"Smartphone & Co lassen Kurzsichtigkeit explodieren" oder "Warum Zeitunglesen blind macht" ...


GESUNDHEITSHINWEIS: DIESEN ARTIKEL BITTE AUS MINDESTENS FÜNF METERN ENTFERNUNG LESEN!

Smartphone & Co lassen Kurzsichtigkeit explodieren schreibt die Welt.

Alternativ hätte man auch formulieren können: Smartphones nicht gefährlicher für die Augen als Bücher oder Schulbildung.

Der in der Überschrift genannte Zusammenhang wird nämlich im Artikel nicht wirklich belegt. Dazu bräuchte man Zahlen aus der Vergangenheit und von heute. Oder Zahlen von heute, in der eine Gruppe ohne Smartphone und eine Gruppe mit Smartphone verglichen wird. Dann könnte man den Zusammenhang nachweisen.

Was im Artikel nachgewiesen wird ist der Zusammenhang zwischen der Länge des Schul- bzw. Uniaufenthalts (genauer des Lesens während dieser Zeit) und dem Anstieg der Kurzsichtigkeit. Das lässt sich in Europa über den Bildungsgrad nachweisen (höherer Bildungsgrad --> mehr Kurzsichtigkeit), aber auch geografisch, weil in Asien, wo die Schulbildung viel intensiver und länger ist als im Westen, die Kurzsichtigkeit ebenfalls verbreiteter ist. Allerdings fehlt auch hier die "Gegenprobe", eventuell ist es gar nicht so wichtig, wie lange man auf kurze Entfernungen schaut (Buch, Smartphone, …), sondern viel entscheidender, wie lange man in die Ferne (> Fünf Meter) schaut. In Asien zum Beispiel sind die Kinder im Durchschnitt nur noch knapp 3 Stunden im Freien, in denen sich die Augen dann durch's "in die Ferne schauen" erholen können. Nun gut, nicht jede These in diesem Artikel ist sauber belegt …

Jetzt mag diese "Weitguckzeit" durch das Smartphone noch weiter sinken, aber auch diesen Nachweis führt der Artikel nicht. Vielleicht ersetzt das Lesen von WhatsApp auch nur das Lesen eines Buchs? Beides wäre "Nahschauen" und damit (potenziell) gleich gefährlich.

Später werden Zahlen von Studenten in Asien genannt, wo 80-90% der Studenten kurzsichtig sind (in einen Topf gerührt übrigens mit "müssen eine Brille tragen"; aber wozu solche "Details" sauber darstellen, ignorieren wir einfach Weitsichtigkeit). Dort seien Smartphones verbreiteter als hier (wirklich? Beleg?), daher drohe in 20 bis 30 Jahren hier eine ähnliche Entwicklung. Aha, in Asien hatten die Kids bereits vor 20 - 30 Jahren alle Smartphones, auf die die armen asiatischen Kleinkinder den ganzen Tag gekuckt haben?

Puh, der Artikel bringt ganz schön viele steile Gedankengänge, die mir von den Zahlen der Studie ziemlich abgekoppelt zu sein scheinen.

Der Artikel droht dann noch mit einem Anstieg der Erblindung ("extrem Kurzsichtige haben höheres Erblindungsrisiko"), wobei dummerweise nirgendwo gesagt wird, dass die Kinder durch Lesen oder Smartphones "extrem" kurzsichtig werden. Der oberflächliche Leser könnte dann schnell schließen, dass Smartphones blind machen. Aber das ist falsch, allein schon, weil nicht Smartphones die alleinige Ursache sind. Schule ist scheinbar gefährlich, Bücherlesen ist genauso gefährlich. Wahrscheinlich sogar Zeitunglesen … (oh wait!). Besonders gefährlich solche "Statistik-Vergewaltigungs-Artikel", diese dann sogar für die geistige Gesundheit ;) Ok, der war jetzt zu gemein, das Untersuchungsergebnis an sich ist ja schon spannend, nur sagen wir mal im Artikel ziemlich komisch dargestellt …

So jetzt hab ich durch mein Tippseln eure Augen genug gequält, jetzt geht raus, genießt die Sonne und vor allem lasst die Blicke in die Ferne schweifen.

EU Normeninstitut warnt vor TTIP

Der Artikel ist bisher ziemlich untergegangen und ich hebe es aus einem Aspekt hervor: Der Grund dahinter ist nämlich *verringerter* Wettbewerb statt erhöhter (was TTIP eigentlich erreichen möchte).

