"Nur knapp 3% der Einbrecher werden verurteilt" ist nur knapp daneben. Okay, weit daneben.

FAZ: Nicht einmal drei Prozent aller Einbrecher werden verurteilt. Das kann man heute in der FAZ und an vielen Stellen lesen, weil es ein Artikel der DPA ist, der damit quasi überall kommt.

Ich befürchte aber, dass wir hier einen Statistik-Journalistik-Fail sehen, zumindest eine ziemlich unsaubere Darstellung. Der Verdacht liegt nahe, da die DPA Begriffe unerklärt nebeneinander stellt, die man meiner Meinung nach erklären und sinnvoller in Zusammenhang setzen müsste.

Nur 2,6 Prozent aller Einbrecher werden nach einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) am Ende verurteilt.

Mein erster Gedanke nach dem Lesen der Überschrift war: Nur 2,6% der Einbrecher werden verurteilt? Heißt das, dass 97,4% laufen gelassen werden (und den Gedanken werde ich nicht als Einziger gehabt haben)?

Ok, gehen wir den Artikel der Reihe nach durch:

Nur 2,6 Prozent aller Einbrecher werden nach einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) am Ende verurteilt. Dies habe die Auswertung von 3668 von der Polizei im Jahr 2010 in Berlin, Bremerhaven, Hannover, München und Stuttgart registrierten Einbrüchen ergeben, teilte das KFN am Dienstag mit. Damit liegt der Anteil der tatsächlich zur Rechenschaft gezogenen Einbrecher noch deutlich unter der Aufklärungsquote der Polizei, die 2014 bei Einbrüchen im Bundesschnitt bei 15,9 Prozent lag.

Natürlich werden nicht 97,4% der Einbrecher einfach laufen gelassen. Der Artikel erklärt das mMn aber nicht gut. Der größte Teil der Einbrecher, die nicht verurteilt werden, werden nur aus einem Grund nicht verurteilt: weil sie erst gar nicht gefasst werden. Darauf weist die Aufklärungsquote von 15,9% hin, aber auch irgendwie nur hin, wirklich erklärt wird das nicht.

"Bei über zwei Drittel aller Fälle, die von der Polizei mit der Ermittlung eines Tatverdächtigen als aufgeklärt verbucht wurden, hielt die Staatsanwaltschaft die Beweislage für zu dünn, ergab die KFN-Untersuchung. Kam es doch zu einer Anklage, so wurden davon etwa 75 Prozent der Tatverdächtigen verurteilt. "


Von denen, die gefasst werden, werden also nur 1/3 angeklagt, und von denen werden etwa 3/4 verurteilt. Würde man das durchrechnen, könnte man zum Ergebnis kommen, dass etwa 1/4 der Gefassten auch verurteilt werden. Das mag man für sehr wenig halten, allerdings braucht man bei einem Rechtsgrundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" mehr als einen Hinweis, man braucht harte belastbare Beweise. Diese Quote von knapp 25% ist immer noch was ganz anderes als die 2,6%, aus denen sich die Überschrift ergibt. Achtung: Diese Darstellung folgt aus dem Artikel, ist aber ziemlich falsch. Okay, dort steht nirgendwo explizit, dass sich die Personen, für die "es doch zu einer Anklage kam" das übriggebliebene Drittel darstellen, das nach den zwei Dritteln "für die die Beweislage zu dünn war" übrig bleibt. Man denkt sich das zwar vielleicht, aber in der Praxis haben die Mengen aus Satz eins und zwei wenig miteinander zu tun.

Wenn man in die Grafik (s.u.) der Studie schaut, die dem Artikel zugrunde liegt (Link unten), sieht man, dass bei 619 ermittelten Personen nur gegen 113 Personen Strafverfahren eingeleitet und gegen 107 Anklage erhoben wird. Es sind also nicht annähernd 1/3, gegen die ein Verfahren eröffnet wird, sondern 18,3%. Von diesen werden etwa etwa 3/4 verurteilt, was so auch im Artikel steht.

Auf die Idee, dass der erste und der zweite Satz des Artikels einfach nur hintereinanderstehen und man daraus keine Zusammenhänge ableiten kann, muss man auch erst kommen.

Irreführend ist auch, dass im zweiten Abschnitt auf einmal über Einbrecher (=Personen) gesprochen wird, im ersten Absatz aber über Einbrüche (=Fälle). Nur wird nirgendwo der Übergang von Einbrüchen (Fällen) auf Einbrecher (Personen) gemacht; er wird gar nicht thematisiert.

