Glyphosat in Bier. Die Non-News des Tages.

Mir fehlt leider gerade die Zeit für einen guten Rant (ich schiebs mal auf die Zeit, nicht auf die Fähigkeit ;) ), aber dass im Zusammenhang mit Glyphosat im Bier ein unfassbarer Haufen Schwachsinn gesagt und geschrieben werden wird, war zu befürchten. Deshalb eine kleine Einordnung, die etwas seriöser als mein Tweet von unten ist …

Als erstes betrifft das natürlich die Menge Glyphosat, die in Bier gefunden wird. Diese ist so gering, dass auch bei größeren Mengen Bier höchstwahrscheinlich keine Gefahr durch Glyphosat entstehen wird. Der Tweet zum Thema:
Das ist doch mal ne gute Nachricht!
“Erst 1.000 Liter #Bier am Tag schaden laut BfR der Gesundheit” buff.ly/1RptFwI
#lol
Zweitens ist die Gefährlichkeit von Glyphosat bei weitem nicht bewiesen. Glyphosat ist "wahrscheinlich" Krebs erregend, sagt die IARC, die die wichtigsten Einstufungen macht. Das bedeutet in etwa, dass es Hinweise gibt, dass Glyphosat beim Menschen Krebs verursachen kann. Das heisst dann "Stufe 2A". "Stufe 2B" bedeutet, dass es Hinweise dafür gibt, dass die Substanz bei Tieren Krebs auslöst (das ist also eine Stufe schwächer, weil das Verdacht beim Menschen noch fehlt). In den USA war Glyphosat schon mal "wahrscheinlich krebserregend", ist es inzwischen aber nicht mehr. Auch Kaffee war mal "wahrscheinlich krebserregend", steht jetzt aber nur noch auf 2B. Die Einschätzungen ändern sich also schon mal …


Entscheidend ist auch, dass bei allen Stoffen/Produkten in 2A oder 2B keinerlei Mengenempfehlungen gegeben werden. Es ist also völlig unklar, ob die mögliche krebserregende Wirkung im Gramm oder im Nanogrammbereich beginnt.


Diese detailliertere Einschätzung gibt es erst ab Stufe A. Dann sind die Wissenschaftler sicher, dass ein Stoff für den Menschen krebserregend ist und geben auch genaue Hinweise auf Verzehrmengen und die prozentuale Erhöhung der Wahrscheinlichkeit für einen Krebs.
Wie aber im Fall von "Wurst und Schinken" schon von mir diskutiert (siehe IARC Monographs evaluate consumption of red meat and processed meat), ist aber auch dann noch nicht Ende mit der Interpretation. Man muss nämlich nicht nur schauen, wie stark die Wahrscheinlichkeit für Krebs steigt, sondern auch noch berücksichtigen, welcher Krebs ausgelöst wird und wie tödlich er ist. Und da kann es Kombinationen geben, die aus der Schlagzeile "Wurst erhöht Krebsrisiko um 26%" am Ende eine Nicht-Nachricht machen. Zum Beispiel wenn der Krebs sehr selten ist (wie der Darmkrebs bei der Wurst) oder wenn er gute Überlebenschancen bietet. Selbst aus der Einstufung in Klasse A, muss kein sofortiger Verzicht auf die Substanz folgen.



Drittens wird die Glyphosat-Meldung aber völlig albern, wenn man sich anschaut, über welche Kombination wir hier reden. Glyphosat ist eine "wahrscheinlich" krebsauslösende Substanz (2A), die nur in geringsten Mengen aufgenommen wird, dummerweise aber zusammen mit größeren Mengen eines sicheren Krebsauslösers, nämlich Alkohol. Das Glyphosat ist in diesem Zusammenhang (höchstwahrscheinlich) VÖLLIG irrelevant; in jedem Schluck Bier steckt mehr Alkohol, der mit Sicherheit gefährlicher ist.

Etwas anders mag sich die Rechnung bei alkoholfreiem Bier darstellen, was aber bei der aktuell unklaren wissenschaftlichen Lage nicht beurteilbar ist. Aber auch da gilt, dass die Chips zum Bier (wahrscheinlich) gefährlicher sind, weil darin Acrylamid steckt (ebenfalls 2A).

