohnen, ob und wie die EZB dieses Spiel orchestriert hat ("unklar, ob griechische Banken am Montag noch öffnen") und wie (geradezu gierig) die deutschen Medien diese Gerüchte verbreitet und befeuert haben. Bis hin zu Kamerateams vor den Geldautomaten und Banken, die die Schlangen einfangen sollten, war alles vorbereitet.



Von der selbstauferlegten Zurückhaltung, an die sich die deutschen Medien gehalten haben, als unter anderem die Commerzbank 2009 mit dem Rücken zur Wand stand, war nichts mehr zu sehen. Im Gegenteil: Die Medien haben es bevorzugt noch zusätzlich Öl ins Feuer gekippt. Ich könnte jetzt pathetische Worte wählen und schreiben, dass sich die Medien sich an der europäischen Idee versündigt haben, aber ich neige ja nicht zu pathetischen … Ok, ich lass es stehen ...

(Vielleicht hätte ich den Medienaspekt nicht im P.S verstecken wollen, Medienkritik bringt oft die meisten Retweets, Artikelempfehlungen und Flattrs …)

Griechenland ist ein Fass ohne Boden. Oder vielleicht doch nicht?

Griechenland ist nicht wettbewerbsfähig: Habt ihr hundertmal gelesen und stimmte auch lange. Stimmt aber nicht mehr.

Wie komme ich darauf, wo doch alle wahlweise mehr Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit oder - die die aufgegeben haben - den Rauswurf aus dem Euro wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit fordern? Naja, Eurostat und einfach mal in die Zahlen schauen.

Was nimmt man dann am besten? Die Leistungsbilanz. Diese besteht im wesentlichen aus drei großen Posten

a) Handelsbilanz (Export von Gütern (Maschinen, Autos, Computers, Öl, Kohle, Lebensmittel, …) MINUS Import von Gütern)
b) Dienstleistungsbilanz (Export von Dienstleistungen (Gesundheit, Pflege, Online-Dienste, Beratung, Medien, Anzeigen, Tourismus (von Ausländern im Inland) …} MINUS Import von Dienstleistungen (u.a. Griechen, die im Ausland Urlaub machen)) (NB: Wikipedia hat im Rechenbeispiel Zinsen drin, die aber aber nicht in die Dienstleistungsbilanz fallen; das dürfte ein Fehler sein)
c) Kapitalbilanz (Import von Geld und Kapital (Kauf inländischer Aktien/Wertpapiere/Immobilien/Unternehmen, … durch Ausländer) MINUS Export von Geld und Kapital (Kauf ausländischer Aktien/etc durch Inländer; auch direkte Kreditvergabe ins Ausland) (Achtung, tricky, hier dreht sich die Import/Export-Logik um; kein Wunder, irgendwie müssen die Bilanzen oben ja wieder ins Lot gebracht werden. Länder mit positiver Handels- und Dienstleistungsbilanz haben meistens eine negative Kapitalbilanz)
d) Übertragungsbilanz, Änderung der Devisen- und Goldreserven (den Punkt ignoriere ich im folgenden)

Rechnet man die a,b und c (und d) zusammen, bekommt man die Leistungsbilanz. Diese sagt: Stimmte, Griechenland war nicht wettbewerbsfähig und/oder hat zu viel importiert. Das Interessante aber: Das stimmt inzwischen nicht mehr:


Quelle: Eurostat

Aus dem desaströsen Minus in der Leistungsbilanz von fast 15% des BIPs ist inzwischen ein kleines Plus geworden! Griechenland steht damit nicht schlechter da als Spanien und Italien.

Zu den Details: Die Handelsbilanz ist weiterhin negativ, aber nicht mehr so schlimm wie 2010. Dabei hat sich vor allem die Importseite verbessert (sprich ist dank des Monster-Sparprogramms geschrumpft). Man kann natürlich -wenn man Griechenland schlecht reden will - rein auf die Handelsbilanz schauen, diese ist aber nicht aussagekräftig, weil sie in Griechenland noch NIE im Plus war, nicht einmal annähernd. Der Ausgleich in Griechenland kam IMMER über den Tourismus, über den Geld ins Land floss. Das landet aber in der Dienstleistungsbilanz. Hier war immer der einzige Hebel für Griechenland; ich habe eine Zeitlang sogar auf die Ankünfte an den Flughäfen geschaut, weil diese einen Frühindikator für die Tourismusbranche liefern.