Aus diesen 113 Strafverfahren (bzw. 107 Anklageerhebungen) folgen übrigens 86 Verurteilte, die am Ende der Studie wieder auf 62 Einbrüche aggregiert werden.

Aber zurück zu den knapp 3% (von was eigentlich?), die verurteilt werden: Diese leiten sich aus den Einbrüchen (den Fällen) ab. Der Unterschied zwischen der "Knastquote" von 25% (im Artikel) bei den Gefassten und den 3% ergibt sich aus drei Tatsachen:

a) der niedrigen Aufklärungsquote (senkt potenziell die "Knastquote"; Einschränkung siehe unten)
b) der Anzahl der Beteiligten (erhöht potenziell die "Knastquote")
c) der Anzahl der Einbrüche pro Beteiligtem (senkt die "Knastquote")

Der Großteil der Einbrüche wird nicht aufgeklärt. 2014 lag die Aufklärungsquote bei 15,9%, wie hoch sie bei der Stichprobe, der der zitierten Studie zugrunde liegt, steht im Artikel leider nicht. (In der Studie steht der Wert übrigens: 15,3%).

NUR: Auch an dieser Stelle wird im Artikel ein komischer Kurzschluss von Verbrechen also Fällen) auf Verbrecher (also Personen) gemacht. Die Aufklärungsquote kann sich logischerweise nur auf "Einbrüche" beziehen, nicht auf "Einbrecher". Denn man kennt sowohl die Anzahl der Einbrecher pro aufgeklärtem Einbruch nicht, noch kennt man die noch viel wichtigere Zahl: Die Anzahl der Einbrüche pro Einbrecher. Einbrechen ist ja kein Hobby, dem man aus einer spontanen Laune nächsten Samstagabend fröhnt, sondern ein Full-Time-Job. Man braucht vernünftiges Werkzeug, man beobachtet die möglichen Ziele, man versucht sein Risiko zu reduzieren (Bewohner im Urlaub? Hat er uns netterweise auf Facebook darauf hingewiesen?), und nicht zuletzt braucht man ein Hehler-Netzwerk, um die Ware loszuwerden (einfach auf ebay vertickern ist ziemlich dumm). Kurz: Die Mehrzahl der Einbrüche dürfte von Profis durchgeführt werden, die zig Einbrüche pro Jahr durchführen. Damit ist natürlich jeder Schluss von der Anzahl der Einbrüche über die Aufklärungsquote auf die Anteil der verurteilten Einbrecher unzulässig.

Man muss zusätzlich berücksichtigen, dass die Aufklärungsquote auch Einbrüche als unaufgeklärt enthält, die man nicht nachweisen konnte, bzw. die der Täter nicht zugegeben hat. Es kann im Umkehrschluss sein, dass ein Einbrecher, der in den Knast gesteckt wurde, auch für einen Fall dort sitzt, der in der Statistik als unaufgeklärt gilt. Kurz: Die Überleitung von Fällen auf Personen ist aus vielerlei Gründen schwierig, die Aufklärungsquote (die sich allein auf die Fälle bezieht) ist dafür nicht geeignet. Vor allem gilt, dass man bei jeder Zahl, die Einbrüche (Fälle) und Einbrecher (Personen) in Beziehung setzt, auf den Unterschied zwischen Fällen und Personen hinweisen muss. Sonst liegen komische Schlüsse nahe.

Wenn die Überschrift sauber formuliert wäre, müsste sie eher so lauten:

Nur auf 2,6% der Einbrüche folgt eine Verurteilung (mind. einer Person).

In der Grafik des Forschungsberichts wird das auch sehr sauber formuliert:

"Fälle mit mindestens einer Verurteilung/Strafbefehl" (62 von 2403 Einbrüchen = 2,58%)

Auf die Anzahl der ermittelten Tatverdächtigen (619) liegt die Quote der Verurteilten (62) nämlich bei 10%, hier geht es sauber um Personen.

Kurz: Es geht bei der Zahl aus der Überschrift nicht um Einbrecher, die verurteilt oder nicht verurteilt werden, sondern um Einbrüche, für die jemand verurteilt wird. Das mag sich wie ein Detail anhören, ist es aber nicht. Vor allem, weil die Fokussierung auf die 2,6% gleich den Umkehrschluss des "allseits besorgten Bürgers" gleich lauten wird: : "97% lässt man laufen? Wo sind wir denn hier?" (eventuell noch von Pegida-Besorgten mit einem "alle ausweisen, diese Rumänen" garniert) und die Folgerung der Politiker (und wohl auch der Polizei) sein wird: Wir brauchen mehr Polizei und mehr Überwachung. Das fordern die üblichen Verdächtigen ja immer …