Übrigens: Auf Stufe 2A steht auch (heiße) Mate (was mit kalter ist, lieber Hacker, weiss leider niemand). Agents Classified by the IARC Monographs, Volumes 1–112 (PDF)


(Anstoß doch was zu schreiben via Susanne Günther auf Twitter: "Völlig hinrissig: Finde Klasse-2a-Substanz in Klasse-1-Karzinogen (#Bier) #Glyphosat https://t.co/d7QIeSAIoP https://t.co/O4FVvVeIbI")

Update (15:06):

;)

LOL!



via Heuteshow

Update 2 (16:34):

Nach dem Spaß-Update noch was Ernsteres zum Thema. Fefe hat auch was und zwar ziemlich interessante Einsendungen:

Ich picke zwei:

a) Dass in der Studie keine Biobiere unter die Lupe genommen wurden, hängt möglicherweise eng mit dem Institut zusammen, das die Biere untersucht hat. Dieses steht der Bio-Branche nämlich nahe und will sicher nicht mit der Meldung "Glyphosat in Biobier" verwirren … Auch die Analysemethode ist nicht ganz unumstritten.

b) Wie das Glyphosat in das Bier kommt, ist relativ unklar. Zumindest wenn die Zutaten aus Deutschland kommen (was aber keineswegs sicher ist, Hopfen, Gerste, etc. werden ja überall eingekauft), kann Glyphosat eigentlich nicht in die Pflanzen kommen. Glyphosat baut sich im Boden ziemlich schnell und zuverlässig ab und kann eigentlich nur in die Produkte geraten, wenn es kurz vor der Ernte angewendet wird. Das geht aber nur, wenn man spezielle genmanipulierte Pflanzen einsetzt, die erstens in Deutschland nicht angebaut werden dürfen und zweitens für Gerste, Hopfen, etc. nicht existieren. Wie gesagt, dieser Teil der Erklärung wackelt mit dem Einkauf auf dem Weltmarkt.

Trotzdem: Zusammenfassend gab es wohl lange keine Öko-Panik-Meldung mehr, die wackliger war. Eigentlich ein Witz, das darüber überhaupt berichtet wird …

Update 3 (21:19):

Spektrum.de mit einem Kommentar zum "Skandal":

Spektrum.de: Meinung: Glyphosat im Bier, die Klickmaschine

Schwache Methodik, Lobbyismus, höchstwahrscheinlich Null Gefährdungspotenzial. Aber Klickmaschinenpotenzial, deshalb berichten alle.

Update 4 (08.03.2016):

Heute Renate Künast beim Ängste schüren mit dem Thema Glyphosat:

ZDF Moma: Video: Künast: Neuzulassung von Glyphosat verhindern

Auf die Frage, ob die Angst vor Glyphosat nur ein deutsches Phänomen sei und außerdem würden alle noch leben, obwohl Glyphosat seit 30 Jahren eingesetzt wird, Künast wörtlich:

"Nein, wir wissen ja gar nicht sehr genau, was das alles ausgelöst hat bei uns. Wenn die Weltgesundheitsorganisation sagt "wahrscheinlich krebserregend", es kann ja sein, dass ein sehr großer Teil der Krebsfälle, die wir heute erleben, verursacht sind durch genau dieses Glyphosat."

Natürlich kann das sein … Aber es ist ZIEMLICH unwahrscheinlich, dass Glyphosat für Lungenkrebs verantwortlich ist (das ist nämlich Tabak, früher auch Asbest) oder für Leberkrebs (das ist nämlich Alkohol). Interessante Risikoeinschätzung, Frau Künast. Glyphosat ist niemals für den Großteil der Krebserkrankungen aller Krebsarten verantwortlich und ziemlich wahrscheinlich nicht einmal für den Großteil einer bestimmten Krebsart verantwortlich.

Etwas später wird es dann noch schlimmer. Erst redet Künast von Gewinnen für Monsanto (was aber für das Herbizid Glyphosat schon lange nicht mehr stimmt, denn es gibt inzwischen 83 Glyphosat-Mittel von allen möglichen Firmen) und noch etwas später kommt die Nummer mit den glyphosatresistenten Nutzpflanzen von Monsanto (aber auch diese spielen in Deutschland keine Rolle, weil gentechnisch veränderte Pflanzen nicht zulässig sind; Wikipedia dazu "Glyphosatresistente Nutzpflanzen spielen in Deutschland keine Rolle"). Wer so unsauber argumentiert und so unzulässig Ängste der Bevölkerung schürt, muss sich nicht wundern, wenn er irgendwann keine Stimmen mehr dazugewinnt, sondern als ewig-verängstigte Ökospinner ("ohne die hätten wir immer noch kein schnurloses Telefon") abgetan wird. Dabei gibt es genügend reale (und größere) Probleme, bei denen man gar keine Angst schüren muss: Ich sage nur Klima und z.B. auch Feinstaub.

1 Kommentar :

  1. Solcherart Einordnungen sollten eigentlich die "Qualitätsmedien" vornehmen. Deutschlandfunk brachte die Glyphosatmeldung heute den ganzen Tag alle 30min in den Nachrichten - ohne jeden Hinweis darauf, dass neben Glyphosat in jeder Flasche Bier auch noch 20g eines hochtoxischen Nervengifts gefunden wurde.

    "Gesundheits"-Meldung Nr. 2 von heute betrifft die tollen abschreckenden Bildchen auf Zigarettenpackungen, die der Bundestag heute beschloss. Alkohol mit fast ebenso vielen Toten pro Jahr in Deutschland darf aber weiterhin ganz ohne deutlich sichtbare Warnung auf der Vorderseite der Packung verkauft werden.

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