Zugegeben: Ein Teil der Verbesserung der Leistungsbilanz kam über die Verbesserung der Kapitalbilanz und da spielten die EU-Hilfen eine Rolle: In der Kapitalbilanz haben die Rettungsprogramme Griechenland geholfen, weil dadurch deutlich weniger Zinsen anfallen als 2010. Der Großteil der Schulden liegt nun bei EU und EZB. An diese muss Griechenland spürbar niedrigere Zinsen bezahlen als am Kapitalmarkt, teilweise ist die Zinszahlung sogar vollständig ausgesetzt. (Wohlgemerkt hat sich auch Deutschland zu solchen extrem niedrigen Zinssätzen finanziert, teilweise sogar zu noch niedrigeren als Griechenland).

Ich finde es extrem seltsam, dass der Punkt Leistungsbilanz, der die Diskussion von 2010, 2011 und 2012 bestimmte, inzwischen kaum noch erwähnt wird. War das dicke Minus in der Leistungsbilanz nicht DAS große, grundlegende Problem der griechischen Volkswirtschaft? War die Normalisierung der Leistungsbilanz nicht immer eines der großen Ziele der Troika? Warum spricht nun niemand mehr darüber?

Warum sind die Schritte, die zu diesem (es sei betont) sinnvollen Ziel führen sollten (wie Liberalisierung des Arbeitsmarkts, Senkung des Mindestlohns, …), allesamt noch auf der Agenda, auch wenn das Ziel mehr oder weniger erreicht wurde?

Daher gehen Artikel wie Griechenland muss mehr exportieren – aber was? auch leicht am Ziel vorbei. Es wäre natürlich langfristig gut, wenn Griechenland mehr exportieren würde, kurzfristig aber ist führen alle Maßnahmen, die die Wettbewerbsfähigkeit steigern, dummerweise zu niedrigeren Löhnen und weniger Inlandsnachfrage. (Btw: spätestens in der Grafik mit Exportanteil/BIP, in der Griechenland VOR Japan steht, das nun wahrlich nicht als exportschwache Nation gilt, hätte der Autor stutzig werden müssen … Da hätte einem auffallen können, dass man nicht einfach alle Länder über einen Kamm scheren kann).

Ich werde jetzt mal polemisch (aber das sind andere auch): Braucht man nun eine andere Story, um die Griechen nieder zu machen? Zum Beispiel so:

Deren Finanzämter funktionieren ja gar nicht (wenn die Griechen allerdings Beamte einstellen, blähen die Griechen den Staatsapparat auf).
Linksradikales, nicht vertrauenswürdige Kommunisten-Rocker! Die reden sogar mit Putin (wir hingegen kaufen da nur kühl kalkulierend unser Gas …)
Die Rentenausgaben sind von 11,7%/BIPs auf 16,2%/BIPs gestiegen. Die sparen ja gar nicht die Griechen, die geben sogar noch mehr aus (Dumm nur, dass allein ein Einbruch des BIPs um 25% schon dazu führt, dass aus 11,7%/BIP --> 15,6%/BIP werden. Dazu noch erzwungener Vorruhestand durch Arbeitsplatzverlust oder vorzeitige Pensionierung und Zack ist der vermeintliche Anstieg erklärt. Gastbeitrag von Alexis Tsipras: Deutsche zahlen nicht für Griechen.
Der Grieche geht mit 56 in Rente, der Deutsche mit 64 (OK, stimmt nicht, siehe dazu: Bild: Wenn die Zahlen nicht passen, werden sie passend gemacht ….
Die griechische Regierung bewegt sich nicht, wir (Europäer) haben uns massiv bewegt (siehe dazu: Griechische Regierung bewegt sich nicht? Bullshit!)
Die Grieche spart gar nicht (Unfug; griechische Staatsausgaben 2009: 124,7 Mrd. Euro, 2014: 86,2 Mrd. Euro; das ist ein Minus von fast 31%!)
Griechenland ist ein Fass ohne Boden. Ach nee, das ist ja oben widerlegt.

Was Griechenland jetzt braucht, ist Stabilität und ein Ende der Verunsicherung und Angst. Dann kämen unter anderem die Bauinvestitionen im Privatsektor (es sind ja nicht alle arbeitslos) und der Tourismusbranche wieder in Gang. Die Bauinvestitionen sind auf ein Viertel des Vorkrisenniveaus eingebrochen. Allein in diesem Sektor liegt jede Menge Potenzial für eine Aufholbewegung. Dazu benötigt Griechenland nicht einmal einen Marshallplan und ein Investitionsprogramm von außen … Es reicht die Zusicherung, dass Europa das Land nicht vor die Wand fahren lässt … Es wäre übrigens für Europa ein leichtes, die (nicht vergessen: sinkenden!!!) Defizite Griechenlands übergangsweise zu finanzieren … (siehe dazu auch Griechenland so: Haste mal 'nen Euro? Europa: Nöh, geh arbeiten!