Der Forschungsbericht ist für eine schnelle Lektüre zu lang (weit über 100 Seiten), aber wer sich für den Aspekt interessiert, über den ich hier herummosere, kann sich mal Seite 73 anschauen: Dort ist ein Flussdiagramm abgebildet, das den Ablauf gut erklärt. Ich habe das Diagramm mal eingefügt (die gestrichelten Kästchen sind Fälle, die mit voller Linie Personen):



aus KFN: Wohnungseinbruch: Polizeiliche Ermittlungspraxis und justizielle Entscheidungen im Erkenntnisverfahren. Ergebnisse einer Aktenanalyse in fünf Großstädten. Arne Dreißigacker, Gina Rosa Wollinger, Katharina Blauert, Anuschka Schmitt, Tillmann Bartsch, Dirk Baier. 2016 (PDF!).

Ich warte schon auf die ersten Artikel, auf die ersten Politikerkommentare, auf die ersten Talk-Shows, in denen die falsche Zahl von 2,6% verurteilter Einbrecher herumgereicht wird. Tatsächlich ist die Quote fast viermal so hoch. So liefert man der "mehr Polizei, mehr Überwachungs"-Fraktion eine Steilvorlage, die relativ ungerechtfertigt ist. Ein Aufreger, der nicht wirklich einer ist. Denn die 10% hätten wohl für deutlich weniger Schlagzeilen gesorgt … (der Bürger hätte halt gedacht: "nun gut, die laufen eh alle weg, klar, dass kaum jemand verurteilt wird". Der Gedanke ist zwar - was die Herleitung angeht, zwar falsch, aber auch ein falscher Gedanke kann zum schulterzuckenden Ignorieren des Artikels führen …).

Nun gut, jetzt haben wir wieder eine Zahl für die Talkshows und die Überschriften.  Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …

(Ich will übrigens nicht sagen, dass ich die Aufklärungsquote von 15% besonders toll finde. Und ich will auch nicht sagen, dass ich nicht überrascht war, als ich nach dem Wühlen in den Zahlen entdeckt habe, dass gerade einmal 10% der Personen, die von der Polizei als Einbrecher verhaftet werden, am Ende auch verurteilt werden. Ich hätte hier eine viel höhere Quote erwartet. Was ich kritisieren will, ist den Artikel und vor allem die Überschrift, die die Studie ziemlich verzerrend und verkürzt darstellen).

Kommentare :

  1. Die besorgten Bürger können sich ja mal fragen, weshalb die Aufklärungsquote und Beweislage so mies ist: weil sie selbst alle weggucken. Im Büro wurde eingebrochen. Erdgeschoss, eingebettet in ein Wohnhaus mit 40 Mietparteien. Im Hinterhof wurde die Scheibe eingeworfen, direkt neben dem Fenster eine anderen Wohnung. Das muss Lärm gemacht haben, weil der Steinwurf so kräftig war, dass er durch das ganze Zimmer flog und im Flur dann einen fetten Abdruck im Putz hinterließ. Die Scherben bedeckten den ganzen Zimmer- und Flurfußboden. Kann mir keiner erzählen, dass man das nicht hören konnte.

    Es wurden dann im Büro Stahlschränke aufgebrochen, was eine Menge Lärm gemacht haben muss. Um auch den letzten zu wecken, wurden die Aktenordner mit viel Energie aus dem Schrank gezogen und auf den Boden geworfen. Dann gings weiter an die Holzschränke. Anschließend sind die Einbrecher weiter zum nächsten Hauseingang. Die Polizei rief niemand. Der wäre eine Diebesbande um 3 Uhr nachts ja aufgefallen. Und ja - die fahren dann mit 2, 3 Wagen durch die Gegend auf der Suche nach den Tätern.

    Nichtmal am kommenden Tag, als jeder durch den Innenhof musste und die eingeworfene Scheibe zu sehen war, rief jemand die Polizei oder mich an. Warum auch? Ich bin ja nur der Idiot, der fürs ganze Haus Pakete annimmt. Also als durchaus in die Hausgemeinschaft integriert gelten könnte. Die Polizei rief ich erst am Samstag Mittag, als ich selbst ins Büro kam. Die Kripo meinte am nächsten Tag, dass ganze Straßenzüge aufgebrochen wurden. Das wäre gar nicht möglich, wenn sich nicht jeder wegducken und weghören würde.

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    1. Gerüchte rumreichen können die ganz gut, was sinnvolles tun, eher weniger …

      Interessante Geschichte, wenn auch für dich weniger interessant sondern äußerst frustrierend :(

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