Der Gedanke ist so: Europa besteht aus vielen Nationalstaaten, die jeweils völlig unabhängig voneinander Standards setzen können (und das auch getan haben). Dadurch gab es früher Unmengen von Produkten, die jeweils die Standards *eines* Landes erfüllt haben. Die Produkte mussten für jedes Land angepasst und auch erneut zertifiziert werden. Eines der großen Verdienste der EU ist es, diesen Wildwuchs (halbwegs) bereinigt zu haben. Aus 160.000 Standards wurden inzwischen "nur" noch 19.000. Es ist also heute viel einfacher, ein Produkt für Gesamteuropa zu entwickeln und abnehmen zu lassen. Das hat den Wettbewerb auf dem Binnenmarkt erhöht. Wir als Verbraucher sollten also (zumindest in der Theorie) eine größere Produktauswahl und bessere Produkte zu besseren Preisen bekommen haben.

Mit TTIP könnten nun auch US-Standards in Europa Gültigkeit erlangen. Dadurch würde das Standard-Wirrwarr ("Das Schöne an Standards? Es gibt so viele aus denen man wählen kann") wieder angeheizt. Außerdem droht Ärger, weil die USA lieber die Industrie standardisieren lassen als Institute. Was oft dazu führt, dass in den USA gar nicht standardisiert wird und jeder Hersteller sein eigenes Süppchen kocht. Hier fahren die USA und Europa komplett unterschiedliche Ansätze.

Nun ist es in der wissenschaftlichen Diskussion unklar, ob es besser für den Wettbewerb ist, wenn man den Staat (und seine Normierungsinstitute) alles standardisieren lässt, aber es zumindest klar, dass es unklar ist. Es gibt viele Beispiele, wo (staatlich) standardisierte Produkte für mehr Wettbewerb geführt haben. Es gibt ebenfalls viele Beispiele, wo nicht standardisierte Produkte zu proprietären Produkten geführt haben, die dann konkurrenzfrei zu völlig überhöhten Preisen an die Kunden verkauft werden. Man denke an proprietäre Akkus oder auch an Druckertinte. Die beiden letzten Beispiele zeigen aber auch, dass eine Standardisierung in diesen Bereichen die Weiterentwicklung und Produktverbesserung unter Umständen massiv behindert hätte. Man stelle sich Smartphones mit AA-Batterien vor … Ich persönlich finde, dass die EU hier nach Abwägung der Vor- und Nachteile eine ganz brauchbare Umsetzung gefunden hat (eine perfekte wird es eh nie geben).

Was ebenfalls ganz erwähnenswert ist: Die Rechtssicherheit ist - in beiden Märkten - im Moment vergleichsweise hoch. Das System hat sich - so kompliziert und wirr es in den Details auch sein mag - halbwegs eingependelt. Man weiss also zumindest ansatzweise, worauf man sich einlässt, wenn man als europäische Firma ein Produkt in den USA auf den Markt bringt. Und andersherum. Nach TTIP wird das aber alles neu austariert werden müssen. Das wird lange dauern und wenn wir Pech haben, kann das dazu führen, dass die Entscheidungen noch mehr als bisher vor Gerichten getroffen werden. Die Rechtsanwälte verdienen sich damit dämlich und die kleinen Firmen sind alle draußen, weil sie sich die Anwälte nicht leisten können.

Es bleibt festzuhalten, dass der Einfall von US-Normen in Europa durchaus dazu führen könnte, dass der Wettbewerb schwächer wird und die Rechtssicherheit sinkt. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was TTIP erreichen möchte. Anders gesagt: Eine Lose-Lose-Situation.

Es ist in diesem Spezialbereich von TTIP wie in vielen Teilbereichen von TTIP völlig unklar, ob die Auswirkungen für Wirtschaft und Bevölkerung positiv, neutral oder negativ sein werden. Wenn ich die Abwägung zusammenfassen müsste, würde ich es so formulieren: Gegenüber dem aktuellen Status könnte es durchaus in vielen Bereichen zu kleinen Verbesserungen durch verstärkten Wettbewerb kommen, in vielen Bereichen droht aber auch eine Verschlechterung der europäischen Standards, teilweise könnten die Verschlechterungen sogar dramatisch werden (Pharma, Gentechnik, Copyright, Fracking, [hier die eigene persönliche TTIP Angst einfügen]). Daher frage ich mich, warum man in dieser Hochunsicherheitszone TTIP befürworten sollte. Es ist ja nicht gerade so, dass das Hauptproblem zwischen EU und USA zu wenig Wettbewerb ist. Zumindest sehe ich das Problem, das TTIP lösen soll, nicht wirklich.

(via EU-Normeninstitute warnen vor TTIP - fm4.ORF.at)

Update (16:11):

Vielleicht auch noch ganz gut zum Aspekt "Hochunsicherheitszone":

ORF: Im Dickicht der Studie

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