Update (18:20):

Frank Lübberding hat sich auch so seine Gedanken über die Debatte zu Griechenland gemacht, die sich zunehmend von den Fakten entkoppelt und immer absurder wird ...

Debatte um Griechenland ein Rätsel, ökonomisch betrachtet

Update (22.06.15):

Noch zwei Links, die sich über das Wochenende angesammelt haben:

Vor allem der, weil es mal um einen konkreten Plan zur Griechenland-Umschuldung inkl. Zukunft geht:

Willem Buiter mit Plan für Griechenlandrettung

Und der zeigt ganz gut, wieso Griechenland sich stabilisiert hat. Und warum diese Stabilisierung noch nicht in eine breite Aufschwungbewegung übergegangen ist:

BÖRSE ONLINE: "Griechische Tourismusbranche: Unternehmen halten Investitionen zurück"

Warum (Staats-) Schulden weniger gefährlich sind als gedacht

oder Es geht nicht darum, wieviel Geld der Staat ausgibt, sondern wofür.

Es gibt, ganz anders als Reinhardt/Rogoff vor ein paar Jahren (übrigens fehlerhaft) errechnet haben, keine feste Grenze, ab der Staatsschulden gefährlich werden. Und auch nicht unbedingt eine, ab der das Wachstum schwächer wird.

Die Behauptung von Rogoff krankte schon immer daran, dass mit der Höhe der Staatsschulen nur ein Teil der Volkswirtschaft (neben Wirtschaft und Privaten) betrachtet wurde und noch viel schlimmer, nur eine Seite der Bilanz des Staates. Die andere Seite, nämlich das Vermögen, geht in diese Rechnung gar nicht ein. Und es macht natürlich einen Unterschied, ob Infrastruktur wie Wasser, (Auto-), Bahn etc. dem Staat oder der Wirtschaft gehört. Genauso ist es auf der Schuldenseite wichtig, wer die Schulden hält. Liegen diese im Inland (wie in Japan), sind die Staatsschulden wesentlich unkritischer als in Griechenland, wo die Schulden zu signifikanten Teilen im Ausland liegen. (Die Inländer kann man (relativ) einfach besteuern, die Ausländer nicht). Ein besserer Indikator für die Schuldenhöhe ist die NIIP (Net International Investment Position), die die Schulden der gesamten Volkswirtschaft berücksichtigt. Hier sieht man deutlicher, ob einem Land als Ganzes Überschuldung droht (Ein wenig Diskussion dazu hier). Diese ganzen Logiken werden übrigens in den Länderratings von S&P, Moodys & Co berücksichtigt, der damalige (?) Chef-Volkswirt des IWF Rogoff hatte diese wichtigen Zusammenhänge ignoriert. Das ist inzwischen relativ weit bekannt, aber sicherlich noch nicht weit genug.

Daher schadet eine neue Studie aus Deutschland zum Thema sicherlich nicht: SZ: Staatsschulden: Ursachen, Wirkungen und Grenzen (PDF!). Darin wird mit dem Mythos einer festen Grenze, ab der Staatsschulden gefährlich werden, aufgeräumt. Das finde ich aber - weil es in interessierten Kreisen schon relativ breit diskutiert wurde - gar nicht so spannend. Spannender ist dass ein anderer Punkt, auf dem ich auch gerne rumreite, ins Bewusstsein eines größeren Teils der herrschenden Klasse kommt: Es geht nicht ausschließlich um den Punkt wie viel Geld der Staat ausgibt, sondern auch wofür der Staat das Geld ausgibt:

"Für wesentlicher als die nackte Schuldenhöhe halten die Wissenschaftler etwas ganz anderes: Wofür der Staat sein Geld ausgibt - ob für Konsumtives wie Sozialausgaben oder Beamtengehälter oder für Investitionen. Sie sehen den Rückgang der staatlichen Investitionen in vielen Industriestaaten seit Beginn der 70er Jahre als wahre Gefahr für die finanzielle Lage vieler Staaten. In Deutschland wird seit einer Weile diskutiert, dass die öffentliche Infrastruktur wie Straßen und Schulen verfällt."

Leider sieht die Bilanz Deutschlands in dieser Hinsicht wirklich nicht gut aus ... Dazu vielleicht später mal etwas mehr ... Für's erste: Spread the news :)

Dank massiver Subventionen ist jedes fünfte Auto in Norwegen ein Elektro-Auto. Ist das gut?

Technology Review: E-Autos auf dem Weg zur Normalität

tl;dr des TR Artikels: Marktanteil von Elektroautos in Norwegen: 20%. Credo: Seht her, es geht.

Der Artikel lässt leider unter den Tisch fallen, wie massiv Norwegen E-Autos fördert.

a) Keine Mehrwertsteuer auf Elektroautos (ich glaube, Norwegen hat sogar noch eine Luxussteuer für teurer Autos, die ebenfalls wegfällt).
b) Keine Maut für Elektroautos (in Oslo gibt es eine Citymaut, die für Pendler 1.000 Euro im Jahr übersteigen kann).
c) kostenlose Fähren für E-Autos (für die vielen Bewohner der Inseln noch wesentlich teurer als die City-Maut).
d) vergünstigter (wohl teilweise sogar kostenloser) Strom für E-Autos.

Dazu kommen noch nicht-monetäre Anreize wie gesonderte Fahrspuren für E-Autos, Extra-Parkplätze, etc. pp.

Das Problem an vielen dieser Maßnahmen: Es sind klare Subventionen (dem Staat entgehen Steuereinnahmen). Noch wichtiger: es ist unklar, wie es weiter gehen soll, wenn erst einmal 50% oder 80% der Autos mit Strom fahren. Verzichtet der Staat dann weiterhin auf die Mehrwertsteuer auf Autos? Auf die Mauteinnahmen? Wer finanziert die Fähren, wenn nur noch 20% der Autos auf den Fähren bezahlen müssen?

Das wird wohl alles nicht passieren, denn der Staat braucht ja die Steuern,  die Mautgesellschaft die Maut, und Fährgesellschaften und  Stromkonzerne zahlende Kunden. Eine solch massive Förderung wie in Norwegen kann also nur aufrecht erhalten werden, so lange nur ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung die Vorteile nutzt. Wird der Marktanteil der E-Autos zu hoch, werden Maut, Steuern, etc. irgendwann wieder erhoben werden müssen. Und dann stellt sich die entscheidende Frage: Sind die Preise für die E-Autos in der Zwischenzeit so weit gesunken, dass die E-Autos dann - ohne Förderung! - mit den Verbrennern mithalten können? Oder muss man auf alle Ewigkeit weiter subventionieren? Oder die Verbrenner auf alle Ewigkeit weiter bestrafen? Oder vielleicht sogar beides? Und/oder hat man am Ende das Autofahren nur noch einmal massiv verteuert?

Anders gesagt: Es sollte bei solchen Subventionen eigentlich nur darum gehen, eine neue Technologie wettbewerbsfähig zu machen. Also darum, eine alte Technologie abzulösen und durch eine bessere (aber im besten Fall nicht teurere) Technologie zu ersetzen. Um die Subventionen dann wieder einstellen zu können.

Das hat Deutschland im Fall der Photovoltaiksubventionen "vergessen" und mir scheint, Norwegen macht den gleichen Fehler gerade bei E-Autos. Wohlgemerkt, ich will nicht sagen, dass diese beiden Ziele falsch ist, ich schätze nur, dass man in beiden Fällen mit zu massiver Förderung zu früh in eine noch unreife Technologie eingestiegen ist. Gut, Norwegen kann sich das dank der Ölmilliarden aus der Nordsee locker erlauben. Die Frage muss allerdings erlaubt sein, ob es nicht etwas schizophren ist, wenn man durch die Förderung von CO2-Öl sein eigenes gutes Gewissen finanziert ... (Man könnte das Öl schließlich auch einfach in der Nordsee liegen lassen, das ergäbe es auch eine spürbare CO2-Einsparung).

Die Re-Investition der Ölmilliarden für die Förderung der E-Mobilität ist natürlich (aus weltweiter Sicht) sofort sinnvoll, wenn es gelänge, mit einem überschaubaren Einsatz von (norwegischem) Geld die Elektro-Autos so viel besser und billiger zu machen, dass sie auch in vielen anderen Ländern (ohne große Subventionen) wettbewerbsfähig werden. Dann hätte diese Investition einen Hebel entfaltet und Sinn ergeben. Ich befürchte nur, dass Norwegen und seine Politiker mehr an das gute Gewissen und den Wohlfühlfaktor denken als an den "Hebel" und die mittelfristige Markttauglichkeit der Produkte ...

Damit mir jetzt keine zu große Skepsis in Bezug auf E-Mobilität unterstellt wird, möchte ich auch noch kurz skizzieren, wie man sinnvoller fördern könnte. E-Autos sind mit der beschränkten Reichweite, den hohen Kosten für die Akkus, und der eingeschränkten Lebensdauer der Akkus entscheidenden Einschränkungen unterworfen (zumindest so lange das Aufladen noch länger als ein paar Minuten dauert). Man will (auch aus Gewichtsgründen) keine Autos mit Akkus für 600 Kilometer Reichweite bauen, wenn die Akkus 800 Kilos wiegen und 40.000 Euro kosten (und man die hohe Reichweite nur zweimal im Jahr benötigt). Ein Auto mit einem Akkusatz für 60 Kilometer Reichweite und 4.000 Euro kommt für die meisten Leute ebenfalls nicht in Frage, weil die Reichweite zu klein ist. Um eine möglichst hohe CO2-Ersparnis zu erreichen, sollte der Akku möglichst gleichmäßig und häufig genutzt werden.

Was man also suchen sollte, sind Autos, die jeden Tag (und zwar das ganze Jahr ohne Ausnahme) die gleiche Reichweite benötigen. Das kann der Zweitwagen für Pendler sein (für lange Strecken wird dann weiter das Erst-Auto mit Verbrenner genutzt), das kann das Car-Sharing Auto sein, das nur innerstädtisch genutzt wird, das kann aber auch (und hier würde ich ansetzen) der Lieferwagen des Paketdiensts sein.

Die Fahrwege von Lieferwagen sind jeden Tag die selben, die Wagen stehen jeden Tag (genauer jede Nacht) an der gleichen Stelle (dahin baut man die Ladesäule), das Auto ist ausreichend groß auch für größere Akkusätze und aus dem Einsatz der Elektroautos könnte man noch eine nette Werbekampagne machen (das Modell Elektro-Lieferwagen muss sich nicht allein aus monetärer Sicht komplett rechnen, der Imageeffekt aus dem E-Lieferwagen kommt hinzu; Privatleute können sich vom Imagegewinn übrigens nichts kaufen).

Okay, als Erster hatte ich die Idee nicht: Streetscooter, ein Spin-Off der TH Aachen bemüht sich genau darum: Elektro-Lieferwagen bauen. Und wurde Ende letzten Jahres von DHL gekauft. Ihr könntet also möglicherweise bald per DHL-Stromer beliefert werden. Wenn die Politik mitgeholfen hätte, wäre das vielleicht schon zwei, drei oder vier Jahre früher passiert. Diese "gute" Subvention und gezielte Marktanschieberei hat unsere Politik also mal wieder grandios verpennt (außer sie schiebt jetzt doch noch was nach). Wahrscheinlich bekommen wir stattdessen aber wieder einmal eine Subvention mit der Gießkanne. Es wird  einen Haufen Geld auf ein Problem gekippt. Und wenn das nichts bewirkt, kippen wir einfach noch mehr Geld darauf. Die grundsätzliche Denke "lass uns einen Teilmarkt suchen, wo wir mit so wenig Geld wie möglich möglichst viel Wirkung erreichen" scheint der Politik zu fehlen, zumindest kann ich mich spontan an keine Subvention erinnern, die mich in dieser Hinsicht überzeugt hätte.

Der zweite Markt, den ich nach guten Erfahrungen mit den E-Lieferwagen anschieben würde, wäre das Elektro-Auto-Carsharing; das könnte man auch unter Posten "ÖPNV Zuschuss" verbuchen. Und erst danach würde ich über PKWs für Privatleute nachdenken. Aber auch da nicht per Gießkanne, sondern ganz gezielt den Elektro-Zweitwagen mit geringer Reichweite (von mir aus am Anfang nur mit 50km Reichweite) für Pendler adressieren. Das sollten dann (aus Kosten-, Gewichts- und Innovationsgründen) Autos ganz ohne Verbrenner sein. Sinken die Kosten und steigt die Leistungsfähigkeit der Akkus dann wie gewünscht, kann die Politik nach und nach auch größere Reichweiten (eventuell dann auch Hybrids) in die Förderung aufnehmen.

So würde ich es machen. Was meint ihr?

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